So lange schon hatte ich den Wunsch, endlich mal wieder auf Tour mit dem Fahrrad zu gehen. Bereits seit Jahren steht dies im Raum, doch der Familienzuwachs lässt die Zeit für ein entspanntes Wochenende schrumpfen.
Doch nun standen alle Sterne günstig: Ich hatte sturmfrei, Sturm war aber gar nicht angekündigt, sondern stattdessen strahlendes Wetter. Und so plante ich drei Tage auf dem Rad, von Kleve nach Haarlem, am nächsten Tag nach Leeuwarden und am dritten Tag nach Leer in Ostfriesland. Und ich wollte wieder Couchsurfen.
Was ist Couchsurfing?
Couchsurfing ist eine Online-Community, die sich auf der Webseite www.couchsurfing.org begründet. Die Plattform bietet Nutzern unterschiedliche Optionen. Zum einen kann man seine Gegend auf Aktivitäten und Meetings checken. Dann kann man Weltenbummler zu sich nach Hause einladen oder für sich selbst und seinen Reise Trip eine Couch suchen.
Der Ur-Gedanke war, dass man Reisende eine kostenlose Übernachtung bietet. Danach gibt der Host (Die Person, die jemanden bei sich übernachten lassen hat) oder der Surfer (Die Person, die bei jemand übernachtet hat) eine Referenz.
Ich würde ungern das Wort Bewertung in den Mund nehmen, da es sich immer um einen Subjektiven Eindruck handelt. Dieser Eindruck ist aber wichtig für andere Mitglieder. Durch Referenzen baut man sich Glaubwürdigkeit und Vertrauen auf.
Wer als Host keine Referenzen hat, der wird es schwerer haben jemanden zu finden, der bei einem Übernachten will. Es besteht ja auch immer ein gewisses Risiko. Auch als Surfer wird man sicher ein paar mehr Anfragen schreiben müssen.
Nach meiner bisherigen Erfahrung waren Couchsurfer immer super, als Gastgeber und Gäste. Ich hatte bereits einige Erfahrungen gesammelt, besonders auf meiner Fahrradtour von Köln nach Berlin. Diesmal allerdings war es deutlich schwerer, Übernachtungsmöglichkeiten zu finden.
In Leeuwarden gelang es mir bis zur Abreise gar nicht, eine Couch oder eine Luftmatratze mit einem festen Dach über dem Kopf aufzutreiben. Schweren Herzens musste ich mich auf ein Hotel oder eine Pension verlegen - das sollte noch mein Glück sein, wie sich herausstellte, denn ich Leeuwarden kam ich nie an.
In Haarlem war es leider das gleiche Spiel: Trotz sehr individueller Anfragen bekam ich nur Absagen. Also griff ich zu einem Instrument, dass ich bis dahin noch nie genutzt hatte, ich stellte eine öffentliche Anfrage.
Es dauerte rund einen halben Tag, da hatte mich ein Kerl angeschrieben, zu dem ich zur Wahrung seiner Identität jetzt keine Details preisgeben werde. Schließlich gehört es sich, für eine Couch in irgendeiner Form „Danke“ zu sagen. Google sei Dank war das Restaurant schnell gefunden.
Warum es mir an diesem Morgen so schwer fiel loszufahren, konnte ich nicht ausmachen. Doch ich saß im Zug nach Kleve, kurz vor der Grenze zu den Niederlanden. Bei Ankunft ab aufs Rad, das Navi weist mir den Weg und ich radle fröhlich los.
Die Strecke ist so „lala“, mal unglaublich schön, mal eher langweilig. Ich komme voran, am Ende sitze ich am Meer. Normalerweise würde ich jetzt über die Strecke selbst schreiben, über die Beschaffenheit der Wege, über alle Details.
Um 19 Uhr war ich mit meinem Host (So heißen die Gastgeber beim Couchsurfing) verabredet, und innerhalb des akademischen Viertels trudelte ich bei ihm ein. Großes Wohnhaus, kleine Apartments, irgendwie den Charme einer Studentenbude. Ich durfte seine Dusche nutzen, natürlich nach einer kurzen Begrüßung, und los ging es zum Italiener.
Wir bestellen Getränke, die Essenskarte kommt. Neben der Wahl der Speisen reden wir kurz über unsere Job, das Leben in Haarlem. Genau genommen rede ich und stelle Fragen, die Antworten sind sehr einsilbig. Die Getränke kommen, Essen haben wir noch nicht bestellt und die Situation wird auch nicht besser.
Mein Gegenüber spielt mit seinen Haaren und scheint hypernervös. Plötzlich platzt er heraus: Es ginge ihm nicht gut, ich könne gerne bei ihm übernachten, aber er würde gerne nach Hause gehen. Natürlich willige ich ein, obwohl mein Magen auf dem Boden hängt. Ich bestelle die Rechnung und warte.
Er dreht weiter Haare und atmet schwer. Es dämmert mir, er ist klaustrophobisch! Warte draußen, rate ich ihm, er ziert sich kurz, geht aber dann doch vor. Ich zahle nach längerer Wartezeit und folge.
Mir wird mulmig: Mein Fahrrad und beinahe alle Unterlagen sind bei ihm, ich habe nur ein wenig Geld dabei. Viel zu wenig, um zurück nach Köln zu kommen. Doch da sehe ich ihn, in einer Häuserecke stehen, mit dem Gesicht zur Wand. Ich spreche ihn an, er atmet immer schwerer.
Etwas ähnliches wie „Ich muss nach Hause“ kommt über seine Lippen. Soll ich ihn in den Arm nehmen? Oder soll ich lieber fernbleiben? Wir gehen los, ich halte gebührend Abstand.
Zum Haaredrehen hat sich noch das hektische Kratzen am Arm gesellt. Außerdem geht er „komisch“, kaum zu beschreiben. Irgendwie hält er immer den gleichen Abstand zum Gebäude und weicht Hinternissen auch mit gleichem Abstand aus. Dadurch sieht sein Gang wie ein Gang auf einem Schachbrett aus, immer rechtwinklig.
Mir wird klar, dass ich ganz sicher dort keine Nacht verbringe. Er versucht seine Mutter anzurufen, niemand hebt ab. Wir sind vor seiner Haustür, er stürmt fast nach oben und lässt sich in seinen Sessel fallen. Ich bin etwas ratlos.
Wäre mein Rad nicht im Hinterhof angeschlossen und die Tür dazu abgeschlossen, würde ich mich jetzt sofort verabschieden. Geht aber nicht. Und langsam kommt er mit der Wahrheit ans Licht, die ja ohnehin nicht mehr zu übersehen ist. Er hat Panikattacken, zwar nimmt er das Wort nicht in den Mund, aber das beschreibt er.
In regelmäßigen Abständen glaubt er, Herzinfarkte zu haben, sein Herz rast dann, und er ist zu einem geordneten Leben nicht mehr fähig. Ja super. Und warum hast du mich dann eingeladen? Ich denke diesen Gedanken nur, denn warum soll ich ihn jetzt weiter ausfragen.
Nach weiteren 20 Minuten habe ich ihn davon überzeugt, dass er mir das Fahrrad noch herausgibt und das Tor öffnet. Er kommt mit und ich stehe wenig später auf der Straße und atme selbst schwer, aber erst einmal durch.
Man stelle sich vor, er hätte seine Panikattacke nachts bekommen und mich in einem Wahn als Problem seiner Attacke erkannt. Dann hätte Couchsurfing gefährlich werden können, ganz unmittelbar. Wer im Wahn handelt, interessiert sich nicht dafür, dass er nachverfolgbar ist.
Der direkten Gefahr durch einen irgendwie schwer geschädigten Charakter bin ich entgangen. Aber was nun? Ich stehe ab späten Abend auf der Straße, alle Hotels sind ausgebucht, denn an diesem Abend findet in Amsterdam die letzte „Sensation White“ statt.
Und mein letzter Zug nach Köln geht in 45 Minuten im 30km entfernten Amsterdam. Wenn ich nicht unter der Brücke schlafen will, muss ich den bekommen. Taxi? Geht wegen des Fahrrads nicht. Zug?
Lange Rede, unglaubliche Story, in der auch kalkuliertes Schwarzfahren und ein entspannter Schaffner vorkommen, und dennoch kurzer Sinn: Ich habe den Zug bekommen, mit weniger als zwei Minuten Toleranz. Auch der mehrfache Umstieg mitten in der Nacht glückte, schließlich war ich gegen zwei Uhr am Hauptbahnhof in Köln und froh, doch immer Fahrradlichter im Gepäck zu haben.
Doch man stelle sich vor, ich hätte den Zug verpasst. Eine Übernachtungsmöglichkeit hätte ich nicht gefunden, alle Hotels waren restlos ausgebucht. Nun bin ich nicht das potentielle und typische Opfer von Übergriffen. Mit allein reisenden Frauen sieht das allerdings anders aus.
Es mag ja sein, dass Couchsurfing selbst relativ sicher ist, weil die Identität der Personen überprüfbar ist. Doch was passiert, wenn Vorort eine Übernachtungsmöglichkeit platzt? Dann wird es eventuell eng, und auch Couchsurfing gefährlich, wenn auch nur indirekt.
Ein Notfallplan ist also immer notwendig, damit nicht ausgerechnet Couchsurfing gefährlich wird. Auf Weltreise Trip mit meinem Backpack habe ich viel Couchsurfing genutzt. Das werdet Ihr in vielen Reiseberichten und dem Budget wiederfinden.
Couchsurfing aber nicht nur weil man sich etwas Geld spart, sondern auch weil man enorm viel von der Kultur mitnehmen kann. Einiges davon möchte ich Euch mit ganz privaten Eindrücken in dem Artikel wiedergeben.
Vor- und Nachteile von Couchsurfing
Nicht jeder ist überzeugt von Couchsurfing und das respektiere ich auch. Zum anderen gibt es immer mehr Kopien oder ähnliche Konzepte, die auf das Fair-Trade Prinzip beruhen.
Ich will jetzt nicht alle beim Namen nennen, aber die Idee irgendwie zu übernachten und dafür entweder zu arbeiten oder eine kleine symbolische Gegenleistung zu erbringen wird immer beliebter. Ganz offen möchte ich meine Erfahrungen aus über 130 Couchsurfing Erlebnissen mit euch teilen und die Vor- und Nachteile aus meiner Sicht erläutern.
Vorteile
- Man lernt auf direktem Weg Einheimische kennen.
- Man spart sich etwas Geld für die Übernachtungen.
- Oft wird man vom Host herumgeführt oder besucht gemeinsam Sehenswürdigkeiten in der Umgebung.
- Man kann sich auch mit einem Couchsurfer treffen oder Meetings besuchen.
Nachteile
- Couchsurfer liegen örtlich nicht immer optimal.
- Manchmal ist man auf sich allein gestellt und der Host kann einen nicht rumführen.
- Die Sprachbarriere kann manchmal sehr hoch sein und man versteht sich einfach nicht.
- Manchmal wäre es sicher schöner etwas mehr Privatsphäre zu haben oder sich nicht unter Druck gesetzt zu fühlen sich zu unterhalten oder ähnliches.
Wie finde ich einen Host und ist das sicher?
Couchsurfing ist grundsätzlich sicher. Egal wo man sich auf der Welt befindet man kann Couchsurfern mehr Vertrauen entgegen bringen. Selbst in Indien war das eine großartige Abwechslung. Ich würde in Indien sonst niemand über den Weg trauen.
ABER es gibt auch „schwarzen Schafe“ bei Couchsurfing - Möchtegern Verführer, Kommerzielle Ausnutzung, Kleinverbrecher und was auch immer noch so möglich ist. Daher ist es wichtig sich seine/n Gastgeber sorgfältig auszuwählen und bei zweifeln lieber das Hostel zu wählen.
Mir ist nie etwas passiert und ich habe noch nie was Schlechtes von Couchsurfing Freunden gehört. Es gibt Mythen und Geschichten, aber die gibt es überall, oder?
120 Couchsurfer habe ich bereits kennen gelernt und nie ist etwas passiert… Vielleicht liegt die Chance bei 0,1 %, dass man wirklich eine unangenehme Erfahrung macht… Hier muss man selber Erfahrungen sammeln.
Tops and Flops auf dem Couchsurfing Trip
Jeder Reisebericht eines Weltenbummlers hat seine unterschiedlichen Seiten. Auch die Aufenthalte mit Couchsurfing waren sehr unterschiedlich. Generell ist es immer einfacher in Städten zu suchen. Umso mehr Personen in einer Stadt wohnen umso höher scheint die Wahrscheinlichkeit eine Couch zu finden.
Wenn man etwas mehr Referenzen hat oder ein sehr gutes Profil, dann wird man auch des Öfteren eingeladen. Ich bin mir fast sicher, dass man es als Frau noch einfacher hat, aber belegen kann ich das nicht. Es ist ein Gefühl, dass mich immer begleitet hat. Man muss aber auch zugeben, dass es als Frau nicht immer einfacher ist.
Generell schaut man sich immer Referenzen, Profil und Bilder einer Person an. Man vertraut dem Bauchgefühl. Das kann auch mal schief gehen. Dann ist es wichtig, dass man darüber redet.
Hier mal eine Liste, wie sich Couchsurfing in den verschiedenen Ländern angefühlt hat.
Sehr Gut mit Couchsurfing
- Bali
- Brasilien
- Kolumbien
- USA (New York schwer!)
- Indonesia
- Malaysia
Geeignet mit Couchsurfing
- Peru
- Ecuador
- Canada
- Hing Kong
- Brunei
- Singapur
- Thailand
- Viatnam
Schwierig mit Couchsurfing
- Bolivien
- Philippinen
- Laos
- Kambodscha
Weitere Übernachtungsnetzwerke für Radfahrer
Neben Couchsurfing gibt es noch andere Netzwerke, die speziell auf Radfahrer ausgerichtet sind:
- ADFC-Dachgeber: Bietet rund 3400 Adressen mit mehr als 17.000 kostenfreien Schlafplätzen bei Fahrradfreunden in allen Bundesländern.
- Warmshowers: Eine weltweit nutzbare, kostenfreie Möglichkeit als Radtourist die Gastfreundschaft anderer in Anspruch zu nehmen.
Tipps für eine gelungene Radtour mit Couchsurfing
- Frühzeitig planen: Gerade in beliebten Reisezielen ist es ratsam, frühzeitig nach Gastgebern zu suchen.
- Profile sorgfältig prüfen: Achte auf Referenzen, Profilbilder und Beschreibungen, um einen passenden Gastgeber zu finden.
- Individuelle Anfragen stellen: Schreibe persönliche Nachrichten und zeige Interesse an deinem Gastgeber.
- Flexibel sein: Sei offen für spontane Änderungen und passe dich an die Gegebenheiten an.
- Notfallplan haben: Informiere dich über alternative Übernachtungsmöglichkeiten, falls es doch nicht klappt.
- Kommunikativ sein: Sprich offen über deine Erwartungen und Bedürfnisse.
- Gastgeschenk mitbringen: Eine kleine Aufmerksamkeit kommt immer gut an.
- Sauberkeit und Ordnung: Hinterlasse deinen Schlafplatz sauber und ordentlich.
Fazit
Couchsurfing kann eine tolle Möglichkeit sein, um auf Radreisen neue Leute kennenzulernen, Geld zu sparen und authentische Einblicke in die lokale Kultur zu bekommen. Mit der richtigen Vorbereitung und einem gesunden Menschenverstand steht einem unvergesslichen Erlebnis nichts im Wege.
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