Armstrong, Radfahren und das Krebsrisiko: Eine Analyse

Die Diagnose Hodenkrebs traf Lance Armstrong im Alter von 25 Jahren unerwartet. Regelmäßige ärztliche Untersuchungen hatten seinen trainierten Körper als kerngesund eingestuft. Doch der Hausarzt überwies den Radrennfahrer vorsorglich in eine Spezialklinik, wo Onkologen Hodenkrebs diagnostizierten, eine seltene Tumorart. Metastasen hatten sich bereits in Bauchraum und Lunge ausgebreitet. Unverzüglich wurde eine Chemotherapie eingeleitet, was das Ende seiner Karriere bedeutete.

Der Fall Armstrong hat viele Radfahrer dazu veranlasst, ihren eigenen Körper genauer zu untersuchen. Männliche Freizeit- und Profi-Radler beschäftigen sich seitdem noch intensiver mit dem Zustand ihrer sensibelsten Körperteile.

Die Auswirkungen des Radfahrens auf die männliche Gesundheit

Irwin Goldstein, Urologieprofessor am Boston University Medical Center, hält Radsport für »verrückt«, da das gesamte Körpergewicht auf wenigen Quadratzentimetern eines schmalen, harten Sattels lastet. Bei jeder größeren Bewegung wird das männliche Geschlecht nach innen gedrückt oder gequetscht. Besonders gefährdet sind Mountainbiker, da bei ruppigen Geländefahrten die Weichteile einem permanenten Aufprallstress ausgesetzt sind.

Ein 36-jähriger Hobby-Radler mit »Verschleißerscheinungen sowie einem Einriss an der linken Hodenseite durch intensives Fahrradfahren« war nur einer von vielen, die in Goldsteins Praxis vorstellig wurden. Viele Tourenfahrer klagen über eine »kribbelnde Gefühllosigkeit« vom Penis bis zur Po-Ritze. Einige Sportler berichten, dass sich ihr Glied nach längeren Trips anfühle wie »ein Stück Holz«. Die Ursache für die Taubheit sind Nervenquetschungen.

Während das Gesäß des Wochenendradlers bei zu langen Ausflügen wund wird, ist das Hinterteil passionierter Pedaleure durch einen verhärteten Damm geschützt. Kommt es dennoch zu Überlastungen, reagiert nicht die Haut, sondern der darunterliegende Nervus pudendus - eine Nervenbahn, die ausgehend vom Rückenmark in After und Hodenhaut führt. Diese Reizungen verursachen Lähmungserscheinungen.

Besonders empfindlich reagieren die Ausdauerathleten, wenn Überreizungen und Minischläge im Unterleib Schwächeperioden im Bett heraufbeschwören. Befragungen hätten ergeben, warnte das US-Fachmagazin Bicycling seine Leser, dass fast die Hälfte aller Radfahrer erhebliche Erektionsprobleme hätte.

Nach fast zehnjähriger Forschung und über 4000 Krankengeschichten sieht US-Forscher Goldstein die männliche Potenz durch die Erosionen am Sattel derart gefährdet, dass er jedem Radler die Einhaltung wichtiger Vorsichtsmaßnahmen anträgt. Die Herren sollten die Sattelspitze leicht nach unten drehen, besser noch: einen gepolsterten Damensattel verwenden. Zur Entlastung des Gemächtes empfiehlt er, alle 30 Minuten stehend in die Pedale zu treten. Die Hoden sollten zudem, wenn möglich durch spezielle Kleidung oder Windeleinlagen, gekühlt und geschützt werden.

Die Debatte um Hodenkrebs und Radfahren

Derweil debattieren Experten über die Möglichkeit von Hodenkrebs durch Radfahren ausschließlich in kleinen Zirkeln. Krebsfördernd sind möglicherweise nicht nur die mechanischen Erschütterungen der Männlichkeit, schädlich ist vermutlich auch die schwüle Atmosphäre in der Radlerhose. Durch die Anstrengungen beim Tritt in die Pedale bilden sich Schweiß und entstehen hohe Temperaturen im Schritt, die der Körper über Stunden auszuhalten hat.

Bisher gebe es jedoch keine wissenschaftlichen Studien, betont Werner Franke, Molekularbiologe am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, die einen »eindeutigen Zusammenhang zwischen Hodenkrebs und Radfahren belegen« - eine ähnliche Situation wie bei den englischen Kaminkehrern des 19. Jahrhunderts, von denen außergewöhnlich viele an Hodenkrebs erkrankten.

Lance Armstrongs Kampf gegen den Krebs und Comeback

Die Ärzte diagnostizierten bei Lance Armstrong einen weit fortgeschrittenen Hodentumor mit Metastasen im hinteren Bauchraum, in der Lunge und im Gehirn. Die Überlebenschancen betrugen bei solchen Tumoren etwa 50 Prozent. Im Februar 1997, nach mehrmaligen Operationen und intensiver Chemotherapie, war Lance Armstrong wieder bereit, das Training aufzunehmen und an Wettkämpfen teilzunehmen. Bei der Mannschaftsvorstellung im Januar 1997 kam er sich nach den Strapazen der Chemotherapie vor "wie ein Zombie". Doch nun hat er ein grandioses Comeback gefeiert.

Schon lange Zeit bevor er seinen Arzt aufgesucht hatte, bemerkte Lance Armstrong die Schwellung eines Hodens, die er jedoch ignorierte. Erst als ihn Schmerzen beim Radfahren behinderten und ein Leistungsabfall hinzukam, suchte er ärztlichen Rat. Durch eine Ultraschalluntersuchung des Hodens wurde dann der Verdacht auf eine bösartige Erkrankung geäußert. Weitere Untersuchungen ergaben Metastasen in verschiedenen Organen. Der erkrankte Hoden wurde zunächst operativ entfernt und histologisch untersucht. Es erfolgte dann die Behandlung am amerikanischen Hodenkrebs-Zentrum der Indiana University.

Noch vor 20 Jahren war die Diagnose eines Hodenkrebses tödlich. Heute werden 95 Prozent der Patienten geheilt, wenn sie stadiengerecht behandelt werden. Operative Verfahren, Strahlentherapie und Chemotherapie können je nach Tumorart und Stadium eingesetzt werden. Insbesondere die Chemotherapie schwächt den Körper durch die akuten Nebenwirkungen. Darunter hat Armstrong sehr gelitten. Die Patienten sind mutlos, sie sind leicht ermüdbar und haben zahlreiche vorübergehende Schäden am Knochenmark, am Verdauungssystem und an der Lunge.

Das Beispiel von Lance Armstrong zeigt, daß heute eine Krebsheilung auch möglich ist ohne Langzeitschäden. Er hat seine Kraft wiedergewonnen, und seine Leistungsfähigkeit gleicht der von früher. Er hat keine Schwerhörigkeit, keinen Schwindel, keine Gangstörungen, keine Niereninsuffizienz und keine Blutarmut. Lance Armstrong ist ein Glücksfall, weil er allen anderen an Krebs erkrankten Patienten Mut macht und zeigen kann, daß heute eine Heilung möglich ist und die frühere Leistungsfähigkeit wiedergewonnen werden kann.

Während seiner Behandlung faßte Lance Armstrong den Entschluß, die Forschung über Hodentumore im Rahmen einer Stiftung finanziell zu unterstützen, um anderen Patienten damit helfen zu können. Er gründete eine "Cancer Foundation", deren "Race for Roses" für Radfahrer in den USA eine Attraktion ist.

Dopingvorwürfe und Aberkennung der Titel

Lance Armstrong galt jahrelang als Dominator der Radsportszene. Zwischen 1999 und 2005 feierte er sieben Titel bei der Tour de France. Lange kursierten Dopingvorwürfe. Im Oktober 2012 erkannte der Radsport-Weltverband UCI die Titel dann ab, im Januar 2013 gestand Armstrong.

Seit 2001 stand Armstrong, unter Dopingverdacht. “Die französische Sporttageszeitung L’Équipe hatte im August 2005 berichtet, dass in sechs 1999 entnommenen Urinproben Epo gefunden wurde. Diese Proben konnten zweifelsfrei Armstrong zugeordnet werden, der 1999 zum ersten Mal die Tour de France gewann” (SZ 20.7.2011). Im Mai 2011 wurde bekannt, dass Armstrong inzwischen von vier ehemaligen Teamkollegen des Epo-Dopings vor einer amerikanischen Grand Jury bezichtigt wird. Eine positive Dopingprobe von ihm wurde bei der Tour de Suisse 2001 durch das vom IOC akkreditierte Lausanner Labor LAD (Laboratoire suisse d’analyse du dopage) festgestellt.

Die Causa Armstrong zeigt die Farce, wie Doping verschleiert wird - bis hin zum Internationalen Radsportverein UCI.

Radfahren und Prostatakarzinom

Radfahrer haben grundsätzlich kein wirklich erhöhtes Risiko für Prostatakrebs. Gleichwohl hat eine Studie unter männlichen Fahrradfahrern im Alter ab 50 Jahren gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen Prostatakarzinom und der Fahrradfahr-Dauer gibt. Die untersuchten Radler, die zwischen 3,75 und 8,5 Stunden pro Woche Fahrrad gefahren sind, hatten im Vergleich zu Radlern, die weniger als 3,75 Stunden pro Woche unterwegs waren, ein dreifach erhöhtes Prostatakarzinom-Risiko.

Die Gruppe, die über 8,5 Stunden pro Woche Fahrrad gefahren ist, zeigte sogar einen mehr als sechsfachen Anstieg der Diagnose eines Prostatakarzinoms. Ursächlich für das erhöhte Risiko können auch sogenannte perineale Traumen, also Verletzungen im Dammbereich, sein. Diese können zumeist eine erhöhte Turmorrate nach sich ziehen.

Prostataentzündungen und Spermienqualität

Prostataentzündungen (Prostatitis) sind hingegen eine bekannte Symptomatik bei Fahrradfahrern. Eine Prostatitis ist eine Entzündung der Vorsteherdrüse. Sie kann sowohl akut als auch chronisch auftreten und bakteriellen, aber auch nicht-bakteriellen Ursprungs sein. Radfahrende Männer, die eine Prostatitis gehabt haben, haben ein erhöhtes Risiko, an einem Prostatakarzinom zu erkranken.

Einen direkten Einfluss hat das Radfahren allerdings auf die Spermienqualität. Diese ist bei exzessivem Radfahren vermindert. Dies hat nach neuesten Erkenntnissen vermutlich mit der erhöhten Temperatur der Hoden während des Radfahrens zu tun. Schließlich sind auch Erektionsstörungen bei Radsportlern häufiger als bei Männern, die nicht im Radsport aktiv sind.

Ganz allgemein sollten sich Männer - und zwar nicht nur Radfahrer - regelmäßig einer Vorsorgeuntersuchung unterziehen. Bei rechtzeitiger Diagnose lässt sich Hodenkrebs gut behandeln. Je früher eine Behandlung eingeleitet wird, desto höher sind die Chancen auf Heilung.

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