Wenn aus dem Auspuff einer Harley-Davidson Sportster nur ein müdes "Pffftpfffftpffft" entweicht, anstelle des erwarteten kernigen "Potatopotatopotato", dann ist Handlungsbedarf angesagt. Das Problem betrifft kaum ein anderes Fabrikat so sehr wie die US-amerikanischen Schwermetall-Motorräder. Dieser Testbericht beleuchtet sieben verschiedene Auspuffanlagen für die Sportster-Modelle.
Das Problem: Mangelnder Sound
Der Einstieg in die Harley-Welt beginnt bei etwa 8500 Euro für eine 883er Sportster. Für etwas mehr Hubraum ist die XL 1200 X (Forty-Eight) ab 10795 Euro erhältlich. Trotz des erschwinglichen Preises und des damit verbundenen Lebensgefühls - inklusive neidischer Blicke und beeindruckter Nachbarn - gibt es einen Haken: Der serienmäßige Sound der Sportster lässt zu wünschen übrig.
Zwar klingen auch die größeren Harley-Modelle serienmäßig eher langweilig, aber bei der Sportster fällt das Problem besonders auf. Dyna, Softail und Touring-Modelle haben serienmäßig Klappensysteme im Auspufftrakt, was den Sound etwas abmildert. Eine Sportster im Serientrimm klingt jedoch schlichtweg schlecht.
Das Problem ist weit verbreitet, da sich die aktuelle Sportster in Bezug auf den Auspuff kaum von Modellen des Modelljahrs 2004 unterscheidet. Zwar erhielt die Sportster 2007 eine Einspritzanlage, aber ein neuer Auspuff passt auch an ältere Modelle und umgekehrt. Zudem sind 883er und 1200er Modelle eng verwandt, was die Auswahl an Zubehörteilen erhöht. Wichtig ist jedoch, die Angaben der Auspuffanbieter zu beachten, da nicht alles, was technisch möglich ist, auch zulassungstechnisch in Ordnung ist, insbesondere hinsichtlich der Einhaltung der Fahrgeräuschwerte von 80 dB(A).
Schwierigkeiten bei der Testfeldzusammenstellung
Ein erster Versuch von MOTORRAD, ein interessantes Testfeld zusammenzustellen, scheiterte im Sommer 2012. Gründe dafür waren mangelnde Lieferfähigkeit, Desinteresse oder unprofessionelle Pressearbeit einiger Anbieter. Umso erfreulicher war es, dass beim zweiten Versuch auch Anbieter zusagten, deren Anlagen zuvor noch nicht serienreif waren. Die Teilnahme von Miller und Dr. Jekill & Mr. Hyde erwies sich als Glücksfall, da ihre Anlagen eindrucksvoll zeigten, was mit gut gemachten Auspuffanlagen an einer Harley möglich ist.
Die beiden Anlagen repräsentieren die Extreme in diesem Test: Die günstige Slip-on-Anlage von Miller, die auch von Hobbyschraubern montiert werden kann, und die Jekill & Hyde-Anlage mit elektronisch gesteuertem Klappensystem, die nur von Profis montiert werden kann und inklusive Einbau über 2000 Euro kostet.
Professionelle Unterstützung beim An- und Umbau
Für den professionellen An- und Umbau der Auspuffanlagen an der Forty-Eight holte sich MOTORRAD die Unterstützung von Lucas Schmidt von der Harley-Factory in Frankfurt. Schmidt, ein Experte mit langjähriger Erfahrung im Motorradbau, kümmerte sich auch um den Dynojet-Prüfstand, auf dem alle Anlagen ihre Leistung unter Beweis stellen mussten.
Die Testkandidaten im Detail
Im Folgenden werden die getesteten Auspuffanlagen detailliert beschrieben:
Harley-Davidson Original
- Material: Edelstahl
- Preis: 954 Euro
- Gewicht: 7,3 kg
- Bauart: Slip-on
- Fahrgeräusch dB (A): 80,0
- Plus: Elegante Form, sauber verarbeitet, passgenau gefertigt.
- Minus: Schwaches Sounderlebnis.
- Fazit: Die Originalanlage passt optisch gut zur Harley, aber die Soundkulisse ist dürftig.
- MOTORRAD-Urteil: Befriedigend
Akrapovic Slip-on
- Material: Edelstahl
- Preis: 1448,23 Euro
- Gewicht: 7,3 kg
- Bauart: Slip-on
- Fahrgeräusch dB (A): 89,4
- Plus: Aufwendig verarbeitet, toller Sound, bulliges Leistungsplus, passgenau und schnell montiert.
- Minus: Kratzempfindliche Oberflächen (in matter Ausführung), hält Fahrgeräusch-Grenzwert nicht ein.
- Fazit: Der Kantenlook ist Geschmackssache, aber Finish und Details sind ausgezeichnet. Die Fahrgeräusche sind jedoch zu laut.
- MOTORRAD-Urteil: Befriedigend
Jekill & Hyde Shorty Big Shot
- Material: Chromstahl
- Preis: ab 1639 Euro
- Gewicht: 7,6 kg
- Bauart: Slip-on mit Klappensteuerung
- Fahrgeräusch dB (A): 80,7
- Plus: Erstklassig verarbeitet, saubere Passform, irre Soundkulisse bei Einhaltung der Grenzwerte, tolle Leistungsentfaltung.
- Minus: Montage sehr aufwendig (Dauer in Fachwerkstatt nicht unter drei Stunden).
- Fazit: Das klappengesteuerte System überzeugt mit brachialem Sound und hält die Grenzwerte ein. Zudem sorgt es für eine fette Drehmomentwelle.
- MOTORRAD-Urteil: Sehr gut
Sebring Classic
- Material: Edelstahl
- Preis: 1150 Euro
- Gewicht: 5,4 kg
- Bauart: Slip-on
- Fahrgeräusch dB (A): 81,3
- Plus: Bis ins Detail sauber und ansehnlich verarbeitet, schnell und spannungsfrei zu montieren, Fahrgeräusche knapp über Limit.
- Minus: Sounderlebnis etwas mager, Leistungsausbeute dürftig.
- Fazit: Sieht aus wie die Serie, klingt fast wie die Serie und kitzelt nicht das wahre Potenzial aus der 1200er-Sporty heraus. Das Finish überzeugt.
- MOTORRAD-Urteil: Befriedigend
Termignoni HD 05
- Material: Edelstahl
- Preis: 929 Euro
- Gewicht: 5,6 kg
- Bauart: Slip-on
- Fahrgeräusch dB (A): 81,6
- Plus: Sattes Leistungsplus in der Drehzahlmitte.
- Minus: Anbau durch viele Kleinteile fummelig, Schrauben zum Teil zu kurz, dürftige Passform, nur unter Spannung zu montieren.
- Fazit: Termignoni punktet durch die fette Drehmomentausbeute, weniger durch einen packenden Sound. Die Passform ist mies.
- MOTORRAD-Urteil: Befriedigend
Zard Z HD 527 SKO-CR
- Material: Edelstahl
- Preis: ab 879 Euro
- Gewicht: 5,3 kg
- Bauart: 2-in-1-Komplettanlage
- Fahrgeräusch dB (A): 92,7
- Plus: Drehmomentstarke Landstraßenabstimmung, schön verarbeitete Oberflächen.
- Minus: Fahrgeräusche weit über dem Limit, Anbauteile z. T. ungenau gefertigt, Abstände z. T. knapp bemessen, verfärbt sich schnell.
- Fazit: Mit der Komplettanlage gewinnt die Sportster an Schub und Schräglage. In Sachen Sound sehr schrill und zu laut. Kleine Mankos beim Finish.
- MOTORRAD-Urteil: Gut
Testergebnisse im Überblick
Die folgende Tabelle fasst die Ergebnisse des Auspuffanlagen-Tests zusammen:
| Auspuffanlage | Leistung | Sound | Fahrgeräusch dB (A) | MOTORRAD-Urteil |
|---|---|---|---|---|
| Harley-Davidson Original | 48 kW/65 PS | Leise, verhalten | 80,0 | Befriedigend |
| Akrapovic Slip-on | +4,4 % | Kernig, bissig | 89,4 | Befriedigend |
| Jekill & Hyde Shorty Big Shot | +13,5 % | Vibrierend | 80,7 | Sehr gut |
| Sebring Classic | -0,4 % | Leicht bollernd | 81,3 | Befriedigend |
| Termignoni HD 05 | -0,8 % | Soft | 81,6 | Befriedigend |
| Zard Z HD 527 SKO-CR | +7,9 % | Krawallig | 92,7 | Gut |
Endwertung
Die preiswerteste Anlage im Test, Millers Silverado-Dämpferpaar, überzeugt mit einem guten Gesamtpaket aus Leistung, Drehmoment und moderatem Fahrgeräusch. Jekill & Hyde meistern die Geräuschhürde mit einem ausgefeilten Klappensystem und schöpfen noch einmal richtig Leistung aus dem V-Twin, was sich jedoch im Preis niederschlägt.
Interview mit Harley-Händler Thomas Trapp
Thomas Trapp, Geschäftsführer der Harley-Factory Frankfurt, gibt Einblicke in die Kundenbedürfnisse und Trends bei Auspuffanlagen:
- Jeder zweite Kunde ordert bereits beim Kauf der Neumaschine oder spätestens im Laufe der ersten Saison einen Zubehörauspuff.
- Für die Kunden ist der Sound am wichtigsten. Leistung, Marke und Preis sind meistens zweitrangig.
- Die Kunden sind durch den regen Informationsaustausch in den Internet-Foren bestens informiert.
- In der Harley-Factory werden nur legale Systeme verbaut.
- Der Trend geht klar zu elektronisch gesteuerten (Klappen-)Systemen.
Trapps abschließender Tipp: Behaltet unbedingt auch die Originalanlage, denn je älter eine Harley wird, desto mehr ist wieder ihr Originalzustand gefragt.
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