Gravity-Biken gleicht mittlerweile Motocross: viel Speed, hohes Risiko. Wir tragen Helm! Aber welchen? Unfallforscher und TÜV-Ingenieure raten Gravity-Bikern zu maximalem Schutz und empfehlen Helme, die die strenge Norm ECE 22 für Motorradhelme erfüllen.
"Da ist die Norm für Fahrradhelme EN 1078 zu lasch", sagt TÜV-Prüferin Christiane Reckter, "zudem prüft die 1078 nicht den Kinnbügel." Die gängige Prüfnorm EN 1078 wird den heutigen Anforderungen nicht mehr gerecht. So wird etwa der Kinnbügel überhaupt nicht geprüft.
"Alles ist besser, als gar keinen Helm zu tragen", sagt Frank Proksch, Entwicklungschef beim Helmhersteller Uvex, "Wir haben kein Problem mit unsicheren Helmen - wir haben ein Helmtrage-Problem!" Tatsächlich tragen laut Statistik nur 47 Prozent aller Biker einen Helm, also nur knapp die Hälfte. 85 Prozent der Verletzungen könnten verhindert werden, trügen die Biker einen Helm, glauben Experten.
Gerade im allgegenwärtigen Enduro-Trend tauchen jetzt Fullface-Helme auf, die gut belüftet, leicht und oftmals mit abnehmbarem Kinnschutz ausgestattet sind. Doch sind diese Helme auch sicher? Um das herauszufinden, ließen wir sechs Fullface-Modelle beim TÜV testen.
Testverfahren und Ergebnisse
Ursprünglich wollten wir die Helme nach der Motorrad-Norm (ECE 22) testen, doch da weigerten sich der TÜV. "Die High-Impact-Schläge hätten diese Helme nicht ausgehalten; wir hätten sie vermutlich komplett zertrümmert", sagt TÜV-Prüfer Peter Schaudt. Daher testeten wir die Helme mit den schwächeren Beschleunigungen der Fahrradnorm 1078, ergänzten diese aber durch einen Schlag auf den Kinnbügel.
Die Ergebnisse sprechen für sich: Nur drei Helme verkrafteten den Schlag auf den Kinnbügel; bei dreien nutzt der Kinnschutz eher zur Schadensbegrenzung bei ganz leichten Stürzen. Hier gilt zwar: besser ein schwacher Kinnbügel als keiner, doch für harte Einsätze wie sie Enduro-Rennen und Downhills auf technisch anspruchsvollen Trails darstellen, sind diese Leicht-Helme nicht geeignet.
Wird’s ruppig und schnell, raten wir zu echten Integralhelmen wie dem Dissident von Specialized oder D3 von Troy Lee. Diese Helme wiegen zwar um einen Kilo, bieten aber maximalen Schutz.
Halbschalen-Helme im Test
Die gerade in Mode gekommenen Halbschalen-Helme für Enduristen unterzogen wir den konventionellen Prüfschlägen der Fahrradnorm, um zu sehen, welcher Helm den meisten Schutz bietet. "Diese Helme sind nicht sicherer als normale Fahrradhelme, bieten mit ihren tief heruntergezogenen Helmschalen aber einen besseren Rundumschutz als die knappen Cross-Country-Modelle", sagt TÜV-Tester Peter Schaudt.
Unter den zwölf getesteten Helmen gab es deutliche Unterschiede. Was die Knautschzone beim Auto, ist der Schaumkörper beim Bike-Helm. Der Schaum dämpft den Schlag. Die besten Test-Helme reduzierten den harten Top-Schlag auf Werte um 160 g (Uvex, O’Neal, Bell, Specialized, Met), andere reichten nahe an den Grenzwert von 250 g ran (Mavic, Kali) oder überschritten ihn sogar (661).
"Am häufigsten prallt man beim Sturz auf die frontale linke oder rechte Stirnseite", weiß Helmexperte Frank Proksch. Auch uns erschien der seitliche Kerbschlag der Norm 1078 besonders realitätsnah, daher gewichteten wir diesen Wert im Kriterium Sicherheit am stärksten.
Ganz entscheidend: die Passform. Der Helm muss verwacklungsfrei sitzen, um effektiv zu schützen. Doch jede Kopfform ist nun mal anders - daher unser Appell: gewissenhaft anprobieren und sich für den Helm entscheiden, der am besten sitzt. Nicht für den, der am schicksten lackiert ist!
Getestete Helme
Diese Helme haben wir getestet:
- Fullface-Helme:
- Alpina King Carapax
- Bell Super 2R Joyride
- Cratoni C-Maniac
- Met Parachute
- Urge Archi Enduro Veggie
- Uvex Jakkyl Hde (FREERIDE Tipp)
- Halbschalen-Helme:
- Alpina Carapax
- Bell Stroker MIPS
- Bontrager Rally
- Cratoni Allset
- Giro Montaro MIPS
- IXS Trail RX
- Kali Maya
- Mavic Crossmax Pro
- O'Neal Orbiter (FREERIDE Tipp)
- Sixsixone Evo AM
- Specialized Ambush (FREERIDE Tipp)
- Uvex Finale
Interview mit TÜV-Ingenieurin Christiane Reckter
Gibt es ein Sicherheitsproblem bei Bike-Helmen? Nein, es gibt fast keine Probleme mit Helmen. Wenn doch, hängen sie meist mit der falschen Trageweise zusammen. Der Helm ist zum Beispiel in den Nacken geschoben, die Stirn ungeschützt, der Kinnriemen nicht geschlossen usw. So kann ein Helm natürlich nicht wirksam schützen.
Demnach ist die Passform eines Helms enorm wichtig. Super wichtig! Viele Helme besitzen zwar einen Kopfring, der sich zuzurren lässt, doch ist der Helm zu groß, wird’s schnell gefährlich. Weil zuerst der Helm aufschlägt und dann der Kopf im zu großen Helm. Folge: Schädel-Hirn-Trauma. Bei einem passenden Helm passiert das nicht. Die Faustregel lautet daher: Es darf höchstens ein Finger zwischen Schaumschale und Kopf passen. Also: eng, doch bequem. Man muss aber auch wissen, dass ein Helm nicht vor allen Verletzungen schützen kann.
Wenn’s keine Probleme mit Helmen gibt, scheint der Norm-Grenzwert streng genug bemessen. Das kann man so nicht sagen, denn leider lassen die Beschleunigungswerte keinen konkreten Rückschluss auf das Verletzungpotenzial zu - nach dem Motto: 80 g = Gehirnerschütterung, 50 g = Kopfschmerzen.
Wie lassen sich die Ergebnisse dann bewerten? Je kleiner der Beschleunigungswert, desto besser dämpft der Helm. 100 g Unterschied ist riesig.
Ein Prüfschlag trifft den Helm senkrecht von oben. Das scheint nicht realitätsnah. Stimmt, so stürzt man höchstwahrscheinlich nicht, dennoch stellt der Top-Flat-Schlag die härteste Anforderung an einen Helm. Wenn ein Helm Probleme kriegt, dann mit diesem Schlag. In meinen Augen kommt der seitlichen Keil-Schlag der Realität am nächsten.
Enduro-Helme sehen etwas martialischer aus. Unterscheiden sie sich von anderen Rad-Helmen? Nein. Allerdings bietet ein tiefgezogener Helm, der den Atlaswirbel abdeckt, mehr Schutz als ein knapper Rennradhelm.
Jetzt gibt es auch Endurohelme mit Kinnbügel. Sind diese Helme eine Alternative zu einem richtigen Integralhelm Nein. Im Downhill und Bikepark rate ich wegen den hohen Geschwindigkeiten sogar zu einem Helm, der die Motorrad-Norm ECE 22 besteht. Der bietet viel mehr Schutz als ein Bike-Helm mit Kinnbügel. Allerdings muss man aufs Gewicht achten. Viel mehr als 1 Kilo sollte der Helm nicht wiegen.
Wie ist zu erklären, dass Motorradhelme in der Fahrrad-Prüfung 1078 höhere g-Werte aufweisen als Fahrradhelme? Motorradhelme sind aus härterem Material gefertigt, um die höheren Aufprallkräfte zu überstehen. Dieses dichtere Material dämpft dafür bei leichten Schlägen nicht so gut.
Was bringt Carbon? Nur einen Gewichtsvorteil. Man kann nicht sagen, dass ein Carbon-Helm sicherer sei.
Wann muss ein Helm aus Altersgründen ausgetauscht werden? Oh, das leidige Thema! Keiner weiß es! Wir haben Tests durchgeführt und einen wirklich alten Helm gegen einen neuen getestet. Es gab kaum Unterschiede. Doch die Behörden fordern nunmal bei Kunststoffen eine Verfallszeit. In der Richtlinie steht, dass ein Helm nach 5 Jahren ausgetauscht werden muss. Das heißt aber nicht, dass der Helm aufgrund Materialalterung nach 5 Jahren nicht mehr sicher ist. Der kann selbst nach 20 Jahren noch genau so gut schützen.
Ergebnisse der Stoßdämpferprüfung
Hier eine Übersicht der Ergebnisse der Stoßdämpferprüfung für Fahrradhelme und für Kinnbügel:
Stoßdämpferprüfung für Fahrradhelme nach EN 1078
Angaben in g (Erdbeschleunigung, 1 g = 9,81 m/s2.) Ein Sensor im Inneren des Prüfkopfs misst die Belastung während des Schlags. Je niedriger der Wert, desto besser.
Stoßdämpferprüfung für Kinnbügel
Die Norm EN 1078 für Fahrradhelme schreibt keinen Schlagtest für den Kinnbügel vor. Der TÜV prüfte in unserem Auftrag die Schutzwirkung des Kinnbügels in Anlehnung an die Norm für Motorradhelme ECE 22, allerdings mit reduzierter Geschwindigkeit (16,5 km/h). Angaben in g (Erdbeschleunigung, 1 g = 9,81 m/s2). Ein Sensor im Inneren des Prüfkopfs misst die Belastung während des Schlags. Je niedriger der Wert, desto besser. Die hohen Werte von Urge, Alpina und Cratoni bescheinigen deren Kinnbügeln einen nur minimalen bis fast keinen Schutz.
SICHERE SACHE: Wir haben in früheren Tests leichte Carbon-Helme für Biker beim TÜV Rheinland unter schwierigsten Bedingungen testen lassen. Diese beiden Helme um die 1 Kilo bestanden sogar die harten Prüfschläge nach der Norm für Motorradhelme (ECE 22) mit guten Werten.
Troy Lee D3: EN 1078 Fahrrad (g-Wert: flach/Kerb): 218/99 g. ECE 22 Motorrad (g-Wert: Seite/Kinnschlag): 269/46 g. Preis: 530 Euro
Specialized Dissident: EN 1078 Fahrrad (g-Wert: flach/Kerb): 193/80 g. ECE 22 Motorrad (g-Wert: Seite/Kinnschlag): 220/65 g. Preis: 450 Euro
Test-Prozedere
Der TÜV Rheinland unterzog die Testhelme zwei Normschlägen nach der Euronorm 1078 (Fullface-Modelle mit zusätzlichem Kinnschlag) und ermittelte die Restbeschleunigung, die auf den Kopf wirkt. Ins Testurteil flossen die Kriterien Sicherheit (80 Prozent) und Tragekomfort (20 Prozent). Der Tragekomfort umfasst: Belüftung, Gewicht, Einstellbarkeit. Die Belüftung der Halbschalen-Helme wurde mit einer Wärmebildkamera geprüft.
Testergebnisse Fullface-Helme im Detail
Alpina King Carapax
Basisdaten: Vertrieb www.alpina-sports.com, Größen 53-57 (S/M), 57-62 (L/XL), Preis 180 Euro
Messdaten: Gewicht 483 Gramm, Dämpfung* (g-Wert: flach/Kerb/Kinn) 186/106/302 g
Fazit: "Perfekt geschützt beim Downhill", verspricht der Hersteller, doch die Dämpfungswerte sagen etwas anderes. Sie liegen für den Helm im Mittelmaß, genau wie die der Halbschalen-Version. Der dünne Kinnbügel (abnehmbar) bietet nur minimalen Schutz. Der Alpina ist leicht, luftig und angenehm zu tragen (Backenpolster etwas weich) - doch kein Ersatz für einen richtigen Integralhelm. Nicht geeignet für heftigere Einsätze!
Bell Super 2R Joyride
Basisdaten: Vertrieb www.grofa.com, Größen 52-56 (S), 55-59 (M), 58-62 (L), Preis 250 Euro
Messdaten: Gewicht 742 Gramm, Dämpfung* (g-Wert: flach/Kerb/Kinn) 195/103/211 g
Fazit: Der Bell trägt sich bequem, belüftet gut und lässt sich satt fixieren. Kamerahalterung, ein weit verstellbares Visier, angenehme Backenpolster und ein blitzschnell abnehmbarer Kinnbügel (ideal für Endurorennen) - der Bell steckt voller sinniger Details und sieht obendrein gut aus. Die Dämpfungswerte sind für einen Helm der Gewichtsklasse okay. Der Kinnbügel dämpft den Prüfschlag noch unter den Grenzwert ab.
Cratoni C-Maniac
Basisdaten: Vertrieb www.cratoni.com, Größen 52-56 (S), 54-58 (M), 58-61 (L), Preis 100 Euro
Messdaten: Gewicht 465 Gramm, Dämpfung* (g-Wert: flach/Kerb/Kinn) 187/101/474 g
Fazit: Mit 465 Gramm ist der Cratoni ein Fliegengewicht, doch machen wir uns nix vor - der ansteckbare Kinnbügel ist reines Placebo, die Schlagdämpfung minimal. So verhindert er ein aufgeschürftes Kinn, ist der Aufprall aber stärker, trifft der Schlag ziemlich ungefiltert den Kiefer. Passform, Belüftung, Gewicht, sprich der Tragekomfort ist sehr gut. Manko: Das Visier hängt tief, lässt sich nicht verstellen. In vier Farben erhältlich.
Met Parachute
Basisdaten: Vertrieb www.met-helmets.com, Größen 51-56 (S), 54-58 (M), 59-62 (L), Preis 220 Euro
Messdaten: Gewicht 700 Gramm, Dämpfung* (g-Wert: flach/Kerb/Kinn) 162/134/99 g
Fazit: Der Parachute bietet sehr gute Belüftung und angenehmen Tragekomfort. Der Kinnbügel lässt sich nicht abnehmen und ist sehr effektiv konstruiert. Er puffert den Prüfschlag auf 99 g runter - der Spitzenwert im Testfeld. Die sonstigen Werte sind ordentlich. Das Gurtsystem und ein Kopfring mit Silikonpolster strapsen den Helm fest an den Kopf - gut! Detailstark: Goggle-Halterung, Visierverstellung und angenehme Polsterung.
Urge Archi Enduro Veggie
Basisdaten: Vertrieb www.urgebike.com, Größen 53-57 (S/M), 57-59 (L/XL), Preis 230 Euro
Messdaten: Gewicht 968 Gramm, Dämpfung* (g-Wert: flach/Kerb/Kinn) 209/107/248 g
Fazit: Die Helmspezialisten um Superracer Fabien Barel entwickelten den Archi speziell für Enduro-Rennen. Der Veggie besteht aus recyceltem EPS und Leinenfaser statt Glasfieber. Die Passform ähnelt einem richtigen Integralhelm mit satter Polsterung statt Zurrring. Die Belüftung fällt im Vergleich zur Konkurrenz mäßig aus und der Kinnbügel enttäuscht. Hier hätten wir mehr Dämpfung erwartet. Toll: Verarbeitung und Optik.
Uvex Jakkyl Hde (FREERIDE Tipp)
Basisdaten: Vertrieb www.uvex-sports.de, Größen 52-57 (S/M), 56-61 (L/XL), Preis 200 Euro
Messdaten: Gewicht 630 Gramm, Dämpfung* (g-Wert: flach/Kerb/Kinn) 142/96/147 g
Fazit: Enduro-Profi Michal Prokop half bei der Entwicklung des Jakkyl. Besonderheit: Der Kinnbügel ist aus Glasfiber-Laminat. Er lässt sich schnell abmontieren und schützt wirksam bei Stürzen aufs Gesicht. Die Dämpfungswerte können sich sehen lassen! Sie machen den Uvex zum sichersten der getesteten Fullface-Helme. Sehr gut: die Belüftung und das Boa-Zurrstystem, das den Helm satt am Kopf fixiert. Gibt’s auch in bunt.
FREERIDE-RANKING
Die Zahl (maximal 10 Punkte) setzt sich aus den Kategorien Sicherheit (80 %) und Tragekomfort (20 %) zusammen. Tragekomfort beinhaltet: Gewicht, Belüftung, Einstellbarkeit, Paßform. 10 = Testsieger, besser geht nicht. 9 = Sehr gut. Kaufempfehlung. 8 = Solide Leistung. 7 = Unter Durchschnitt. Das Produkt hat Schwächen. 1 bis 6 = Davon können wir nur abraten!
*Dämpfung: Die Halbschalenhelme mussten zwei Prüfschläge der EN 1078 für Fahrradhelme überstehen: flacher Schlag (19,5 km/h) von oben und Kerbschlag (16,5 km/h) auf die Helmseite. Den realitätsnahen Kerbschalg haben wir besonders gewichtet.
Halbschalen-Helme im Detail
Alpina Carapax
Basisdaten: Vertrieb www.alpina-sports.com, Größen 53-57, 57-62, Preis 130 Euro
Messdaten: Gewicht 306 Gramm, Dämpfung* (g-Wert: flach/Kerb) 196/126 g
Fazit: Der kompakte Carapax ...
Helme mit abnehmbarem Kinnschutz: Ein Kompromiss?
Bei ambitionierten Trailfahrern sind leichte Fullface-Helme oder solche mit abnehmbarem Kinnschutz begehrter als das neue iPhone X. Wir leben in einer Zeit, in der wir von sämtlichen Dingen erwarten, dass sie mehr können als nur eine Sache. Genauso ist es auch bei Helmen. Wir erwarten nicht nur Schutz, sondern fordern auch gute Belüftung, eine leichte Konstruktion und jetzt wollen wir auch noch einen abnehmbaren Kinnschutz.
Die neueste Generation an Helmen mit abnehmbarer Kinnpartie behauptet, dasselbe Maß an Schutz zu erreichen wie ein Fullface-Helm, in Kombination mit einer dramatisch verbesserten Ventilation für mehr Komfort auf Anstiegen. Gleichzeitig sind wir uns aber auch bewusster über die Auswirkungen, die wiederholte Gehirnerschütterungen haben können, und Sicherheit ist oberstes Gebot.
Jeder weiß natürlich, dass den höchsten Schutz ein DH-zertifizierter Fullface-Helm bietet, aber niemand hat Spaß daran, einen auf einem 1.000-m-Anstieg zu tragen. Das Leben besteht aus Kompromissen und deshalb wünschen sich viele Trailfahrer leichtere Helme mit Kinnschutz. Die Industrie hat zugehört und man kann mittlerweile Fullface-Helme kaufen, die nur etwas über 700 g wiegen.
Diese „New School“-Helme verfügen über einen breiteren Gesichtsausschnitt und größere Belüftungsöffnungen, um verbesserte Ventilation zu erreichen. Manche haben sogar einen abnehmbaren Kinnschutz, der für die Anstiege entfernt und bergab für maximalen Schutz wieder angebracht werden kann.
Wir besorgten uns sechs der beliebtesten New-School-Fullface-Helme, um herauszufinden, welcher den besten Kompromiss zwischen Belüftung und Schutz bietet. Obwohl alle Helme größere Belüftungsöffnungen, einen größeren Gesichtsausschnitt und ein allgemein geringeres Gewicht haben als DH-Fullface-Helme, sind ihre Konzepte sehr unterschiedlich.
Der Fox Proframe und der MET Parachute verfügen beide über einen schlanken, permanenten Kinnschutz. Der Bell Super 3R MIPS, der Giro Switchblade MIPS und der Uvex Jakkyl Hde haben dagegen alle einen Kinnschutz, der ohne Werkzeug abgenommen werden kann. Der Lazer Revolution FF MIPS liegt in der Mitte - um seinen Kinnschutz zu entfernen, braucht man Werkzeug.
Wir haben dieses Testfeld auf dem Trail auf Herz und Nieren geprüft, an kalten und heißen Tagen, auf kurzen und langen Ausfahrten. Dabei haben wir die Helme nach Komfort, Gewicht, Sicht, Benutzerfreundlichkeit und Belüftung bewertet und außerdem Brillen und Goggles benutzt, um eventuelle Kompatibilitätsprobleme zu entdecken.
Normen und Standards
Kaum sagt man etwas über abnehmbare Kinnbügel, schon wird einem das verwirrende Thema „Standards“ um die Ohren gehauen. Die Norm, der alle Helme genügen müssen. Die Helme müssen zahlreiche Stürze auf die Helmoberseite aushalten, aber der Test PRÜFT NICHT den Schutz, den der Kinnbügel bietet. Testet die Helme mit größeren Kräften als die Norm EN 1078.
Von den hier getesteten Helmen erfüllen nur der Fox Proframe, der Giro Switchblade, der Lazer Revolution FF MIPS und der MET Parachute die strengere ASTM-F1952-DH-Norm, also die Norm, nach der auch die Helme der DH-Weltcup-Szene zertifiziert sind. Sind diese Helme also sicherer? Jein.
Es stimmt, dass die EN 1078 (die Norm, die alle Helme erfüllen müssen) den Kinnschutz der zertifizierten Helme nicht direkt testet, doch man kann nicht deutlich genug sagen, dass Helmnormen ohnehin völlig veraltet sind und überholt werden müssen - sie schützen euch nicht ausreichend! Er basiert auf Versuchen, die mittlerweile 20 Jahre her sind. Schon unser Helm-Gruppentest 2017 hatte ergeben, dass alle getesteten Helme weit über den niedrigen Sicherheitswerten lagen, die von der Norm verlangt werden.
Natürlich konnten wir unsere Helme einem gründlichen Test auf den Trails unterziehen, aber wir wollten noch weiter gehen. Wir wussten, dass die Helmschale aller Helme in unserem Testfeld die Standards erfüllen würde, aber wirwollten noch einen Schritt ins Unbekannte machen und die Frage beantworten: Können die abnehmbaren Kinnbügel Schläge von derselben Kraft überleben wie ein „richtiger“ Fullface-Helm?
Destruktiver Test der Kinnbügel
Sobald wir erwähnten, dass wir auch die Stabilität der abnehmbaren Kinnbügel testen wollten, wollte uns keines der zertifizierten Testlabore mehr helfen. Also haben wir es einfach selbst gemacht. Wir konstruierten einen Prüfstand mit Fallgewicht, der ein Gewicht von 15 kg aus 70 cm Höhe mit einer Geschwindigkeit von 3,7 m/s fallen lassen würde (das übertrifft die ASTM-Werte von 5 kg bei 2,8 m/s weit). Dabei sollten 102 Joule Energie direkt auf die Mittes des Kinnschutzes treffen - kurz gesagt: ein sehr starker Aufprall.
Die Energie erwies sich als ausreichend, um bei DH-zertifizierten Helmen signifikanten Schaden anzurichten, den Kinnschutz aber binnen 2 bis 3 Einschlägen nicht vollständig zu zerstören. Die Einschläge wurden wiederholt, bis die Kinnbügel nachgaben und ihre Funktion verloren - bis zum Tode!
Bevor wir zu den Ergebnissen unseres destruktiven Tests kommen, ist es wichtig, den Sinn und Zweck eines Kinnschutzes zu klären. Ein Kinnschutz ist (wie auch der Rest des Helms) nicht dafür gemacht, einwirkende Kräfte abzuleiten, sondern dafür, so viel wie möglich von der Energie zu absorbieren, ohne dass seine Struktur komplett zerstört wird oder er das Gesicht des Fahrers verletzt - denkt an die Knautschzone beim Auto.
Wir konnten feststellen, dass ALLE Helme einen sehr starken Aufprall ohne Funktionsverlust aushielten. Sowohl der Lazer Revolution FF MIPS als auch der Uvex Jakkyl Hde absorbierten den ersten Schlag, doch ihre Kinnbügel waren zu mitgenommen, als dass man sie weiter hätte testen können. Die biegsame Kinnpartie des Bell Super 3R MIPS bot guten Schutz über drei Einschläge, konnte aber in Sachen Schlagfestigkeit dem schwereren Giro Switchblade MIPS nicht das Wasser reichen. Herausragende Performance zeigten der Fox Proframe und der MET Parachute, die beide vier massive Schläge mit ein paar Rissen, aber ohne größere Schäden in ihrer Struktur überstanden.
Zusammengefasst: In unserem Basistest haben ALLE Kinnbügel den Fahrer erfolgreich vor einer Krafteinwirkung geschützt, die einem sehr heftigen Sturz auf dem Trail entspricht. Die robustesten waren aber der Giro Switchblade MIPS, der Fox Proframe und der MET Parachute.
Empfehlungen
Die Schlussfolgerung aus diesem Test ist nicht einfach. Der ideale Helm ist der, der am besten passt - und das ist bei Helmen genauso individuell wie bei Sätteln und Schuhen. Von der Passform mal abgesehen, bringen alle hier getesteten Helme mit montiertem Kinnschutz mehr Schutz als ein Standard-Trailhelm.
Für Trailfahrer, die den Helm vor allem ohne Kinnschutz und nur gelegentlich als Fullface nutzen möchten, ist der exzellente Bell Super 3R MIPS unsere erste Wahl. Für die meisten Fahrer bietet er den besten Kompromiss aus Schutz und Vielseitigkeit - zwei Helme in einem.
Für alle, die gerne Rennen fahren, KOMs jagen und den stärkeren Schutz eines Fullface wollen, empfehlen wir entweder den ASTM-zertifizierten Fox Proframe oder den MET Parachute MIPS. Wenn er gut passt, werden stylebewusste Fahrer zweifelsohne den hervorragenden Fox Proframe wählen, der bei uns im Team einer der großen Favoriten war. Doch dank seines geringeren Gewichts, der komfortablen Trailhelm-Innenschale und seines sehr erschwinglichen Preises erhält der MET Parachute den Kauftipp.
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