BMW Motorrad Italien: Eine Geschichte von Aufstieg und Fall

Die Geschichte von BMW Motorrad in Italien ist eng mit der Marke Husqvarna verbunden. Ursprünglich bekannt für Sport- und Geländemaschinen, erlebte Husqvarna unter der Ägide von BMW eine wechselvolle Zeit.

Der Beginn einer neuen Ära

Im Jahr 2007 verkündete BMW-Motorradchef Herbert Diess ehrgeizig: „Mit den auf den sportlichen Wettbewerb zielenden Husqvarna-Modellen können wir das Angebot schneller auf jüngere Käufergruppen sowie auf den gesamten Offroad- und Supermoto-Bereich ausdehnen.“ Drei Jahre später wollte Klaus Allisat, der im September 2010 Chef von Husqvarna geworden war, bei den Motorrädern das wiederholen, was im Pkw-Geschäft mit Mini gelungen war: die Wiederbelebung eines Mythos und die Schaffung einer attraktiven Motorrad-Einsteigermarke.

2007 lief das Motorradgeschäft insgesamt prächtig, auch bei der Konkurrenz, und selbst im Nischengeschäft mit Offroad- und Sportmaschinen. Husqvarna war zwar klein, hatte aber in Ländern wie den USA, Australien oder Italien durchaus beachtliche Marktanteile. Doch ähnlich wie bei Mini war der Sanierungsbedarf enorm.

Ein BMW-Manager erinnert sich angesichts der antiquierten Anlagen: „Die Verhältnisse, unter denen in Biandronno produziert wurde, waren höflich umschrieben abenteuerlich“. 2007 habe zudem noch nicht einmal mehr die Versorgung mit Teilen funktioniert. Ein Branchenexperte sagt: „BMW hat damals im Grunde nur einen Markennamen plus Grundstück bekommen, mehr nicht.“

Angesichts dessen erscheint der kolportierte Kaufpreis von 100 Millionen Euro, den BMW gezahlt haben soll, reichlich hoch. Doch die Münchner wollten unbedingt ins Offroad-Geschäft vorstoßen. Ein BMW-Motorradmann sagt: „Da erschien uns ein Zukauf immer noch die günstigere Variante, als die entsprechenden Modelle selbst zu entwickeln“.

Strategiefehler und Managementprobleme

Die Mitarbeiter von Husqvarna warfen BMW grobe Management- und Strategiefehler vor, die die Marke heruntergewirtschaftet hätten. Als die Rechnung in München nicht aufgegangen sei, habe man die Zweiradtochter nur noch loswerden wollen, egal wie.

Zwischen 2008 und 2012 häufte Husqvarna einen Nettoverlust von insgesamt mehr als 240 Millionen Euro an. Den Münchnern sei der Sanierungsbedarf bald aufgefallen, weshalb Unternehmensberater nach Biandronno geschickt wurden. Diese krempelten die Produktion um, den Einkauf, orderten neue Software und veranstalteten Workshops, die den Teamgedanken fördern sollten. Doch nicht wenige Husqvarna-Mitarbeiter verdrehten die Augen und schimpften hinter vorgehaltener Hand über „Geldverschwendung“.

Zweifellos ließ sich BMW die Beraterbonanza einiges kosten. 2011 beliefen sich die Honorare für externe Berater auf 16 Millionen Euro. Die gesamte Husqvarna-Belegschaft kostete nur 15 Millionen Euro.

Die Italiener kritisieren, dass auch was die Technik angeht, sonst sicheres Terrain für die Münchner, BMW kräftig danebengelegen habe. So wurde beschlossen, für Husqvarna-Maschinen Motoren des taiwanesischen Herstellers Kymco zu verwenden. Bei BMW kam der Kymco-Antrieb bereits beim Modell G 450 X zum Einsatz.

BMW-Kunden mögen den Motor akzeptiert haben, das Echo der Husqvarna-Klientel auf den Antrieb sei vernichtend gewesen, sagen die Italiener. Ein Husqvarna-Mitarbeiter sagt: „Das hat unser Image auf dem Markt komplett ruiniert, der Motor war einfach nicht leistungsfähig genug“.

Den größten Fehler von BMW sehen die Italiener allerdings im Strategieschwenk, der Entscheidung, den Offroad-Spezialisten zum Hersteller von Straßenmaschinen zu machen. Husqvarna habe das Nuda-Projekt rund zehn Millionen Euro gekostet, obwohl das Model bereits größtenteils von BMW entwickelt worden war. Die Entwicklung der Enduro-Maschine 630 habe demgegenüber ein Fünftel gekostet. Die Idee mit der Nuda 900 zündete nicht. 2012 stellte Husqvarna insgesamt rund 11.400 Motorräder her - weit entfernt von der Zielmarke von 30.000 und deutlich weniger als 2008, dem ersten kompletten Jahr unter Leitung von BMW.

Verkauf an KTM und das Ende in Italien

Im Januar wurde Husqvarna von BMW an den KTM-Gesellschafter Pierer Industrie AG verkauft. Die Österreicher zögerten nicht lange, die Produktion in Italien einzustellen. Das Werk dient künftig als Ersatzteillager.

Als die Belegschaft in diesem Jahr vom geplanten Verkauf an KTM erfuhr, reagierte sie geschockt. Ein Mitarbeiter klagt: „BMW hätte wissen müssen, dass die Österreicher kein Interesse daran hatten, die Produktion in Italien fortzusetzen“. Ein Zweiter sagt am blockierten Werkstor: „Sie haben einem unserer Konkurrenten Geld gegeben, damit er die Fabrik schließt und die Marke nach Österreich mitnimmt“.

Ende 2012 klopfte BMW bei dem norditalienischen Motorradhersteller MV Agusta an. Der hatte Husqvarna schon einmal besessen und neues Interesse, nicht zuletzt an dem Know-how der Mitarbeiter. MV-Agusta-Chef Giovanni Castiglioni, der vom Verkauf an KTM völlig überrascht wurde und sich darüber heute noch ärgert, sagt: „Da hat sich BMW nicht korrekt verhalten“.

Alles was im Werk in Biandronno geblieben ist, sind 102 unverkaufte Motorräder, fein säuberlich geordnet nach Modell, Rahmennummer und Kennzeichen.

Die Reaktion der Mitarbeiter

Die Protestaktion in dieser Woche war das letzte Aufbäumen der 230 Beschäftigten des Motorradbauers. Nach ihrem Abzug ist für die legendäre Marke von Sport- und Geländemaschinen Schluss in Italien. Dann gibt es für die meisten nur noch „Cassa Integrazione“, Unterstützung vom Staat. Für ein Jahr einige Hundert Euro pro Monat.

Ein Mitarbeiter sagte störrisch: „Wenn wir schon nicht mehr gebraucht werden, dann wollen wir ihnen wenigstens zusätzliche Kosten einbrocken“. Wer mit „ihnen“ gemeint ist, verrät ein rotes Leintuch, das die Belegschaft an einen Balkon gehängt hat. Darauf steht: „Husqvarna ... Killed by BMW and KTM“.

Die Wut der Mitarbeiter richtet sich weniger gegen KTM, sondern vor allem gegen BMW. Ein Mitarbeiter erinnert sich: „Aber gemeldet hat sich am Ende keiner“, sagt er bitter.

Die Liste der Vorwürfe, die die Italiener den Bayern machen, ist lang. Bewährte Zulieferer seien durch deutsche Lieferanten ersetzt worden. Statt bei einem Zulieferer in der Region wurden Schrauben bei Berrang in Mannheim eingekauft. Mitarbeiter behaupten, eingespart habe man dadurch so gut wie nichts. Einer sagt, bei einigen Materialien hätten sich die Kosten sogar verdoppelt - „die Logistik nicht mitgerechnet“.

Aus der Bilanz lässt sich jedenfalls kein gehobenes Sparpotenzial erkennen. Die Materialkosten verschlangen regelmäßig mehr als 80 Prozent des Umsatzes. 2008, also ein Jahr nach der Übernahme durch BMW, waren es rund 83 Prozent, im vergangenen Jahr sogar 87 Prozent.

BMW Motorrad im Motorsport

BMW Motorrad blickt auf eine ereignisreiche Motorsportgeschichte zurück. Rudolf Schleicher erzielt am 2. Februar beim Bergrennen auf der Mittenwalder Steig die Tagesbestzeit und schreibt sich damit als erster Sieger in die Motorsportgeschichte der Bayerischen Motoren Werke ein. Mit Schleicher, Franz Bieber und Rudolf Reich gehen bei der Stuttgarter Solitude drei BMW Werksfahrer an den Start und gewinnen jeweils in ihren Klassen. Josef Stelzer wird Deutscher Meister in der Viertelliter-Klasse.

Ernst Jakob Henne stellt auf einer 750er BMW mit einer Höchstgeschwindigkeit von 216,75 km/h den ersten von 76 Geschwindigkeits-Weltrekorden auf BMW Motorrädern auf. Das BMW Team gewinnt für Deutschland 1933 erstmals die Nationenwertung bei der Internationalen Sechstagefahrt in Llandrindod, Wales.

Georg Meier gewinnt 1939 in der gleichen Kategorie als erster Nicht- Brite die Senior TT bei der Tourist Trophy auf der Isle of Man. Walter Zeller verpasst 1956 nur extrem knapp den Gewinn des Weltmeister-Titels in der 500-cm3-Klasse. Sein zweiter Rang ist bis heute die beste Platzierung eines Deutschen in der „Königsklasse“ des Motorradrennsports.

Mit Boxer-Einspritzern erringt BMW 19 von 21 möglichen Fahrer- und 20 Markentitel bei den Weltmeisterschaften im Seitenwagensport. Allein das BMW Team Klaus Enders und Ralf Engelhardt ist zwischen 1967 und 1974 sechsmal erfolgreich.

Steve McLaughlin (USA) gewinnt auf einer BMW R 90 S mit den 200-Meilen- Rennen von Daytona den Saisonauftakt, Reg Pridmore (USA) wird auf der gleichen Maschine Saisonsieger und damit erster US-Superbike-Champion.

Die BMW-Piloten Sainct, Oscar Gallardo (ESP), Jimmy Lewis (USA) und Jean Brucy (FRA) belegen die ersten vier Plätze in der Motorradwertung der Rallye Paris-Dakar. BMW Motorrad gewinnt in der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft die Superbike-Markenwertung.

Sylvain Barrier (FRA) siegt mit der BMW S 1000 RR beim Superstock 1000 FIM Cup, sein Landsmann Erwan Nigon holt mit der gleichen Maschine den Superbike-Titel bei der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft. Ebenfalls mit der BMW S 1000 RR werden bei den Superbike- Weltmeisterschaften sechs Siege durch den Italiener Marco Melandri sowie 16 Podiumsplatzierungen und fünf schnellste Rennrunden erzielt.

Historische BMW Motorrad Modelle

Die Geschichte von BMW Motorrad ist reich an ikonischen Modellen, die die Entwicklung der Motorradtechnik und -design maßgeblich beeinflusst haben.

BMW R 32 (1923-1926)

Die R 32 war das erste von BMW selbst hergestellte Motorrad und präsentierte bereits alle typischen Merkmale heutiger Boxermodelle: längs eingebauter Zweizylinder-Boxer, angeblocktes Getriebe und Kardanantrieb. Aus 494 ccm Hubraum holten Max Friz und sein Team 8,5 PS bei 3.200 Touren. Insgesamt entstanden 3.090 Einheiten, die BMW schon damals den Ruf eines Premiumherstellers einbrachten.

BMW R 37 (1925-1926)

Die R 37 war eine überarbeitete Version der R 32 für den harten Sporteinsatz. Rudolf Schleicher, später langjähriger Entwicklungsleiter der BMW-Rennabteilung, hatte die Idee, die Maschine für den Sport zu optimieren. Die Produktion wurde 1926 nach nur 152 Einheiten beendet, da sich BMW auf die R 42 konzentrierte.

BMW R 17 (1935-1942)

Die R 17 präsentierte BMW im Februar 1935 und hatte erstmals im Motorradbau eine hydraulisch gedämpfte Teleskopgabel. Mit 33 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h zählte sie zu den stärksten und schnellsten Serienmotorrädern ihrer Zeit.

BMW R 5 (1936-1937)

Die R 5 war ein neues 500-ccm-Sportmodell und verfügte über eine dreistufig dämpfende Teleskopgabel. Der Motor war eine komplette Neuentwicklung mit zwei Nockenwellen, die per Steuerkette angetrieben wurden. Mit 24 PS war die R 5 für eine 500-ccm-Maschine bestens ausgestattet.

BMW R 68 (1952-1954)

Die R 68 war ein 600-ccm-Boxer-Modell mit 35 PS und circa 160 km/h Spitze. Das schmale Vorderrad-Schutzblech und das optionale Sitzkissen unterstrichen den sportlichen Charakter. Der hohe Neupreis von 3.950,-- DM garantierte den Besitzern Exklusivität.

BMW R 75/5 (1969-1973)

Mit der /5 spielten die Bayern wieder vorne mit. Spitzenmodell war die R 75/5 mit 50 PS aus 745 ccm Hubraum. Die Grundkonzeption blieb gleich, ansonsten handelte es sich um eine komplette Neukonstruktion.

BMW R 80 G/S (1980-1987)

Die R 80 G/S war die Mutter aller Reiseenduros und Wegbereiterin einer neuen Fahrzeugklasse. Sie war ein komfortables Reisemotorrad für längere Strecken und ließ sich auch abseits befestigter Straßen handlich bewegen. Der Sieg von Hubert Auriol bei der Rallye Paris-Dakar 1981 belegte eindrucksvoll die Offroad-Eigenschaften.

BMW R 100 GS (1987-1996)

Die R 100 GS galt bei ihrer Vorstellung im August 1987 als hubraumstärkste Reiseenduro der Welt. Bereits 1988 avancierte sie zum meistverkauften Motorrad in Deutschland. Mit der R 100 GS führte BMW die Paralever-Hinterradaufhängung ein.

BMW R 1100 GS (1993-1999)

Von 1994 bis 1999 baute BMW die R 1100 GS. Für Vortrieb sorgte ein luft-/öl-gekühlter Zweizylindermotor mit vier Ventilen pro Zylinder. Dank einer Leistungssteigerung von 30 Prozent leistete sie 80 PS bei 6.750 U/min.

BMW R 1150 GS (1999-2003)

Mit der Weiterentwicklung der R 1100 GS trafen die bayerischen Ingenieure genau ins Schwarze. Schon im ersten Jahr stand die 1150er ganz oben in der Verkaufsstatistik. Dank der erneuten Leistungssteigerung um fünf auf nun 85 PS konnte man fast die 200er-Marke knacken.

BMW R 1200 GS (2004-2012)

Der ab 2004 eingesetzte 1200er-Boxer garantierte souveränen Durchzug, satten Sound und gute Performance. Die 1200er avancierte zum meistverkauften Motorradmodell der Welt und punktete mit Innovationen.

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0