AliExpress Carbon Laufräder im Test: Risiko oder Schnäppchen?

Ein Besuch auf AliExpress oder Temu lässt die Herzen von Schnäppchenjägern höherschlagen. Hier findet man fast alles zu Preisen, die zu schön sind, um wahr zu sein. Auf den Webseiten der asiatischen Billig-Händler ist längst eine eigene Parallelwelt entstanden. Dort kosten Produkte, für die im Original teilweise Tausende Euro verlangt werden, nur wenige Scheine. Dass das verlockend ist, steht außer Frage.

Die Fälschungen sehen ihren Vorbildern zudem meist täuschend ähnlich, und die Asia-Anbieter scheuen vor keinem Detail zurück. Manche Produkte sind nahezu identisch mit einem Markenprodukt, andere sind sogar mit dem original Markennamen versehen, wie beispielsweise ein Poc-Jersey für 8,78 Euro oder Troy-Lee-Hosen für 25,15 Euro. Oder es handelt sich um Produkte wie Bike-Schuhe, die einem Modell der Marke Specialized verblüffend ähnlich sehen, Kostenpunkt: 35,50 Euro.

Sicherheitsrisiken bei Billig-Produkten

Sicherheitsrelevant wird es bei Bremsbelägen, Laufrädern, Vorbauten, Lenkern oder Rahmen. Auch hier gibt es alles, was das Biker-Herz begehrt. Bike Ahead hat selbst einige der gefälschten Produkte von AliExpress bestellt und getestet, mit dem Ergebnis: Keine der Fälschungen übersteht die erforderliche Normprüfung unbeschadet. In der Praxis können solche Defekte an Carbonteilen zu schweren Verletzungen führen.

Was sind Temu und AliExpress?

Temu und AliExpress sind chinesische Online-Marktplätze, die vor allem durch extrem günstige Preise auffallen. Beide Plattformen bieten ein riesiges Sortiment - von Kleidung, Elektronik und Haushaltswaren bis hin zu Werkzeug, Spielzeug oder Beauty-Produkten. Verkauft wird meist direkt von Herstellern oder Händlern aus China, was die Preise niedrig, die Lieferzeiten aber lang macht.

Die Qualität der Produkte ist oft schwankend, Rücksendungen kompliziert, und bei sicherheitsrelevanten Artikeln wie Elektronik oder Fahrradteilen fehlt es gelegentlich an nötigen Zertifikaten. Während Temu mit aggressivem Marketing und Coupons besonders auf Schnäppchenjäger zielt, ist AliExpress schon länger etabliert und funktioniert ähnlich wie eBay mit Einzelhändlern. Beide Plattformen sind vor allem für geduldige, preisorientierte Käufer interessant - mit der Bereitschaft, bei Produktqualität und Service Kompromisse einzugehen.

Interview mit Dirk Zedler: “Von unbedenklich bis lebensgefährlich.”

Dirk Zedler, Geschäftsführer Zedler - Institut für Fahrradtechnik und Sicherheit, äußert sich kritisch zu den Produkten von AliExpress und Temu. „Man kauft die Katze im Sack“, sagt Zedler.

Sind alle Fahrradprodukte auf AliExpress und Temu schlecht oder gar gefährlich?

DIRK ZEDLER: Schwer zu sagen. Man kauft die Katze im Sack. Fast alle Firmen produzieren in Asien, und es gab durchaus Überproduktionen. Es wird berichtet, dass fertige Produkte an den Straßenrand gestellt wurden, weil die Lager voll waren. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass man ein minderwertiges Plagiat kauft, das gefährlich sein kann. Oftmals wird Glasfaser verwendet, was die Steifigkeit und die Haltbarkeit negativ beeinflusst. Wir haben solche Tests durchgeführt und festgestellt, dass solche Carbonteile durchaus bei geringer Belastung platzen. Ich erinnere mich auch an Fälle, bei denen Sattelstützen nach nur 300 Kilometern wegknickten.

Doch die Asiaten wissen doch, wie Rahmen gebaut werden. Ist es wirklich so gefährlich?

Das Spektrum reicht von unbedenklich bis lebensgefährlich. Stimmt, die Asiaten wissen, wie man Rahmen und Anbauteile baut. Jedoch überwachen Bike-Firmen dies penibel durch sogenannte Third-Party-Tests. Wenn diese Überwachung fehlt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass an Materialien gespart wird.

Wie ist es bei Alurahmen oder Teilen?

Die Konsequenzen bei einem Alurahmen-Versagen sind meist weniger dramatisch. Ein minderwertig verarbeiteter Alurahmen kann auch an der Schweißnaht brechen, aber ein Bruch endet selten mit einem katastrophalen Sturz wie bei Carbonrahmen. Aluanbauteile wie Kurbeln, Pedale oder Vorbauten von Temu und Co. bringen nicht so viel Preisvorteil. Man spart meist nur wenige Euro im Vergleich zum Original, was es nicht wert ist. Wer schon ein Video von einem Lenkerbruch gesehen hat, wird mir zustimmen.

Du rätst also grundsätzlich von diesen Produkten ab?

Ja, denn ein weiterer Aspekt ist die Haftung. Wenn du dich aufgrund eines Bauteil-Versagens schwer verletzt, kannst du niemanden haftbar machen. Selbst bei Pedalen kann ein Materialversagen zu heftigen Unfällen führen, wie wir aus unserer Gutachtenabteilung wissen. Seit es E-Mountainbikes gibt, sind Hersteller verpflichtet, Pedale mitzuliefern. Hier wollen einige Firmen sparen und kaufen sie als sogenannte Open-Mold-Produkte ein, das sind Nicht exklusive Formen, die Bike-Labels in Asien vertreiben. Der Versuch diese hier nur zu labeln und zertifizieren zu lassen, klappt aufgrund von Mängeln oft nicht. Da rutscht bei geringer Belastung schon mal ein Pedalkäfig von der Achse.

Warum versagt der Verbraucherschutz hier?

Der Verbraucherschutz versagt nicht. Es gibt seit Dezember 2024 ein neues europaweit gültiges Verbraucherschutzgesetz (GPSR), das der Produktflut von Plattformen wie Temu und AliExpress entgegenwirken soll. Diese Produkte müssen nun EU-Prüfanforderungen erfüllen. Das betrifft nicht nur Radrahmen und andere Bike-Bauteile, sondern auch viele andere Produktkategorien. Zum Beispiel Spielzeug. Es muss sichergestellt und dokumentiert werden, dass der Teddybär, den man auf Temu bestellt, nicht voller Schadstoffe steckt.

Das Problem löst sich also bald von selbst?

Ja, das ist der Plan. Doch bis die Regelungen greifen, kann es ein bis zwei Jahre dauern. Die Plattformen sind in der Pflicht, aber es wird erst Präzedenzfälle geben bei denen die EU hart durchgreift. Zudem geht es darum, Müll zu reduzieren.

Gibt es mittlerweile vereinzelnd asiatische Labels, die hochwertig produzieren und Produkte hier zertifizieren lassen und für einen günstigen Kurs anbieten? Könnte das ein Trend werden?

Möglich, viele bekannte Firmen, wie Canyon, haben so begonnen. Brandbuilding kostet viel Geld, Bike-Firmen investieren massiv in Marketing. Das beginnt beim Worldcup-Team mit Mechanikern und Managern bis hin zu Marketingteams und Produktpräsentationen.

Viele Bike-Firmen produzieren bei denselben asiatischen Herstellern. Dürfen diese Asia-Hersteller auch Noname-Produkte produzieren und hier verkaufen?

Ja, aber viele dieser Produkte bleiben in Asien. Die Nachfrage dort wächst enorm, insbesondere in China, dem derzeit größten Rennradmarkt.

Produktfälschungen auf AliExpress und Temu

Auf Plattformen wie Temu oder AliExpress werden haufenweise Mountainbike-Produkte angeboten. Darunter auch Raubkopien namhafter Hersteller. Betroffen sind vom Rahmen über Anbauteile bis hin zu Bekleidung alle Bereiche des kunterbunten MTB-Angebotes. Dort kosten Produkte, für die im Original teilweise Tausende Euro verlangt werden, nur wenige Scheine. Dass das verlockend ist, steht außer Frage. Wir Biker stehen auf günstige Deals für aufregende Teile. Schließlich sehen die Fälschungen ihrem Vorbild meist täuschend ähnlich und die Asia-Anbieter schrecken vor keinem Detail zurück. Dass Mountainbiker damit aber auch ihre Gesundheit gefährden können, wird viel zu oft in Kauf genommen.

AliExpress können Hersteller aus China ihre Produkte seit 2010 für ein internationales Publikum anbieten. Hinter der Online-Plattform steckt die riesige Alibaba Group. AliExpress selbst hat keinen physischen Kontakt zu den angebotenen Waren, wie etwa Amazon, sondern stellt nur den Marktplatz, auf dem Unternehmen mit privaten oder geschäftlichen Kunden in Kontakt treten können. Das Geschäftsmodell ist deshalb mit Ebay zu vergleichen.

So sind die Schlagzeilen seit Jahren voll mit dem Schadstoffgehalt und den Defekt-Risiken der chinesischen Produkte. Bilder von brennenden Elektronikgeräten und scharfkantigem Spielzeug machen die Runde. An europäische Richtlinien zur Produktsicherheit halten sich die Firmen in vielen Fällen offenkundig nicht.

Beispiele für Fälschungen

Im Mountainbike-Bereich gibt es auf AliExpress nichts, was es nicht gibt.

  • Fälschung von Scott Scale Hardtail-Rahmen: Das Scott Scale ist ein Race-Bike, welches den zweifelhaften Titel des teuersten Hardtails der Welt trägt. Bei AliExpress findet sich ein auffällig ähnlich anmutendes Angebot für schlanke 622,39 Euro mit kostenlosem Versand. Das wäre eine Ersparnis von rund 4377 Euro.
  • Syncros Fraser IC SL Cockpit: Die Lenker-Vorbau-Einheit Syncros Fraser IC SL aus Carbon kostet im Original 399,95 Euro. Bei AliExpress gibt es den Fake für unter sieben Prozent des Preises, nämlich gerade einmal 24,39 Euro.
  • Santa Cruz Bronson Rahmen - eine Fälschung: Der originale Santa Cruz Bronson V4 CC Rahmen kostet in der UVP 3899 Euro. Dafür liegt der Preis bei AliExpress mit 632,39 Euro gut 3266 Euro unter dem Vorbild.
  • POC Trikot - gefälscht: Im Original ist das POC Reform Enduro Langarmtrikot mit 89,95 Euro nicht unbedingt günstig. Der Fake für 8,87 Euro hingegen schon.

Produkt-Fälschungen auf der Plattform Temu

Mit aggressiver Werbung und absoluten Dumpingpreisen ist Temu auch in Deutschland ein rasanter Aufstieg gelungen. Erst 2022 wurde der Online-Marktplatz mit Firmensitz in Shanghai gegründet. Erst seit 2023 sind Produkte nach dem gleichen Geschäftsmodell wie bei AliExpress auch in Europa erhältlich. “Ein Einkaufserlebnis, wie Milliardäre” - mit Sprüchen, wie diesen und spottbilligen, teils skurrilen Angeboten, lockt Temu seine Kunden. Zum Portfolio gehören nicht länger nur Mode und Elektronik, sondern auch MTB-Zubehör. Auch hier kommen die meisten aus zweifelhaften Quellen in China.

Fake-Produkte: Beispiel von Bike Ahead

Ein weiteres Opfer der Produktfälscher ist Bike Ahead. Das Unternehmen fertigt hochwertigste Carbon-Parts in Deutschland und warnt aktuell vor illegalen Kopien auf AliExpress und Temu. Zwar seien die meisten Fälschungen aufgrund von mangelhafter technischer und optischer Umsetzung schnell zu entlarven. Es gäbe jedoch auch Fakes, die mit Produktfotos von Originalhändlern unter dem Namen Bike Ahead angeboten würden. Besonders problematisch ist der Weiterverkauf der Fälschungen über Ebay oder Kleinanzeigen, bei dem angebliche Originale mit kopierten Aufkleber-Labels angeboten werden. Betroffen sind vor allem die Carbon-Laufräder Biturbo sowie die Cockpit-Einheit The Unit. Bei Fälschungs-Verdacht fordert Bike Ahead ausdrücklich dazu auf, mit ihnen in Kontakt zu treten, um die Echtheit abzuklären.

Bike Ahead hat selbst einige der gefälschten Produkte von AliExpress getestet und kommt zu einem vernichtenden Ergebnis. Keines der Fälschungen überstand die Prüfnorm ISO 4210-3:2023, 4,6 schadfrei. Tatsächlich zeigten sich bei diesem Test, der das Durchfahren eines Schlaglochs simuliert, gravierende Bilder. In der Praxis können solche kapitalen Defekte an Carbonteilen zu schweren Verletzungen führen.

Merkmale von Bike Ahead Biturbo Laufräder Original vs. Fälschungen

Merkmal Bike Ahead Biturbo Original Biturbo Fälschungen
Look Raw-Carbon-Look (kein Lack!) Fast immer lackiert
Speichen Typische Speichenform Bike Ahead Oft andere Speichenform als das Original
Naben Highend-Naben von Marken (zum Beispiel DT Swiss) Billige No-Name-Naben
Seriennummer Im Felgenbett fest einlaminiert Gefälschte Seriennummer als Sticker
Gewicht - Schwerer als das Original

Erfahrungen von Nutzern

Einige Nutzer berichten von guten Erfahrungen mit günstigen Teilen wie Schaltröllchen oder LED-Lampen, warnen aber vor dem Kauf sicherheitsrelevanter Teile wie Carbonlenker oder Vorbauten. Es wird auch darauf hingewiesen, dass es schwierig ist, die Qualität im Internet zu erkennen und dass selbst bekannte Marken Rückrufe starten können.

Ein Nutzer berichtet von dem Aufbau eines Rennrads mit einem Carbonrahmen von Airwolf, gekauft über eBay. Er war überrascht von der guten Fahrqualität, merkte aber auch an, dass der Rahmen im Bereich des Tretlagers nicht ganz so steif ist und Gabel und Hinterbau ziemlich hart ausfallen. Er betont, dass sein Fazit nicht auf alle Rennradrahmen oder Teile übertragen werden kann, die auf eBay, Wish und Co. zu teils extrem niedrigen Preisen verkauft werden.

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