Der Radfahrer vs. Gelber Pkw: Unfallszenarien im Zeitalter autonomer Fahrzeuge

Tech-Firmen und die Autoindustrie investieren Milliardenbeträge in die Entwicklung selbstfahrender Autos. Schon in wenigen Jahren sollen von Roboterhand gelenkte Fahrzeuge die Straßen dominieren. Doch was passiert, wenn die Maschinen auf Radfahrer treffen?

Autofahrer entscheiden jeden Tag im Straßenverkehr über Menschenleben, meist unbewusst und in Sekundenschnelle. Lenker wägen ihre eigene Sicherheit mit der von anderen Autofahrern und schwächeren Verkehrsteilnehmern wie Radfahrern oder Fußgängern ab. Solche Entscheidungen liegen künftig in Maschinenhand.

Die Entscheidung der Software fällt aller Wahrscheinlichkeit nach eher zugunsten der eigenen Fahrzeuginsassen denn Fremden im Verkehr aus. Klar, auch menschliche Fahrer handeln im eigenen Interesse. Autofirmen haben Radler schon länger als Hürde für ihre Technologie identifiziert.

„Eines der größten Probleme sind Menschen mit Fahrrädern“, sagte Renault-Chef Carlos Ghosn im Jahr 2016.

Der Siegeszug autonomer Fahrzeuge könnte den Radverkehr direkt treffen. Denn selbstfahrende Autos und Lenkassistenten werden vermutlich in einigen Situationen das Risiko im Verkehr von sich auf andere umwälzen.

„Denken Sie an ein autonomes Auto, das entscheidet, wie es sich selbst durch eine Straße steuert - näher an einem LKW auf seiner rechten, oder näher an einem Fahrradstreifen auf seiner linken“, sagte Studien-Mitautor Azim Shariff von der Universität von British Columbia dem Magazin Forbes. „Wenn Autos immer dazu programmiert sind, enger am Fahrradstreifen zu fahren, können sie damit das Risiko deutlich reduzieren, mit anderen Autos kollidieren.

Die Wissenschaftler schilderten 13 Szenarien, bei denen im Straßenverkehr der Tod eines Menschen unvermeidlich ist. Mehr als 2,3 Millionen Menschen in Ländern rund um die Erde beantworteten die Fragen.

Die Befragten mussten abwägen, ob sie etwa ihr Auto gegen ein Hindernis steuern und damit alle Insassen gefährden, um einen illegal die Straße kreuzenden Fußgänger zu schützen. Das Fazit der Wissenschaftler: Überall werden solche Entscheidungen anders getroffen.

In Ländern mit starkem Rechtsstaat, etwa Finnland und Japan, entschieden Befragte häufiger, das Anfahren eines Fußgängers in Kauf zu nehmen, wenn dieser ordnungswidrig die Straße überquert. Das Beispiel machen deutlich: Eine weltweit einheitliche Ethik des Straßenverkehrs gibt es nicht. Es ist daher schwer, für die Maschinenlogik der selbstfahrenden Autos weltweit gleiche Regeln zu setzen.

Versuche zur Normierung gab es bereits, etwa durch eine Ethik-Kommission der Bundesregierung. De facto werden die ethischen Standards aber vor allem durch die streng geheime Software von Firmen wie Tesla, Uber oder der Google-Tochter Waymo gesetzt. Sie und andere große Konzerne wollen bis 2021 selbstfahrende Autos regulär auf die Straße bringen.

In den USA laufen schon länger Straßentests von selbstfahrenden Autos. Die Unfallberichte zeigen, dass die Lenkroboter sich oft unberechenbar verhalten. Die Unfälle streuen Zweifel an der Technologie. Sind automatisierte Fahrsysteme einer modernen Stadt überhaupt gewachsen?

Nach dem tödlichen Zusammenstoß eines Testautos mit einer ihr Fahrrad schiebenden Passantin stoppte Uber seine (ohnehin von menschlichen Lenkern begleiteten) Probefahrten in mehreren US-Städten. Waymo testet seine selbstfahrenden Taxis in den übersichtlichen Straßenverläufen der US-Stadt Chandler in Arizona. Selbst dort läuft es nicht unfallfrei ab.

Unsere Städte müssten nach den Bedürfnissen der Fahrzeuge umgebaut werden, folgert ein Artikel im Wall Street Journal. Dann klappe es auch mit den autonomen Autos. Gefragt sind schnurgerade Straßen, ein Verbot des Mischverkehrs und durchgehende Bodenmarkierungen.

„Ihr müsst hier die verdammten Straßen anmalen“, rief Volvo-Nordamerika-Chef Lex Kerssemakers bei einer Messe in Los Angeles. Die marode Infrastruktur der USA muss an vielen Orten für die Maschinen erst fit gemacht werden.

Der Idealzustand für selbstfahrende Autos ist daher vermutlich eine Stadt nach amerikanischem Vorbild. Das entspricht aber so gar nicht europäischen Vorstellungen lebenswerter urbaner Räume, die viel Platz für Fußgänger und Radfahrer vorsehen.

Hilfreich wäre laut dem Wall Street Journal auch, alle Verkehrsteilnehmer zu vernetzen und ihre Daten auszutauschen, um Zusammenstöße zu vermeiden. Das Ringen um den urbanen Raum ist bereits im vollen Gange. Nicht nur US-Konzerne, sondern auch europäische Autogiganten arbeiten längst an autonomen Fahrzeugkonzepten.

Der starke Lobbyarm der Konzerne drängt wohl bald auch in Europa mit Macht darauf, unsere Städte für selbstfahrende Autos bereit zu machen. Fahrradverbände warnen seit längerem vor Gesetzen, die selbstfahrende Autos gegenüber Radfahrern bevorzugen.

Und tatsächlich, im EU-Parlament wird bereits der Entwurf eines Berichts diskutiert, der Europa als „weltweiten Vorreiter beim Einsatz vernetzter und automatisierter Mobilität“ sehen möchte.

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