Wer billig kauft, kauft zweimal. So viel Wahrheit in diesem Spruch auch steckt, gerade beim Fahrradhelm könnte schon der erste Fehlgriff fatale Folgen haben. Dann nämlich, wenn der Helm seine angedachte Funktion nicht erfüllt, beim Sturz vom Kopf rutscht oder gar zerbricht.
Aber stimmt es eigentlich, dass günstige Helme schlechter schützen als teure? In unserem aktuellen Test drängt sich diese Frage förmlich auf, denn Decathlon bringt mit seiner Eigenmarke Rockrider zum ersten Mal einen MTB-Helm mit MIPS-System auf den Markt. Kostenpunkt: 59,99 Euro. Das nächstteurere Modell im Test kostet bereits 40 Euro mehr.
Statt der beiden Highend-Helme von Poc und Smith könnte man sich ganze neun (9!) Rockrider EXPL 540 kaufen. Woher kommt der Preisunterschied von bis zu 210 Euro?
Wir haben insgesamt 15 Helme getestet, darunter auch den 60 Euro günstigen Rockrider EXPL 540.
Ausstattung der Fahrradhelme
Jedes zusätzliche Feature kostet Geld, so viel ist klar. Eine anpassbare Nackenstütze, einstellbare Y-Gurte (die den Sitz unterhalb der Ohren verbessern) oder ein höhenverstellbares Visier - und das sind erst die Basics. Viele Hersteller spendieren magnetische Gurtschlösser von Fidlock, die wirklich praktisch sind, oder Drehverschlüsse von Boa, die uns weniger gut gefallen haben.
Goggle-Halter, Brillengaragen, Kamera-Mounts oder ein Transportbeutel komplettieren die Ausstattungen.
Der mit Abstand günstigste Anbieter Decathlon verbaut ein einfaches Anpassungssystem ohne Höhenverstellung im Nacken und an den Ohren, das Visier ist fix, die Polsterung schlicht. Doch solange der Helm zum Kopf passt, sitzt auch der Rockrider ordentlich. Einzige echte Kritik: Das Kopfband ist nicht umlaufend, was den Sitz etwas verschlechtert.
Die Magnetschlösser von Fidlock erleichtern das Handling an jedem Helm.
Gute Anpassungssysteme wie hier beim Giro sind Gold wert und sorgen für einen sicheren Sitz.
Tragegefühl sehr unterschiedlich
Sein großes Plus dagegen: Der Rockrider EXPL 540 ist leicht. Er wiegt gerade mal 330 Gramm und damit fast ein Drittel weniger als der Cratoni. Gerade auf langen Touren spürt man das hohe Gewicht eines Madflex schon deutlich im Nacken. In ähnliche Gewichtsregionen wie der Rockrider schaffen es ansonsten nur die Modelle von Scott, Giro, Abus oder Alpina - die sind allerdings bereits wesentlich umfangreicher ausgestattet als der Rockrider.
Weit mehr als 400 Gramm sind für einen Open-Face-Helm zu viel. Das gewicht spürt man vor allem auf längeren Touren.
Auch im Hinblick auf die Belüftung kann der EXPL 540 nicht mit den besten Modellen im Test mithalten. Ein Blick auf die Innenseite erklärt warum: Aufwändige Lüftungskanäle oder große Lufteinlässe sucht man hier vergebens. Die Helmschale sitzt dicht am Kopf, was den Fahrtwind am Durchströmen hindert. Dagegen herrscht im Abus, Bluegrass oder Uvex fast schon Windstärke 6.
Zur Verteidigung des Rockrider muss man allerdings erwähnen: Auch teure Modelle wie der Fox Speedframe RS oder der Smith Forefront 3 schneiden hier nicht besser ab.
MIPS bei fast allen Helmen zu finden
Dies ist im Übrigen unser erster Test, in dem kein Hersteller mehr auf ein MIPS-System verzichten will - oder Hersteller, die eigene Rotationssysteme verbauen, nicht am Test teilnehmen wollten. Die Tatsache, dass Drehbewegungen, wie sie bei einem Sturz mit dem Bike auf den Kopf wirken, äußerst schädlich für das menschliche Gehirn sein können, scheint auch in den Köpfen der Hersteller angekommen zu sein.
Decathlon setzt auf die Standard-Version des Rotationsschutzes, dessen knallgelber Liner inzwischen wohl jedem Biker ein Begriff sein dürfte. Die Unterschiede der einzelnen Systeme, die teils aufwändig in die Helme integriert sind, erklären wir weiter unten im Text.
An einem Rotationsschutz führt in diesem Test kein Weg mehr vorbei. Zukünftige Helm-Normen werden Helme auch auf “Rotationsschutz” überprüfen.
Was kann der preiswertestes Test-Helm?
Viel spannender aber ist die Frage: Wie schneidet denn nun der Decathlon-Helm in Sachen Sicherheit ab? Hier gibt es gleich zwei Überraschungen: Mit einer Restkraft von 107,9 g liegt der Rockrider ziemlich genau in der Mitte unseres Testfeldes und ganze 142,1 g unterhalb des zulässigen Grenzwerts.
Was uns aber noch mehr erstaunt hat, ist, dass Decathlon mit dem Standard-MIPS den besten Wert beim Rotationsschutz erzielt und damit eindrucksvoll belegt: Wer keine großartigen Ansprüche in Sachen Ausstattung erhebt, kann auch mit einem preiswerten Helm wie dem Rockrider EXPL 540 gut geschützt durchs Gelände heizen.
Der Test belegt eindeutig: Teure Helme müssen nicht unbedingt besser schützen. Bestes Beispiel ist das knapp 60 Euro günstige Modell des Discounters Decathlon. Weil alle Helme die Norm locker erfüllen, steht ein cleveres Anpassungssystem bei mir ganz oben auf der Checkliste. Scott, Alpina, Bell und Giro lassen sich hervorragend einstellen und reißen kein allzu großes Loch ins Budget. Mehr als 400 Gramm sind für einen Trail-Helm zu viel.
Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem MTB-Helm-Test
So testet BIKE die MTB-Helme
Sicherheit (50 Prozent): Spezielle Sicherheitstechniken - MIPS & Co. - sollen messbar das Risiko von Kopfverletzungen senken, indem sie beim schrägen Aufprall auftretende Rotationskräfte verringern. Die bestehende Prüfnorm für Helme EN 1078 kann diese Szenarien nicht abbilden. Um die aktuelle Helmgeneration realitätsnah zu prüfen, haben wir in Eigenregie einen Helmprüfstand entwickelt und uns dabei an den in der Wissenschaft und von forschenden Herstellern eingesetzten Methoden orientiert.
Für den Test wird der Helm auf einen 4,9 Kilogramm schweren Prüfkopf aus Aluminium angepasst. Helm und Kopf werden beim simulierten Sturz auf einem Schlitten geführt und treffen mit 21 km/h auf eine im Winkel von 45 Grad geneigte Stahlfläche auf. Schleifpapier in 40er-Körnung imitiert die Rauheit des Untergrunds - damit gehen wir analog zu den Prüfeinrichtungen Virginia Tech, Folksam und anderen Forschungseinrichtungen vor. Der Schlitten saust an der Auflagefläche vorbei und gibt den Helm frei, der nach dem Aufprall wegspringt.
Wir testen alle Helme auf unserem hauseigenen Prüfstand.
Messung mit Sechs-Achsen-Sensor
Ein Sechs-Achsen-Sensor im Prüfkopf zeichnet Beschleunigung und Drehraten um die drei Achsen im Raum beim Aufprall und in der sich anschließenden Flugphase auf. Im ersten Anlauf trifft der Helm frontal auf, im zweiten seitlich. Die Beschleunigung werten wir nach dem größten resultierenden Wert aus - je niedriger desto besser. Angegeben wird der Mittelwert aus vier Messungen. Die Kopfrotation rechnen wir um zum BrIC-Kriterium (Brain Injury Criterion), das aussagt, wie schädlich die Bewegung für das Gehirn ist. Diese Methode ist in der Wissenschaft verbreitet und ermöglicht über den sogenannten AIS-Code Aussagen zur Wahrscheinlichkeit einer Gehirnerschütterung.
Gewicht (15 Prozent): Auf zusätzliches Gewicht reagiert der Kopf besonders sensibel. 50 Gramm mehr oder weniger machen hier einen großen Unterschied. Unser Test zeigt: mehr Gewicht bedeutet nicht automatisch besserer Schutz.
Anpassung (20 Prozent): Beim Punkt Anpassung bewerten wir die Ausführung und Einstellbarkeit des Kopfrings sowie den Verlauf, Sitz und den Verschluss des Gurtsystems.
Kühlung (15 Prozent): Die Belüftung der Helme testen wir mit einem starken Gebläse, das die Strömung auf bis zu 30 km/h beschleunigt. Der erhitzte, behelmte Kopf wird der Strömung ausgesetzt, und wir ermitteln die Kühlleistung.
Unsere Top 3 Helme aus dem Test
Der beste im Labor Der Bluegrass Rogue Core liefert den besten Kompromiss aus Aufprall- und Rotationsschutz, zudem ist er sehr gut belüftet. Nur der günstige Rockrider mit dem einfachen MIPS-Layer reduziert Rotationskräfte noch besser.
Bluegrass Rogue Core
Die beste Anpassung Griffiges Drehrädchen, einfache Höhenanpassung, umlaufendes Kopf-band und einstellbare Y-Gurte - der Scott Tago lässt sich perfekt an den Kopf anpassen. Ein Magnetschloss von Fidlock wäre das Tüpfelchen auf dem i gewesen.
Scott Tago Plus
Die Überraschung Mal abgesehen von der schlichten Ausstattung gibt es am Rockrider EXPL 540 wenig auszusetzen: Bester Rotationsschutz, gute Stoß- dämpfung und geringes Gewicht zu einem konkurrenzlos günstigen Preis.
Rockrider EXPL 540
Die Messwerte aus dem Labor im Überblick
Alle Helme im Test erfüllen zwar die Prüfnorm EN 1078, eine um 50 g höhere Aufprallkraft kann jedoch bei einem Sturz einen großen Unterschied machen.
Die Tabelle zeigt die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Biker bei dem von uns simulierten Sturzszenario eine mittlere Gehirnerschütterung erleiden würde. Diese lässt sich aus den gemessenen Drehbewegungen (BrIC, Brain Injury Criterion) errechnen. Der Zusammenhang zwischen BrIC und der Wahrscheinlichkeit einer Gehirnerschütterung (nach AIS-Code) ist nicht linear. Für die Bewertung bietet sich daher eher die Wahrscheinlichkeit an. Das Risiko für eine Gehirnerschütterung liegt zwischen 12 und 31 Prozent und beträgt im Mittel 22 Prozent. Das Risiko, mit einem Helm ohne MIPS eine Gehirnerschütterung zu erleiden, lag in früheren Tests bei durchschnittlich 37 Prozent.
Alle Helme im Test bleiben bei den Beschleunigungswerten, also den Kräften, die bei einem Aufprall noch auf den Kopf wirken, weit unterhalb der Norm (250 g). Die Spanne reicht jedoch von 79,3 g (Bluegrass) bis zu 134 g (Giro) und zeigt, dass die Helme durchaus unterschiedlich gut schützen. Einen Zusammenhang zwischen reduzierter Rotationsbeschleunigung und guter Stoßdämpfung konnten wir in früheren Tests nicht feststellen.
So funkionieren die verschiedenen MIPS-Systeme
Wissenschaftliche Studien belegen, dass das menschliche Gehirn besonders empfindlich auf rotatorische Kräfte reagiert. Um bei einem schrägen Aufprall die Rotationsenergie zu reduzieren, wurde die reibungsarme MIPS-Schale (Multi-directional Impact Protection System) konzipiert. Sie soll ein zum Kopf versetztes Gleiten des Helms ermöglichen. Dadurch wird Rotationsenergie in Translationsenergie umgewandelt. Dieser Mechanismus ähnelt dem Verhalten des Kopfes bei einem Sturz auf Eis, wo sich der Kopf in der ursprünglichen Bewegungsrichtung fortsetzen kann. Aktuell sind verschiedene Varianten des MIPS-Systems verfügbar, die eine relative Rotation zwischen Helm und Kopf im Bereich von 10 bis 15 Millimetern zulassen.
In unseren Tests zeigt sich, dass die Wahrscheinlichkeit, mit einem MIPS-ausgestatteten Helm eine Gehirnerschütterung zu erleiden (gemäß AIS-Code), im Durchschnitt bei 22 Prozent lag. Im Vergleich dazu betrug die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit einer Gehirnerschütterung bei Helmen ohne MIPS in einem früheren Test signifikant höhere 37 Prozent.
Mips Essential Core
Mips Essential Core
Essential oder das klassische MIPS mit gelber Schale, dem sogenannten LFL (Low Friction Layer), kommt oft bei günstigen Helmen zum Einsatz. Es wird durch Elastomere im Helm gehalten. Im Test haben wir BrIC-Werte (Brain Injury Criterion) von 12 bis 20 Prozent gemessen.
Mips Evolve Core
Mips Evolve Core
Das System sitzt wie das Essential zwischen Helmschale und Polster. Eine exakter auf den jeweiligen Helm abgestimmte Passform soll die Belüftung verbessern und das Gewicht reduzieren. Es ist inzwischen das am häufigsten verbaute MIPS.
Mips Air Node
Mips Air Node
Hier ist der Rotationsschutz nahezu unsichtbar in die Helmpolsterung integriert. Das spart Gewicht und beeinträchtigt die Belüftung nicht durch eine zusätzliche Schicht. Die Gleitschicht sitzt an der Innenseite der Polster.
Mips Integra Split
Mips Integra Split
Fox setzt auf eine besonders aufwändige Konstruktion. Der Helm besteht aus zwei separaten Schalen, die gegeneinander verdrehbar sind. Die Konstruktion ist etwas schwerer und teurer, erzielt im Labor aber nur mäßige Werte.
Mips Integra Fuse
Mips Integra Fuse
Poc und MIPS verspinnen ihre beiden Rotationssysteme zu Integra Fuse. Hier befindet sich in den Polstern eine Art Silikon, das sich in alle Richtungen bewegen kann. Ähnlich wie bei MIPS Air sollen die Vorteile geringes Gewicht und gute Belüftung sein. Der Rotationsschutz jedenfalls ist sehr gut.
MIPS wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Die im Test gemessene Spanne ist aber auf jeden Fall erheblich. Für mich scheint die Wirksamkeit plausibel zu sein.
Die Stiftung Warentest und der ADAC haben im März 2024 gemeinsam einige Fahrradhelme getestet. Der Uvex Urban Planet LED schneidet unter den neu getesteten Helmen mit der Gesamtnote 2,0 (gut) am besten ab. In den Bereichen »Unfallschutz« und »Handhabung und Komfort« vergeben Stiftung Warentest und ADAC jeweils ein »gut« (2,3 bzw. 1,8). »Der etwas schwere, aber gut verarbeitete Helm von Uvex geht als Testsieger hervor. Das Innenfutter dient gleichzeitig als Insektenschutz und vermittelt angenehmen Tragekomfort. Das Kopfband ist 6-fach höhenverstellbar und mittels Drehrad im Umfang verstellbar. Er besitzt Reflektorstreifen in den Trageriemen und ist mit einem aktiven Licht an der Rückseite (3 Modi) ausgestattet.
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