Viele Radfahrer stehen irgendwann vor der Frage, ob sie ein neues Fahrrad kaufen oder ein altes restaurieren sollen. Dieser Artikel bietet einen detaillierten Überblick über die Kosten und Überlegungen, die bei der Restaurierung eines alten Rennrads anfallen.
Der Reiz der Restaurierung
Restaurieren liegt voll im Trend. Aus alt mach neu - diese gegenläufige Tendenz zur Wegwerfgesellschaft birgt den ein oder anderen Vorteil in sich. Der Spaß, die Muße und der Erfolg beim Schaffen einer individuellen handwerklichen Leistung ist hierbei nur ein Aspekt. Ein altes Velo kann im aufgearbeiteten Zustand einen ganz besonderen und einzigartigen Charme ausstrahlen. Oftmals benötigen Sie gar nicht so viele Materialien für diese Arbeit: Lassen Sie sich nicht vom ersten äußerlichen Eindruck abschrecken!
Erste Schritte: Bestandsaufnahme und Reinigung
An erster Stelle steht immer eine gründliche Säuberung, erst dann lässt sich der wahre Zustand des Bikes beurteilen. Entfernen Sie zunächst Dreck und Schmutz, wie zum Beispiel eingetrocknete Erde, Staub und Schlamm. Als nächstes müssen eventuelle Roststellen beseitigt werden. Hierfür verwenden Sie am besten einen speziellen Rostlöser.
Den gröbsten Schmutz am Rahmen habe ich mit viel Wasser, Spüli und einem Schwamm entfernt. Grundsätzlich ist bei Beschriftungen, Aufklebern o. ä., die alten Fahrrädern ihre besondere Note verleihen, immer etwas Vorsicht geboten. Diese möchte ich möglichst erhalten. Bei hartnäckigerem Schmutz, hilft übrigens WD-40 sehr gut. Kleinere Macken habe ich einfach drin gelassen.
Rost entfernen und Lack ausbessern
Zum Glück, fand sich an dem Rahmen des Centurion nur an einer Stelle Rost, die hätte auf lange Sicht aber sicher Probleme gemacht. Die Stelle habe ich grob abgeschliffen und gesäubert und dann mit Rostumwandler behandelt. Hier muss man vorsichtig sein. Rostumwandler eignen sich nicht immer für solche Arbeiten und greifen teilweise Lacke o. ä. an.
Jetzt musste ich die Stelle erneut lackieren. Ich habe bereits so einige Fahrräder komplett neu lackiert und dabei die besten Ergebnisse mit Autolacken erzielt. Etwas schwierig ist die Farbwahl. Wenn man auf Nummer sicher gehen möchte, kann man beim Lackierer eine Farbanalyse machen lassen. Die Stelle war aber recht klein und ich habe einen Auto-Lackstift in einem Rotton gefunden, der sich vom Original nur mit der Lupe unterscheiden lässt. Anschließend habe ich den gesamten Rahmen mit einem Auto-Lackreiniger bearbeitet. Wieder erst vorsichtig an einer unauffälligen Stelle testen.
Reinigung der Anbauteile
Die Reinigung der Anbauteile war eine recht mühselige Geschichte, aber ich wollte, dass alles wieder blitzt und strahlt und v. a. einwandfrei funktioniert. Dabei kamen zunächst wieder Wasser, Spüli und WD-40 zum Einsatz. Um sich das Leben leichter zu machen, kann man alle Teile einfach komplett mit WD-40 einsprühen und über Nacht in einer Wanne stehen lassen. Zum Teil musste ich auf Nitro zurückgreifen. Damit solltet ihr sehr vorsichtig umgehen, da es unter Umständen die Teile angreifen kann. Zu guter Letzt habe ich alle Metallteile mit der Polierwatte von Nevr Dull poliert. Jetzt erstrahlen alle Teile wieder in altem Glanze.
Austausch von Verschleißteilen
Bei einem alten Fahrrad werden Sie nicht drum herum kommen das ein oder andere Verschleißteil zu ersetzen. Im klassischen Fall sind hiervon Kette, Reifen, Bremsen und Bremsbeläge betroffen.
Individualisierung und Optik
Wer ein altes Fahrrad restauriert, legt in der Regel auch Wert auf ein individuelles und stilvolles Äußeres, zum Beispiel in Retro-Optik. Überlegen Sie sich im Vorfeld wie Ihr Bike später einmal aussehen soll. Mit einem schicken Ledersattel im Vintage-Look lässt sich zum Beispiel relativ einfach ein visuelles Statement setzen. Passende Accessoires (Korb, Werkzeugtasche etc.) können das Gesamtbild abrunden. Achten Sie darauf, dass sich alle Ersatzteile unauffällig in die Optik Ihres Bikes einfügen, damit der spezielle Look nicht verloren geht. Viele neue Artikel sind auch mit einem nostalgischen Design erhältlich.
Beachten Sie aber auch, dass das Äußere nicht an erster Stelle stehen sollte. Sicherheitsrelevante Bauteile sollten im Zweifel, zum Beispiel bei starkem Rostbefall, immer ausgetauscht werden, auch wenn sie noch „hübsch aussehen“ und perfekt in die Optik passen.
Worauf man beim Kauf achten sollte
Beim Kauf gilt es auf Einiges zu achten. Die folgende Aufzählung ist sicherlich nicht abschließend. Wenn ihr das Rad selber fahren wollt, achtet auf eine passende Rahmengröße. Alte Rahmen unterscheiden sich zum Teil in ihrer Geometrie von modernen Rahmen. Probefahren ist natürlich am besten.
- Auch der Lenker sollte zu euch passen. In etwa schulterbreit ist hier ein guter Richtwert.
- Die Bezeichnungen „vintage“,„retro“ o. ä. sind nicht automatisch mit guter Qualität gleichzusetzen.
Ich habe so einige Beschreibungen gelesen, die einfach nur völlig an den Haaren herbeigezogen waren, was die Details zum Rad anging. Es werden viele Räder in dieser Kategorie angeboten, die eher aus den 90ern stammen und die man damals beim Discounter kaufen konnte.
Wenn ihr ein Rad gefunden habt, sucht im Netz nach dem Hersteller, dem konkreten Modell und macht euch schlau. Häufig findet man Infos zum Rad, zum Baujahr, zum Einsatzzweck, zu den Originalkomponenten etc.
- Achtet auf die einzelnen Komponenten. Sind es noch die Originalteile? Ist das ein Gruppenmix oder eine reine Gruppe? Welche Qualität? Sind vielleicht besondere Komponenten verbaut?
- Wurde das Rad „verbastelt“? Sprich neu lackiert, Teile ausgetauscht o. ä. Das ist unter Umständen völlig ok, muss aber gut gemacht sein.
Was gibt es für Materialschäden? Alte Räder ganz ohne Schäden gibt es kaum. Aber die können entscheidend sein. Leichte Lackschäden? Kein Problem. Irreparabler Rahmenschaden? Vergesst das Rad - höchstens zum Ausschlachten.
Beispiel: Restaurierung eines Centurion LeMANS (1981)
Gegenstand dieser Restaurierung ist ein Rennrad aus meinem Geburtsjahr 1981 - zumindest laut dem Verkäufer. Es handelt sich um ein Centurion LeMANS. Dieses Modell wurde von 1970 bis 1989 gefertigt und stetig verbessert.
Das Wichtigste: Der Rahmen ist top in Schuss. Nichts ist verbogen und es gibt nur eine Roststelle. Alle Lager müssen demontiert und komplett neu gefettet werden, da sich bspw. die Kurbel nicht mehr wirklich gut bewegen lies. Die Züge und Zughülsen waren hinüber. Das Lenkerband war total abgegriffen. Die Lenkerstopfen waren angebrochen. Der Sattel hatte einen längeren Riss. Die Schlauchreifen waren sehr rissig.
Werkzeug und Drehmomente
Auf modernen Fahrradkomponenten werden häufig die Drehmomente angegeben, die man beim Festziehen benutzen soll. Bei alten Komponenten steht man vor einem Problem. Was also tun? Ich habe mich grundsätzlich an den Drehmomenten moderner, ähnlicher Komponenten orientiert. Wenn ich das Gefühl hatte, etwas wird zu fest, habe ich es wieder leicht gelockert. Anschließend habe ich mit dem Rennrad eine kleine Testtour bei niedriger Geschwindigkeit gemacht. Einige Schrauben haben sich dabei wieder etwas gelockert. Also fester anziehen.
Kostenübersicht
Die Kosten können sich bei einem solchen Projekt erheblich unterscheiden. Was kostet das Rennrad?Was habt ihr an Werkzeug, Pflegemitteln etc. Gebt hier nicht zuviel aus. Vor allem dann nicht, wenn ihr euch über die Qualität des Rennrades nicht im Klaren seid. Versucht hier eine grobe Aufstellung zu machen. Je mehr Werkzeug ihr schon habt, desto besser.
Insgesamt etwa 245 Euro. Die Restaurierung eines alten Rennrades ist nicht automatisch ein günstiges Vergnügen.
Reparatur in der Werkstatt vs. DIY
Ein weiters Problem ist, dass die Radläden heute oft nicht mehr bereit sind, alte Fahrräder zu reparieren, erst recht, wenn du sie nicht auch da gekauft hast.
Neu, neu neu, schreibst du. Nein, wenn ich solche alten Räder aufarbeite, wird zuerst mal exakt gar nichts neu gekauft, sondern das ganze Rad komplett zerlegt, gereinigt (auch die Reifen bekomme ich meist wieder hin), repariert und gefettet/geölt. Kann Wochen dauern, wenn ich es so nebenbei mache. Dann erst werden Teile gewechselt bzw. upgedatet, ein Seitenläuferdynamo durch einen Nabendynamo beispielsweise. Für Kunden mache ich das nicht.
Nachhaltigkeit und Werterhalt
Ein altes Rad zu reparieren oder ein altes instandgesetztes Rad zu kaufen, wirkt der Wegwerf-Mentalität entgegen. Die Wiederverwendung des Rades ist ein nachhaltiger Umgang mit wertvollen Ressourcen. Gefragt ist hier praktisches Tun, und nicht nur Gerede über umweltkonformes Verhalten.
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