Beiwagen Motorrad Geschichte und Typen in Leipzig

Leipzig war und ist ein Ort, an dem die Produktion von Fahrzeugen, Fahrzeugteilen und -baugruppen seit jeher eine besondere Stellung einnahm. Im Artikel soll anhand der Geschichte der Leipziger Seitenwagenhersteller - insbesondere der Firma Walter Stoye Fahrzeugbau - die internationale Bedeutung Leipzigs gerade in einer der ungewöhnlichsten Fahrzeugkategorien überhaupt - dem Motorrad mit Seitenwagen - herausgearbeitet werden.

Im Gegensatz zu Autos bestehen Motorräder aus weniger Material, sind wendiger, verbrauchen weniger Sprit und gewinnen gerade in den beiden letzten Jahrzehnten wieder an Bedeutung, da der Bezug zu den Imaginationen „Freiheit“ und „Sportlichkeit“ gegeben ist.

Der langjährige Autor Martin Franitza schreibt 1986 in seiner Publikation Seitenwagen und Gespanne 1905 bis 1985: „Das Konzept des Seitenwagens ist so alt wie das Motorrad. Die ersten Seitenwagen tauchten gegen Ende des letzten Jahrhunderts [d.h. des 19. Jhdt., Anm. d. Verf.] in Frankreich auf. […] Monsieur Bertoux montierte seine Erfindung allerdings noch an Fahrräder, da es zu diesem Zeitpunkt noch keine motorisierten Zweiräder gab“.

Im Jahr 1903 wurden die ersten - dem Verständnis von heute entsprechend - richtigen Seitenwagen durch die Gebrüder William John und Sidney Charles Graham in Großbritannien an Motorräder montiert. Nur wenige Zeit später setzten auch die Gebrüder Beißbarth in Süddeutschland sowie kurz darauf die NSU Motorenwerke in Neckarsulm dieses Konzept um. Die ersten deutschen Motorräder mit Seitenwagen waren also lediglich Kopien ihrer englischen Vorbilder.

Heute bezeichnen wir Gespanne als Motorräder mit Seitenwagen, die mehr oder weniger schnell voneinander trennbar sind, jeweils über eine eigene Karosserie verfügen und im Grundtyp das dritte Rad seitlich angebracht haben. Ausnahmen bestätigen aber auch hier die Regel.

Die Blütezeit der Motorräder mit Seitenwagen war die Zeit der späten 1920er bis Mitte der 1950er Jahre, zumindest in Westdeutschland. In der DDR gehörten bis 1990 MZ (Zschopau), aber auch Pannonia (Ungarn) und Jawa (Tschechoslowakei) Motorräder mit Seitenwagen zum normalen Straßenbild in Stadt und Land.

Der bzw. die Gespannfahrerin von heute ist und bleibt Exotin. Weltberühmte Unternehmen wie Steib Metallbau aus Nürnberg, welches bis 1989 existierte, stellten ihre Seitenwagenproduktion in den 1960er Jahren ein.

Und schlussendlich musste im Jahr 1990 auch der seit 1920 in Leipzig bestehende und seit 1925 mit Motorradseitenwagen beschäftigte Betrieb Fahrzeugbau Stoye Leipzig die Produktion einstellen und wurde durch die Treuhand an einen Autohändler verkauft.

Für das Motorrad mit dem dritten Rad an der Seite gibt es verschiedene Bezeichnungen. Die gängigsten sind: Motorrad mit Beiwagen bzw. Seitenwagen - die Gesamtkonstruktion nennt sich Gespann oder Motorradgespann.

In der 1949 entstehenden DDR gab es nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst noch mehrere Firmen, welche Seitenwagen bauten, bevor bedingt durch Verstaatlichung und Konzentrierung von Produktionsstandorten schließlich lediglich Stoye Fahrzeugbau in Leipzig übrigblieb.

Weitere Leipziger Seitenwagenhersteller

Neben der bereits erwähnten Firma Stoye Fahrzeugbau gab es in Leipzig noch weitere Hersteller von Seitenwagen:

  • Ahlborn Junior Leipzig (AJL): Zwischen 1909 und 1939 produzierte die Firma AJL Seitenwagen für Motorräder. Hergestellt und verkauft wurden desweiteren Autotransport- als auch Campinganhänger. Ein weiterer wichtiger Bereich der Firmentradition war seit jeher die Herstellung von Kegelbahnen, welche bis heute in Leipzig durch die Ahlborn Kegel- und Bowlingbahnbau GmbH im Stadtteil Alt-Lindenau ungebrochen fortgesetzt wird. AJL Seitenwagen konnten entweder rechts oder links an das Motorrad angebracht werden.
  • ARKI-Fahrzeugbau Arthur Kirchhoff: Anfang der 1930er Jahre verkaufte die Firma ARKI-Fahrzeugbau Arthur Kirchhoff Seitenwagen für links- und rechtsseitigen Anschluss. Auf dem Briefkopf des Schreibens vom 17.4.1933 ist ein dem Stoye Seitenwagen dieser Zeit ähnelndes Exemplar abgebildet. Fahrgestell, Schutzblech und Beleuchtung sind mit dem Stoyeseitenwagen identisch.
  • Alfred Jockisch (Juwel): Die Juwel Seitenwagen wurden von Alfred Jockisch in den Jahren 1929 bis ca. Ende 1940 in Leipzig-Mockau hergestellt. Juwel Seitenwagen konnten laut Prospekt für links- und rechtsseitigen Betrieb geliefert werden. Verbaut wurden sie unter anderem an BMW (Eisenach), DKW (Zschopau), Mabeco (Berlin), Opel-Motoclub (Brand Erbisdorf) und Tornax (Wuppertal) Motorrädern. Die Firma Alfred Jockisch baute nicht nur formschöne Seitenwagen, sondern war auch stets auf neue technische Entwicklungen und Seitenwagenkonzepte bedacht. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde aus der Seitenwagenfabrik ein Rüstungskonzern.
  • Krause Touren- und Sportseitenwagen: In der Zschocherschen Straße 37 soll um die Jahre 1929 und 1930 eine Firma namens Krause Touren- und Sportseitenwagen in Zeppelinform hergestellt haben. In einer Anzeige von 1930 sieht man einen Linksseitenwagen dessen Boot eine Holzgerippekonstruktion mit spitzem Heck aufweist. Die Abfederung erfolgte durch C-Federn.
  • Mozet-Apparatebau: Zwischen 1929 und 1934 wurden in der Alexanderstraße 11 in Leipzig (Zentrum-West) Seitenwagen durch die Firma Mozet-Apparatebau produziert bzw. verkauft. Der recht unbekannte Hersteller von Seitenwagen setzte alle seine Niederflurkarosserien auf Stahl, C-Federung und bot neben achteckigen Sportausführungen auch Sonnenlimousinen mit Rolldach, Schiebefenster und sogar wahlweise Auspuffheizung an.
  • Superia: Die Firma Superia welche in einer Verkaufsanzeige der Zeitschrift Das Motorrad Heft 20 vom 18.5.1929 den Bau bzw. Verkauf von Seitenwagen bewirbt- leider ohne Abbildung-bleibt wahrscheinlich noch lange ein Rätsel. Vertrieb bzw. Verkauf der Fahrzeugbau und Reparaturanstalt sollte durch einen Herbert Reichmeister in der Dimpfelstraße 37 in Leipzig Schönefeld erfolgen.
  • Fahrzeugbau Oswald Uhlig Eilenburg: Eine weitere Firma welche Seitenwagen baute und in Leipzig in der Lutherstraße 11 verkaufte ist der Fahrzeugbau Oswald Uhlig Eilenburg, welcher dort in der Kranoldstraße 23 seine Produktion hatte. Auf einem frühen Prospekt heißt es „Meine jahrelangen Erfahrungen als Mitarbeiter in [der] Fa. Fahrzeugbau Stoye-Leipzig haben dieses Fahrzeug zu einem Produkt reifen lassen, das Sie mit einem guten Gewissen Ihren werten Kunden anbieten können„.

Sportliche Erfolge und Gespannrennen

Seit Beginn der Produktion von Seitenwagen in Leipzig hat deren Erprobung und Einsatz auch und gerade im sportlichen Bereich stattgefunden.

So startete Walter Stoye mit seinem späteren Firmenkompagnon Johannes Mittenzwei mit dem ersten selbstgebauten Seitenwagen bereits am 26.7.1925 beim Preis der neuen Leipziger Zeitung. Durch die Teilnahme an einem solchen Rennen konnten Stoye und Mittenzwei bei den Mitgliedern des Leipziger Motorradclubs einen großen Eindruck hinterlassen.

Zwei Jahre später fuhr „Hans“ Mittenzwei mit einer 350er Schütthof (Chemnitz) mit seiner Ehefrau Käthe im Seitenwagen bereits weitere Erfolge ein, was die Reputation von Stoye in den dreißigern Jahren maßgeblich vergrößerte. In den folgenden Jahren begannen andere große deutsche Motorradhersteller bzw. Rennsportabteilungen und Rennfahrer_innen sich für Stoye Seitenwagen zu interessieren.

In der Schweiz sorgte ein Leipziger Rennfahrer bereits in den frühen 1930er Jahren für Aufsehen auf einem Motorrad mit Seitenwagen. Karl Reese schreibt in seinem 2011 erschienenen Seitenwagenbuch, dass der Leipziger Gespannrennfahrer Köhler 1934 erfolgreich beim Klausenpassrennen startete.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand das Stadtparkrennen in Leipzig lediglich nur noch zwischen 1950 und 1958 statt - insgesamt zehn mal, da 1952 mit dem Internationalen motorsportlichen Vergleichskampf der Freundschaft quasi zweimal gefahren wurde. Beim Rundkurs Rund um das Scheibenholz rangen selbstverständlich nicht nur Autos und Solomotorräder mit ihren Fahrer_innen um sportlichen Erfolg, sondern auch Motorradgespanne - was auf zeitgenössischen Bildern sehr eindrücklich festgehalten wurde.

Selbstverständlich beteiligten sich auch westdeutsche Fahrer rege am sportlichen Wettkampf um Erfolg, so zum Beispiel 1954 Willi Faust und Karl Remmert aus Fulda auf BMW (München) Gespann beim sechsten Leipziger Stadtparkrennen 1954.

Stoye Fahrzeugbau

Einer der bekanntesten und namhaftesten Anbieter von Seitenwagen ist die Leipziger Firma Fahrzeugbau Stoye. Ihre innovativen Produkte, darunter auch Anhänger und Motorradteile, lieferte sie an praktisch alle namhaften deutschen Motorradhersteller.

Der Firmengründer Walter Stoye begann 1920 mit einer kleinen Reparaturwerkstatt für verschiedenste Maschinen und Fahrzeuge. Mit Johannes „Hans“ Mittenzwei an seiner Seite wurden ab ca. In den späten 1930er Jahren gab es bei Stoye Fahrzeugbau Seitenwagen unterschiedlicher Preisklassen und Anforderungen.

„Stoye Seitenwagen - ein Begriff von Qualität und fortschrittlicher Konstruktion“ titelte man schließlich auf dem 1937er Prospekt selbstbewusst.

Nachdem die Produktion in der Kochstraße an ihre Grenzen gestoßen war, erfolgte 1928 der Umzug in die Leutzscher Straße 14 (der heutigen William-Zipperer-Straße, Stadtteil Alt-Lindenau) im Leipziger Westen. Doch war auch dort bald die Kapazität erschöpft und Anfang der 1930er Jahre erfolgte deshalb ein weiter Umzug in den Standort im Dösner Weg 19, wo bis zur Kriegszerstörung im Dezember 1943 insgesamt 60 Mitarbeiter die Produktion aufrecht erhielten.

Nach dem Ende des durch Deutsche begonnenen Zweiten Weltkriegs ergab sich mehr oder weniger durch einen Zufall eine günstige Gelegenheit für den zukünftigen Absatz von Stoye Seitenwagen aus Leipzig. Johannes Mittenzwei kannte den berühmten Rennfahrer Paul Greifzu, welcher wiederum bei der gerade neu gegründeten Sowjetischen Aktiengesellschaft AWTOWELO (Suhl) einen gewissen Einfluss hatte.

Dieses war seitenwagentauglich und schließlich konnte man den Generaldirektor Gawrilow davon überzeugen, dass eine Kombination des Stoyemodells SM mit diesem 12 PS Motorrad gewinnbringend sei.

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