Bell Fahrradhelm Test: Sicherheit und Komfort im Fokus

Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) weist darauf hin, dass sich Rad-Alleinunfälle in den vergangenen 15 Jahren mehr als verdoppelt haben, wobei schwere Kopfverletzungen bei Stürzen die häufigste Unfallfolge sind. Laut Deutscher Gesellschaft für Unfallchirurgie könnten 60 bis 70 Prozent der tödlichen Hirnverletzungen mit Kopfschutz vermieden werden. Fahrradhelme können schwere Kopfverletzungen verhindern und Leben retten.

Ein Helm, der nicht getragen wird, weil er nicht richtig passt, kann noch so gute Werte im Labor erzielen. Solange er nicht auf dem Kopf sitzt, kann schon ein kleiner Sturz schwere Folgen haben. Auf die Details kommt es an! Lässt sich der Helm nicht optimal einstellen, ist das ein Sicher­heitsrisiko.

Die richtige Passform ist fast so wichtig wie der Schutzfaktor. Extrem nervig: wenn die Brille mit dem Helm kollidiert!

Prüfstand für den Labortest

Ein Helm, der die Norm gerade so erfüllt, sollte für Biker keine Option sein. Je geringer die Beschleunigung, die bei einem Sturz auf den Kopf wirkt, desto kleiner ist auch das Verletzungsrisiko. Um die aktuelle Helmgeneration realitätsnah zu prüfen, haben wir in Eigenregie einen Helmprüfstand entwickelt und uns dabei an den in der Wissenschaft und von forschenden Herstellern eingesetzten Methoden orientiert.

Für den Test wird der Helm auf einen 4,9 Kilogramm schweren Prüfkopf aus Aluminium angepasst. Helm und Kopf werden beim simulierten Sturz auf einem Schlitten geführt und treffen mit 21 km/h auf eine im Winkel von 45 Grad geneigte Stahlfläche auf. Der Schlitten saust an der Auflagefläche vorbei und gibt den Helm frei, der nach dem Aufprall wegspringt.

Schleifpapier in 40er-Körnung imitiert die Rauheit des Untergrunds - damit gehen wir analog zu den Prüfeinrichtungen Virginia Tech, Folksam und anderen Forschungseinrichtungen vor. Ein Sechs-Komponenten-Sensor im Prüfkopf zeichnet Beschleunigung und Drehraten um die drei Achsen im Raum beim Aufprall und in der sich anschließenden Flugphase auf.

Im ersten Anlauf trifft der Helm frontal auf, im zweiten auf der Seite. Die Beschleunigung werten wir nach dem größten resultierenden Wert aus - je niedriger, desto besser. Angegeben wird der Mittelwert aus vier Messungen. Die Kopfrotation rechnen wir um zum BrIC (Brain Injury Criterion), das aussagt, wie schädlich die Bewegung für das Gehirn ist.

Die Belüftung der Helme testen wir mit einem starken Gebläse, das die Strömung auf bis zu 30 km/h beschleunigt. Der erhitzte, behelmte Kopf wird der Strömung ausgesetzt, und wir ermitteln die Kühlleistung. Diese geht mit 20 Prozent in das Endurteil ein, das Gewicht des Helms mit 15 Prozent.

Alternative Rotationssysteme

Neben MIPS finden sich im Test noch drei weitere Technologien zur Reduzierung von Rotationskräften.

Smartshock / 100%

Zwischen Helmschale und Polster sind kleine, bewegliche Elastomere integriert. Die Smartshock-Puffer sollen Stöße absorbieren und die bei einem schrägen Aufprall auftretende Rotationsenergie ableiten. Auf dem Prüfstand zeigt Smartshock keine überzeugende Wirkung.

WaveCell / Bontrager

WaveCell ist eine komprimierbare Zellstruktur an der Innenseite der Helmschale. Bei einem Aufprall verbiegen sich die Zellen, werden dann komprimiert wie ein Stoßfänger und sollen sich schließlich verschieben, um die Energie vom Kopf wegzuführen. Das System liegt unter dem Durchschnitt der MIPS-Werte.

360˚ Turbine / Leatt

Kleine, um 360 Grad bewegliche Scheiben aus flexiblem Kunststoff an der Innenseite der Helmschale sollen lineare Stöße um bis zu 30 Prozent dämpfen und Rotationsbeschleunigung um bis zu 40 Prozent verringern. Im Vergleich zu Helmen mit MIPS liegt das Risiko einer Gehirnerschütterung deutlich höher.

Zahlen, Daten, Fakten

Die Tabelle zeigt die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Biker, bei dem von uns simulierten Sturzszenario eine mittlere Gehirnerschütterung erleiden würde. Diese lässt sich aus den gemessenen Drehbewegungen (BrIC, Brain Injury Criterion) errechnen. Der Zusammenhang zwischen BrIC und der Wahrscheinlichkeit einer Gehirnerschütterung (nach AIS-Code) ist nicht linear.

Das Risiko für eine Gehirnerschütterung liegt zwischen 6 und 44 Prozent. Bei Helmen mit MIPS haben wir ein Risiko einer Kopfverletzung von im Schnitt 16,2 Prozent ermittelt. Im Vergleich beträgt das Risiko bei Modellen ohne MIPS 35,5 Prozent. MIPS senkt das Risiko, eine Gehirnerschütterung zu erleiden, deutlich, allerdings abhängig vom verbauten System.

Alle Helme im Test bleiben bei den Beschleunigungswerten, also den Kräften, die bei einem Aufprall noch auf den Kopf wirken, weit unterhalb der Norm (250 g). Die Spanne reicht jedoch von 84,2 g (Specialized) bis zu 129,7 g (Endura) und zeigt, dass die Helme durchaus unterschiedlich gut schützen.

Ein Zusammenhang zwischen reduzierter Rotationsbeschleunigung und guter Stoßdämpfung ist aber nicht festzustellen. Der IXS Trigger AM lieferte im letzten Test 2020 bereits ähnliche Beschleunigungswerte, damals allerdings noch ohne das MIPS System. Die Rotationswerte waren nahezu doppelt so hoch.

Tabelle: Risiko einer Gehirnerschütterung bei den Test-Helmen

HelmtypRisiko einer Gehirnerschütterung (mit MIPS)Risiko einer Gehirnerschütterung (ohne MIPS)
Helme mit MIPS16,2% (im Schnitt)-
Helme ohne MIPS-35,5% (im Schnitt)

Interview mit Christiane Reckter, TÜV-Ingenieurin

BIKE: Gibt es ein Sicherheitsproblem bei Bike-Helmen?

CHRISTIANE RECKTER: Nein, es gibt fast keine Probleme mit Helmen. Wenn doch, hängen sie meist mit der falschen Trageweise zusammen. Der Helm ist zum Beispiel in den Nacken geschoben, die Stirn ungeschützt, der Kinnriemen nicht geschlossen usw. So kann ein Helm natürlich nicht wirksam schützen. Demnach ist die Passform enorm wichtig. Super wichtig!

BIKE: Wenn’s keine Probleme mit Helmen gibt, scheint der Norm-Grenzwert streng genug.

CHRISTIANE RECKTER: Das kann man so nicht sagen, denn leider lassen die Beschleunigungswerte keinen konkreten Rückschluss auf das Verletzungspotenzial zu - nach dem Motto: 80 g = Gehirnerschütterung, 50 g = Kopfschmerzen.

BIKE: Wie lassen sich die Ergebnisse dann bewerten?

CHRISTIANE RECKTER: Je kleiner der Beschleunigungswert, desto besser dämpft der Helm. 100 g machen einen riesigen Unterschied.

BIKE: Wann muss ein Helm aus Altersgründen ausgetauscht werden?

CHRISTIANE RECKTER: In der Richtlinie steht, dass ein Helm nach fünf Jahren ausgetauscht werden muss. Das heißt aber nicht, dass der Helm aufgrund von Materialalterung nach fünf Jahren nicht mehr sicher ist. Der kann selbst nach 20 Jahren noch genauso gut schützen.

MIPS - so funktioniert es

Wissenschaftliche Forschungen belegen, dass das Gehirn besonders empfindlich auf Rotation reagiert. Durch MIPS soll die Rotationsenergie bei einem Aufprall verringert werden, indem die reibungsarme MIPS-Schale (gelb) ein zum Kopf versetztes Gleiten des Helms ermöglicht. So wird Rotations- in Translationsenergie umgewandelt.

Inzwischen gibt es verschiedene Ausführungen des MIPS, die eine relative Rotation zwischen Helm und Kopf von 10 bis 15 Millimetern zulässt. Im Test lag die Wahrscheinlichkeit, mit einem mit MIPS ausgestatteten Helm eine Gehirnerschütterung zu erleiden (nach AIS-Code) im Schnitt bei ca. 16 Prozent.

Diese MIPS-Systeme gibt es

Essential

Essential oder das klassische MIPS mit gelber Schale, dem sogenannten LFL (Low Friction Layer), kommt besonders bei Volumenmodellen oder günstigen Helmen zum Einsatz. Es wird durch kleine Elastomere im Helm gehalten. Im Test haben wir BrIC-Werte zwischen 6 und 26 Prozent gemessen.

Evolve Core

Evolve Core sitzt wie Essential zwischen Helmschale und Polster. Eine exakter auf den jeweiligen Helm abgestimmte Passform des LFL soll die Belüftung verbessern und das Gewicht reduzieren. Scott, Julbo oder Troy Lee etwa setzen auf das System, erzielen damit aber nur mäßig gute Werte.

Air

Hier ist der Rotationsschutz nahezu unsichtbar in die Helmpolsterung integriert. Das spart Gewicht und beeinträchtigt die Belüftung nicht durch eine zusätzliche Schicht. Die Gleitschicht sitzt hier an der Innenseite der Polster. IXS und Specialized erzielen damit gute Werte im Test.

Spherical

Bell und Giro setzen auf eine aufwändige Konstruktion, die bei anderen Herstellern Integra Split heißt. Die Helme bestehen aus zwei separaten Schalen, die gegeneinander verdrehbar sind. Die Konstruktion ist aufwändig und teuer. Beide schützen im Test auf gutem Niveau.

Integra Fuse

Integra Fuse verschmilzt das ehemals Poc-eigene SPIN-System mit MIPS. Hier befindet sich in den Polstern eine Art Silicon, das sich in alle Richtungen bewegen kann. Ähnlich wie bei MIPS Air sollen die Vorteile geringes Gewicht und gute Belüftung sein. Der Rotationsschutz jedenfalls ist sehr gut.

Bell Fahrradhelme im Detail

Bell aus Amerika hat ein großes Angebot an Fahrradhelmen. Angesprochen werden dabei alle denkbaren Zielgruppen - von Kids über Freizeitradler bis hin zum ambitionierte Bikern aus der Amateur- oder Profiszene.

Helme für Kids

Das Angebot an Kinderhelmen findet sich auf der Bell-Homepage unter dem Label „Cycling Kids“. Grob kann man es in zwei Bereiche teilen. Zum einen gibt es Modelle in klassischer Bauform, sprich: Die Schale ist länglich und verfügt über mehrere in Stromrichtung laufende Lüftungskanäle. Und zum anderen enthält das Sortiment einige Halbschalenhelme. Letztere punkten dabei mit dem größeren Coolness-Faktor - andere Details sind hingegen eher suboptimal.

Die Preise liegen zu guter Letzt zwischen 20 und 50 EUR und damit innerhalb der üblichen Grenzen.

Freizeitradler und Speed Racing

An Freizeitradler wendet sich Bell mit den Modellen der Sektion „Recreational“. Wichtigste Charakteristika sind moderate Preise (50 bis 60 EUR), viele Lüftungsöffnungen und einige Extras - etwa LED-Leuchten und Reflektoren am Heck, ein Gitter zum Schutz vor Insekten oder ein einhändig bedienbares Verstellrad.

Wesentlich spezieller hingegen sind die Modelle, die sich unter dem Stichwort „Pavement“ verbergen. Sie richten sich an alle, die bevorzugt auf dem Rennrad sitzen, dabei ordentlich Gas geben und ein hohes Maß an Aerodynamik erwarten. Die Helme sind noch leichter (250 bis 300 Gramm) und schnittiger, zudem verfügen sie über mehr Lüftungsschlitze.

Ein solcher Aerohelm eignet sich folglich nur für Triathleten oder ambitionierte Einsteiger und Amateure in die Speedszene.

MTB, Downhill und BMX

Abgeschlossen wird das Sortiment von den sogenannten „Dirt“- und den „BMX“-Helmen. Bei ersteren findet man sowohl Modelle in klassischer Bauform als auch einige Full-Face-Exemplare (ca. 80 bis 140 EUR), die sich für härtere MTB-Touren oder für waghalsige Downhill-Läufe eignen. Das Gewicht beträgt hier meist um die 1.000 bis 1.100 Gramm, die Noten für Sitz, Tragekomfort, Handling und Stabilität wiederum sind für gewöhnlich solide.

Schließlich führt der Hersteller auch für diese Zielgruppe Halbschalenmodelle im Programm, die nicht nur wesentlich leichter sind, sondern auch weniger stark das Sichtfeld und die Bewegungsfreiheit einschränken.

Im Folgenden werden einige Bell-Fahrradhelme im Detail verglichen:

ModellHelm-TypGeeignet fürGrößeGewichtBesonderheiten
Bell Super 3RFullface- & BMX-HelmErwachsene, HerrenM (55-59 cm)784 gAbnehmbarer Kinnbügel, sehr gute Belüftung
Bell Super AirFullface- & BMX-HelmErwachsene, UnisexM (55-59 cm)640 gAbnehmbarer Kinnbügel, große Augenöffnung
Bell 4fortyAllround-HelmErwachsene, UnisexM (55-59 cm)300 gVerstellbare Sonnenblende
Bell SixerAllround-HelmErwachsene, UnisexM (55-59 cm)395 gSehr gute Belüftung, Snap-In-Kamerahalterung
Bell TrackerAllround-HelmErwachsene, UnisexEinheitsgröße (54-61 cm)289 gSehr leichter Allround-Helm, abnehmbare Sonnenblende

Weitere getestete Fahrradhelme

Uvex Urban Planet LED

Der Uvex Urban Planet LED bietet dank seiner tiefergezogenen Bauweise zusätzlichen Schutz im Heck- und im Schläfenbereich. Für die Anpassung des Helms an die Kopfform und an die Kopfgröße setzt Uvex auf eine klassische Verstellschraube an der Rückseite des Helms. Die individuelle Größenanpassung ist sowohl in der Höhe als auch in der Weite möglich.

Im Inneren des Helms ist eine Art dünnes Netz angebracht. Dies fungiert beim Tragen als Insektenschutzgitter. Außerdem schmiegt es sich an die Schädeldecke und vermittelt ein sehr angenehmes Gefühl. Die Außenschale besteht aus Polycarbonat, innen kommt ein sehr fester Schaum zum Einsatz.

Die Gurtbänder reflektieren, um nachts die Sichtbarkeit zu verbessern. Genau wie das Kinnpolster sind diese ebenfalls aus Recyclingmaterial gefertigt. Die Längenanpassung der Gurtbänder gelingt blitzschnell über zwei Kunststoffverschlüsse, die nach oben geklappt bzw. nach unten heruntergedrückt werden.

Uvex Finale Visor

Wenn die Insekten fliegen, die Sonne knallt, der Regen peitscht oder der Wind pfeift, ist der Uvex Finale Visor das optimale Modell, denn er verfügt über ein klappbares Visier. Vorn, an den Seiten und in der Mitte ist der Finale Visor weich gepolstert. Tragekomfort und Passform des Uvex-Helms sind vorzüglich.

Außenhaut und Innenschutz gehen nahtlos ineinander über. Es gibt keine störenden Nähte oder hässliche Klebereste. Das Visier lässt sich ohne Kraftaufwand mit einer Hand sauber herunterklappen oder wieder nach oben schieben. Wichtig für Brillenträger: In den meisten Fällen darf die Sehhilfe auf der Nase bleiben.

Auf der Rückseite des Helms ist ein LED-Licht integriert. Durch einen leichten Druck wird dieses eingeschaltet, zur Auswahl stehen Dauerlicht und Blinklicht. Die Leuchteinheit kann aus dem Helm genommen werden, die Stromversorgung erfolgt mittels Knopfzelle. Das hat den Vorteil, dass man das Licht nicht aufladen muss.

Abus Pedelec 2.0

Der Abus Pedelec 2.0 hat einen Regenschutz integriert, der hinten in einem Geheimversteck untergebracht ist. Nasse Haare im Regen gehören somit der Vergangenheit an. Klappt man diese mit etwas Kraft nach unten, so öffnet sich ein Geheimversteck mit einer schwarzen Regenhaube. Diese wird über den Helm gezogen und vorne mit zwei Gummibändern unten eingehakt. Das dauerte im Test nur wenige Sekunden.

Den Pedelec 2.0 gibt es zusätzlich in einer teureren MIPS-Variante (Multi-directional Impact Protection System), bei der der Helm bei bestimmten Aufprallgeschehen schädliche Rotationsbewegungen reduzieren soll, die andernfalls auf den Kopf des Trägers übertragen werden könnten.

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