Das "Race Across Germany" (RaG) ist ein jährlich stattfindendes Ultracycling-Radrennen quer durch Deutschland. Dieter Göpfert, selbst Extrem-Radsportler, hat das RaG vor über 20 Jahren aus der Taufe gehoben. Warum? Göpfert weiter: "Das ist die längste Extrem-Radtour quer durch Deutschland, von oben nach unten. Dazu sollte man in der Lage sein, ein Stundenmittel von etwa 27 km/h durchzuhalten; das entspricht einer Real-Geschwindigkeit von etwa 32 km/h."
Die Varianten des Race Across Germany
Anfang Juni startet die West-Ost-Variante des Race Across Germany in Aachen (West-Deutschland) nach Görlitz (Ost-Deutschland) mit einer Streckenlänge von 780 Kilometern, 7800 Höhenmetern und einem Zeitlimit von 44 Stunden. Ein paar Wochen später Anfang Juli startet dann die Nord-Süd-Variante des Race Across Germany in Flensburg (Nord-Deutschland) nach Garmisch-Partenkirchen (Süd-Deutschland) mit einer Streckenlänge von 1.100 Kilometern, 7500 Höhenmetern und einem Zeitlimit von 60 Stunden.
Die mittlerweile legendäre Nord-Süd-Durchquerung Deutschlands, vom hohen Norden in den tiefen Süden, vom Meer in Flensburg bis an die Alpen in Garmisch-Partenkirchen, hat rund 1100 km mit 7500 hm, und ist in in maximal 42 Stunden zu bewältigen.
Die West-Ost-Durchquerung Deutschlands läuft am 4. und 5. Juni, von Aachen - mit viel Geschichte - über Deutschlands Mittelgebirge bis an die Grenze von Polen, ins schöne Görlitz in Sachsen. Die Strecke von 780 km wurde 2019 vom Solo-Sieger Rainer Steinberger in 25 Std. 16 Min. bewältigt.
Die Anfänge und Entwicklung
Der Veranstalter des Race Across Germany ist Dieter Göpfert, welcher sich selbst als "Veranstalter aus Leidenschaft" bezeichnet und mit Leib und Seele die Events organisiert. Das Race Across Germany gewinnt jährlich an Zuspruch in der Ultracycling-Szene und die Teilnehmerzahlen wachsen seit einigen Jahren stetig an. Die Rennen sind familiär, die sportliche Leistung jedes einzelnen steht im Mittelpunkt und großes Rahmenprogramm findet rund um das Rennen wenig bis kaum statt.
Dieter Göpfert fährt 1998 die "Styrkeprøven", ein etabliertes Ultracycling-Event in Norwegen welches nonstop von Trondheim nach Oslo führt. Unterwegs entsteht die Frage, warum es eine ähnliche Veranstaltung nicht in Deutschland gibt. Ein Jahr später treffen sich Dieter Göpfert und fünf Freunde, um Deutschland auf einer 1.200 Kilometer langen Strecke zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen zu durchqueren. Im Jahr 2000 nehmen 18 Leute an der organisierten Gruppenfahrt teil und die Anzahl der Mitfahrenden nimmt auch in den darauffolgenden Jahren stetig zu.
Erst 2014 wird die Veranstaltung als Veranstaltung mit Zeitnahme für Einzelstarter angeboten und bis 2016 parallel zu der geführten Gruppenfahrt ausgetragen - Dazu kommt bis 2017 auch die Variante von Aachen nach Görlitz als geführte Gruppenfahrt.
Die Streckenführung
Wie beim Race Across Germany von Flensburg nach Garmisch-Partenkirchen wird den Veranstaltungs-Teilnehmern auch bei der Variante von Aachen nach Görlitz die jeweils aktuelle Strecke vor dem Rennen als GPX-Track zugesendet. Der Start der 780 Kilometer langen Strecke liegt auf dem Marktplatz in Aachen, an welchem die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister der Stadt die Teilnehmer begrüßt. Auch hier ist die Strecke nicht abgesperrt und die Veranstaltung findet wie im Ultracycling gewöhnlich im öffentlichen Straßenverkehr statt.
Der erste Streckenteil führt an den Ausläufern der Eifel entlang nach Bonn. Die Strecke führt nun auf und ab über viele kleine Straßen durch den Westerwald und das Siegerland. Für viele Athleten geht es von hier aus in die Nacht und über welliges Profil weiter Richtung Osten. Auch im letzten Streckenteil hinter der Timestation Wilsdruff sammeln sich noch einmal einige Höhenmeter.
Die jeweils aktuelle Strecke des Race Across Germany von Flensburg nach Garmisch-Partenkirchen wird den Veranstaltungs-Teilnehmern vor dem Rennen als GPX-Track zugesendet. Der Start liegt an der Hafenspitze in der Innenstadt von Flensburg. Für gewöhnlich ist hier viel Verkehr und große Aufregung um den kleinen Startbogen, an welchem die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister der Stadt die Teilnehmer begrüßt. Die Strecke ist nicht abgesperrt und die Veranstaltung findet wie im Ultracycling gewöhnlich im öffentlichen Straßenverkehr statt.
Nach wenigen Höhenmetern in Flensburg startet die Strecke in leicht welliges Profil auf kleine bis mittelgroße Straßen durch Nord-Deutschland. Je nach Wind, Wetter und Athlet verfliegen die ersten 450 Kilometer bis zum nördlichen Harzrand am ersten Tag der Veranstaltung. An den Ausläufern des Harz-Mittelgebirge beginnt für die Spitzenfahrer auf der 1.100 Kilometer langen Strecke häufig die erste Nacht: Etwa 18 kurze Anstiege, verwinkelte Straßen und ständige Richtungs- und Steigungswechsel verlangsamen das Tempo.
Die Strecke führt hier nicht durch den Harz hindurch, sondern durch das hügelige Harz-Vorland, Ausläufer des Eichfelds, das Werratal, an der Rhön vorbei und durch das fränkische Weinland. Der letzte Teil der Strecke führt durch Mittelfranken ins Donauries, quert bei Donauwörth die Donau und führt in der Nähe von Augsburg vorbei Richtung Ammersee bis an den Rand der Voralpen hinunter.
Das Ziel des Race Across Germany lag bis 2022 auf dem Schanzentisch der großen Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen, welches gleichzeitig auch der höchste Punkt der Strecke ist. Die Veranstaltung findet im Sommer statt, weil die Nächte hier kurz und die Tage lang sind. Der Wind weht meistens in großen Teilen aus südlicher Richtung nach Westen.
Regeln und Varianten
In der Solo-Supported-Variante des Race Across Germanys bilden ein Athlet, mindestens ein Begleit-Fahrzeug und mindestens zwei Betreuer ein Team. Auch wird die Veranstaltung für 2-er oder 4-er Teams in zwei Kategorien angeboten: In der "Team-Staffel" sitzt immer nur ein Athlet auf dem Fahrrad, wogegen im "Team" alle Athleten des Teams die komplette Strecke absolvieren. Grundsätzlich werden die Varianten alle getrennt voneinander gewertet, wobei die Solo-Supported-Variante des Race Across Germanys die meist am teilnehmerstärksten besetzte Variante ist.
In der Solo-Nonsupported-Variante des Race Across Germanys starten die Athleten ohne Support-Team und müssen sich unterwegs selbst an Tankstellen, Supermärkten oder Bäckereien versorgen. Es gibt keine Turnhallen oder andere Übernachtungs-Möglichkeiten und teilweise besteht über längere Distanzen keine Einkaufsmöglichkeit.
Auf der Strecke des Race Across Germany von Flensburg nach Garmisch-Partenkirchen gibt es traditionell eine Bushaltestelle in Bilderlahe, was ungefähr bei Strecken-Kilometer 500 liegt, in welcher Anwohner kleinere Snacks und Getränke verteilen.
Das Regelwerk der Veranstaltungen zielt darauf ab, die Sicherheit der Teilnehmer zu gewährleisten, aber dennoch möglichst viele Freiheiten zu erlauben. Es wird zum Beispiel nicht vorgeschrieben, dass man schlafen muss (Die meisten Teilnehmer schlafen dennoch zwischen 0 und 10 Stunden). Die Strecke kann unter anderem durch unvorhersehbare Baustellen führen: Hier muss nach eigenem Ermessen entscheiden werden, ob eine Durchfahrt möglich ist oder eine Umleitung gefahren werden muss.
Streckenrekorde
Die Streckenrekorde liegen beim Race Across Germany von Aachen nach Görlitz in der Kategorie der Solo-Starter bei ungefähr 25 Stunden und beim Race Across Germany von Flensburg nach Garmisch-Partenkrichen bei ungefähr 36 Stunden.
Absage und Verschiebung
Die West-Ost-Durchquerung, von Aachen nach Görlitz, rund 780 km und 7800 hm, musste allerdings vom 4. und 5. Juni auf den 10. und 11. September verschoben werden: "Die pandemische Lage lässt derzeit eine sichere Planung hier einfach nicht zu", so Göpfert: "Weder aus Aachen noch aus Görlitz habe ich bisher eine Zusage bekommen, dass wir fahren können."
Ergebnisse
Die Strecke von rund 1100 km wurde 2019 vom Solo-Sieger Fritz Geers in 42 Std. 7 Min. bewältigt.
Die Strecke von 780 km wurde 2019 vom Solo-Sieger Rainer Steinberger in 25 Std. 16 Min. bewältigt.
Ziele der Veranstaltung
Mit zwei Strecken Nord-Süd-Achse und West-Ost-Achse bietet das Race across Germany zwei sehr interessante Strecken.
Race across Germany - DOUBLE (beide Strecken in einem Jahr absolviert)
- Solo - Joachim Vogel
- Solo - Markus K.
Die schon legendäre Nord - Süd - Durchquerung durch Deutschland. Vom hohen Norden in den tiefen Süden. Vom Wasser in der Stadt Flensburg bis an den Rand der Alpen. Vom Marktplatz in Eschwege in den tiefen Süden. Von Eschwege bis an den Rand der Alpen.
Die West - Ost - Durchquerung durch Deutschland. Von Aachen mit viel Geschichte - über Deutschlands Mittelgebirge - bis an die Grenze von Polen.
Impressionen eines Teilnehmers
Das Race Across Germany von Aachen nach Görlitz 2021 ist Geschichte. Offiziell 780 km, waren es für mich, mit freiwilligen und unfreiwilligen Umwegen, 801 km. Der offizielle Track von Dieter Goepfert, dem Veranstalter, war 796 km lang, und er beinhaltete nicht die Umleitung kurz vor Ende. Laut meinem Tacho und meinen Trackingapps habe ich für die 801,63 km 29: 05:57 Stunden reine Fahrzeit benötigt, 30:52:29 insgesamt, einschließlich Pausen. Dabei habe ich 7358 Höhenmeter bewältigt und rund 20000 kcal verbraucht. Was ungefähr 21 Tüten Chips (175g Packungen) gleich kommt.
Vorbereitung
Aber lasst mich mal 12 Monate zurückspringen. Denn im Oktober 2020 fing eigentlich das ganze Drama des letzten Jahres an. Durch einen heftigen Stoß an einer Türklinke hatte ich mir einen Tennisarm (links) eingehandelt, an dem ich bis Februar/ März laboriert habe. Ich musste zeitweise sogar mit dem Zeitfahraufsatz fahren, da ich den Lenker nicht anders halten konnte. Zum Glück konnte ich beruflich alles mit der sehr gut funktionierenden Spracheingabe und der Schrifterkennung erledigen.
Der April verlief tatsächlich gut, bevor ich im Mai auf dem Weg zum Bäcker ausgerutscht bin, und durch einen Ausfallschritt den Sturz zwar verhindern konnte, mir aber eine unangenehme Adduktorenzerrung zuzog. Bei höheren Belastungen, also Intervall Trainings oder Rennen hatte ich bis Anfang August Probleme. Rechtzeitig zum Start des RAG wurde es besser. Daher habe ich mir genau 2 Wochen vor dem Start mein Schienbein heftigst geprellt. Marmor ist wirklich hart!
Am Tag vor dem Start war eigentlich noch gar nicht sicher, ob es gehen würde. Die Devise war daher zu starten, und falls die Schmerzen zu groß würden, abzubrechen. Bis auf die Wehwehchen war die Vorbereitung trotzdem ok, obwohl ich gerne mehr intensivere und kürzere Einheiten hinzugefügt hätte. Kurz vor dem Termin wurde es mal wieder hektisch. Zwar hatte ich Donnerstag einen Tag frei, aber 2 Tage wären wesentlich besser gewesen!
Was stimmen muss, ist das Material. Neue Kette, Kettenblätter und Ritzel, neue Reifen, neue Schuhplatten, neue Steuersatzlager und noch neue Schaltzüge. Tretlager nochmal einfetten und die Batterie vom Leistungsmesser überprüfen. Vor allem alle Lampen überprüfen und laden. Dann immer die Frage, was man alles mitschleppen muss. Werkzeug, Flickzeug, Kleidung und jede Menge Proviant. Am schwersten ist das ganze Essen. Müsliriegel und Gels, dazu noch Getränkepulver. Ersatzteile, Licht, Tacho, Powerbanks. Mehr als 10 kg Übergewicht.
07:40 Uhr: Ankunft auf dem Marktplatz in Aachen. Viele Mitglieder der Projektgruppe Malabon eV. sind da. Auch Freunde und Arbeitskollegen.
08:00 Uhr: Die ersten beiden Teilnehmer gehen auf die Strecke. Zuerst starten die Teilnehmer der non-supported Kategorie.
08:01 Uhr: Ich werde aufgerufen. Rolle zum Start.
08:02 Uhr: pünktlich los. Zunächst gibt es die Geschicklichkeitsaufgabe lebend aus Aachen herauszukommen. Die Peterstrasse und die Jülicherstrasse im Berufsverkehr sind „super“. Baustellen und gefühlte 1001 Ampeln, die für Radfahrer immer rot sind! Inka Tulowitzki und Rainer Hess ,die vor mir gestartet sind, waren immer genau eine Ampelperiode voraus.
Am Hansemannplatz meint ein Autofahrer schnell in eine Parklücke fahren zu müssen. Ohne zu gucken, ohne Blinker. „Das war knapp“ meint Markus, erfolgreicher Paris-Brest Teilnehmer, ganz trocken zu mir. Ich hatte jedenfalls 180 Puls. Nachdem es in Aachen Haaren rechts abging, wurde es besser. Im Anstieg der Haarender Gracht nach Verlautenheide, ich fuhr ca. 50 Meter vor Markus, überholte ich auf dem Radweg einen jungen Mann auf einem Mountainbike. Am Anfang einer so langen Tour fährt man wirklich langsam. Jede Minute, die du am Anfang zu schnell unterwegs bist, kostet am Ende Stunden. Also fahre ich an dem Mountainbiker vorbei, mit moderaten 200 Watt. Das war aber offensichtlich gegen seine Ehre. Er also raus aus dem Sattel und Vollgas. Blöd nur, wenn einem das Vollgas nach 100 m schon ausgeht und man dann wie ein Eimer abparkt. Also bin ich einfach in gleichem Tempo wieder vorbei. Danach ging es weiter über Stolberg endlich raus aus dem Verkehr. Donnerberg rauf und durch Gressenich, Schevenhütte nach Langerwehe, vorbei an Düren und über die Dörfer bis Bonn.
11:18 Uhr: Ich überquere den Rhein in Bonn. Mittlerweile hat mich Michael Bitter eingeholt, und wir treffen uns an jeder Ampel durch die Stadt wieder. Ich trage 2 Trikots und muss feststellen, dass das zusammen mit dem Unterhemd am Rhein viel zu warm ist. Ich brauche Wasser! Bei Bornheim geht es dann eine steile Rampe nach oben raus aus dem Rheintal. Wissend, dass ich Michael da sowieso nicht weiter im Blick halten kann, freue ich mich über die Baustelle, an der ein Arbeiter gerade Wasser aus einem Hydranten zapft. Flasche drunter, und nach ca. 0,2 Sekunden war sie auch schon voll. Schön kalt. In den kommenden Stunden überholen wir uns immer alle gegenseitig. Irgendwann haben wir uns dann zu dritt oder manchmal auch zu viert getroffen. Die Strecke war anders als noch 2017, den alten GPS Track hatte ich letztes Jahr genutzt. Etwas länger, aber dafür nicht mehr über die Bundesstraßen, sondern über sehr schöne Wege abseits des Verkehrs. Viel schöner, aber anstrengender!
12:55 Uhr: Nach 139 km hat der GPS Track einen Fehler. Ich wurde gerade von Andreas Nebel eingeholt. Wir drehen um, treffen dabei auf Martin Neitzke und einen weiteren Fahrer.
13:10 Uhr: Eine Rechtskurve in einer Abfahrt bei Kilometer 146 habe ich dann unterschätzt. Irgendwann muss man sich entscheiden. Vollbremsung und keine Möglichkeit zu lenken, oder versuchen doch noch um die Kurve zu kommen. Ich hatte mich für das letztere entschieden, aber mir fehlten ca. 20 cm Asphalt zur Seite. Dann doch lieber ein kontrollierter Abflug in die Wiese. Weich gefallen, der viele Regen der letzten Wochen hat auch sein Gutes! Den anderen rufe ich ein „alles Ok“ zu, damit die schnell weiter kommen. Danke fürs Stoppen und Nachfragen, ob alles ok ist, Jungs! Also schnell wieder aufs Rad und hinterher. Erst nach ein paar Kilometern habe ich dann festgestellt, dass mein Glücksbringer nicht mehr am Rad war. Meine Glücksente hat mich seit 1994 bei allen Radrennen und Sportevents begleitet. Ich hatte sie vor dem Start von „Rund um Dom in Rathaus“ damals von meinem Freund Christoph bekommen. Sie hat offensichtlich ihr Bestes gegeben! „Free Ente“ meinte Christoph, nachdem ich ihm das mitgeteilt hatte. Ich denke sie hat alles gegeben, denn weder an mir noch am Rad gab es „Defekte“. Wie mir später berichtet wurde, hat sich mindestens noch ein weiterer Teilnehmer in der gleichen Kurve auf die Nase gelegt und dabei sogar überschlagen. Aber auch da alles gut. Ich hole die anderen schnell wieder ein und wir fahren gemeinsam mit Abstand weiter.
14:00 Uhr: Die Hügel nehmen kein Ende und es beginnt der anstrengendste Teil des ersten Teilstücks. Ich muss einsehen, dass ich dem Tempo meiner Kollegen mit dem Schienbein-Problem nicht folgen kann. Wiegetritt ist nicht, noch nicht. Man hat keine Ahnung während des Rennens, wo man liegt. Zeit und Muße auf den Tracker zu gucken habe ich nicht. Irgendwo im ersten Drittel vielleicht?
15:01 Uhr: Raus aus Rheinland-Pfalz zurück nach NRW. Genau auf der Landesgrenze beginnt es zu tröpfeln. Das Tröpfeln wird nach einigen Minuten zu Starkregen. Unter einer Brücke ziehe ich mir die Regenjacke an und fahre weiter. Nachdem der Regen vorbei ist, stoppe ich bei c.a. km 200 in Rabenscheid an einer Tankstelle. Der Stopp war eingeplant, mit der Idee bis Bad Hersfeld dann durchfahren zu können.
16:10 Uhr: Von Herborn aus geht es auf einer stark befahrenen Straße „falsch Platt“ über viele Kilometer bis Oberweidbach nach oben (Name ist wie immer Programm). Oben, bei Kilometer 240, steht ein Support Team (ich glaube der T5 mit dem Münchner Kennzeichen welcher einen Teilnehmer aus Düren unterstützte, oder war es doch der mit dem Tölzer Kennzeichen?) und feuert mich an. Nur wenige hundert Meter weiter steht Dieter und tut selbiges. Überhaupt ist es super, wie die Teams der anderen Fahrer uns non-supported Fahrer anfeuern. Das motiviert und macht richtig Laune.
18:10 Uhr: In Amöneburg gibt es eine Baustelle, die sich aber gut durchfahren lässt. Ich treffe am Ende auf Julian Rotariu aus Rumänien, der seit Jahren in Norddeutschland lebt, als er sein verlorenes Smartphone aufsammelt.
19:00 Uhr: Alsfeld ist bei Kilometer 302 erreicht. Der Garmin sagt, er sei fast leer und bittet um den Energiesparmodus. Komisch, denn er hat eine zusätzliche Powerbank. Aber die hat es im Regen gehimmelt, dachte ich. Schnell umgesteckt und die große Powerbank vom iPhone einfach mit dem anderen schon vorher dort eingesteckten USB Kabel an den Garmin anschließen. Das iPhone ließ sich gerade auch nicht laden, da Feuchtigkeit in der Ladebuchse war.
20:00 Uhr: Es wird noch einmal nass, aber nicht so stark und lange wie vor Herborn. Mir tun von dem Sturz alle Knochen weh, so dass das Schienbein gar nicht mehr auffällt. Da geht auch wieder im Wiegetritt fahren. Man kann das ja auch mal so sehen… Ich treffe Andreas Nebel wieder als er gerade aus einer Dönerbude kommt, wo er etwas zu trinken gekauft hat. „Irgendwie erwische ich immer die Bude wo es am langsamsten vorangeht“, meint er. „Da bestellt ausgerechnet vor mir jemand 20 Döner mit diesem oder jenem und hat dann noch Probleme beim bezahlen…“.
Nach einer kurzen Unterhaltung zieht er weiter. Ich kann, will, nicht so schnell. Ich schalte danach ein Rücklicht(von Vieren ) ein, und das vordere Blinklicht. Mit dem eigentlichen Licht will ich so lange warten wie möglich, denn die Nacht wird lang, und mein Akku hat die besten Jahre hinter sich. Aber irgendwann vor Bad Hersfeld geht es nicht mehr ohne.
20:25 Uhr: Bad Hersfeld ist erreicht. Ich fahre auf den McDonalds Parkplatz, sehe niemanden. Egal schnell die SMS an Dieter schicken. Dann rufe ich Dieter an. Ok, ich stehe 100 m von Dieter entfernt, alles klar. Ich komm rüber. Was für ein Unterschied zum letzten Jahr wo ich einsam in der Aral Tankstelle etwas gegessen hatte. Erstens bin ich schneller unterwegs, trotz der geänderten Strecke, und dann treffen sich viele Teilnehmer dort, um Pause zu machen. Andres hat seinen Stopp gerade beendet und radelt los. Martin Neitzke ist auch fast durch. Dieter und seine Crew sorgen mal wieder für eine tolle Stimmung und ich erhalte meinen Verpflegungsbeutel mit den Wasserflaschen, dem Essen und vor allem einem Schwarzbrot mit Käse, den ich beim Start abgegeben hatte. Wenn man die ganze Zeit Müsliriegel, egal ob gekauft oder selbstgemacht, isst, braucht man auch mal etwas Herzhaftes. Ich halte den Stopp so kurz wie möglich. Beinlinge anziehen, au Backe. Ich merke wie dick das rechte Schienbein und Fußgelenk schon ist. Aber ich habe sie noch drüber bekommen und einmal an, war es auch ok. Und jetzt stand fest, dass ich durchfahren würde. Da guckten zu viele von euch zu, um aufzugeben. Jetzt noch das Feuchtigkeitsproblem vom iPhone lösen. Mit einem Zewa und pusten war es schnell gelöst.
20:55 Uhr: Pause vorbei, es geht schnell weiter durch die Nacht. Bis Eisenach ist es nicht so weit. Ich mag diesen Abschnitt sehr. Rauf und runter mit ein paar schnellen Abfahrten und kaum Verkehr. Nach dem Wildwechsel vom letzten Jahr bin ich etwas vorsichtiger gefahren, nur 78 km/h Spitze. Lag aber auch an den Kettenblättern, die zwar bergauf meine Rettung waren, aber für bergab und flache Strecke war ich einfach zu kurz übersetzt.
22:30 Uhr: Herleshausen ist bei km 383 erreicht.
23:00 Uhr: Eisenach (km 393), jetzt bloß nicht schon wieder wie im letzten Jahr verfahren. Ich steuere eine Tankstelle an. Lieber noch einmal die Flaschen auffüllen. Denn ich liege weit vor meinem optimistischen Plan, sodass ich mit etwas Glück in Zeitz noch vor 06:30 Uhr sein würde, und dann erst macht dort die Tankstelle auf. Also Fahrrad abstellen. Draußen vor dem Eingang standen ein paar gestandene Jungs in meinem Alter aus Eisenach und tranken sich ein Bierchen. „Habt ihr ein Auge aufs Rad?“, frag ich. „Jau“ kommt zurück. Also rein, noch zwei Jungs drinnen beim Bierchen. Und der Tankwart mit dabei. Cool. Hier kauf ich ein! Zwei Flaschen Sportgetränk geschnappt, na ja das dachte ich, bezahlt und rein in meine Trinkflaschen. Noch ein kurzer Schwatz mit den Jungs vor der Türe (jetzt waren alle dort), die obligatorisch Fragen woher, wohin, wozu, wie teuer ist das Rad, und bist du bekloppt? Aachen, Görlitz, weil ich es kann, ist gebraucht gekauft, ja, lauten die Standardantworten. Die nächsten Stunden sind ruhig, und ich komme gut voran. Mittlerweile haben wir uns alle aus den Augen verloren. Ab und an steht mal ein Rad an einer Bushaltestelle und ein Kollege ist beim Powernap. Mir geht es gut, nicht müde, versuche durchzufahren, was auch klappt.
Samstag, 02:20 Uhr: ich erreiche Sachsen-Anhalt.
Die nächsten 2 Stunden rollt es gut, aber man spürt, dass es im September wesentlich länger dunkel ist als im Juni oder Juli.
4:35 Uhr: ich durchquere Zeitz. Hier fährt man quasi durch die riesige Anlage von Südzucker. Meine optimistischste Planung war, gegen 07:00 Uhr morgens in Zeitz zu sein, um dann in der Tankstelle wieder neues Wasser kaufen zu können. Aber zum Glück sind auf der Strecke viele Friedhöfe, die man nutzen kann.
5:42 Uhr: Sachsen ist bei km 580 erreicht. Aber wird es überhaupt noch einmal hell? Der Akku meines Frontscheinwerfers ist fast leer und immer noch kein Sonnenaufgang? Eine Stunde muss er noch mindestens durchhalten. Die lange Dunkelheit lag auch an der dicken schwarzen Wolke, die sich auch alsbald entlud. Gibt das viel Regen oder nicht, im Dunkeln kann man das nicht erahnen. Ich hoffe, dass es nicht so stark regnen wird. Falsch gedacht. Ich suche nach einer überdachten Bushaltestelle, kommt aber keine.
06:30 Uhr in Geithain bei km 595 findet sich dann eine selbige. Schnell die Regenjacke unter die gelbe Warnweste und weiter geht es. Ein paar Kilometer weiter, in Königsfeld, kann ich dem Duft einer Bäckerei nicht widerstehen. Ein Kürbiskern- und ein Rosinenbrötchen müssen sein. Bis Rochlitz (km 600)sind diese längst verputzt und es wird hell.
09:33 Uhr: Ein paar Stunden später, außer nasse Straßen mit zum Teil schlechtem Belag gab es nicht viel zu sehen und spüren, komme ich zur zweiten Timestation in Wilsdruff. Jetzt ist es nicht mehr weit zur Elbe und dann nur noch ein Katzensprung bis Görlitz. Ja, man kann sich fast alles schönreden oder denken.
Die Abfahrt hinunter zur Elbe ist bei Trockenheit schon gefährlich. Mit Kopfsteinpflaster übelster Güte bei 10 % Gefälle machen Serpentinen vor allem bei Nässe wenig Spaß. Ein supported Fahrer holt mich gerade ein, und ich kann ihm wenigstens noch den Tipp geben vorsichtig hinter mir runterzufahren. Kutscher kennt den Weg. Unten vor der Elbbrücke (km 675) hat der GPS Track seit 2017 einen Fehler, ich rufe dem Kollegen noch zu, dass er hinter mir herfahren soll, aber er verlässt sich lieber auf sein Navi. In Radebeul holt er mich wieder ein und lacht mir ein „da...
Übersichtstabelle: Eckdaten des Race Across Germany
| Variante | Start | Ziel | Distanz | Höhenmeter | Zeitlimit |
|---|---|---|---|---|---|
| Nord-Süd | Flensburg | Garmisch-Partenkirchen | 1.100 km | 7.500 m | 42 Stunden |
| West-Ost | Aachen | Görlitz | 780 km | 7.800 m | 44 Stunden |
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