Biker Gang Bandidos: Geschichte in Deutschland

Die Biker-Welt lässt sich für Außenstehende oft nur schwer vom kriminellen Milieu der „Rocker“ im polizeilich relevanten Sinn abgrenzen, auch wenn diese Abgrenzung wesentlich ist. Der Begriff „Rocker“ wird dabei als Synonym für Angehörige von OMCG bzw. sog. Onepercenter verwendet. Die große Mehrheit friedlicher Clubs zeichnet sich durch den hauptsächlichen Fokus auf eine geteilte Leidenschaft fürs Motorradfahren aus sowie einen mit dieser Leidenschaft einhergehenden Lebensstil, der zum Beispiel regelmäßige Ausfahrten mit Gleichgesinnten, die intensive Pflege des Motorrads oder kulturelle Aspekte wie bestimmte Kleidung oder den Konsum bestimmter Musik umfassen kann.

Mitglieder von OMCG mögen die o.g. Aspekte grundsätzlich teilen, treten jedoch im Gegensatz zur großen Mehrheit der oben charakterisierten Motorradclubs regelmäßig mit Straftaten, vornehmlich Körperverletzungs-, Erpressungs- und Bedrohungsdelikten und nicht selten in unterschiedlichen Erscheinungsformen der organisierten Bandenkriminalität in Erscheinung, so u.a. in den Bereichen der Drogen- und Waffenkriminalität. Der deutsche Aussteiger Ulrich Detrois etwa hatte über die Welt der OMCG Folgendes zu sagen: „Ihre Interessen sind […] vor allem materiell: Viele ihrer Mitglieder weltweit betreiben Drogen-, Waffen-, oder Menschenhandel, andere beuten Prostituierte aus. Und so machen sie Profit. Nicht wenige gehen dabei über Leichen“.

Während dies früher undenkbar war, kommt es heute vor, dass Mitglieder von OMCG im Einzelfall kein Motorrad und womöglich nicht einmal einen entsprechenden Führerschein besitzen. OMCG und ihre Mitglieder sind aber auch in legalen Geschäftsbereichen aktiv. Hierzu zählt vor allem das Sicherheits- und das sogenannte Rotlichtgewerbe oder das Betreiben von Tattoo-Shops. Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Clubs werden oft mit besonders hoher krimineller Energie durchgeführt und fordern nicht selten erheblichen Personenschaden. In den legalen wie den illegalen Geschäftsbereichen spielen regelmäßig Revieransprüche und daraus resultierende Streitigkeiten eine Rolle.

Charakteristisch für OMCG sind streng hierarchisch geführte Organisationsformen, eine in der Regel hohe Gewaltaffinität und das Fehlen jeglicher Kooperation mit Strafverfolgungsbehörden, ähnlich des für viele Erscheinungsformen organisierter Kriminalität typischen Schweigegebots, im ursprünglichen Sprachgebrauch der italienischen Mafia der sog. „Omerta“.

Die Mitglieder von OMCG bezeichnen sich traditionell als „Brüder“. Nach außen verdeutlichen sie ihre enge Verbundenheit durch das Tragen ihrer Kutten mit den darauf befindlichen Aufnähern, den sogenannten „Patches“, aber auch mittels Tätowierungen mit oft spezifischer Bedeutung. Rockergruppierungen werden vor diesem Hintergrund häufig als Phänomen der Organisierten Kriminalität beschrieben. Levi verortet OMCG im Oxford Handbook of Organized Crime auf der Ebene der sog. pseudomafiösen Strukturen.

Ursprung und Entwicklung des OMCG-Begriffes

Die Geschichte des OMCG-Begriffes begann im Jahr 1947: Am amerikanischen Nationalfeiertag kam es auf einem Motorradtreffen in Hollister im US-Bundesstaat Kalifornien zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Teilnehmern und der Polizei, die große Aufmerksamkeit in Öffentlichkeit und Medien fanden. Unmittelbar nach den Ausschreitungen soll die American Motorcycles Association (AMA) erklärt haben, dass 99 Prozent der US-amerikanischen Motorradfahrer rechtschaffene Bürger seien. Diese Erklärung wird als Geburtsstunde der „Onepercenter“ betrachtet, die sich selbst als gesetzlos („Outlaws“) bezeichnen und auf ihren Kutten ein „1%“-Symbol tragen, das sich direkt auf die Erklärung der AMA bezieht und sie sichtbar von den darin bezeichneten rechtschaffenden Bürgern abgrenzen soll.

1948, ein Jahr nach den Ausschreitungen in Hollister, wurde das erste Charter des Hells Angels MC mit dem Symbol des geflügelten Totenkopfes in San Bernadino, ebenfalls im US-Bundesstaat Kalifornien, gegründet. Ein erstes europäisches Charter der Hells Angels, deren Name an eine Kampffliegereinheit des Zweiten Weltkriegs angelehnt ist, wurde nach jahrelanger Expansion 1969 in London gegründet, 1973 folgte in Hamburg das erste deutsche Charter. 1966 entstand der traditionell mit dem Hells Angels verfeindete Bandidos MC, der nach dem Hells Angels MC als zweitgrößte Rockergruppierung weltweit gilt.

Während sich die meisten der o.g. kriminellen Aktivitäten ihrem Wesen entsprechend überwiegend im Verborgenen abspielen, zogen OMCG in zurückliegenden Jahren nicht zuletzt auch in Deutschland wegen einer Zunahme gewalttätiger Auseinandersetzungen mittels Hieb- und Stichwaffen, aber auch unter Einsatz von Schusswaffen und Sprengstoff, die vielfach unter verfeindeten OMCG stattfanden, öffentliche und mediale Aufmerksamkeit auf sich. Derart offen ausgetragene Macht- und Revierkämpfe sind naturgemäß geeignet, das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung erheblich zu beeinträchtigen. Die Sicherheitsbehörden reagierten u.a.

Die Rockerszene als Subkultur

Damit das Zusammenleben in einer Subkultur - wie auch in der übergeordneten Gesellschaft - reibungslos funktioniert, werden innerhalb einer Subkultur Richtlinien geschaffen, die für die Mitglieder bindend, zugleich aber zumindest teilweise inkompatibel mit den Regeln der Bezugsgesellschaft sein können. Gemeinsame Werte zielen auf gruppenintern als erstrebenswert anerkannte Zustände und Verhaltensweisen ab, die das Leben miteinander vereinfachen und den Erhalt der Gruppe gewährleisten sollen. Aus Werten werden meist konkrete - geschriebene wie ungeschriebene - Normen abgeleitet, die dem Einzelnen signalisieren, welche Verhaltensweisen in welcher Situation von ihm konkret erwartet werden (sog.

Entsprechend sind auch Mitglieder von OMCG durch ein solches eigenes Regelwerk verbunden, das sie gleichsam von der übergeordneten Gesellschaft abgrenzt. Sie prägen zudem auch einen besonders charakteristischen Stil. In der öffentlichen Wahrnehmung gehören dazu wohl Lederwesten mit Clubaufnähern, Tätowierungen, lange Haare oder Bärte, martialisches Auftreten, harte Rockmusik und traditionell sicher auch die obligatorischen schweren Motorräder bzw. Chopper. Ein solcher Stil ist sowohl Identifizierungs-, als auch zusätzliches sichtbares Abgrenzungsmerkmal, er verstärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitglieder und signalisiert zugleich die bereits angesprochene Abgrenzung von den Normen der übergeordneten Gesellschaft und die Zugehörigkeit zur Subkultur auch unmissverständlich an Außenstehende.

Gleichzeitig hat diese Zugehörigkeit für Außenstehende oft auch einen diffusen Charakter, da sich die genannte Symbolik, wie bereits oben angesprochen, nicht immer ohne Weiteres von der Symbolik abgrenzen lässt, die gleichsam mit der großen Mehrheit polizeilich nicht relevanter Motorradclubs assoziiert wird, zumal eindeutige Zuordnungsdevotionalien wie das o.g. „Onepercenter“-Patch nicht ohne Weiteres von jedermann erkannt werden. Das Werte- und Normensystem der OMCG korrespondiert mit dem Ausdruck zugespitzter Maskulinität und Härte.

Die Rolle der Frau in der OMCG-Subkultur

Stil und Selbstverständnis der OMCG wirken sich unmittelbar auf deren Sicht auf die Rolle der Frau aus. Spezifische, der OMCG-Subkultur immanente Werte wie Stärke, Mut und expressive Männlichkeit, aber auch Gewaltbereitschaft und unbedingte Loyalität werden in der Welt der OMCG immer wieder getestet, das Bekennen dazu wird - einschließlich entsprechender Demonstrationen - offensiv eingefordert. Traditionell geht damit oft auch, gleichsam als subkultureller „Wert“ ein extremer Ausdruck weiblicher Inferiorität einher.

Der US-amerikanische Anthropologe Daniel Wolf schreibt dazu: „Der männliche Chauvinismus wird als Teil des Macho-Ideals kultiviert: Männliche Dominanz und Aggressivität werden durch weibliche Passivität und Unterwürfigkeit ergänzt, vor allem im Bereich der sexuellen Befriedigung. Die asymmetrische Qualität der sexuellen Beziehungen spiegelt die Art und Verteilung der Macht in der Rocker-Subkultur wider.“ Zahlreiche subkulturelle Bräuche und Zeremonien involvieren folgerichtig Frauen, wobei die ihnen zugeschriebene Inferiorität demonstrativ zur Schau gestellt wird.

Besonders deutlich kann das etwa im Rahmen von Aufnahmeritualen sichtbar werden: „Das erste Ritual, dem viele Outlaws unterworfen wurden und eines, dass sie verständlicherweise nie vergessen haben, war die Einweihung in einen Club. Neben anderen Prüfungen musste der Neuankömmling in einigen Gangs ein „Schaf“ mitbringen, wenn er zur Mitgliedschaft überführt wurde. Ein Schaf ist eine Frau, die dann während der Aufnahme Sex mit jedem Mitglied der Gang hatte.

In der Literatur vor allem aus den 70er und 80er Jahren, einer Zeit der weltweiten Expansion von OMCG, finden sich ferner Schilderungen von Frauen, die zu Gruppensex gezwungen wurden, wenn sie etwa ihrem Mann Widerworte gaben, sein leeres Bier nicht rechtzeitig bemerkten oder bei der Aufgabe scheiterten, sein Motorrad sauber zu halten. Bestenfalls werden Frauen in OMCG demzufolge in der Regel als eine Art Begleiterin geduldet, die dem Mann zu Diensten ist, keinesfalls aber als potenziell gleichwertiges Mitglied angesehen. Ihre Rollen sind beschränkt entweder auf die der festen Partnerin einzelner Mitglieder (meist „Old Ladies“ genannt) oder die eines allgemein verfügbaren „Lustobjekts“.

Diese traditionell im subkulturellen Jargon auch als „Mamas“ bezeichneten Frauen werden quasi als Clubeigentum betrachtet und müssen aus Sicht der Mitglieder dauerhaft und jederzeit für jedes Mitglied „verfügbar“ sein: „Es gab eine kleine Gruppe ungebundener Frauen, doch ihnen gestanden die Männer keine wirkliche Würde oder Identität zu […] Sie galten allgemein als verfügbar.“ Sie sorgen nicht nur für die sexuelle und sonstige Befriedigung der eigenen Mitglieder, sondern dienen mitunter auch als „Gastgeschenk“ für Mitglieder anderer Clubs; in der Literatur ist neben den sog.

Eine „Old Lady“ zu sein bedeutet dagegen die wohl höchstmögliche Stellung als Frau innerhalb einer OMCG erreicht zu haben. Im Gegensatz zu den „Mamas“ ist die Zugehörigkeit der jeweiligen Frau hier auf ein Mitglied beschränkt. Die Frau ist damit für die übrigen Mitglieder grundsätzlich „tabu“. Doch der Status einer Old Lady bedeutet keineswegs immer, ein selbstbestimmtes Leben zu führen: „Ein Mann könnte von seiner Old Lady verlangen, dass sie sich für ihn prostituiert. Im Rahmen der o.g. Untersuchung konnten zu diesen Aspekten auch szenekundige Beamte aus dem für die Bearbeitung von Rockerkriminalität zuständigen Dezernat des LKA Berlin befragt werden. Die dortigen Erfahrungen in der Bundeshauptstadt korrespondieren mit den bisherigen Darstellungen.

Anziehungskraft auf Frauen

Vor diesem gesamten Hintergrund stellt sich die Frage, warum sich Frauen überhaupt zu OMCG hingezogen fühlen, sich scheinbar freiwillig eine solche Rolle zuweisen lassen. Ein wichtiger Grund dürfte neben der demonstrativ überzogenen „Männlichkeit“ und einer wie auch immer verwegenen „Bad Boy-Erotik“ sicher auch die Perzeption von persönlicher und materieller „Macht“ sein. So heißt es Beispielweise in einem Artikel der Neuen Züricher Zeitung: „Der Gangster verkörpert die Gesetzlosigkeit. Er ist ein Outlaw, der wie ein Mann von Welt durchs Leben geht, aber in der Unterwelt verkehrt. Er hat Geld, versammelt Macht. Das steigert seine kriminelle Erotik […]“.

Allerdings muss dabei unterstrichen werden, dass manche Frauen für diese Art von Zugehörigkeit bereit sind, sich in gefährliche Abhängigkeitsverhältnisse zu begeben und offenbar schwerste Demütigungen und auch physische Verletzungen in Kauf zu nehmen. Entromantisiert auf den Punkt gebracht handelt es sich um eine Art generelles und allgegenwärtiges Einschüchterungskapital, über das Rocker in der Regel verfügen. Sie pflegen eine Aura, die von patriarchalischer Dominanz und zugleich von nonkonformistischer Rebellenhaftigkeit geprägt ist.

Lesley Cooper, Professorin für soziale Arbeit an der australischen Universität Wollongong, hat dies gemeinsam mit Margaret Bowden von der australischen Flinders Universität, die auf Krankenpflege und Hebammenwesen spezialisiert ist, in einer Studie von 2006 wie folgt zusammen gefasst: „Frauen, die mit den Gangs assoziiert sind, neigen dazu, illegale Drogen zu konsumieren und werden häufig dazu gezwungen, Sex anzubieten, um etwa Schulden zu bezahlen oder Betäubungsmittel, Nahrung oder Unterkunft zu erhalten. Sie erleben ein hohes Maß an sexueller Gewalt in Form von Zwangspraktiken, ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit unterschiedlichen Partnern und auch Vergewaltigungen, die sie einem erheblichen Risiko körperlicher und seelischer Verletzungen aussetzen, darunter W...

Chronologie der Bandidos in Deutschland

Datum Ereignis
Mitte November 1999 Der Bandidos MC hält Einzug in Deutschland durch den Übertritt des Ghostriders MC.
November 2006 Ein Großeinsatz der Polizei verhindert eine Schlacht zwischen Hells Angels und Bandidos bei Cottbus. Waffen und schusssichere Westen werden sichergestellt.
Februar 2010 Die Bandidos um den Weddinger Boss Kadir P. laufen zu den Hells Angels über, was europaweit für Aufruhr sorgt.
Mai 2010 Frank Hanebuth (Hells Angels) und Peter Maczollek (Bandidos) unterzeichnen ein Friedensabkommen in Hannover.
Mai 2012 Kurz vor dem Verbot durch den Senat lösen sich die Bandidos in Weißensee sowie die Angels um Kadir P. und André S. auf.
Juli 2012 Bandidos aus Skandinavien werden mit Sprengstoff in Rostock gestoppt, auf dem Weg nach Berlin, um einen Bandidos-Überläufer zu ликвидиieren.

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