Audi kauft Ducati: Eine Geschichte von Leidenschaft und Strategie

Die Deutschen lieben Italien. Warum also nicht dort einkaufen? Z.B. eine lange Tradition im Bereich der sportlichen Motorräder.

Der Deal

Der Volkswagen-Konzern denkt Medienberichten zufolge über den Verkauf von Ducati nach. Die italienische Motorradmarke war erst vor fünf Jahren für über 850 Millionen Euro als zwölfte Marke übernommen und Audi zugeschlagen worden. Über den Verkauf der Motorradmarke Ducati an einen deutschen Automobilhersteller war seit Anfang des Jahres spekuliert worden. Als mögliche Käufer wurden neben Audi auch Daimler und BMW ins Gespräch gebracht.

Am 16. April feierte VW-Patriarch Ferdinand Piëch seinen 75. Geburtstag. Sein schönstes Geschenk machte sich der VW-Patriarch selbst: Der Aufsichtsrat der Konzern-Tochter Audi segnet den Kauf der italienischen Motorradschmiede Ducati ab.

Natürlich geschieht der Deal im Namen des Konzerns, der VW-Tochter Audi genauer gesagt, und am Vorabend der VW-Hauptversammlung am Donnerstag segneten die Aufsichtsräte das Geschäft ab. Für schätzungsweise 860 Millionen Euro. Aber den Preis soll man nicht erfahren, es handelt sich ja um ein Geschenk: Der passionierte Ducati-Fahrer Piëch schenkt sich gleich das ganze Unternehmen.

Analysten sagen, Audi wolle mit dem Erwerb von Ducati noch näher an BMW und an dessen Motorrad-Domäne aufschließen, denn der Zweirad-Markt berge großes Potenzial. Für alle anderen ist Ducati einfach nur Kult. In den USA haben sie sogar das Röhren des Motors patentiert.

Ferdinand Piëch und seine Italien-Leidenschaft

Rational oder gar betriebswirtschaftlich ist die Übernahme der Firma, die im Bologneser Vorort Borgo Panigale Edelware für Premiumkunden fertigt, kaum zu erklären. Ducati ist fast ausschließlich eine Herzensangelegenheit des VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch und ein weiterer Beweis für dessen langen Atem.

An einem Juli-Tag im Jahre 1972 brach Ferdinand Piëch nach Italien auf. Sein Ziel: der Turiner Industriedesigner Giugiaro. Ein bisschen Italienisch lernen, die mediterrane Arbeitswelt kennenlernen - für den späteren Auto-Patriarchen war die Alpenüberquerung so etwas wie eine frühe Bildungsreise auf den Apennin. Wie so oft in jener Zeit ließ Piëch sein Auto in der Garage stehen. Stattdessen packte er das Gepäck für einen Monat auf eine Honda 750 - und fuhr in Richtung Süden.

Vierzig Jahre später, an der Spitze des Konzerns, erfüllt er sich seinen lang gehegten Wunsch: "Ein kleiner feiner Motorradhersteller würde gut zu uns passen", sagte Piëch 2008 in einem Interview. Und führte fort, dass er noch immer dem Jahr 1985 nachtrauere, als Ducati in Not war und man den Hersteller "für einen Apfel und ein Ei" hätte kriegen können.

Es gehe bei all dem nicht unbedingt um das, was betriebswirtschaftlich notwendig und finanziell lukrativ ist, sagen Branchenanalysten. Sondern um das neue Spielzeug eines Mannes, der schon viele Marken gekauft hat. Zuletzt Porsche und MAN. Wenn einer schon alles hat, dann geht es am Ende vor allem um eines: wahre Leidenschaften. Piëch und Italien, der Alte und seine Motorräder - es ist ein großes Capriccio. Zuerst kaufte er sich 1998 über die VW-Tochter Audi die italienische Supersportwagenmarke Lamborghini. Dann war vor zwei Jahren Giugiaro an der Reihe - jenes Designunternehmen, bei dem Piëch vor 40 Jahren sein italienisches Praktikum machte. Und nun also Ducati, die Edelmarke.

Ducati: Eine Marke mit Geschichte

Audi-Chef Rupert Stadler begründete die Kauf-Entscheidung: "Ducait gilt weltweit als Premiummarke unter den Motorradproduzenten und hat eine lange Tradition im Bereich der sportlichen Motorräder." Damit passt Ducati hervorragend zu Audi. sagt Rupert Stadler, Vorstandsvorsitzender der Audi AG im recht trockenen und kalkulierten Geschäfstssprech.

Angefangen hat alles im Keller eines Bologneser Mietshauses. 1926 war das, und Papa Antonio Ducati wollte Geschäfte machen mit den schnell patentierten elektrotechnischen Spielereien seines Sohnes Adriano: Der bastelte Radio- und sonstige Funkgeräte. Die Fabrik der Ducatis war 1944 so bedeutend, dass deutsche Truppen sie besetzten und zum Ende des Krieges zerstörten. Danach fingen sich die Ducatis wieder. Neben der Elektronik bauten sie jetzt einen Hilfsmotor für Fahrräder.

Seit damals geht’s mit Ducati hin und her. 1985 wechselt der Konzern zu Cagiva, einer italienischen Zweiradgruppe; Cagiva, nahezu pleite, verkauft ihn 1996 in die USA; die Finanzinvestoren der Texas-Pacific-Group wiederum geben Ducati 2006 für angeblich 390 Millionen Euro an den italienischen Finanzier Andrea Bonomi weiter - und der bietet Ducati heute deswegen feil, „weil es zwar eine perfekte Firma ist, zum weiteren Wachstum aber einen industriellen Partner von Weltrang braucht“.

Ducati hat gut tausend Beschäftigte und das Jahr 2011 mit einem Wachstum von 20 Prozent, einem Umsatz von 480 Millionen Euro und einem Nettogewinn von 110 Millionen Euro als das „beste der Firmengeschichte“ abgeheftet. Gegenüber den Japanern ist der Konzern aus dem Bologneser Vorort Borgo Panigale winzig: 42 000 Motorräder hat Ducati voriges Jahre gebaut, Honda hingegen drei Millionen. Bei BMW waren es 104 000.

Normalerweise ist in Italien der Aufschrei groß, wenn ein nationaler „Symbol-Konzern“ ins Ausland wechselt. Nun sieht man sich wieder einmal den „Tedeschi“ von VW gegenüber und bleibt ruhig.

Auswirkungen und Zukunftsperspektiven

Nach der Übernahme durch Audi soll damit jetzt Schluss sein. Konzern, heißt es weiter. Wir wollen nur, dass Ducati seiner Geschichte treu bleiben kann und erwarten uns auch in Zukunft Designs von italienischer Grazie. Solange die deutsche Handwerkskunst im Verborgenen bleibt, können wir die Zusammenarbeit nur begrüßen.

Auch sind die technischen Welten, die mit Ingolstadt und Bologna aufeinander prallen, so verschieden nicht. Im Gegenteil: ein interessanter technischer Austausch ist garantiert. Sowohl bei Audi als auch in der Entwicklungsabteilung von Ducati dreht es sich um automobile Themen der Zukunft: möglichst effiziente Hochleistungsmotoren, optimale Ausnutzung von begrenztem Hubraum, maximaler Leichtbau durch den Einsatz von neuen Werkstoffen wie Karbon.

VW könnte vor allem dann von Ducati profitieren, wenn man dort die Produktpalette ausweitet. Kompaktere, kleinere Maschinen, E-Roller für die Stadt könnten gebaut werden. Autokonzerne wie Daimler und BMW wittern hinter dem Verkauf von Zweirädern eines der Boom-Geschäfte der Zukunft. Elektrische Roller und Motorräder sind günstiger als Elektroautos und könnten deren Weg in die Großstädte in den kommenden Jahren allmählich vorbereiten.

Mit seiner neuen italienischen Tochter weitet Audi den Konkurrenzkampf zum größeren Oberklasse-Hersteller BMW, der ebenfalls Motorräder fertigt, auf ein neues Feld aus. Branchenexperten zweifeln allerdings am industriellen und ökonomischen Sinn der Akquisition. Spötter sprechen von einem Geschenk für VW-Patriarch Ferdinand Piëch zu dessen 75. Geburtstag am 17.April. Entsprechend beurteilt der renommierte Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen den Kauf: "Das ist eine reine Spielwiese für Piëch, eine nicht ernstzunehmende Neuerwerbung." Dudenhöffer verweist auf die Kosten nach dem Kauf: Audi müsse das Motorradgeschäft separat aufstellen, sich neue Kunden erschließen und eigene Vertriebsstrukturen schaffen.

Ducati: Kennzahlen im Überblick

Kennzahl Wert (2011)
Umsatz 480 Millionen Euro
Nettogewinn 110 Millionen Euro
Produzierte Motorräder 42.000

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