Das beste Rennrad der Welt im Test

Was ist das beste Bike, um den Giganten der Provence zu bezwingen? Es gibt Orte, die einen sofort in ihren Bann ziehen, und dann gibt es den Mont Ventoux. Er erhebt sich mit seinen 1909 Metern, fast schon trotzig, als einsamer Riese aus der Provence.

Moderne Allround-Race-Bikes kratzen an der magischen 6,8-kg-Marke, sind aero-optimiert und versprechen zusätzlich Komfort. Doch reicht das aus, um den berüchtigten Mont Ventoux zu dominieren und die reinen Kletterspezialisten hinter sich zu lassen?

Ein Berg, der seit 1951 die Tour de France prägt, ein Berg, der Geschichten von Triumphen und Niederlagen erzählt und schon lange eine Pilgerstätte des Radsports ist. Zusammen mit dem Col du Tourmalet in den Pyrenäen, der Bergankunft in Alpe d’Huez und dem Col du Galibier in den Hochalpen zählt der Mont Ventoux zu den berüchtigsten Anstiegen der prestigeträchtigsten Rundfahrt.

1600 Höhenmeter auf 21 km. Peitschender Wind, die Sonne im Nacken und Radsport-Geschichte wohin man schaut. Ein monumentaler Anstieg an dem Legenden geschrieben wurden und ein Gipfel, der schon lange auf unserer Test-Location Bucket-List steht.

Durch seine exponierte Lage machen ihn die teils extremen Windverhältnisse und die schattenlose Hitze der Geröllwüste besonders schwierig. Die maximale Windgeschwindigkeit von 320 km/h haben wir zum Glück nicht erlebt. Die Nordflanke des Bergs ist Anfang April immer noch vereist.

Da geht’s rauf!? - Eine Mischung aus Hype und Ehrfurcht macht es schwer, die ersten Kilometer nicht zu überpacen. Eine scharfe Kurve beendet das Warmfahren abrupt und führt auf einen 9 km langen, knackigen Anstieg durch den Wald. Die Steigungsanzeige auf dem Radcomputer schwankt zwischen 9 und 14 %.

Eine kurze Pause am Chalet Reynard, und weiter geht es auf den letzten Kilometern zum Gipfel. Hier begegnet man World Tour-Profis und Hobby-Athleten in ihrer Pain-Cave, Opi’s auf Klapprädern und Pärchen auf Tandems mit einem fetten Grinsen im Gesicht. Jeder mit einem eigenen Mindset und unterschiedlichen Ansprüchen an sich selbst und das eigene Bike.

Oben angekommen, vereint ein roter Kopf und die Passion für den Radsport alle, die es hoch geschafft haben. Für Pogi’s KOM mit 59 Minuten und 57 Sekunden hat es nicht ganz gereicht, was wir auf Christophs Platten und den Stopp für die kalte Cola am Chalet Reynard schieben 😉.

Die weit gezogenen Kurven, der hervorragende Grip auf dem trockenen Asphalt und die langen Geraden verleiten dazu, den Finger von der Bremse zu lassen. BAM. Ein Knall reißt uns aus dem Flow.

Die exponierte Straße schlängelt sich den Südhang entlang und wird immer wieder von einem kräftigen Seitenwind erfasst. Im Bistrot angekommen, verdrängen wir Laktat und Adrenalin mit Espresso aus unserer Blutbahn und füllen die leeren Speicher mit Pain au Chocolat wieder auf.

Darüber, dass das ein echter Bucket-List-Ride war, müssen wir nicht diskutieren, aber was hat ihn so gut gemacht? Hier beginnt unsere Arbeit, die über das stumpfe Gegenüberstellen von Prüfstandsmessergebnissen hinausgeht und euch echte Fahreindrücke und Bewertungen unserer erfahrenen und divers aufgestellten Testcrew bietet.

Ist das Gewicht wirklich immer noch der heilige Gral für Spaß am Berg? Welchen Unterschied machen Geometrie, Handling und Ausstattung? Um herauszufinden, ob reine Climbing-Bikes mittlerweile von den Vorteilen leichter Allround-Racer abgehängt werden und um aufzudecken, welcher Fahrertyp mit welchem Bike am meisten Spaß hat, haben wir vier der aktuell heißesten Bikes für den Titel “King of the Mountain” an den Start gebracht und die Südrampe des Mont Ventoux rauf und runter gejagt.

Unsere Testberichte gehen über das Quartett-artige Vergleichen von Tretlagersteifigkeit und Gewicht hinaus. Wir betrachten das Bike als Gesamtsystem voller Wechselwirkungen und Abhängigkeiten, das wir im Kontext des Einsatzgebiets und den Vorlieben verschiedener Fahrertypen bewerten und einordnen.

Wer sich schon mal den Traum erfüllt hat, eine Tour zu fahren, die schon seit Jahren im Kopf rumschwirrt, weiß, wie groß die Unterschiede zum gewohnten After-Work-Ride-Out sein können. Der monatelange Hype, die minutiös geplante Route und der angeheizte Gruppenchat in den Wochen vor dem Trip sorgen für Spannung, hohe Erwartungen und eine Menge Vorfreude.

Das Letzte, was man an einem so besonderen Tag möchte, ist ein Bike, das nicht so will wie man selbst. Klar, bei einem Anstieg von 1600 Höhenmetern sind eine leichtfüßige Beschleunigung und ein knackiger Antritt am Berg besonders wichtig.

Hier spielt die Gewichtsverteilung des Bikes, das Trägheitsmoment der rotierenden Masse und natürlich auch das Gesamtgewicht eine entscheidende Rolle. Das Handling ist die Königsdisziplin eines Fahrtests und der ausschlaggebende Faktor, in welchen Situationen ein Bike funktioniert.

Beim Herausfahren des Handlings achten wir darauf, wie agil ein Bike auf einer Skala von verspielt bis träge ist. Wie präzise es sich in der Kurve verhält und wie direkt Lenkimpulse umgesetzt werden.

Besonders gute Bikes finden dabei den Sweetspot zwischen Agilität und Laufruhe und verfügen über ein präzises und direktes Kurvenverhalten, ohne nervös oder schwammig zu werden. Gerade in den Bergen und auf schnellen Abfahrten in exponierter Lage ist die Seitenwindanfälligkeit ein Sicherheitsfaktor, der schnell für unschöne Schreckmomente sorgen kann.

Bedingt durch das Handling, die Seitenwindanfälligkeit, aber auch die Verarbeitungsqualität und die Performance der Anbauteile, sind die Kontrolle über und das Vertrauen in das Bike ausschlaggebend für das Sicherheitsgefühl und die Motivation, die eigenen Grenzen auszutesten. Ein nervöses Rad kostet viel Energie und Konzentration und lenkt vom eigentlichen Erlebnis ab. Rennradfahren ist per se schon riskant; unsicheres Material ist hier fehl am Platz.

Wer komfortabel sitzt, ist länger schnell und muss weniger Strapazen durchstehen. Gerade auf langen, harten Touren kann der Komfort den Unterschied zwischen einem Epic Ride und einer legendären Tortur machen.

Eine höhere Compliance sorgt für eine bessere Kontrolle auf Abfahrten und eine langsamere Ermüdung der Haltemuskulatur. Die Quintessenz aus Handling, Geschwindigkeit, Kontrolle, Komfort, Optik, Haptik und Funktionalität. Mehr ein Gefühl als ein quantifizierbarer Wert.

Die Testkandidaten am Mont Ventoux

Welche Bikes kommen bei einem Shootout am Mont Ventoux überhaupt in Frage? Wir haben uns dazu entschieden, vier Bikes mitzunehmen - vom sehr leichten Kletterspezialisten, weit unter dem UCI-Gewichtslimit, bis zum sportlichen Allround-Racer knapp darüber.

Von der Ausstattung schenken sich die vier Anwärter nichts. Alle kommen im Top-Spec mit Shimano Dura-Ace oder SRAM RED und auch optisch machen alle vier Bikes klar, dass sie nicht zum Bummeln hier sind. Dieser absolute Performance-Anspruch schlägt sich allerdings auch im Preis nieder.

  • Specialized Tarmac SL8: Das Specialized Tarmac SL8 ist das schnellste Bike der Amerikaner und bekannt für seine beeindruckende Aero-Performance und Leichtbauweise. In Kombination mit einem hohen Maß an Komfort soll es ideal für lange, anspruchsvolle Strecken sein. Wie schlägt sich das teuerste Bike im Shootout am legendären Mont Ventoux?
  • Canyon Ultimate CFR Di2 Aero: Das Canyon Ultimate CFR Di2 Aero kombiniert Leichtgewicht und Aero-Effizienz und ist mit seinen 6,72 kg das zweitleichteste Bike im Vergleich. Mit 50 mm tiefen Aero-Laufrädern verspricht es eine perfekte Balance aus Fahrstabilität und Geschwindigkeit. Als Allround-Race-Bike steht es somit klar in der Aero-Ecke.
  • Giant TCR Advanced SL: Das Giant TCR Advanced SL ist ein absoluter Kletterspezialist und mit nur 6,5 kg leichter, als die UCI erlaubt! Und das trotz 40 mm tiefer Aero-Laufräder und Scheibenbremsen! Mit seiner Effizienz und perfekten Abstimmung für steile Anstiege will es seine Klasse am legendären Mont Ventoux unter Beweis stellen.
  • Storck Aerfast.5 Pro: Klingt wie ein Handicap für einen Test am Mont Ventoux, aber wie groß sind die Unterschiede wirklich? Die jüngste Generation des Aerfast versteht sich als lupenreiner Aero-Spezialist. Wie der Vorgänger hegt auch das Aerfast.5 Ambitionen auf den Titel des schnellsten Serienrades im TOUR-Test. Dafür zieht Storck alle Register: Neben dem Rahmen-Set mit flächigen Rohrformen sticht der “Rote Blitz” durch Einfach-Antrieb, extrem hohe Carbonlaufräder und neuerdings auch Aeroreifen hervor.

Details zum Storck Aerfast.5 Pro

Das Mono-Kettenblatt ohne Umwerfer bringt ein paar Watt im Windkanal, begrenzt aber das Gangspektrum. Die Rechnung geht auf, im dritten Anlauf ist die Rekordjagd von Storck von Erfolg gekrönt.

198 Watt benötigt das Aerfast.5 Pro, um den eigenen Luftwiderstand bei 45 km/h zu überwinden. Nie war ein Rennrad im TOUR-Test schneller. Bislang führte das Simplon Pride II mit 199 Watt die Bestenliste an.

Das aerodynamisch schnellste Set-up ist zwar eines der schwersten im Feld, aber absolut konkurrenzfähig und mehrere Hundert Gramm leichter als vergleichbar windschlüpfige Renner.

So pfeilschnell und antrittsstark das Aerfast.5 über den Asphalt brettert, so unnachgiebig reagiert es auf Unebenheiten. Bemerkenswert ist der Einfluss des aero-optimierten Vorderreifens von Continental, der den Boliden spürbar stabilisiert und weniger anfällig auf Seitenwind reagiert.

Diskutabel ist der Einfach-Antrieb. Der Bedienungs- und Wartungsfreundlichkeit steht das begrenzte Gangspektrum gegenüber. Schon für welliges Terrain ist der kleinste Gang mit 50/33 Zähnen schlicht zu dick.

Weiteres Alleinstellungsmerkmal ist der kurze Radstand, wodurch sich das Storck quicklebendig um Kurven steuern lässt. Highspeed! Das Storck Aerfast.5 Pro bringt seine PS vom Windkanal eindrucksvoll auf die Straße.

Mit 8799 Euro ist die getestete Variante sehr fair kalkuliert und deutlich günstiger als die fast identisch ausgestattete Team Edition. Deren Aufpreis von 1600 Euro sei einer höheren Carbonqualität geschuldet, so Storck. Räder mit Zweifach-Getrieben starten bei 6299 Euro.

Nach oben sind kaum Grenzen gesetzt, an der Spitze steht eine limitierte Edition zu Storcks 60. Geburtstag ab rund 13.000 Euro.

Storck Aerfast.5 Pro: Die wichtigsten Infos

Preis: 8799 Euro
Gewicht Komplettrad: 7,3 Kilo
Aerodynamik: 198 Watt
Rahmengrößen: XS, S, M, L, XL, XXL (Testgröße gefettet)
TOUR-Note: 1,9

Nach vielen tausend Höhenmetern, rasanten Abfahrten und vergossenem Blut, Schweiß und Espresso haben wir ihn auserkoren: den King of the Mountain, das beste Rennrad für lange Tage mit epischen Aussichten. Aus dem Testfeld konnte ein Bike herausstechen, das uns besonders motiviert hat, die eigenen Grenzen auszutesten.

Ein Bike, bei dem wir konstant das Gefühl hatten, genau das richtige Tool für den Job dabei zu haben, das uns nur positiv überrascht hat und unterm Strich den meisten Fahrspaß auf die Straße bringen konnte. Ja, selbst bei langen Touren am Berg sind aerodynamische Optimierungen spürbar.

Gerade bei leichten Steigungen kann man davon profitieren, und auch mit tiefen Laufrädern kommt man sehr gut den Berg hinauf. Da grob 75 % des Gesamtluftwiderstands vom Fahrer verursacht wird, bestimmt vor allem die Position auf dem Bike die Höchstgeschwindigkeit bei der Abfahrt.

Eine zu aggressive Geometrie, die den Fahrer in eine tiefe Sitzposition zwingt, sorgt allerdings für einen immensen Komfortverlust bergauf. Gewicht ist zwar wichtig, wenn es um die Zeit geht, in der eine Masse durch eine gewisse Kraft an Höhe gewinnen kann.

Die 600 Gramm Unterschied zwischen dem leichtesten und schwersten Bike waren aber nicht ausschlaggebend für den Testsieg. Wer Gewicht einsparen möchte, sollte dies vor allem an rotierenden Teilen tun. Statt des Gewichts war es vor allem die Geometrie der Bikes, die für Unterschiede gesorgt hat.

Eine auf lange Kletterpassagen ausgelegte Geometrie macht einen echten Unterschied im Komfort, in der gefühlten Effizienz der Kraftübertragung und in der tatsächlichen Power auf dem Pedal.

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