100 Oktan Benzin für Motorräder: Vor- und Nachteile

Die Frage, ob sich die Verwendung von Premiumkraftstoffen mit hoher Oktanzahl in Motorrädern lohnt, ist unter Fahrern und Experten ein viel diskutiertes Thema. Während Mineralölkonzerne oft mit mehr Leistung, geringerem Verbrauch und einem ruhigeren Motorlauf werben, hat der ADAC bereits vor einigen Jahren aufwändige Tests durchgeführt, um die tatsächlichen Auswirkungen zu untersuchen. Problematisch ist auch die zunehmende Unübersichtlichkeit an den Tankstellen. Wegen immer mehr Zapfhähnen mit immer neuen Bezeichnungen müssen Autofahrer vor dem Tanken erst mal genau prüfen, welcher Sprit tatsächlich ins Auto muss. So kann Maxx Motion oder V-Power beispielsweise Benzin oder Diesel sein.

Oktanzahl und Klopffestigkeit

Die höheren Oktanzahlen von 100 in Premiumkraftstoffen bieten eine höhere Klopffestigkeit. Das Potenzial von 100-Oktan-Sprit können die meisten also gar nicht ausnutzen. Dadurch kommt es zu weniger Selbstzündungen des Kraftstoffs - und das soll sich positiv auf Leistung und Verbrauch auswirken. Doch in der Realität sind die Motoren unserer Autos höchstens auf 98 Oktan ausgelegt.

Additive in Premiumkraftstoffen

Den teuren Sorten sind oft auch Reinigungs- und andere Additive zugesetzt. Doch ob diese sich tatsächlich positiv auswirken, ist extrem schwer nachzuprüfen - die Wirkung fällt in der Realität wohl eher gering aus.

Premiumdiesel: Bessere Zündwilligkeit

Viele Anbieter werben mit einer besseren Cetan-Zahl ihres Premium-Dieselkraftstoffes. Eine höhere Cetan-Zahl bedingt tatsächlich oft ein besseres Startverhalten und einen ruhigeren Motorlauf. Diese Zahl beschreibt die Zündwilligkeit. Nur sehr sensible Autofahrer können einen Unterschied wahrnehmen.

Auch eine bessere Wintertauglichkeit wird oft versprochen. Allerdings basieren die Temperaturangaben auf einem untauglichen Prüfverfahren (CFPP Messverfahren gemäß DIN EN 116), die tatsächliche Kältefahrbarkeit kann von diesem unrealistischen Temperaturwert - je nach Automodell - deutlich abweichen. Bei den Reinigungs- und anderen Additiven sieht es wie beim Premiumbenzin aus: Ob diese sich tatsächlich positiv auswirken, ist extrem schwer nachzuprüfen, und die Wirkung fällt in der Realität wohl eher gering aus.

Einige Anbieter mischen ihrem Premiumdiesel keinen Biodiesel (FAME) zu, was eine bessere Langzeitlagerungsstabilität bewirken kann. Davon können etwa Oldtimer- und Bootsbesitzer profitieren, wenn sie ihre Fahrzeuge über viele Monate einmotten.

Standardkraftstoff genügt immer

Demnach dürfen nur Kraftstoffe angeboten werden, wenn sie den relevanten Normen entsprechen; etwa DIN EN 228 für Ottokraftstoffe und DIN EN 590 für Dieselkraftstoffe. In Deutschland sind die Mindestanforderungen an die Kraftstoffqualität gesetzlich geregelt. Diese Kraftstoffe taugen für die übliche Verwendung. Besserer Sprit wird von den Fahrzeugherstellern grundsätzlich auch nicht erwartet oder vorgeschrieben.

Die Premiumkraftstoffe schaden den Motoren nicht, aber die ausgelobte positive Wirkung ist einerseits schwer nachzuprüfen, andererseits ist sie bei Alltagsautos auch eher unwahrscheinlich, da Golf, Corsa oder Mini auf den täglichen Weg zur Arbeit ausgelegt sind und nicht auf die schnellste Runde am Hockenheimring.

Ethanol im Benzin: E5 und E10

Jahrelang war E5 Standard, völlig problemlos. Heute muss in Deutschland 6,25 Prozent des Energiegehalts verkaufter Kraftstoffe (Benzin und Diesel) aus nachwachsenden Rohstoffen stammen. Reines Ethanol hat etwa zwei Drittel des Energiegehalts (Heizwerts) konventionellen Benzins. Der Alkohol verbessert aber die Füllung, verbrennt sauberer und klopffest mit hoher Oktanzahl (ROZ 108).

Leistung und Verbrauch

Zehn Prozent Ethanolzusatz verringern die Energieeffizienz des Kraftstoffs. Die Leistungsausbeute kann etwas niedriger ausfallen, der Verbrauch laut ADAC durchschnittlich um 1,5 Prozent, maximal um drei Prozent ansteigen. E10 wird bislang ausschließlich als 95-oktaniges Euro-Super verkauft. Offenbar haben die Raffinerien die Kraftstoffkomposition angepasst; sonst wäre die Oktanzahl sogar gestiegen.

Weitere Eigenschaften von E10

Ethanol benötigt zum Verdampfen fast dreimal so viel Energie wie Kohlenwasserstoffe, daher die verbesserte Innenkühlung. Bei extrem tiefen Außentemperaturen könnte E10 deshalb Startprobleme bedingen, die mit Erwärmung des Motors verschwinden sollten. Bei Hitze hebt Ethanol im Sprit den Dampfdruck stärker an, als zehn Prozent Anteil erwarten lassen (Anomalie). Daher ist in E10 der Anteil leicht flüchtiger Kohlenwasserstoffe in der Regel vermindert.

Bestandsschutz von E5

Hierzulande müssen Tankstellen mindestens einen E5-Kraftstoff zeitlich unbefristet anbieten (Bestandsschutz). Damit geht Deutschland über die EU-Vorgaben hinaus: Brüssel verlangt dies nur bis 2013.

E10-Verträglichkeit

Geschätzt vertragen rund eine Million Motorräder in Deutschland kein E10. Doch für die Mehrzahl der Modelle erteilen die Hersteller eine unverbindliche Freigabe. E10-taugliche Fahrzeuge vertragen Mischungen mit E5 in jedem Verhältnis, bei jedem Tanken neu. Auch die qualitätsverbessernden Additiv-Pakete in Markenkraftstoffen schlucken zusätzlichen "Alk" ohne Kater. Versehentlich beim Tanken verschüttet, schädigt E10 Lackoberflächen nicht mehr als E5. Egal, welcher Sprit: Spritzer soll man sofort mit einem weichen Tuch abwischen.

Wintertipps

Je nach Jahreszeit kommt Sommer- oder Winterbenzin in den Handel. Und worauf muss man beim Überwintern achten?

Sommer- und Winterbenzin

Um im Brennraum ein zündfähiges, gasförmiges Kraftstoff-Luft-Gemisch zu ermöglichen, muss Benzin verdampfen: Man gibt Gas. Doch diese Flüchtigkeit muss zu verschiedensten Temperaturen passen. Daher werden alle Benzinsorten in Sommer- und Winterqualität ausgeliefert. Für bessere Zündwilligkeit beim Kaltstart sorgen im Wintersprit erhöhte Anteile an leichtflüchtigen Komponenten wie Butan (C4H10). Sie sind im Sommerbenzin mit seinem geringeren Dampfdruck weniger enthalten, um Dampfblasenbildung im Kraftstoffsystem zu verhindern.

Winterkraftstoff gibt es in Deutschland vom 15. November bis 15. März, Sommerbenzin vom 1. Mai bis 30. September. In den Zeiträumen dazwischen schenken die Tankstellen "Übergangsware" aus, Mischungen aus Sommer- und Winterkraftstoff. Wird ein Motorrad zum Ende eines Jahres mit Wintersprit betankt und stillgelegt, kann der hohe Butananteil an warmen Frühlingstagen Stottern im Leerlauf bis hin zum Absterben des heißen Motors verursachen. Bei Vergasermotoren neigen leicht flüchtige Substanzen dazu, aus den Schwimmerkammern zu "verduften" und dadurch Startunwilligkeit zu provozieren.

Überwinterung

Um selbst nach längeren Standzeiten ausreichend Reserven bei der Klopffestigkeit zu haben, empfiehlt sich höheroktaniger Kraftstoff, Super Plus oder "Premium" (Aral Ultimate 102, Shell V-Power Racing). Wichtig: Vor dem Einmotten muss der Tank des Motorrads möglichst randvoll sein. Hierdurch werden das über dem Kraftstoff stehende Luftvolumen und die sogenannte "Tankatmung" minimiert.

Wasser im Tank

Bei kaum gefüllten Tanks können sich dagegen separate Wasserphasen bilden, die sich, weil sie schwerer als Benzin sind, am Tankboden absetzen. Dort können sie erhebliche Korrosion verursachen, bis hin zur Durchrostung von Tankfalzen und anderen "Innereien". Ethanol löst sich sowohl in Wasser wie in Benzin, vermittelt zwischen beiden. Und es wirkt hygroskopisch, wasseranziehend. Dabei eignet sich E10 im Vergleich zu Super E5 nach Angaben von Aral-Chemikern besser zur Überwinterung. Sein doppelt so großer Ethanolanteil könne zweimal so viel Wasser in einer homogenen Lösung halten und damit "unschädlich" machen.

E10 bindet bei 20 °C etwa ein Prozent Wasser bis zur Entmischung, bei 0 °C nur 0,5 Prozent. Ist mehr Wasser im Tank, so scheidet es sich zusammen mit dem Ethanol aus dem Benzin ab (Phasentrennung) und bildet am Tankboden eine stark korrosive Wasser-Alkohol-Mischphase. Im darüberstehenden, nun ethanolfreien, Ottokraftstoff sinkt die Klopffestigkeit, was die Gefahr ernster Motorschäden birgt. Diese Effekte kann E10 bei randvollem Tank deutlich verringern.

Empfehlungen verschiedener Hersteller zur E10-Verträglichkeit

Im Folgenden eine Übersicht über die Empfehlungen verschiedener Hersteller bezüglich der E10-Verträglichkeit ihrer Motorradmodelle:

  • Aprilia: Alle Roller ab 2000 vertragen E10 (Zweitakter nur mit vorgeschriebenem Öl). Für Motorräder steht der Dauertest noch aus. Die Empfehlung lautet: weiterhin E5 tanken.
  • BMW: In allen BMW-Motorrad-Modellen sämtlicher Baujahre ist der Einsatz unbedenklich.
  • Buell: Buell-Motoren vertragen zwar den höheren Ethanolanteil im Kraftstoff, für sie ist jedoch aufgrund der höheren Oktanzahl Super Plus (ROZ 98) angeraten, also E5.
  • Ducati: Getestet sind Maschinen ab dem Modelljahr 1999. Davon vertragen E10: Monster 696, 796, 1100/S/Evo; Hypermotard 796, 1100/S/Evo/EVo SP; Multistrada 1200/Sport/Touring; Diavel/Carbon; 1198 SP und 1098 R Corse; Desmosedici RR.
  • Harley-Davidson: Alle serienmäßigen Harley-Davidson-Motoren ab dem Modelljahr 1980 vertragen E10.
  • Honda: Die meisten Modelle, welche mindestens die Schadstoffnorm EURO 2 erfüllen, sowie Motorräder, die nach 1990 gebaut wurden, können mit E10 betankt werden. Ältere Fahrzeuge vertragen bis auf wenige Ausnahmen ebenfalls E10. Die Ausnahmen stehen im Fahrerhandbuch, Kapitel Kraftstoff.
  • Kawasaki: Freigabe nur für Modelle ab 2006.
  • KTM: E10-Kraftstoff ist für alle aktuellen Modelle unbedenklich; doch 1190 RC8 R und RC8 Track benötigen 98-oktaniges Super Plus oder gar Premium-Benzin mit 100 Oktan (ROZ) - dieses ist ausschließlich als E5 lieferbar.
  • Moto Guzzi: 2011 lautete die Empfehlung: weiterhin E5 tanken.
  • Suzuki: E10 ist unbedenklich für alle Modelle ab 2002 und für einige zwischen 1992 und 2002; nicht jedoch für Suzukis vor 1992.
  • Triumph: Alle Modelle der Hinckley-Ära, also ab 1990.
  • Yamaha: Alle Yamaha-Motorräder und -Motorroller ab Baujahr 1990 sind für Super E10 freigegeben. Yamaha empfiehlt, Vergasermodelle bei Betankung mit E10 ab einer Standzeit von vier Wochen, "das Kraftstoffsystem zu entleeren", heißt: Vergaser leeren, Tank randvoll füllen.

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