Anfang März fand im Prenzlauer Ortsteil Wollenthin ein Treffen ehemaliger Sportfreunde statt, bei dem die 15 Teilnehmer zusammen mehr als zwei Dutzend nationale Titelgewinne vorweisen konnten. Diese Athleten haben Sportgeschichte geschrieben und dem Motocross in vielerlei Hinsicht Denkmäler gesetzt.
Hartmut Kunkel: Moderator und Initiator
Initiator des Treffens war Hartmut Kunkel, Jahrgang 1951, der auch als exzellenter, versierter und wortgewaltiger Moderator großer Rennveranstaltungen bekannt ist. „Ich kommentiere seit 1999 solche Rennen“, erzählte er. Seine Tätigkeit begann regional in Parmen, Seelübbe, Templin und Schwedt, wurde aber bald überregional sowie national und sogar international, wie bei Rennen zur Moto-Cross-WM in Teutschenthal (Sachsen-Anhalt).
Der Sport habe ihn nicht nur geprägt, sondern sein Leben mitbestimmt, sagt Hartmut Kunkel. Er gewann dadurch viele Freunde. "Rennen von nationalem und internationalem Rang prägen natürlich das Bild dieses Sports in der Öffentlichkeit. Aber den Kern dieser Sache verfolgen wir mit unserer Arbeit in den Clubs, regional in der Heimat. Da stecken so viel Liebe zur Sache und immense Mühen dahinter, da bleiben auch Anekdoten und Geschichten, die nicht vergessen werden sollten, haften", so der Motorsportler.
Die Werkstatt in seinem Haus bot das richtige Ambiente. Sie vermittelt Motocross-Geschichte pur, was Motorräder, Bilder, Plakate, Urkunden und Pokale eindrücklich belegen.
Erinnerungen und Anekdoten
Vor fünf Jahren gab es schon einmal ein erstes Treffen der Ex-Meister. Der Usedomer Heinz Hoppe - seine Laufbahn begann in Apolda, er fuhr für insgesamt sieben Clubs - war nun schon zum wiederholten Mal dabei. Auch Edmund Schulz (Schwedt) lässt sich solche Treffen nicht entgehen. Sogar der Speedwayfahrer Herbert Mussehl (Burg Stargard) berichtete über seine Laufbahn. Weiter dabei waren unter anderem Olaf Degner (Prenzlau), Peter Wolf (Schwedt), Klaus Hünecke (Merkers), Gunter Frohn (Lübben) und Harald Zimmermann (Cremzow).
Folgenreiches Zusammentreffen
Hartmut Kunkel kam während seiner Lehre zum Maschinenbauer in Wriezen in Kontakt mit dem Motocross. Viele Lehrlinge waren als Betreuer von Athleten bei Crossveranstaltungen vor Ort eingesetzt. Nach seinen Aussagen war es der dreifache Crossweltmeister Paul Friedrichs (Erfurt), der in ihm die Begeisterung für diesen Sport auslöste. Einen weiteren Funken in ihm zündete auch seine Renate. Sie stammt aus Wriezen, 1973 heirateten sie dort. Am Tag nach der Hochzeit, wie konnte es anders sein, pilgerte das junge Paar samt den Familien der Eltern und Schwiegereltern an die Strecke zum schon damals traditionsreichen Rennen. Das passte doch. Diese sehr persönliche Geschichte war nur eine der Anekdoten, die fast 51 Jahre später beim Treffen in Wollenthin zum Besten gegeben wurden.
Die rund sieben Stunden, die die früheren Meister beisammensaßen, vergingen wie im Fluge. "Kein Wunder, denn jeder der Anwesenden gab unumwunden Erlebnisse preis, die gut genug wären, Sportgeschichtsbücher zu füllen. Bei so manchen Crossern hatte der Erwerb neuer Technik Vorrang. Der Kauf einer neuen Anbauwand musste warten." Nicht jede Ehepartnerin hätte das mitgemacht. Bei Kunkels aber ja.
Titel unter Parmener Flagge
Zum Nachdenken über die Geschichte zählte auch, dass einst der MC Fürstenwerder den Grundstein für den Motorsport legte, dessen Entwicklung der MSC Parmen als Nachfolger, ohne Luft ranzulassen, nahtlos fortsetzte. Während andernorts Vereine dahin dümpelten oder gar ganz von der Bildfläche verschwanden, fuhren unter Parmener Flagge bekannte Motocrosser wie Heiko Koch, Helmut Milenz und Karsten Fiebing Erfolg um Erfolg ein. Dem Schwedter Peter Wolf gelang für den MSC Parmen das äußerst begehrte Double. Er gewann die nationale Meisterschaft in der 500er- und der 250er-Klasse. Andreas Kunkel erkämpfte Bronze bei den 500ern. Und Harald Zimmermann komplettierte das Ganze mit Bronze im 250er-Feld.
Ruhe vor dem Start, volle Konzentration auf das nächste Rennen am Parmener Mühlenberg. Dort fiebert Hartmut Kunkel als Sprecher jedes Mal beim Geschehen auf dem Kurs rund 40 Minuten in vollem Umfang mit.
Und Hartmut Kunkel? Er fuhr zwischen 1974 und 1989 Rennen und wurde achtmal Meister des Bezirkes Neubrandenburg. Als späterer sportlicher Leiter des MSC Parmen hatte er Anteil an vielen nationalen Titelgewinnen. „Ich kenne nur wenige, die wie er die absolute Vielschichtigkeit als Kenner der Materie Motocross nahezu in Perfektion verkörpern“, urteilte Edmund Schulz 2016 über ihn. „Viele Ehrenamtler versuchen das. Hartmut trifft dabei aber den Nagel absolut auf den Kopf.“
Ein Kapitel darin widmete der Autor des Buches und dieses Beitrages auch Hartmut Kunkel.
Martin Böhme: Ein Leben für den Motorsport
Halle im Juli 1956. In den Brandbergen dröhnen die Motorräder. Am Ende steht der Sieger fest: Martin Böhme, Jahrgang 1935, Mitglied beim Motorsportclub Lok-Leipzig holt den Sieg in der Klasse 350 ccm. Das Foto zeigt ihn mit Motorrad und Siegerkranz. Zu diesem Rennen fuhr Martin Böhme eine AWO in der Klasse 350 ccm. Er durfte eine „Überlassungsmaschine“ von Simson Suhl fahren - eine nur für den Motorsport angefertigte Maschine. Mit 24 PS hatte diese doppelt so viel Power wie die AWO-Sport, die im Handel erhältlich war.
Die Leidenschaft für den Motorsport entwickelte Martin Böhme während seiner Lehre zum Autoschlosser. 1955 begann er mit dem Motocrosstraining, 1961 wurde er DDR-Meister, 1962 Vizemeister. Bei einem internationalen Rennen in Wismar holte er 1961 einen 2. Mit Siegerkranz nach dem Rennen in den Brandbergen.
Mit dem Start in die berufliche Selbständigkeit als KFZ-Schlossermeister beendete er 1966 seine aktive Sportlerkarriere. Gemeinsam mit sieben Männern und drei Frauen ist der jetzt 86jährige in einer örtlichen Bikergruppe unterwegs. Mit einigen Lieblingsmaschinen ist eine kleine Oldtimersammlung entstanden.
Weitere Persönlichkeiten und Anekdoten
Helmut Schuhmann
Helmut Schuhmann war aktiver Motocross- und Endurofahrer, von 1962 - 1968 beim MC Pößneck und von 1969 - 1974 beim MC Kali Merkers „Alte Warth“. Teilnahme an Motocross und Enduro WM auf CZ und MZ. Ab 1974-1990 war er Techniker und Trainer beim MC Kali Merkers „Alte Warth“.
Heinz Hoppe
Die Silbermedaille hinter der UdSSR und vor Frankreich war bis über die Jahrtausendwende das beste Ergebnis einer deutschen Moto-Cross-Mannschaft. Und für eben diese ging auch der heutige Kölpinseer Heinz Hoppe an den Start.
Die Insel Usedom scheint ein hervorragendes Pflaster für großartige Sportler zu sein. Und mit dem gebürtigen Thüringer Heinz Hoppe, der gerade am 6. März seinen 78. Geburtstag feierte, führt eines der ganz großen Asse im DDR-Motorsport nun sein Leben als Pensionär in Kölpinsee.
Der von Sportfreunden wegen seiner kernigen Statur seit jeher gern „Bobby“ genannte Hoppe war besonders in den 1970er und 1980er Jahren neben Dreifach-Weltmeister Paul Friedrichs hierzulande der Cross-Rennfahrer schlechthin. Die Strecken zwischen dem Tannengrund in Apolda, der „Alten Warth“ des MC Kali Merkers und dem Wolgaster Ziesaberg kennt er wie seine berühmte Westentasche.
Wie viel Triumphe und Teamsiege es neben den 23 DDR-Meistertiteln insgesamt waren, kann Heinz Hoppe gar nicht mehr exakt sagen. Jedenfalls so viele, dass ihm bereits zu Lebzeiten das Etikett „Legende“ angeheftet wurde.
Noch heute gerät der inzwischen 78-Jährige ins Schwärmen, wenn er an die „Story mit dem Vergaser“ denkt, über Gashebel, Zündkerzen und Ritzel plaudert, so als käme er geradewegs von der Strecke, als seien seine Hände noch ölverschmiert.
Hier findet sich Papa Heinz gern zum gemeinsamen Klönen ein; genauso wie im Ückeritzer Hafen, wo er seit langem mit einem Fischer eng befreundet ist.
Dass es „Bobby“ aus dem Thüringer Wald einst an den Ostseestrand zum MC Wolgast verschlug, war der Liebe zu seiner Marion geschuldet. Und auch wenn er den Ortswechsel nie bereut hat, zieht es ihn heutzutage noch immer nahezu magisch an Rennstrecken und zu Oldie-Treffen mit alten Kämpen; vornehmlich in und um Apolda. „Sobald ich die Geräusche der Maschinen höre, kann ich nicht mehr still sitzen bleiben“, gibt der Kraftprotz, der sich derzeit erfolgreich von einer schweren Erkrankung erholt, gern zu.
Eine seiner Erinnerungen, von denen er bis heute gern berichtet, war die Teilnahme an einem internationalen Rennen (Moto-Cross der Nationen 1968) im damals sowjetischen Kischinew, der heutigen Hauptstadt Moldawiens, die inzwischen Chisinau heißt.
Wie eng zu Zeiten des Kalten Krieges indes Politik und Sport miteinander verzahnt waren, erlebten Hoppe und sein Freund und Vorbild Paul Friedrichs im August 1968.
Hans-Dieter Kessler
Motocross ist eine Sportart, die nicht zuerst auf Schnelligkeit ausgelegt ist, sondern in der perfekten Beherrschung von Körper und Maschine auf absolut unwegsamen Gelände. Dieser Erstkontakt hat für Hans-Dieter Kessler wesentliche Erfahrungen eingebracht, die er dann in den weiteren Motorsportdisziplinen anwenden konnte.
Zu Zeiten der DDR startete Hans-Dieter Kessler in drei Rennwagen-Kategorien, war mit sechs DDR-Meistertiteln der erfolgreichste Rundstreckensportler der siebziger und achtziger Jahre.
Der dort ansässige Motorsportclub Kali-Merkers war in den sechziger und siebziger Jahren die Moto-Cross-Hochburg der DDR.
Der Talkessel Teutschenthal
Motocross in Teutschenthal - das ist hochklassiger, internationaler Motorsport auf einer Rennstrecke mit Tradition. Der DDR-Meister in der 500ccm-Klasse wurde im Schatten der großen Kalihalde gesucht, begleitet von einem offenen Rennen in der 125ccm-Klasse.
Schon das zweite Rennen, im Mai 1967 ausgetragen, organisierte der neu gegründete MSC in eigener Regie. Auch der Name „Talkessel“ war schnell gefunden. Am ersten Juliwochenende war Teutschenthal erstmals Schauplatz eines Weltmeisterschaftslaufes. Allerdings kam bereits ein Jahr später für den Motocross-Sport das staatlich verordnete Aus für internationale Meisterschaftsprädikate. Im Juni 1989 war es soweit: Nach 18 Jahren Zwangspause durften endlich auch wieder westeuropäische Fahrer in Teutschenthal starten.
Tabelle: DDR Motocross Meister
| Jahr | Name | Klasse |
|---|---|---|
| 1961 | Martin Böhme | 350 ccm |
| 1988 | Heinz Hoppe & Klaus-Dieter Wissuwa | Seitenwagenklasse |
| 1990 | Peter Wolf | 500er & 250er |
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