Viele Motorradfahrer empfinden kurvige Strecken als das absolute Highlight. Für optimalen Fahrspaß sind die richtige Technik und das passende Tempo entscheidend, da unangepasste Geschwindigkeit in der Kurve laut ADAC jeden fünften Motorradunfall verursacht. Doch wie viel Schräglage ist notwendig und wie erreicht man sie sicher?
Die Physik der Schräglage
Warum benötigt ein Einspurfahrzeug bei Kurvenfahrten überhaupt Schräglage? Die Antwort liegt in der Physik. Bei Kurvenfahrten entstehen Fliehkräfte (Zentrifugalkräfte), die das Motorrad ohne Schräglage nach außen umkippen lassen würden. In Schräglage wirkt die nach innen verlagerte Gewichtskraft von Pilot und Maschine den Fliehkräften entgegen. Die Höhe von Kraft und Gegenkraft hängt vom Kurvenradius und der Geschwindigkeit ab: Je kleiner der Radius und/oder je schneller die Fahrt, desto größere Schräglagen sind nötig.
Faktoren, die die Schräglage beeinflussen
Die maximal mögliche Schräglage hängt von verschiedenen Faktoren ab:
- Reifenhaftung: Die Haftreibung zwischen Reifen und Asphalt, auch Grip genannt, ist entscheidend. Sie wird durch den Reibungskoeffizienten µ beschrieben. Bei ordentlichen Reifen auf guten Landstraßen entspricht µ = 1, was eine theoretische Schräglage von 45 Grad ermöglicht.
- Reifentyp: Sportreifen ermöglichen höhere Schräglagen als Tourenreifen.
- Reifenbreite: Motorräder mit breiten Reifen müssen weiter in Schräglage gebracht werden, um die gleiche Kurve mit der gleichen Geschwindigkeit zu fahren wie schmaler bereifte Motorräder.
- Fahrzeuggeometrie: Die Bauart des Motorrads und die Position von Fußrasten und anderen Anbauteilen beeinflussen die Schräglagenfreiheit.
- Fahrstil: Durch Hanging-off kann der Schwerpunkt verlagert und die Schräglage erhöht werden.
- Körpergröße/Beinlänge: Beeinflusst, wann das Knie den Boden berührt.
- Sitzhöhe: Eine niedrigere Sitzhöhe kann das Erreichen der Schräglage erleichtern.
Die verschiedenen Schräglagen
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen drei Schräglagen:
- Effektive Schräglage: Ein theoretischer Wert, der sich aus Kurvengeschwindigkeit und Kurvenradius errechnet.
- Fahrzeugschräglage: Der Winkel, den das Motorrad tatsächlich zur Fahrbahn einnimmt.
- Kombinierte Schräglage: Die Schräglage unter Berücksichtigung der Schwerpunktlage von Fahrer und Motorrad.
MotoGP-Weltmeister Jorge Lorenzo zeigt uns den Unterschied zwischen der Fahrzeugschräglage und der dritten Schräglage (siehe Bild). Mit seinem extremen Hanging-off liegt der Mallorquiner wesentlich schräger in der Kurve als sein Untersatz. Unter der obligatorischen Berücksichtigung der Schwerpunktlagen ergibt sich die Nummer drei, die kombinierte Schräglage. Bei einer maximalen Fahrzeugschräglage von 62 Grad liegt diese bei den wildesten Burschen bei rund 66 Grad - absoluter Wahnsinn!
Schräglage in der Praxis
Um die Schräglage in der Praxis zu testen, wurden verschiedene Motorradtypen in unterschiedlichen Fahrstilen um eine Kreisbahn gefahren. Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede:
Schräglage mit der Husqvarna 701
Beginnen wir mit der Husqvarna 701. Als Erstes brennen wir aufrecht sitzend um die Kreisbahn (Durchmesser: 55 Meter) und tasten uns an die Reifenhaftgrenze heran. Da bei diesem Stil der Pilot und das Bike eine Linie mit der Längsachse bilden und der Schwerpunkt wieder genau durch diese Linie läuft, sind Fahrzeug und kombinierte Schräglage identisch: 47 Grad. Als Tempo spuckt das Messgerät 57 km/h aus.
Nun drücken wir die Husqvarna 701 im typischen Sumo-Stil in Schräglage. Das Resultat: 57 Grad Fahrzeugschräglage und 62 km/h Speed - für Serienreifen sehr beachtliche Werte. Leichte Slides und aufsetzende Anbauteile (Fußraste, Schalthebel und Seitenständer) markieren das Limit. Die kombinierte Schräglage aus Fahrzeug und Pilot beträgt 51 Grad. Die Differenz von sechs Grad ist die höchste des gesamten Vergleichs und resultiert aus dem geringen Gewicht des Fahrzeugs, seiner schmalen Bauart und der für diesen Fahrstil ausgelegten Ergonomie: hoher und breiter Lenker, schmaler Sitz, tiefe Rasten. Bei "normalen" Maschinen fällt der Unterschied deutlich geringer aus.
Beim Hanging-off liegen die Geschwindigkeit und die kombinierte Schräglage exakt auf gleichem Niveau wie beim Drücken: 62 km/h, 51 Grad. Da der Pilot in diesem Fall weit unterhalb der Husqvarna 701 kauert, fällt die reine Fahrzeugschräglage mit 46 Grad folgerichtig geringer aus. Fürs reine Kurventempo ist es also egal, ob der Pilot unterhalb des Bikes hängt oder selbiges in die Ecken drückt. Dennoch bringt Drücken bei Sumos Vorteile. Der Pilot kann das Bike besser kontrollieren und es beispielsweise bei Slides leichter abfangen. Die Fotoshow zeigt die unterschiedlichen Fahrstile.
Schräglage mit der Honda Fireblade
Nach den beiden Besonderheiten Supermoto und Cruiser schwingen wir uns mit der Fireblade auf einen gängigeren Maschinentyp. Die Honda bietet zwar reichlich Bodenfreiheit (Angstnippel der Fußrasten entfernen!), kann aber logischerweise nicht mit den erwähnten Vorteilen einer Supermoto aufwarten: zweckmäßige Ergonomie, geringes Gewicht, schmale Bauform. Welche Ergebnisse liefert die Honda Fireblade? Zunächst ziehen wir mit den Serienreifen - Bridgestone S20 in Sonderspezifikation "G" - um die Kreisbahn. Wie erwartet, liefert sie mit Hanging-off ihren höchsten Kurvenspeed: 61 km/h. Die Fahrzeugschräglage beträgt 48 Grad, die kombinierte deren 51. Um die Werte der einzelnen Maschinen zu vergleichen, empfehlen wir die Übersichtstabelle (siehe Schräglagen und Geschwindigkeiten).
Schräglage mit der BMW S 1000 R
Als Letzte zirkelt die BMW S 1000 R um die Bahn. Mit ihren sportlichen Pellen (Pirelli Diablo Rosso Corsa) zieht sie sich mit 59 km/h im Hanging-off-Stil und 47 respektive 50 Grad Schräglage blendend aus der Affäre. Allerdings setzten hierbei die Angstnippel und der Schalthebel auf. Dennoch bleibt sie den Spezialisten Husqvarna 701 und Honda Fireblade dicht auf den Fersen. Ein sportliches Naked lässt sich bei der Kurvensause also nicht ohne Weiteres abhängen.
Die folgende Tabelle fasst die erreichten Schräglagen und Geschwindigkeiten der verschiedenen Motorräder zusammen:
| Motorrad | Fahrstil | Fahrzeugschräglage | Kombinierte Schräglage | Geschwindigkeit |
|---|---|---|---|---|
| Husqvarna 701 | Aufrecht sitzend | 47° | 47° | 57 km/h |
| Husqvarna 701 | Drücken | 57° | 51° | 62 km/h |
| Husqvarna 701 | Hanging-off | 46° | 51° | 62 km/h |
| Honda Fireblade | Hanging-off | 48° | 51° | 61 km/h |
| BMW S 1000 R | Hanging-off | 47° | 50° | 59 km/h |
Sicherheitsaspekte und Training
Viele Motorradfahrer haben eine gewisse "Schräglagenangst". Studien haben gezeigt, dass die meisten Fahrer sich nicht über 30 Grad Schräglage hinauslehnen. Dies kann in kritischen Situationen gefährlich werden, wenn ein Ausweichmanöver eine höhere Schräglage erfordert.
Daher ist es wichtig, die eigene Schräglagenschwelle zu kennen und zu trainieren. Ein gezieltes Fahrtraining unter qualifizierter Anleitung kann helfen, ein Gefühl für die eigenen Grenzen zu bekommen und die Kurventechnik zu verbessern. Nur wer souverän durch die Ecken fährt, spürt die Magie der Schräglage!
Es gibt auch spezielle Schräglagentrainings, bei denen man mit einem umgebauten Motorrad gefahrlos Schräglagen bis zu 45 Grad üben kann. Sollte dennoch in tiefer Schräglage die Maschine wegrutschen, ist dies sicherlich auch nicht angenehm, allerdings rutschen wir dann hinter dem Motorrad, und die Höhe aus der wir dann stürzen, ist wesentlich ungefährlicher. Ähnlich wie die Stützräder am Fahrrad. So könnt Ihr Euch über den Tag schrittweise steigern, bis Ihr eure persönliche Grenze erreicht habt.
Tipps für sicheres Kurvenfahren
- Vorausschauend fahren: Passen Sie Ihre Geschwindigkeit dem Straßenverlauf an.
- Blicktechnik anwenden: Richten Sie Ihren Blick auf den Ausgang der Kurve.
- Die richtige Technik wählen: Drücken, Legen oder Hanging-off - wählen Sie die Technik, die zur Kurve und Ihrem Fahrstil passt.
- Sanft beschleunigen: Vermeiden Sie ruckartige Bewegungen.
- Bei Regen vorsichtig fahren: Reduzieren Sie die Geschwindigkeit und lenken Sie sanft ein.
- Regelmäßig üben: Ein Fahrtraining kann helfen, Ihre Fähigkeiten zu verbessern und die Angst vor Schräglagen zu überwinden.
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