Auch wenn in Deutschland mehr und mehr Motorräder mit ABS zugelassen werden, fahren die meisten noch immer ohne. Die richtige Strategie hilft, diesen Nachteil zu minimieren. MOTORRAD zeigt, wie´s geht.
Die Komplexität des Bremsens ohne ABS
Ein Motorrad sicher abzubremsen ist eine komplexe Sache im alltäglichen Verkehr und erst recht bei einer Vollbremsung in einer kritischen Situation. Mehrere Aktionsebenen bilden ein schwieriges Handlungsmuster, dessen einzelne Bestandteile schrittweise erlernt und geübt werden müssen. Mit zunehmender Routine greifen all diese Aktionen zeitlich ineinander, und die Abläufe automatisieren sich. Klingt kompliziert? Ist es auch. Die richtige Bedienung von Hand- und Fußbremshebel ist nur eine von mehreren Aufgaben, die der Fahrer bewältigen muss.
Die Bedeutung der Körperhaltung
Wie gut eine Bremsung gelingt, wird bereits durch seine Sitzposition und Körperspannung beeinflusst. Wer auf der Maschine herumlümmelt wie auf einem Sofa, wird Schwierigkeiten haben, diese während einer Bremsung auf Kurs zu halten. Es gilt, die richtige Mischung aus Körperspannung und Lockerheit zu finden. Also Knie an den Tank, Oberkörper aufrecht und Arme angewinkelt lassen. Wer hierbei verkrampft und sein Gewicht mit durchgestreckten Ellbogen auf dem Lenker abstützt, fühlt nicht, was das Vorderrad gerade macht und kann auch nicht mit dem nötigen Feingefühl reagieren.
Die Wichtigkeit der Blickführung
Ebenso wichtig ist die richtige Blickführung. Da mögen sich die Baumwipfel noch so schön im frisch aufpolierten Tank spiegeln, beim Bremsen heißt es: Kopf hoch und Blick weit voraus. Das unterstützt den Gleichgewichtssinn und das Gespür für Fahrzeugreaktionen. Beim Bremsen in Notsituationen ist es enorm wichtig, den Blick vom Hindernis zu lösen. Wer es in Schreckstarre fixiert, rammt es meist auch. Wer dagegen in die freie Lücke schaut, findet den Ausweg.
Bremsen ohne ABS: Die Knackpunkte
Ohne ABS wirds dabei kniffelig. Ein blockiertes Vorderrad führt schnell zum Sturz, da es keine Seitenführungskraft übertragen kann. Wenn kein System davor schützt, muss der Fahrer also selbst antiblockierend tätig werden.
Die dynamische Radlastverteilung
Der Reifen kann umso mehr Bremskraft auf die Straße übertragen, je mehr Gewicht auf ihm lastet. Aufgrund der dynamischen Radlastverteilung beim Bremsen verlagert sich das Motorrad immer weiter nach vorne. Im Extrem lastet das gesamte Motorradgewicht mitsamt dem des Fahrers, Beifahrers und Gepäcks auf dem Vorderrad. Reißt der Fahrer ruckartig am Bremshebel, blockiert das Vorderrad, noch bevor sich genügend Gewicht nach vorne verlagert hat. Steigert er den Bremsdruck dagegen kontinuierlich, innerhalb etwa einer halben Sekunde, hat das Vorderrad genügend Zeit, die Last aufzunehmen, und der idealerweise warme Reifen kann sich mit der Fahrbahn verzahnen. Also die Bremse erst leicht anlegen und dann immer stärker zupacken, ganz nach der Maxime, so schnell wie möglich und so behutsam wie nötig.
Die Hinterradbremse zur Stabilisierung
Wer die Hinterradbremse einen Sekundenbruchteil vor der vorderen betätigt, gewinnt zusätzliche Stabilität. Das Motorrad zieht sich dadurch auch hinten in die Feder, das Hinterrad kann ein wenig länger führen und Bremskraft übertragen. Wie MOTORRAD bei vielen Bremsmessungen festgestellt hat, lässt sich so ein kleiner, aber reproduzierbarer Gewinn beim Bremsweg erzielen, vor allem bei leichten Enduros oder Supersportlern, die zu Stoppies oder gar Überschlägen neigen. Aus diesem Grund betätigt das Combined ABS von Honda CBR 600 RR und Fireblade auch dann die Hinterradbremse, wenn der Fahrer nur am Handbremshebel zieht. Dieser Ablauf ist für jede Art von Bremsung richtig. Alltags-, Not- oder Rennstreckenbremsung unterscheiden sich letztlich nur in der Dosierung des Bremsdrucks.
Reaktion bei Blockieren des Vorderrads
Sollte es dann doch zum Blockieren des Vorderrads kommen, schützt nur das blitzschnelle Lösen der Bremse vor dem drohenden Sturz. Das erfordert zwar Überwindung, stellt jedoch die einzige Möglichkeit dar, die Kontrolle über das Motorrad zurückzugewinnen. Wer das Rad während der gesamten Bremsung kurz vor der Blockiergrenze hält, bremst perfekt.
Die Rolle der Hinterradbremse
Das Hinterrad spielt beim Bremsen eine untergeordnete Rolle. Es wird durch die Radlastverschiebung immer mehr entlastet, sodass es nur noch geringe Brems- und Seitenführungskräfte übertragen kann. Das führt zu einer erhöhten Blockierneigung, mit der auch am Hinterrad nicht zu spaßen ist. Ein unbedachter, ungeschickter Lenkimpuls kann in dieser Situation dazu führen, dass die Maschine mit dem Heck seitlich ausbricht, und schon bei moderater Schräglage sorgt ein blockiertes Hinterrad für deftige Rutscher. Im Zweifel die Hinterradbremse nach dem anfänglichen Impuls also lieber unterbremst lassen. Optimal wäre auch hier, sich knapp vor der Blockiergrenze zu bewegen.
Die Bedeutung von Routine und Übung
Insgesamt hat richtiges Bremsen viel mit Routine zu tun. Selbst wenn alles passt, ist es wichtig, die Reaktionen des Motorrads frühzeitig zu erfühlen. Um dieses Gefühl zu schulen und den Handlungsablauf zu automatisieren, braucht es viel Übung. Die ist mit Umsicht und unter bestimmten Bedingungen im normalen Verkehr möglich, sollte jedoch am besten bei Sicherheitstrainings erfolgen.
Idealer Druckaufbau beim Bremsen
Das Diagramm zeigt den idealen Druckaufbau an Vorder- und Hinterradbremse bei einer Vollbremsung. "Normales" Bremsen sollte genauso ablaufen. Einen Sekundenbruchteil bevor er die Vorderradbremse betätigt, tippt der Fahrer die Hinterradbremse an. Dadurch zieht sich das Motorrad auch hinten in die Feder und bleibt während des Bremsens etwas länger stabil. Durch die Verzögerung verlagert sich das Gewicht nach vorne, die Bremskraft am Handhebel kann dadurch im Verlauf der Bremsung beträchtlich gesteigert werden.
MOTORRAD-Tipp
Gutes Bremsen beginnt beim richtigen Sitzen. Knieschluss und Körperspannung helfen, möglichst wenig Gewicht am Lenker abzustützen. Den Bremsdruck schnell und kontinuierlich aufbauen statt ruckartig am Hebel ziehen. Das verhindert ein Blockieren.
ABS - Ein Sicherheitsgewinn
Ein System welches im PKW-Bereich schon lange zur Grundausstattung gehört ist seit ein paar Jahren auch im Motorradbereich mit an Bord, der Grund hierfür sind die immer schärferen Gesetzgebungen. Erst seit 2016 gilt die Regelung für alle neu zugelassenen Motorräder, dennoch bot der deutsche Hersteller BMW, Motorrad ABS bereits knapp 30 Jahre zuvor, nämlich im Jahr 1988 bei den K-100 Modellen an. Der Mensch wird stets versuchen die Grenzen verschieben zu wollen. Ein Trugschluss unter vielen Fahrern, wenn sie der Meinung sind bei einem Bremsmanöver gelten plötzlich andere Gesetze: Antiblockiersysteme helfen dabei, entziehen einen allerdings nicht aus der Verantwortung richtig zu bremsen.
Funktionsweise des Motorrad ABS
Grundsätzlich läuft der Bremsvorgang mit dem Motorrad - mit oder ohne ABS - völlig gleich ab, nämlich unterhalb des Regelbereichs. Wer richtig bremst, kann die Stärken des Systems voll ausnutzen. Erst wenn die bereits erwähnte Blockiergrenze überschritten wird, unterscheidet sich ein Bremsmanöver mit ABS von einem Bremsanöver ohne ABS voneinander. Völlig egal ob in einer Notsituation oder beim versehentlichen Überbremsen einer rutschigen Stelle - die Fahrzeugstabilität, die der Fahrer ohne ABS am Motorrad selbst wiederherstellen muss, indem er die Bremse löst und neu anlegt, garantiert dem ABS-Besitzer die Technik. Das System wirkt bei einem Bremsmanöver insbesondere auf nicht haftfähigem Fahrbahnbelag indem es dem Blockieren der Räder durch Bremsdruckabbau entgegenwirkt bis sich die Räder wieder drehen können, anschließend wird der Druck wiederaufgebaut.
Unterschiede zum PKW
Die Unterschied ist hier nicht zwingend in der Technik zu finden, sondern vielmehr im Zweck: Das entscheidende Kriterium beim PKW ist ganz klar Bremsweg, wohingegen es beim Motorrad vielmehr um die Reduktion der Sturzgefahr geht, insbesondere wenn das Vorderrad zum Blockieren neigt. An ebendieser Zahnscheibe wird mittels Induktionsgeber an jedem Rad die Raddrehzahl gemessen und im Fall einer drohenden Radblockade (das Rad kommt dabei kurzzeitig zum Stillstand) mittels Sensoren ein steiler Abfall der Radumfangsgeschwindigkeit erkannt. Anschließend wird der Bremsdruck so lange abgesenkt bis das Rad wieder rollt. Nachdem das Rad wieder zu rollen beginnt, erfolgt eine Erhöhung des Bremsdrucks bis zur erneuten Blockade - ein Vorgang (welcher auch als Regelfrequenz bezeichnet wird) der sich bis zu 15x pro Sekunde wiederholen kann. Die umfangreiche Signalverarbeitung welche dafür notwendig ist erfolgt in einer zentralen Steuereinheit mit bis zu 3000 Impulsen pro Sekunde. Im Regelbereich des ABS spürt man die Aktivität des ABS durch ein Pulsieren im Hand- bzw. Fußbremshebel. Moderne Systeme berücksichtigen neben den Radgeschwindigkeiten durch zusätzliche Sensoren auch Neigungswinkel und Rotationsbeschleunigungen, sodass sich Reaktion der Systeme beim Bremsen in Kurven massiv verbessert hat. Hier lässt sich ein Pulsieren im Hebel häufig nicht mehr erkennt.
Weiterentwicklung des ABS
Wie bei vielen anderen technischen Lösungen am und um das Motorrad, wurde auch ABS über die Jahre stetig weiterentwickelt. Die Systeme sind heute nach Motorrad-Hersteller unterschiedlich.Die eingangs bereits erwähnte Regelfrequenzen und die Regelgüte liegt je nach Systementwicklung weit auseinander. Bei der ersten Generation, welche häufig als ABS-I bezeichnet wird, lag dieser bei maximal sieben Regelvorgänge je Sekunde, wohin gehend neueste Systeme 15 Regelvorgänge je Sekunde aufweisen können. Derartige Systeme waren bereits ab dem Jahr 1988 verfügbar und hatten ein Systemgewicht von ca. 11kg(!) Aktuelle Systeme der 6. Generation (ab ca. 2013) sind mit Schräglagesensor mit drei Beschleunigungs- und drei Gierratensensoren ausgestattet und können bis zu 100 Mal in einer Sekunde Schräglage und Nickwinkel erfassen. Ganz nebenbei haben sie mit ca. 1kg deutlich abgespeckt - auch nicht unwichtig bei einem Motorrad. Im Fachjargon ist häufig von Kurven- oder Schräglagen ABS die Rede. Das ABS ist dafür ausgelegt, die Fahrstabilität bei Geradeaus-Vollbremsungen aufrechtzuerhalten - im Umkehrschluss sind Kurvenfahren, vor allem für ältere Systeme, problematisch(er). Die physikalische und systembedingte Schwierigkeit des eindrehenden Bremslenkmomentes bei einer Kurvenbremsung bleibt allerdings auch für neuere Systeme eine Herausforderung.
ABS in der Praxis
Wenn beim Bremsen das Hinterrad blockiert, kann das Heck ausbrechen, was meistens keine schlimmeren Folgen hat, das das Motorrad beim sofortigen Lösen der Bremse wieder in eine stabile Lage zurückkehren sollte. Bremsen mit ABS erfordert keinesfalls weniger Übung als ohne, es bringt aber ein deutliches Plus an Sicherheit und einen höheren Fahr- bzw. Bedienungskomfort. Die auftretenden Kräfte und die Besonderheiten des eigenen Motorrads lernt man dabei am besten bei einem Sicherheitstraining kennen. In der Gesetzgebung wurde durch die am 1. Januar 2016 erlassene EU-Verordnung 168/2013/EU zur Typgenehmigung von Motorrädern festgelegt, dass neu zugelassene Krafträder mit einem Hubraum größer gleich 125 ccm (und über 11kW) über ein derartiges System verfügen müssen.
Funktionstüchtigkeit des ABS
Da ABS, wie viele andere Systeme auch, aus mehreren Komponenten besteht müssen diese voll funktionstüchtig sein um auch das Gesamtsystem einsatzbereit zu machen. Eine erste Anlaufstelle zur Überprüfung der Gesamtfunktionalität ist natürlich die Kontrollleuchte im Dashboard. Dabei ist ein kurzer Blick in die Bedienungsanleitung ratsam um diese korrekt zu interpretieren. Ein defekter Sensor kann hier rasch zu einem Totalausfall des ABS führen womit eine Fahrtüchtigkeit für den Gesetzgeber nicht mehr gegeben ist und das Bike in die Werkstatt muss. Um sich nicht blind auf das Aufleuchten einer Kontrollleuchte zu verlassen (auch eine Glühbirne hat eine begrenzte Lebensdauer), sollte man das ABS-System in regelmäßigen Abständen durch ein gezieltes Bremsmanöver auf seine Funktion überprüfen.
ABS oder nicht ABS?
Bei dem Thema "ABS für Anfänger - oder nicht ?" scheiden sich die Geister. Die einen sagen : "...man sollte erst einmal lernen OHNE ABS klarzukommen, denn wer ohne klar kommt - der kann auch mit!" ...hier besteht natürlich die Gefahr des "Ablegens" bei einer unkontrollierten Bremsung, aber man lernt... Die anderen sagen "Nur mit ABS !
Vorteile des ABS
- Das Plus an Sicherheit ist enorm hoch, jedenfalls höher als die meisten "älteren" und ABS-Unerfahrerenen Biker zugeben wollen.
- Wer im Fahrsicherheitstraining bei den Bremsübungen feststellen konnte, das selbst erfahrene Motorradfahrer ohne ABS einen längeren Bremsweg haben, als Anfänger mit ABS.
- ABS hat den Vorteil, dass es Fehler verzeiht, bei denen sich Nicht-ABS-Fahrer evt. hingepackt hätten.
- Wenn das ABS einsetzt, dann muss man sich vergegenwärtigen, dass es gerade einen eklatanten Fahrfehler korrigiert, den man besser nicht begangen hätte.
Nachteile des ABS
- Problematisch kann ein ABS in der Kurve dann werden, wenn es dort eingreift, wo es der Fahrstabilität halber nicht eingreifen sollte.
Was tun?
- Regelmäßig bremsen trainieren und Abstand, Abstand und nochmals Abstand nach vorne.
- Das Bremsen sollte definitiv immer und immer wieder geübt werden.
Fazit
Es gibt inzwischen keinen seriösen Testbericht mehr, der behaupten würde, dass ein ABS-Motorrad einem ohne in der Bremsleistung unterlegen sei. Selbst Profi-Tester schaffen es nur unter Idealbedingungen und mit Training, manuell besser zu bremsen als per Elektronik - und die Unterschiede sind extrem marginal. Umgekehrt bremst ein normaler Durchschnittfahrer in Ausnahmesituationen mit ABS IMMER besser als ohne. Ich persönlich habe ein Motorrad mit ABS und werde mir keins mehr ohne kaufen.
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