Eine Boss Hoss mit V8-Motor hat mit einem normalen Motorrad nicht viel gemein. Weniger wegen des Gewichts von einer halben Tonne, sondern vielmehr wegen der ausladenden Optik. Diese mächtigen Cruiser sind Seltenheiten.
Die Geschichte von Boss Hoss
Im Jahre 1990 wollte sich der amerikanische Kraftfahrzeugmechaniker Monte Warne ein Motorrad zulegen, doch alles, was er auf dem Markt finden konnte, entsprach nicht seinen Vorstellungen eines Superbikes. Und was macht man in so einem Fall? Man baut es sich selber und kann damit den Großteil der Vorstellungen eines Motorrads, wie es sonst keiner hat, verwirklichen. Für die Motorisierung nahm er ein Chevrolet V8 Aggregat aus einem Stockcar und entwarf für diese bullige Maschine mit 5,7 Litern Hubraum und 264 kW (360 PS) Leistung einen entsprechenden Rahmen. Schließlich komplettierte er dies mit Kühler, Tank, Auspuff, Getriebe usw. und donnerte mit diesem Feuerstuhl auf die Daytona Bike Week, wo er die Maschine einem breiten Fachpublikum vorführen konnte.
Die dortige Klientel, für die Attribute wie „big“, „fat“, „fast“ und „furious“ zum alltäglichen Biker-Vokabular gehören, war begeistert und wollte wissen, wo man so ein Superbike bekommen könne. Also begann Warne, die ersten Bikes je nach Kundenwunsch in Handarbeit zu fertigen (sogenannte „kit bikes“). Seine ersten Maschinen trugen den Namen Boss Hog, was aber zu namensrechtlichen Streitigkeiten mit Harley Davidson führte - dort stand „HOG“ für „Harley Owners Group“. Um nicht einen völlig anderen Namen verwenden zu müssen - das Bike war inzwischen bekannter geworden - wandelte Warne Hog in Hoss um, und so lautet seit 1991 der Firmenname Boss Hoss.
In Deutschland werden die Boss Hoss Motorräder heute von der Boss Hoss Cycles GmbH in der Nähe von Köln vertrieben. Die Fertigung aller Boss Hoss Motorräder erfolgt in Handarbeit, wobei die Motoren von Chevrolet kommen und in Boss Hoss eigenem Werk in Dyersburg im amerikanischen Bundesstaat Tennessee montiert werden. Eingesetzt werden wassergekühlte Achtzylinder-Motoren mit unterschiedlichen Hubraumvolumina und Leistungen - im Extremfall fasst der Motor sogar bis zu 13 Liter.
Boss Hoss Modelle und Technische Daten
Seit 1996 gehören das Superbike BHC-3 ZZ 4 und seine Super Sport Version, gekennzeichnet durch den Zusatz SS, zweifellos zu den am meisten in Deutschland gefahrenen Boss Hoss Motorrädern. Ausgestattet mit dem bereits erwähnten, wassergekühlten 5,7 Liter-V8-Motor verfügt diese Maschine über eine Leistung von 264 kW (360 PS), die über ein Zweigang-Halbautomatikgetriebe mit Rückwärtsgang und Zahnriemenantrieb auf die Fahrbahn gebracht werden. Das Gewicht dieses Kraftpakets kann sich sehen lassen - satte 505 kg bringt die Maschine auf die Waage - und da wundert es auch nicht, dass ein Rückwärtsgang notwendig ist, um das schwere Gefährt richtig händeln zu können.
Am Vorderrad der BHC-3 ZZ 4 sorgen zwei Vierkolben-Bremssättel auf zwei Scheiben verteilt für die notwendigen Bremskräfte, beim Hinterrad, das nur eine Bremsscheibe besitzt, sorgt ein Vierkolbenbremssattel für die Geschwindigkeitsreduzierung. Der Tankinhalt beträgt bei beiden Modellen je 32 Liter, was bei einem Verbrauch von stattlichen zehn Litern pro 100 km die Reichweite einer Tankfüllung durchaus einschränkt.
Der Hauptunterschied der Boss Hoss BHC-3 LS 3 zu den ZZ 4 Modellen sind die Motoren: Der „Chevy-V8“ wurde modifiziert und verfügt nun über ein Hubraumvolumen von 6,2 Liter. Die Leistung beträgt 327 kW (445 PS), das Leergewicht wurde hingegen auf 484 Kilogramm reduziert. Beide Modelle verteuerten sich um rund 10.000 Euro.
Allen Boss Hoss Superbikes gemeinsam ist ihr außergewöhnliches Design, was allein schon die bulligen V8-Motoren mit dem vorgebauten Kühler bewirken sowie die Kotflügel, die breiten Tanks und die schräg liegenden, langen Gabeln. Auch in Bezug auf die Lackierungen dürften diese Bikes auffallen.
Boss Hoss BHC-3 502 (Baujahr 2004-2008)
Die Boss Hoss BHC-3 502 wird laut offiziellen Angaben des Herstellers Boss Hoss Cycles in dieser Form ausschließlich zwischen 2004 und 2008 produziert. Sie ist Teil der BHC-3-Baureihe, die für großvolumige V8-Cruiser mit Automatikgetriebe steht. Die Modellbezeichnung „502“ verweist auf den verwendeten 502-cubic-inch-Chevrolet-Big-Block-V8 (8,2 Liter), der in dieser Konfiguration nur in einem begrenzten Zeitraum angeboten wird. Spätere Modelle der BHC-3-Reihe nutzen kleinere LS-Motoren (z. B. LS3, LS445).
Technische Ausstattung und Besonderheiten
- Die BHC-3 502 ist mit einem 2-Gang-Hydramatic-Automatikgetriebe mit Rückwärtsgang ausgestattet.
- Die Kraftübertragung erfolgt über einen Zahnriemen.
- Der Rahmen besteht aus einer Doppelschleifen-Stahlrohrkonstruktion.
- Vorn ist eine konventionelle Teleskopgabel verbaut, hinten eine Zweiarmschwinge mit zwei Federbeinen.
- Die Bremsanlage besteht aus zwei Scheibenbremsen vorn und einer Einzelscheibe hinten, jeweils mit Vierkolben-Bremssätteln.
- Ein ABS-System ist laut offizieller Ausstattungsliste nicht verfügbar.
Sitzposition und Ergonomie
Die Sitzhöhe beträgt laut Hersteller 686 mm. Die Sitzposition ist cruiser-typisch aufrecht, mit breitem Lenker und weit vorn montierten Fußrasten. Die Maschine ist für den Soziusbetrieb ausgelegt und serienmäßig mit einem Soziussitz ausgestattet. Optional sind Sissy Bars und Rückenlehnen erhältlich.
Tankvolumen und Reichweite
Der Kraftstofftank fasst 32 Liter. Aufgrund des hohen Verbrauchs des 8,2-Liter-V8-Motors liegt die Reichweite deutlich unter der von konventionellen Motorrädern. Offizielle Verbrauchswerte veröffentlicht Boss Hoss nicht. Erfahrungswerte deuten auf eine Reichweite von unter 300 km hin, abhängig von Fahrweise und Beladung.
Instrumentierung und Anzeige
Die BHC-3 502 ist mit analogen Rundinstrumenten ausgestattet. Das zentrale Tachometer wird ergänzt durch Anzeigen für Drehzahl, Öltemperatur, Batteriespannung und Kraftstoffstand. Ein LC-Display ist nicht vorhanden. Die Instrumente sind in einem klassischen Cockpit oberhalb des Tanks integriert.
Bereifung und Ausstattung
Ab Werk ist die BHC-3 502 mit Avon Cobra-Reifen ausgestattet. Die Reifendimensionen variieren je nach Ausführung. Typisch sind vorn 130/90-16 und hinten 300/35-18. Die Felgen bestehen aus poliertem Aluminium. Optional bietet Boss Hoss verschiedene Gepäcklösungen wie Ledertaschen oder Koffer an. Ein Windschild ist in mehreren Höhen erhältlich, jedoch nicht verstellbar.
Boss Hoss BHC-3 LS3 (Baujahr 2008-heute)
Die Boss Hoss BHC-3 LS3 wird seit dem Modelljahr 2008 vom US-amerikanischen Hersteller Boss Hoss Cycles produziert. Sie basiert auf dem Konzept, großvolumige V8-Motoren aus dem Automobilbereich in Motorräder zu integrieren. Die Modellbezeichnung „LS3“ verweist auf den 6,2-Liter-V8-Motor aus der General Motors LS-Serie, der ursprünglich in Fahrzeugen wie der Chevrolet Corvette C6 ab 2008 eingesetzt wurde.
Modelljahr 2008 - Einführung der LS3-Version
Im Jahr 2008 ersetzt die BHC-3 LS3 die bisherigen Varianten mit LS2-Motor. Der neue LS3-Motor bietet eine höhere Leistung und ein verbessertes Drehmomentverhalten. Die Kraftübertragung erfolgt über ein semi-automatisches Zweigang-Getriebe mit Rückwärtsgang, das über einen Handschalter am Lenker bedient wird. Dieses Getriebe stammt aus dem Automobilbereich und ist speziell auf das hohe Drehmoment des V8-Motors abgestimmt. Die Kraft wird über einen Zahnriemen an das Hinterrad übertragen.
Der Rahmen besteht aus Aluminium und ist speziell für die Aufnahme des V8-Motors konstruiert. Die Sitzposition ist aufrecht und cruiser-typisch. Die BHC-3 LS3 ist serienmäßig mit einem Beifahrersitz ausgestattet und für zwei Personen zugelassen. Optional sind Sissy Bars und Rückenlehnen erhältlich. Der Tankinhalt beträgt 32 Liter. Offizielle Verbrauchswerte nennt der Hersteller nicht, die Reichweite hängt stark vom Fahrstil ab.
Ausstattung und technische Merkmale
- Zur Serienausstattung gehören eine hydraulische Doppelscheibenbremse vorne und eine Einzelscheibe hinten.
- ABS ist nicht serienmäßig verbaut.
- Das Kühlsystem besteht aus einem groß dimensionierten Frontkühler mit integriertem Lüfter.
- Die BHC-3 LS3 ist mit einem analogen Kombiinstrument ausgestattet, das Geschwindigkeit, Drehzahl, Tankinhalt und weitere Basisinformationen anzeigt. Ein LC-Display ist nicht vorhanden.
- Der Windschild ist modellabhängig und nicht serienmäßig verstellbar. Boss Hoss bietet verschiedene Zubehör-Windschilde in unterschiedlichen Höhen und Formen an.
- Ab Werk werden häufig Avon Cobra-Reifen montiert. Die genaue Reifenspezifikation ist im jeweiligen Certificate of Conformity (COC) dokumentiert.
Zulassung und Geräuschentwicklung
Die BHC-3 LS3 ist in den USA sowie auf ausgewählten internationalen Märkten erhältlich. In Deutschland erfolgt die Zulassung über eine Einzelabnahme nach §21 StVZO. Das Standgeräusch liegt je nach Ausführung häufig über 95 dB(A), was zu Fahrverboten in bestimmten Regionen wie Tirol führen kann. Die genaue Geräuschangabe ist im jeweiligen Zulassungsdokument vermerkt.
Technische Daten im Überblick
Die folgende Tabelle zeigt einen Überblick über die technischen Daten der verschiedenen Boss Hoss Modelle:
| Modell | Motor | Hubraum | Leistung | Gewicht | Tankinhalt |
|---|---|---|---|---|---|
| BHC-3 ZZ4 | Chevrolet V8 | 5,7 Liter | 264 kW (360 PS) | 505 kg | 32 Liter |
| BHC-3 LS3 | Chevrolet V8 | 6,2 Liter | 327 kW (445 PS) | 484 kg | 32 Liter |
| BHC-3 502 | Chevrolet Big Block V8 | 8,2 Liter | 369 kW (502 PS) | ca. 630 kg | 32 Liter |
Fahreindrücke
Boss Hoss fahren, das heißt acht übervoll eingeschenkte Maß Hubraum zur Verfügung haben. Und mit denen lässt es sich erst so richtig aus dem Vollen schöpfen. Erstaunen, Verzückung oder totales Unverständnis selten löst ein Motorrad so viel Emotionen aus, erregt so viel Aufsehen wie die neue Boss Hoss. Da ist der Familienvater, der beim Anblick des riesigen V8-Bikes Frau und Kinder vergisst, aus dem Auto springt und mit anschwellender Lautstärke ein ums andere Mal ein vielsagendes »booaaah« aus sich herauspresst. Oder der Geschäftsmann, der im dichten Kölner-Stadtverkehr unvermittelt anhält, die Scheibe herunterkurbelt, sich umfassend über das unbekannte Objekt informieren will und dabei die hinter ihm fröhlich hupende Schlange völlig ignoriert.
630 Kilogramm Gewicht, 8,2 Liter Hubraum verteilt auf acht Zylinder eines Chevrolet Big Blocks, 502 amerikanische PS. Boah!
Gasgeben, die Boss Hoss neigt sich vehement zur Seite. Die Schwungmassen der längsliegenden Kurbelwelle machen sich bemerkbar. Beim Öffnen der Drosselklappen geht das satte Brabbeln in ein wütendes Brummen über. Doch erst mit einer gewissen Verzögerung, bedingt durch die extrem weiche, von den Amerikanern so gewünschte Wandlerauslegung, stürmt die Boss Hoss los wie beim Dragster-Meeting. Ist der Big Block erst einmal in Bewegung und die 2000er- Marke auf dem Drehzahlmesser überschritten galoppiert die Herde von 502 Mustangs über die Prärie als werde sie von der Dalton-Bande zum Pferdemetzger gejagt. Die Geräuschkulisse gleicht einem tosenden Orkan.
Bereits ab 160 km/h pendelt die Boss Hoss schon bei geringen Fahrbahnunebenheiten und gibt unmissverständlich zu verstehen, dass zu einer guten amerikanischen Show auch Rodeo gehört. Da wird Vmax zweitrangig, selbst wenn die Tachonadel die letzte Markierung bei 220 km/h zügig überstreicht und ins off strebt. Doch auch auf der Landstraße sorgt das Dickschiff für hohen Unterhaltungswert, wenn in Schieflage Schräglage wäre ein wenig geprahlt die Fußrastenausleger tiefe Furchen in den Asphalt ziehen und das Motorrad der Kurvenaußenseite zustrebt. Schon ab Schrittgeschwindigkeit ist die Schwerfälligkeit verflogen, sie wirkt geradezu leichtfüßig.
15 bis 25 Liter Liter auf hundert Kilometer muss einem dieses Vergnügen einfach wert sein. Und mal ganz ehrlich: Motorräder mit tollem Fahrwerk und überragenden Fahrleistungen gibts an jeder Ecke, die einmalige Synthese aus gewaltigem Schub und überwältigendem Sound nur bei Boss Hoss.
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