Die Geschichte der russischen Motorräder ist eng mit den Entwicklungen des Zweiten Weltkriegs und den technologischen Einflüssen aus Deutschland verbunden. Insbesondere die Marke Ural hat sich als Kultmarke etabliert und wird bis heute produziert.
Die Anfänge: BMW R71 als Vorbild
Die Geschichte der Ural begann mit einem geheimen Treffen des Verteidigungsministeriums der UdSSR. Es ging um die Frage, welches Motorrad am besten für den Einsatz in der Sowjetarmee geeignet sei. Die Wahl fiel auf die BMW R71, die für ihre Robustheit, Zuverlässigkeit und Wendigkeit bekannt war. Sie waren bekannt für ihre Robustheit, Zuverlässigkeit, Wendigkeit und Pflegeleichtigkeit. Jede dieser Maschinen war ausgerüstet mit einem Schützen und dessen Maschinengewehr, dem Fahrer und Munitionsvorräten. Aus diesen Gründen waren sie bei den russischen Bodentruppen gefürchtet. Und genau hier beginnt die Geschichte der Ural-Gespanne....!
Im Jahr 1939 wurden fünf BMW R71-Gespanne in einer geheimen Aktion über schwedische Vermittler gekauft und nach Moskau transportiert. Dort wurden sie zerlegt und bis ins kleinste Detail kopiert. Fast alle Komponenten der R71 bedeuteten Neuland für die sowjetische Industrie. Die Fertigung vieler Teile erforderten neue Technologien und Maschinen, die erst mühsam hergestellt werden mussten. Die Werke, die für die Produktion des neuen Motorrades bestimmt worden waren, konnten nicht alle Teile selbst herstellen. So wurden auch Fertigungsaufträge für bestimmte Baugruppen auf andere Fabriken verteilt.
Die Moskauer Fabrik brachte es auf 1753 Motorräder, bevor auch sie evakuiert wurde. Die ersten Motorräder schickte die Fabrik IMZ Irbitskij Moto-Zawod Ende Februar 1942 dann an die Front. Im Sommer 1942 konnte kein einziges fahrbereites Motorrad ausgeliefert werden, da einfach keine brauchbaren Teile mehr in den Werken eintrafen.
Die Verlagerung nach Irbit und die Geburt der Ural
Angesichts der näher rückenden deutschen Wehrmacht wurde das Motorradwerk in Moskau demontiert und in die Stadt Irbit im Uralgebirge verlegt. Am 19. November 1941 traf in Irbit der erste Zug mit Maschinen, Werkzeugen und Teilen für die Motorradproduktion ein. Die übersiedelte Motorradfabrik hatte die Aufgabe schwere geländegängige Motorräder und Gespanne für den Einsatz im Krieg zu produzieren. So begann die Geschichte des Irbiter Motorrad Werkes (IMZ). Das Motorrad hieß M72.
Die ersten Exemplare aus Irbit konnten Mitte 1942 fertig gestellt werden. Fast 9.500 Einheiten M72 wurden bis 1945 der Roten Armee zur Verfügung gefertigt. Es waren viele Frauen und auch Kinder, die da im Westen Sibiriens Motorräder für die Kriegsfront zusammenbauten um den Feind abzuwehren halfen. Keine Idee für diese Arbeiter, dass Ihre Motorradfabrik 70 Jahre später noch immer existiert, ja die einzige Gespannfabrik weltweit ist und das Motorrad mit Seitenwagen Ural Kult geworden ist.
Da das Werk nun im Ural Gebirge lag, gab man dem dort gebauten Fahrzeug den selben Namen: Ural !
Die M-72: Eine detailgetreue Kopie mit Verbesserungen
Die M-72 war zunächst eine detailgetreue Kopie der BMW R 71. Da diese Maschine für schweres Gelände jedoch ungeeignet war, wurde das Modell laufend verbessert: Neuer Luftfilter mit Ölfüllung, höher gelegtes vorderes Schutzblech sowie hinterer Schutzblechbügel zum besseren Aufklappen des Schutzbleches, was den Radwechsel erleichterte. Ebenso eingeführt wurden Knotenbleche an der hinteren Stoßdämpferaufnahme, nachdem es im Feldeinsatz zu Rahmenbrüchen gekommen war. Die M-72 wurde mit einem quadratisch ausgelegten (Bohrung x Hub 78 × 78 mm), seitengesteuerten 2-Zylinder-Viertakt-Boxermotor ausgestattet. Seine Höchstleistung betrug 16 kW (22 PS) bei 4950 U/min. Das Gespann wog betriebsfertig etwa 350 kg und konnte drei Personen mit Gepäck und Ausrüstung transportieren.
Die Nachkriegszeit und die Entwicklung der Ural
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Zweizylinder-Boxer-Modelle in Irbit - wie auch im neuen Kiewer Dnepr Werk - weiterhin hauptsächlich für das Militär und sonstige Behörden gebaut. Infolge des steigenden Bekanntheitsgrades wurde im Jahr 1953 entschieden, die Ural-Motorräder auch zu exportieren. Ab den 1960er Jahren stiegen die Ural-Werke in die Produktion rein ziviler Motorräder ein.
Erst 1958 wurde die Produktion der guten alten M-72 eingestellt. M-61,M-63,M-66,M-67 waren die Modellbezeichnungen der 60er Jahre, die ständig verbessert wurden. Die Konstruktion wurde dabei weiterentwickelt u.a. im Bereich des Zylinderkopfes, des Rahmens und der Vordergabel, so dass von der ursprünglichen R 71 lediglich die Grundkonzeption erhalten blieb.
Insbesondere die Ausstattung späterer Modelle mit auf der R 75 basierenden OHV-Motoren führte zu einer Abkehr vom ursprünglichen R-71-Konzept und verdeutlichte die Eigenständigkeit diese Nachfolgemodelle. Die Fertigung von Fahrzeugen für das Militär wurde eingestellt. Mittlerweile wurde nicht mehr der alte und unverwüstliche Seitenventiler-Motor mit 750 cm³ gebaut, sondern schon eine Eigenentwicklung mit 650 cm³ und hängenden Ventilen (Ventilbetätigung mittels Stößelstangen durch eine im Motorgehäuse gelagerten Nockenwelle), der sich schon dadurch vom 650 cm³ OHV-Motor der Dnepr Modelle erheblich unterschied.
Bis heute wurden mehr als drei Millionen Motorräder -überwiegend mit Beiwagen- gebaut. Der Export begann 1953, zuerst überwiegend in sogenannte Entwicklungsländer. Ende der 70er Jahren lief die Produktion auf Hochtouren. Mit der Einführung der 750 ccm-Modelle im Jahr 2001 wurde ein bedeutender Schritt in der Modellpolitik getan. Die nun zur Verfügung stehenden 40 PS ermöglichen es den Fahrern, auch auf Autobahnetappen nicht auf LKW-Windschatten angewiesen zu sein.
Privatisierung und Neuausrichtung
Im November 1992 wurde die staatliche Fabrik privatisiert und in Uralmoto AG umbenannt. Ab Modelljahr 1998 werden die Gespann-Modelle unter der Bezeichnung Ranger (Gear-Up), Patrol (Sportsman), Tourist und Retro gebaut. Die Solo-Modelle heißen ab 1991 Wolf, Ural Solo und Retro Solo. Sämtliche Modelle verwenden seit 2008 den gleichen luftgekühlten Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor mit 745 cm³ Hubraum. Die Nennleistung beträgt dabei 29 kW.
Nachdem das Unternehmen von 1998 bis 2000 einer privaten russischen Investorengruppe gehörte, kauften im Jahre 2000 drei in den USA lebende russischstämmige Unternehmer die Fabrik. Seinen letzten bedeutenden Großauftrag erhielt das Irbiter Motorradwerk 2002, als die irakische Regierung unter Saddam Hussein 1.000 Ural-Gespanne bestellte.
Moderne Ural-Motorräder: Qualität und westliche Komponenten
Die neuen Eigentümer setzten ein neues Management ein. Bei einer kompletten Reorganisation der IMWA wurde das über mehrere Hektar verteilte Fabrikgelände stark verkleinert, die Anzahl der Mitarbeiter auf heute reduziert und in Teilbereichen neue Produktionstechniken eingeführt. Dazu gehörte eine Qualitätskontrolle an allen Punkten der Produktion und Zukauf von Komponenten aus 15 westlichen Ländern. Ebenfalls seit dem Modelljahr 2008 werden viele sicherheitsrelevante Bestandteile aus westlichen Ländern verbaut:
- Keihin Vergaser und Denso-Lichtmaschinen aus Japan
- Elektronische Zündanlage von Ducati Energia, Lenkerarmaturen und Brembo-Bremsen aus Italien
- ZF Sachs-Stoßdämpfer und Herzog-Zahnräder aus Deutschland
Auch alle Lager, Wellendichtringe, Schrauben, Muttern, Kabel und elektrischen Verbindungsstecker am Gespann sind westlicher Herkunft. Nach all diesen Verbesserungen gelten die Ural-Gespanne ab Baujahr 2008 als zuverlässige und alltagstaugliche Fahrzeuge.
Produktion und Absatzmärkte
Im Krisenjahr 2009 hat das Ural Werk nur knapp 500 Motorräder produziert. Für 2011 sind 1300 Motorräder geplant. Hauptabsatzmarkt ist die USA, zwei Drittel der gesamten Produktion gehen in die USA. Neben Europa werden Motorräder auch noch nach Kanada, Australien, Japan, Südafrika geliefert.
Nur ganz wenige Ural Gespanne werden in Russland selbst verkauft. Grund hierfür ist, dass die Motorräder aus Irbit für russische Verhältnisse teuer sind. So kostet ein Ural Retro-Gespann auf dem heimischen russischen Markt beispielsweise 355.000 Rubel, umgerechnet etwa 9000 Euro.
Modellübersicht
Ural bietet verschiedene Modelle an, darunter:
- Ural cT: Mit 18-Zoll-Rädern und geschobener Schwinge für die Vorderradführung.
- Ural T: Mit 19-Zoll-Rädern und ebenfalls geschobener Schwinge.
- Ural Ranger 2WD: Die martialische und beliebteste Ural mit zuschaltbarem Beiwagenantrieb.
- Ural Sportsman 2WD: Ebenfalls mit zuschaltbarem Beiwagenantrieb.
Der Beiwagenantrieb ist zuschaltbar, was bedeutet, dass das Fahrzeug im Normalfall mit Hinterradantrieb bewegt wird. Auf Untergrund mit wenig oder ohne Grip kann das Beiwagenrad zugeschaltet werden. Es gibt aber kein Differential, was bedeutet, dass die Traktion auf beiden Rädern 100% beträgt.
Die Irbit Motorcycle Show: Ein Treffen der Biker-Szene
In Irbit findet jährlich die Irbit Motorcycle Show statt, ein Biker-Meeting. Fast 5000 russische Motorradfahrer kommen aus allen Ecken der russischen Föderation zusammen. Gekommen sind die Biker aus allen Ecken der russischen Föderation, wie die zarte Ludmilla nach einem langen Ritt aus dem 1800 Kilometer entfernten Moskau. Oder Sergej und Kolja von der wilden MC-R19-Horde aus Kasachstan - auf Straßen mit Schlaglöchern, so groß, dass Kleinwagen unversehens darin verschwinden.
Ihre Maschinen würden bei einem deutschen TÜV-Inspektor den Puls in den roten Bereich treiben: uralte und notdürftig zusammengeflickte Ural- oder Dnepr-Gespanne; meist als Replikas der BMW R71 gebaut, als ihre Fahrer noch nicht auf der Welt waren. Qualmende Izh-58-Zweitakter auf dem technischen Stand der DKW NZ 350 und vorsintflutliche Jawas. Die vielen alten Hondas und Yamahas, die über den Festival-Platz toben, sind alle aus dritter oder vierter Hand und keinesfalls verkehrssicher.
"Für Irbit sind die Show und die Motorräder ein Segen. Die Stadt lebt davon. Zwar nicht mehr gut, aber wir leben noch," sagt Wladimir Kurmatschew, der das Festival offiziell eröffnet hat. Kurmatschew ist nicht nur Schirmherr der Veranstaltung, sondern auch Leitender Direktor der lokalen Ural-Werke.
Dnepr-Gespanne: Eine weitere Ikone der sowjetischen Motorradgeschichte
Neben Ural gab es noch die Dnepr-Gespanne, die in Kiew, Ukraine, produziert wurden. Die Geschichte der Kiewer Motorradwerke begann bereits 1946 mit der Produktion eines Kleinkraftrades, mit schweren Motorrädern jedoch erst gegen Mitte der 50er Jahre.
1956 baute man in Kiew das Modell K-750, welches auf der sehr erfolgreichen M-72 basierte. Ab 1967 nannte man die KMS- Werke dann in "Dnepr" um. Dnepr spezialisierte sich - nachdem die Ural-Werke nur noch für den zivilen Markt produzierten - auf militärische Ausführungen, wie z.B. die MT-16. Bis 1989 zählte man bei Dnepr ca. 2 Millionen produzierte Maschinen! Seit 2001 produziert das Dnepr-Werk keine Neu-Maschinen mehr, dennoch ist es nicht geschlossen!
Unterschiede zwischen Ural und Dnepr
Gemeinsam haben DNEPR und URAL den Viertakt-Boxer-Motor mit 649 ccm Hubraum nach BMW-Vorbild. Die Maschinen fügen sich also in die günstige 34 PS-Versicherungsklasse ein. Beide Fabrikate verwöhnen den Gespannfreund beim Rangieren mit einem Rückwärtsgang. Das angetriebene Seitenwagenrad mit Differential gibt’s aber nur bei der DNEPR MT 16. Dafür kann die URAL mit geschobener Vorderradschwinge, sowie mit zuschaltbarem Seitenwagenantrieb geordert werden.
Chang Jiang: Die chinesische Variante
Nachdem Russland die BMW R-71 Anfang der 40er Jahre erfolgreich kopiert hatte, bekam auch China die Lizenz für einen Nachbau der legendären R-71. Ab dem Jahr 1956 begann man hier - noch unter dem Namen "Yangtzee" - ein robustes Motorrad mit und ohne Seitenwagen zu bauen. Man nutzte es vorrangig für das Militär und als Behörden-Maschine.
Im Gegensatz zu Dnepr und Ural, wo mit den Jahren auch diverse Modifikationen an den Modellen stattfanden, ging die Zeit bei Chang Jiang ohne große Änderungen vorüber. Bis heute wurden mehrere 100.000 Maschinen hergestellt.
Die IZH-Motorräder: Eine weitere Facette der russischen Motorradgeschichte
Neben Ural und Dnepr gab es noch die IZH-Motorräder, die ebenfalls eine wichtige Rolle in der sowjetischen Motorradgeschichte spielten. Die Entwicklung des neuen Modells IZH 350 wurde in der Zeit von 1949 bis 1960 vorgestellt. Die Leistung betrug 14 PS. Weiterhin entstanden Modelle wie die Saturn, Orion und Sirius. Saturn mit einer Motorleistung von 25 PS war besonders originell.
1987 wurde die IZH Jupiter mit neuem Design eingeführt. Kurz darauf erhielt die IZH Jupiter das gleiche ansprechende Design.
Fazit
Die Geschichte der alten russischen Motorräder ist reich an Tradition, Innovation und technologischem Einfluss aus dem Westen. Insbesondere die Marke Ural hat sich als Kultmarke etabliert und wird bis heute produziert und weltweit exportiert.
| Marke | Modell | Produktionszeitraum | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Ural | M-72 | 1942-1957 | Kopie der BMW R71, verbessert für Geländeeinsatz |
| Ural | Ranger | ab 1998 | Modernes Gespann mit westlichen Komponenten |
| Dnepr | K-750 | 1956 | Basierend auf der M-72 |
| Chang Jiang | 750 | ab 1956 | Chinesischer Nachbau der BMW R71 |
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