Nordrhein-Westfalen verfolgt das Ziel, Nahmobilität, das heißt insbesondere den Rad- und Fußgängerverkehr, gleichwertig neben den öffentlichen Personenverkehr und motorisierten Individualverkehr zu stellen. Sie sollen vor allem in Ballungsräumen mit starken zwischengemeindlichen Verflechtungen beziehungsweise mit staugefährdeten Pendlerstrecken eine Alternative zum motorisierten Individualverkehr bieten.
Was ist ein Radschnellweg?
Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich bei einem Radschnellweg um einen Weg, auf dem Radfahrer besonders schnell fahren können. Dadurch lassen sich auch Strecken von mehreren Kilometern zügig bewältigen, was die Attraktivität des Radfahrens deutlich steigert. Radschnellwege werden mitunter auch als „Radschnellverbindung“, „Fahrradautobahn“ oder seltener als „Schnellradweg“ bezeichnet.
Das dänische Sekretariatet for Supercykelstier definiert Radschnellwege, dänisch Supercykelstier, als Strecken, bei denen „den Bedürfnissen von Pendelnden höchste Priorität eingeräumt wurde“. Man versuche „Routen zu schaffen, die direkte Verbindungen sowie einen komfortablen und sicheren Service bieten“.
Kriterien für Radschnellwege
Die European Cyclists‘ Federation nennt mehrere Kriterien für einen Radschnellweg:
- Er sollte mindestens fünf Kilometer lang sein.
- Als Einbahnstrecke sollte er mindestens drei Meter breit sein, mit Radgegenverkehr mindestens vier Meter breit.
- Er sollte räumlich getrennt vom motorisierten und Fußgängerverkehr verlaufen.
- Er sollte keine extremen Gefälle oder Steigungen aufweisen.
- Er sollte so angelegt sein, dass Radfahrende nicht ständig anhalten müssen, um anderen Verkehrsmitteln Vorfahrt zu gewähren, sodass Durchschnittsgeschwindigkeiten von über 20 Kilometer pro Stunde erreichbar sind.
Ein Radschnellweg zeichnet sich durch folgende Kriterien aus:
- Ermöglicht Durchschnittsgeschwindigkeiten von 20 km/h
- Verlauf meist getrennt von Flächen anderer Verkehrsarten
- Mindestlänge von in der Regel fünf Kilometern
- Mindestbreite von drei Metern (einspurig) beziehungsweise vier Metern (zweispurig)
- Sichere und komfortable Kreuzungspunkte
- Hohe Belagsqualität und Verkehrssicherheit (z.B. durch Beleuchtung)
- Möglichst direkte Streckenführung ohne viele Umwege
- Wenig Zeitverluste durch Warten, Halten oder Beschleunigen
- Gute Einbindung in das übrige Radverkehrsnetz (inklusive Wegweisung)
Auf Radschnellverbindungen (RSV) sind die Wege besonders großzügig angelegt: Bei einer Fahrbahn für beide Richtungen sind Radschnellwege mindestens vier Meter breit. Wenn jede Fahrtrichtung einen eigenen Weg bekommt, ist dieser mindestens drei Meter breit. Die Radschnellwege sind ausschließlich dem Radverkehr vorbehalten. Dazu zählen auch E-Bikes und Pedelecs - es gilt allerdings eine Maximalgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern.
Vorteile von Radschnellwegen
Auf gut ausgebauten Radschnellwegen, auch Radschnellverbindungen genannt, kommt man rasch von A nach B. Der hohe Standard dieser Infrastruktur soll den Radverkehrsanteil vor allem von Pendlerfahrten auf Distanzen von bis zu 15 Kilometern erhöhen. Fahrradautobahnen können sowohl im Berufs- als auch im Freizeitverkehr flexibler machen.
Experten gehen davon aus, dass Radschnellwege die Verkehrssicherheit deutlich erhöhen. „Das sind die Autobahnen für Fahrrad und Pedelec“, sagt Luigi Ancona, Unfallforscher bei DEKRA. „Der Sicherheitsgewinn resultiert aus der Trennung von anderen Arten der Verkehrsteilnahme, dem guten Ausbauzustand mit ausreichender Fahrbahnbreite und angepasstem Fahrbahnverlauf sowie einer Minimierung von vorfahrtsberechtigtem Verkehr und Ampeln.“
Laut Erhebungen in Dänemark hat das Radschnellwegenetz dazu geführt, dass die Zahl der Radfahrenden um 23 Prozent gegenüber der Zeit davor gestiegen ist - und dass 14 Prozent dieser zusätzlichen Radfahrenden vom Auto aufs Rad umgestiegen sind.
Radschnellwege und Pendlerverkehr
Die Fahrradautobahnen sollen vor allem von der wachsenden Zahl von Berufspendlern genutzt werden. Menschen, die von einer Stadt in die andere oder von der Vorstadt ins Zentrum wollen, sollen einfacher mit dem Fahrrad von A nach B kommen können: Angesichts überlasteter Autobahnen, Luftverschmutzung und zu wenig Bewegung eine gute Sache.
Marcus Peter von der Technischen Universität Hamburg (TUHH) hat für die Metropolregion Hamburg analysiert, wo Radschnellwege Sinn machen. Er glaubt: "Eine solche Infrastruktur richtet sich vor allem an Personen in einem Bereich von fünf bis zehn Kilometern. Aber auch wenn der Durchschnitts-Pendler mehr als zehn Kilometer zu seinem Arbeitsplatz zurücklegen muss, die Investition in Fahrradautobahnen hält Peter für sinnvoll: "Im Bereich bis zu zehn Kilometer sehe ich ein großes Potenzial, das durchaus zu einer Entlastung des Straßenverkehrs insgesamt führen kann."
Eine Machbarkeitsstudie für das Projekt "Radschnellweg Ruhr" gibt Peter Recht: So könnten durch den über 100 Kilometer langen Radschnellweg täglich etwa 52.000 Pkw-Fahrten mit über 400.000 gefahrenen Kilometern eingespart werden. Außerdem könnten die mittlerweile weitverbreiteten E-Bikes dazu beitragen, dass die Radschnellwege von mehr Bürgern angenommen werden.
Herausforderungen und Kritik
Die konkrete Umsetzung eines Radschnellwegs gestaltet sich allerdings oft nicht einfach: Allein aus räumlichen Gründen kann es nicht überall einen Kreisverkehr auf einer Brücke geben, die allein Radfahrenden vorbehalten bleibt - so wie zwischen den niederländischen Städten Eindhoven und Veldhoven. Schwierig sind immer Stellen, bei denen die Radschnellwege Autostrecken kreuzen.
Allerdings sei der Etat auf ganz Deutschland verteilt viel zu klein: Ein Kilometer Schnellweg koste zwischen 0,5 und zwei Millionen Euro, mit 25 Millionen Euro könne man also lediglich zwölf bis 50 Kilometer bauen.
Innerstädtisch sind Radschnellwege allerdings meist nur mit hohem Aufwand oder mit geringeren Standards zu realisieren. Außerorts sind die Chancen oft besser und die Umsetzung günstiger.
Radschnellwege in Deutschland und Europa
Deutschland ist in der Umsetzung noch nicht so weit: Zwar sind mehr als 2.000 Kilometer Radschnellwege in Diskussion oder Planung, manche im Bau, fertiggestellt sind aber nur etwa drei Prozent. „Wichtig ist neben einer zügigen Realisierung, dass die Radschnellwege in ein ganzheitliches regionales Radverkehrsnetz eingebunden werden“, so Ancona.
Seit einigen Jahren bekommt die Idee der Radschnellwege immer mehr Zuspruch. Wer den Autoverkehr vor allem in Ballungsräumen reduzieren möchte, muss etwas dafür tun. Zum Beispiel die Bereitschaft zum Wechsel auf Rad oder Pedelec durch attraktive und sichere Strecken erhöhen. Und damit dieser Ansatz greift, müssen Kommunen über die unmittelbaren Ortsgrenzen hinausdenken. Hier setzt die Idee des Radschnellweges an: Als Pioniere gelten Dänemark, Belgien und die Niederlande, wo es teils schon vor 40 Jahren erste Bestrebungen gab.
Dänemark hat inzwischen mehr als 60 Radschnellweg-Routen mit einer Gesamtlänge von 850 Kilometern. Sie verbinden 29 Kommunen miteinander, vor allem um die Hauptstadt Kopenhagen. In den Niederlanden gibt es 70 Projekte für Radschnellwege, die sich in unterschiedlichen Stadien von der Diskussion bis zur Fertigstellung befinden - insgesamt rund 1.000 Kilometer. Im Großraum London sollen die Radschnellwege im vorläufigen Endausbau eine Länge von 450 Kilometern erreichen, manche Routen existieren bereits. Und in Belgien ist Flandern der Vorreiter bei Radschnellwegen. In der Region gibt es bereits ein 2.700 Kilometer langes Netz, knapp 100 weitere Projekte sind im Bau oder in der Planung. Häufig verlaufen die Strecken entlang von Bahnlinien, Wasserstraßen oder Autobahnen - und sind explizit als zwischenstädtische Reisestrecken gedacht.
Auch in Österreich gibt es bislang nur wenige Kilometer Radschnellwege, doch bis zum Ende des Jahrzehnts soll sich das ebenfalls grundlegend ändern. Allein Vorarlberg und Niederösterreich wollen Radschnellwege von jeweils 200 Kilometer Gesamtlänge anlegen.
Beispiele für Radschnellwege
Best-Practice-Beispiele: Bei Radschnellwegen gelten die Niederlande als Pionierland. Schon im Jahr 1980 gab es dort ein Pilotprojekt. Zum Oktober 2023 sind über 70 Routen fertiggestellt, gebaut oder geplant gewesen. Ein spektakuläres Beispiel für ihre störungsfreie Führung ist der Hovenring, der erste schwebende Kreisverkehr der Welt für Radfahrende. Im Westen und Osten ist er an das überregionale Radwegenetz angeschlossen.
Im Zuge der StVO-Novelle 2020 wurde die Verkehrszeichen 350.1 und 350.2 für Radschnellwege eingeführt.
Bislang sind Radschnellwege in Deutschland noch ein seltener Anblick, was allerdings auf viele Länder Europas zutrifft. Immerhin ein paar Radschnellwege sind in Deutschland bereits in Betrieb wie z. B. Radschnellweg Ruhr/RS1: ca. 18 km (Duisburg - Essen).
Die Landeshauptstadt München plant und baut aktuell innerhalb des Stadtgebiets eine 9,1 Kilometer lange Radschnellverbindung von der Innenstadt in Richtung Garching und Unterschleißheim. Die Strecke soll vom Karlsplatz (Stachus) über den Odeonsplatz entlang der Ludwig-, Leopold- und Ingolstädter Straße in den Landkreis München führen. Auch für die anderen fünf Radschnellwege nach Markt Schwaben, Oberhaching, Starnberg, Fürstenfeldbruck und Dachau ist bereits festgelegt, durch welche Straßenzüge sie innerhalb des Münchner Stadtgebiets verlaufen werden (siehe Verknüpfung "RSV im Geoportal").
Radschnellwege in NRW
Seit 2013 gibt es konkrete Pläne der Landesregierung, insgesamt sieben Radschnellverbindungen in NRW zu bauen. Durch sie sollen mehr Menschen vom Auto aufs Rad umsteigen und die Verkehrswende vorangetrieben werden. WDR-Recherchen zeigen jetzt, in welchem Ausmaß der Bau stockt.
Von dem insgesamt 116 Kilometer langen RS1 sind nach Informationen des NRW-Verkehrsministerium bis April 2024 gerade einmal 18 Kilometer fertig. Knapp fünf davon verteilen sich auf nicht zusammenhängende Abschnitte in Dortmund, Bochum und Gelsenkirchen. Teile der elf Kilometer langen Modellstrecke entsprechen laut einem Bericht des Verkehrsministeriums nicht den aktuellen Standards und müssen noch einmal überplant werden.
Auf den anderen sechs geplanten Radschnellwegen ist noch keiner der insgesamt etwa 160 Kilometer befahrbar und wird es in den kommenden Jahren auch nicht sein.
Der Nationale Radverkehrsplan
Der Nationale Radverkehrsplan (NRVP) der Bundesregierung setzt aus Sicht des ADAC richtige und wichtige Zielmarken. Es geht darin um die Förderung des Radverkehrs in Deutschland für die Zeit bis 2030. Wenn es gelingt, mehr Menschen zum Umstieg etwa vom Auto auf das Fahrrad zu bewegen, kann das die Städte von Verkehrsproblemen wie Staus und Parkplatzmangel entlasten. Mehr Radverkehr gewinnt auch als Beitrag zum Klimaschutz an Bedeutung. Deshalb begleitet der ADAC die Umsetzung des NRVP aktiv. Entscheidend ist der Ausbau der Radinfrastruktur: mehr, bessere und sicherere Radwege, ohne dem Autoverkehr den notwendigen Platz wegzunehmen.
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