Motorrad-Airbag-Westen im Test: Sicherheit auf zwei Rädern

Elektronisch auslösende Motorrad-Airbags bieten blitzschnellen Schutz und sind im Pkw längst Usus und im Rennsport längst Pflicht. Aber sind sie auch schnell genug für Motorradfahrer? Mithilfe von ADAC-Experten haben wir es herausgefunden.

Entwicklung im Rennsport

Die ersten Prototypen dieser zusätzlichen Schutzschicht wurden im Rennsport entwickelt. Dainese legte vor: 2007 staunten Fans und Presse nicht schlecht, als gleich drei Vertragsfahrer des italienischen Bekleidungsherstellers beim Grand-Prix-Finale in Valencia mit einer Art Halskrause an den Start gingen. Der D-air Racing war geboren und zeigte sich sogleich in voller Pracht: Alle drei Fahrer stürzten, der weiße Luftsack löste aus und umschloss Kopf und Schulterbereich - wenn auch noch etwas komisch dimensioniert.

Die Welt hat’s gesehen, elektronische Airbags für Motorradfahrer mussten her. 2011 kam das Rennsystem D-air Racing auf den Markt, 2014 zog Alpinestars mit dem Tech-Air nach, 2015 führte Dainese die erste autonome Airbagjacke für den Straßengebrauch ein - dann folgte ein Patentstreit der Italiener. Und nun? Fünf Jahre später sind es vier Konkurrenten: Die französische Firma In&Motion wurde 2014 gegründet und stattet nun verschiedene Hersteller aus, darunter die hier behandelten Modelle von Held. 2019 stellte auch Helite auf der EICMA ein elektronisches System vor, nachdem der (ebenfalls französische) Hersteller bislang nur Systeme mit Reißleinen im Programm hatte.

Motorrad-Airbags im ADAC-Crashtest

Ist das der Durchbruch? Sind die Airbags von heute die Anschnallgurte von morgen? Ganz so einfach ist dies natürlich nicht zu beantworten. Zunächst ist da das grundsätzliche Problem, dass nahezu kein Motorradunfall dem anderen gleicht. Außerdem ist der Fahrer immer unmittelbarer Krafteinwirkung ausgesetzt, alles begleitet vom Faktor Geschwindigkeit: Je höher, desto schneller segelt der Fahrer vom Motorrad, desto weniger Zeit hat ein Airbag, um sich zu entfalten.

Dass dieser per se besser schützt als keiner, zeigten bisherige Einsätze und zahlreiche Rennunfälle zur Genüge. Entscheidend ist jedoch, wie schnell der Airbag auslöst, genauer: ob er vor dem Einschlag des Fahrers auslöst.

Hinter den Kulissen des großen Airbag-Tests: Wir haben viel, einen Crashtest-Aufbau jedoch leider nicht in der Redaktion. Das Team der ADAC Fahrzeugtechnik-Abteilung versorgte uns daher mit Daten und Material zu drei elektronischen Airbag-Systemen.

Der ADAC-Crashtest, dem sich drei der hier vorgestellten Modelle unterzogen, macht dieses Szenario in Zahlen deutlich. Die Unfall-Experten testeten mit einer geringen Geschwindigkeit von 50 km/h auf ein stehendes Auto, nach 120 Millisekunden berührte es der Dummy erstmals. Diese Zeitspanne galt es also zu unterbieten. Die Kandidaten schafften Zeiten um die 80 Millisekunden, genug für innerorts. Doch leider bedeutet dies auch, dass selbst die aktuellen elektronischen Systeme bei einem direkten Aufprall ohne Flugphase bei höherer Geschwindigkeit nicht schnell genug auslösen.

Klingt zunächst ernüchternd, sind wir doch selten mit nur 50 km/h unterwegs. Doch hier greift wieder das Thema der verschiedenen Unfallarten: Bei einem Highsider oder auch einem Lowsider mit längerer Rutschphase bleibt genug Zeit, der Aufprall erfolgt später, der Airbag schützt - so auch in der MotoGP. Sicher ist ein Airbag kein Garant, kein Freifahrtschein fürs Stürzen. In jedem Fall aber ein zusätzlicher Schutz. Erinnern Sie sich noch, als kaum einer einen Helm trug? Kaum mehr vorstellbar. Gut Ding will Weile haben - das gilt fast immer und besonders für Sicherheitssysteme.

Die Top 3 im ADAC-Crashtest

1. Platz: Alpinestars Tech-Air Street

  • Anbieter: Alpinestars
  • Preis: 849,95 Euro
  • Farbe: Schwarz
  • Gewicht: 2,2 Kilogramm
  • Größen: S bis 3XL
  • Verwendung: nur in kompatibler Jacke
  • Batterielaufzeit (Herstellerangabe): 25 Stunden
  • Schutzbereich: Rücken, Brust, Schultern, Nieren, oberer Bauch

Fazit: Das Tech-Air-Street-System punktet mit einer großen Schutzfläche, funktioniert jedoch nur in einer kompatiblen Jacke.

2. Platz: Dainese Smart Jacket

  • Anbieter: Dainese
  • Preis: 599,95 Euro
  • Farbe: Schwarz
  • Gewicht: 1,8 Kilogramm
  • Größen: XS bis 2XL, Damen & Herren
  • Verwendung: über oder unter jeder Jacke mit 5 cm Platz, nur nach Registrierung
  • Batterielaufzeit (Herstellerangabe): 26 Stunden
  • Schutzbereich: Brustkorb, zentraler Rücken

Fazit: Die Smart Jacket von Dainese punktet vor allem mit ihrem flexiblen Einsatzbereich und einigen Extras. Enttäuscht wird, wem seine Daten lieb sind: Ohne Online-Registrierung kann die Weste nicht benutzt werden.

3. Platz: Held eVest

  • Anbieter: Held; System: In&Motion
  • Preis: 342,13 Euro Weste + 399 Euro (Kaufoption) oder 12 Euro pro Monat/120 Euro pro Jahr (Leasing), Track-Modus gegen Aufpreis
  • Farbe: Schwarz
  • Gewicht: 1,7 Kilogramm
  • Größen: S bis 3XL
  • Verwendung: unter jeder Jacke, nach Registrierung und kostenpflichtiger Aktivierung
  • Batterielaufzeit (Herstellerangabe): 20 Stunden
  • Schutzbereich: seitlicher Brust- und Rückenbereich

Hinweis vom März 2024: Mittlerweile rüstete Held sein Airbag-Angebot für MotorradfahrerInnen auf, und zwar mit der eVest Pro, die zudem mit Schulter-Airbags ausgestattet ist.

Fazit: Held hat mit der eVest genau richtig auf den Trend zur autonomen Weste reagiert. Flexibler nutzbar, gleiches Innenleben.

Weitere Airbag-Westen im Überblick

Alpinestars Tech-Air 5 (ohne Crash-Test)

  • Anbieter: Alpinestars
  • Preis: 599,95 Euro
  • Farbe: Grau
  • Gewicht: 1,9 Kilogramm
  • Größen: XS bis 4XL
  • Verwendung: unter jeder Jacke, 4 cm Luft zwischen Airbag und Jacke
  • Batterielaufzeit (Herstellerangabe): 30 Stunden
  • Schutzbereich: Rücken, Brust, Schulter, Nieren, Bauch, Rippen

Fazit: Die neueste, nun flexibel nutzbare Airbagweste von Alpinestars ist günstiger, flexibler, leichter und hat einen noch größeren Schutzbereich. Etwas weniger Sensorik rechtfertigt den geringeren Preis.

Held eVest Clip-in (ohne Crash-Test)

  • Anbieter: Held; System: In&Motion
  • Preis: 342,13 Euro Weste + 399 Euro (Kaufoption) oder 12 Euro pro Monat/120 Euro pro Jahr (Leasing), Track-Modus gegen Aufpreis
  • Farbe: Schwarz
  • Gewicht: 1,7 Kilogramm
  • Größen: S bis 2XL
  • Verwendung: in kompatibler Jacke, nach Registrierung und kostenpflichtiger Aktivierung
  • Batterielaufzeit (Herstellerangabe): 20 Stunden
  • Schutzbereich: seitlicher Brust- und Rückenbereich

Fazit: Kundenfreundliches, schnelles System. Fluch und Segen: die kostenpflichtigen Kauf- und Leihoptionen.

Helite e-Turtle (ohne Crash-Test)

  • Anbieter: Helite
  • Preis: 671,63 Euro, optionaler Gabelsensor 115,04 Euro
  • Farbe: Schwarz, farbig gegen Aufpreis
  • Gewicht: 1,8 Kilogramm
  • Größen: XS bis XL
  • Verwendung: über jeder Jacke, bei optionalem Gabelsensor nach Kopplung mit diesem
  • Batterielaufzeit (Herstellerangabe): 25 Stunden
  • Schutzbereich: Brust, seitlicher Bauch, Rücken, Steißbein, oberes Gesäß

Fazit: Bereits bekannt von den Reißleinen-Modellen bleibt die Weste in ihren Grundzügen bestehen: einfache Handhabung, universell einsetzbar, selbstständige Instandsetzung. Willkommen im E-Game.

Airbag-Westen zum Kombinieren mit der Motorradjacke

Du möchtest eine Airbag-Weste, die du mit deiner Lieblingsjacke kombinieren kannst? Es gibt viele Produkte auf dem Markt, die zum Drunter- oder Drüberziehen für beliebige Jacken und Kombis entwickelt wurden.

Sensorgesteuerte Airbags mit Pyrotechnik lösen schneller als ihr eigener Schatten aus, da kommt kein Reißleinensystem auch nur ansatzweise ran. Bei fiesen Unfallszenarien im Alltag haben die E-Airbags aufgrund der ultrakurzen Reaktionszeit klar die Nase vorn. Bei typischen Stürzen auf der Rennstrecke bringen aber auch mechanische Reißleinensysteme noch ganz passable Leistungen.

Weitere Modelle im Überblick

  • Alpinestars Tech-Air 5: Airbag-Weste, die unter jeder Textiljacke getragen werden kann, elektronischer Airbag.
  • Dainese Smart Jacket D-Air: Weste, die über oder unter der Kleidung getragen werden kann, elektronischer Airbag, faltbar, zwei Schnitt-Varianten (Damen und Herren).
  • Held eVest und eVest Pro: Airbag-System von In&Motion, inklusive Rückenprotektor.
  • Klim Ai-1 Airbag Vest: Airbag-System von In&Motion, Rückenprotektor.
  • Ixon IX U03 und U04: Airbag-System von In&Motion, Rückenprotektor.
  • Gimoto V-Race 3.0 RR: Rindsleder-Weste, optional in Wunschfarben und aus Känguruleder, kabellos oder mit Reißleine auslösend, Rückenprotektor.
  • Hit-Air CrossCountry: Textil-Weste mit mechanischem Airbag, in drei Größen erhältlich.
  • Helite Turtle 2.0: Airbag-Weste mit mechanischem Airbag-System per Reißleine, Rückenprotektor.
  • Büse Airbag-Weste: Airbag-Weste, mechanisches Airbag-System, herausnehmbarer Rückenprotektor.
  • Spidi Full DPS Vest: Airbag-Weste in drei Größen, integrierter Airbag mit Reißleine, integrierter Rückenprotektor, Brustschutz optional.

Detaillierte Modellvorstellung

iXS IPro 1.0

Die iXS IPro 1.0 arbeitet mit der „In&Box“ von In&Motion. Sie misst 1.000-mal pro Sekunde die Position des Fahrers. Erkennt sie einen Sturz, löst sie den Airbag aus und bläst ihn in 60 Millisekunden auf. Die Technik arbeitet dabei autonom, benötigt also keine Reißleine oder Sensoren am Motorrad.

Rev'It Avertum Tech-Air Airbag Shirt

Das Rev'It Avertum Tech-Air Airbag Shirt hat ebenfalls eine autonome Sensorik. Das Tech-Air-System nutzt künstliche Intelligenz und Daten aus Tausenden Vorfällen und Millionen gesammelter Kilometer, um jede Bewegung effektiv und genau überwachen zu können.

Held eVest Pro

Auch der deutsche Bekleidungshersteller Held hat mit der Held eVest Pro eine Airbag-Weste im Sortiment. Diese ist aus atmungsaktiven Materialien hergestellt und hat eine ergonomische Passform, die sich durch Stretch-Materialien individuell an die Körperform des Trägers anpasst.

Dainese Smart D-Air V2

Diese Airbag-Weste kann sowohl über als auch unter der Jacke getragen werden und besteht aus leichtem, aber abriebfestem Material. An der Taille ist die Jacke zudem einstellbar. Auch sie ist mit autonomen Sensoren ausgestattet und erkennt Zusammenstöße auch dann, wenn das eigene Motorrad steht.

Alpinestars Tech-Air 5

Die Alpinestars Tech-Air 5 ist eine schlanke, in sich geschlossene, tragbare Airbag-Weste, die unter jeder passgenauen Textiljacke oder Tech-Air-kompatiblen Jacke von Alpinestars getragen werden kann.

Alpinestars Tech-Air 3

Das leichteste autonome Airbag-System von Alpinestars, Tech-Air 3, ist so konzipiert, dass es über oder unter der Motorradjacke getragen werden kann.

Helite e-Turtle 2.0

Die elektronische Airbag-Weste Helite e-Turtle 2.0 verwendet eine Multi-Sensor-Erkennung, die eine vollständige Analyse der Situation und einen kompletten 360°-Schutz ermöglichen soll. Für eine bessere Reaktionszeit des Airbags wird dringend empfohlen, einen zweiten Sensor (SDU) an der Gabel des Motorrades anzubringen.

Helite Turtle 2.0

Diese Airbag-Weste von Helite löst im Gegensatz zur e-Turtle 2.0 nicht elektronisch, sondern mechanisch durch eine Reißleine aus. Sie kann über oder unter der Motorradjacke getragen werden und füllt sich nach Auslösung durch die Reißleine innerhalb von 80-110 Millisekunden.

Helite GP-AIR 2.0 Racing

Speziell für den Einsatz auf der Rennstrecke hat Helite die Weste GP-AIR 2.0 Racing entwickelt. Bei der Entwicklung hat der Hersteller deshalb vor allem einen körpernahen und aerodynamischen Sitz sowie Platz für den Rückenhöcker im Blick gehabt.

Helite e-GP-AIR 2.0

Auch der Helite e-GP-Air 2.0 ist vorwiegend für den Einsatz auf der Rennstrecke gedacht. Im Unterschied zum GP-AIR 2.0 Racing wird diese Airbag-Weste jedoch elektronisch ausgelöst.

Klim AI-1 EU

Auch die Airbag-Weste AI-1 EU von Klim arbeitet mit dem System von In&Motion aus Frankreich. Sie kann unter allen passenden Motorradjacken unabhängig vom Hersteller getragen werden und ist kompatibel mit den Jacken, die speziell für Systeme von In&Motion entwickelt wurden.

Ixon IX U03

Die elektronische Airbag-Weste von Ixon kann unter allen Motorradjacken getragen werden, sofern ausreichend Platz vorhanden ist. Das Außenmaterial besteht aus atmungsaktivem 3-D-Mesh. Auch Ixon setzt bei der Steuerung auf die Komponenten von In&Motion.

Airbag-Westen im Vergleich

Die folgende Tabelle bietet einen Überblick über verschiedene Airbag-Westen, einschließlich Preisen und Schutzbereichen:

Modell Preis (ca.) Schutzbereiche
Dainese Smart D-Air V2 599,00 € Rücken
Helite Airjacket 496,00 € Halswirbel
Freejump F02255 590,00 € Rücken
Held eVest Clip-in Airbag 360,00 € Rücken, Brust, Seiten
Bluezy Racing Airbag Weste 185,00 € Brust, Seiten, Rücken
Held eVest 284,00 € Rücken, Brust, Seiten
Yxyeceipeno Motorrad Airbag Weste 149,00 € Brust, Rücken, Seiten
Sunweii Airbag Weste 145,00 € Brust

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