Auch wenn Lukas Tulovic derzeit der einzige deutsche Stammstarter in der Motorrad-WM ist: Ein Rückblick zeigt, welche Landsmänner schon aktiv waren.
Die frühen Erfolge: Haas, Anscheidt und Co.
Stefan Bradl ging noch in den Kindergarten, als es zuletzt einen deutschen Motorrad-Weltmeister zu feiern gab. Seitdem hat es für keinen deutschen Fahrer mehr mit dem Gewinn einer WM-Trophäe geklappt. Bradl wäre in der mehr als 60-jährigen Geschichte der Straßen-WM der achte Deutsche, dem ein solcher Coup gelingt.
Werner Haas machte den Anfang, als er 1953 Weltmeister in der 125er- und 250er-Klasse wurde. Ein Jahr später verteidigte der Augsburger seinen Titel mit der Viertelliter-Maschine erfolgreich. Haas hätte in seiner ohnehin schon erfolgreichen Karriere sicherlich noch mehr Erfolge gefeiert, doch er starb 1956 im Alter von nur 29 Jahren bei einem Flugzeugabsturz.
Ebenfalls am Jahresende dreimal ganz oben stand Hans Georg Anscheidt, der von 1966 bis 1968 in der mittlerweile nicht mehr ausgetragenen 50ccm-Klasse triumphierte. Neben Haas, Anscheidt, Mang und Raudies lassen sich drei weitere Deutsche in den WM-Siegerlisten finden.
- Ernst Degner wurde 1962 erster 50er-Champion der Geschichte.
- Hermann-Peter Müller (250 cm³/1955)
- Dieter Braun (125 cm³/1970, 250 cm³/1973) krönten ihre Karrieren mit WM-Titeln.
Toni Mang: Der Rekordhalter
Mehr als drei Titel hat auf der Straße in der deutschen Motorrad-Geschichte nur ein Fahrer errungen. Toni Mang ist mit fünf Titeln der erfolgreichste Pilot. Der Bayer aus Inning am Ammersee gewann dreimal den Titel in der Klasse bis 250 cm³ (1980, 1981 und 1987) und zweimal in der Klasse bis 350 cm³ (1981 und 1982). 1987 holte er die WM-Krone im Alter von 38 Jahren und ist damit bis heute der älteste Weltmeister aller Zeiten. Seine Karriere beendete Mang im Jahr darauf nach einem schweren Sturz in Rijeka.
Eigentlich begann die Rennsport-Karriere von Toni Mang schon 1971. Zusammen mit seinem Jugendfreund Sepp Schlögl heuerte er als Mechaniker beim 125er-Weltmeister Dieter Braun an. Das Ziel des jungen Motorrad begeisterten aus dem bayrischen Inning am Ammersee war allerdings schon damals, irgendwann selbst aufs Treppchen zu fahren. Dies gelang ihm schließlich auch, 1975 wurde er zum ersten Mal Deutscher Meister. 1976 folgte dann der erste Grand-Prix-Sieg in der 125er-Klasse.
1978 nahm Kawasaki den aufstrebenden Rennfahrer unter Vertrag. Sein Freund Sepp Schlögl blieb als genialer Mechaniker an seiner Seite. Der Vertrag mit Kawasaki endete zunächst 1979, aber das Duo hielt der Marke die Treue. Als Privatfahrer mit Unterstützung von Mike Krauser und Kawasaki holte sich Toni 1980 seinen ersten WM-Titel in der Klasse bis 250 ccm. Bis heute legendär sind seine Duelle mit Jon Ekerold bei den 350ern, wobei der Südafrikaner zunächst noch die Nase vorn hatte.
Wieder als Werksfahrer gebucht, holte sich Toni Mang dann aber 1981 sowohl den Titel in der 250er- als auch in der 350er-WM. 1982 wurde er letzter Titelträger der Klasse bis 350 Kubikzentimeter - und damit ewiger Weltmeister, denn die Kategorie wurde am Ende jener Saison für immer eingestellt. 1987 folgte schließlich ein letzter WM-Titel für Mang auf Honda in der 250er-WM.
Toni Mang nahm an 142 Großen Preisen teil und feierte 42 Siege - eine Marke, an die kein anderer deutscher Straßenfahrer heranreicht. 1983 wechselte Mang in die Königsklasse 500 ccm. Jedoch erlitt er vor Saisonbeginn eine schwere Verletzung bei einem Skiunfall und konnte erst im August fahren; mehr als ein zehnter Platz sprang nicht heraus. 1984 kehrte Mang in die Viertelliter-Klasse zurück. Mang unterstützte nach seiner aktiven Karriere Marcel Schrötter in dessen jungen Jahren.
Die 1990er und Dirk Raudies
Die glorreichen Zeiten der deutschen Motorrad-Piloten sind lange vorbei, lediglich Raudies' Erfolg liegt weniger als 20 Jahre zurück. Kein deutscher Weltmeister seit Raudies 1993.
Dirk Raudies war ein Rennfloh - er brachte es auf nur 1,62 Meter und wog zu seiner aktiven Zeit zwischen 48 und 53 Kilogramm. 1994 gelang es Raudies trotz dreier Siege nicht, seinen Titel zu verteidigen. Von 2004 bis 2008 sowie 2015 kommentierte Raudies bei Eurosport die Rennen der Motorrad-WM.
Das 21. Jahrhundert: Cortese und Bradl
Nach Raudies kam auch ein anderer (Italo-)Schwabe auf den WM-Thron. In 220 Großen Preisen gelangen Cortese (Jahrgang 1990) sieben Siege - darunter der Triumph am 8. Juli 2012 auf dem Sachsenring, mit dem er der erste Deutsche seit 41 Jahren wurde, der ein Rennen auf dieser Strecke gewonnen hatte.
2012 wird sie zur Moto3 umgewandelt und Cortese auf einer KTM Weltmeister. 15 Podestplätze, darunter fünf Siege, kann er für sich verbuchen. Danach wechselt der Deutsche in der Moto2, wo er für das heimische IntactGP-Team antritt. Nach fünf Jahren verlässt Cortese die Motorrad-WM. 2018 gewinnt er mit Yamaha den Titel in der Supersport-Weltmeisterschaft.
Ab 2013 fuhr Cortese im neu gegründeten Team Intact GP in der Moto2 - es verlief enttäuschend, Cortese konnte nie mehr an seine erfolgreiche Zeit anknüpfen. 2018 wechselte er in die Supersport-WM und konnte auf einer Yamaha auf Anhieb den WM-Titel gewinnen.
Stefan Bradl bestreitet seine erste komplette Sason 2006 in der 125er-Klasse. 2010 steigt er in die Moto2 auf, wo er sich ein Jahr später im Titelkampf gegen Marc Marquez die WM-Krone sichert. Daraufhin schafft Bradl den Sprung in die Köngisklasse MotoGP. Dort fährt er drei Jahre für LCR-Honda, wechselt später zu Aprilia. Mittlerweile ist er Honda-Testfahrer und absolviert einige Wildcard-Starts pro Saison. 2019 und vor allem 2020 springt Bradl im Honda-Werksteam ein. 2020 bestreitet er statt dem verletzten Marc Marquez fast die komplette Saison. Sein besten Saisonergebnis ist ein siebter Platz beim Finale in Portimao.
Stefan Bradl war 2011 Champion der Moto-2-Klasse und besiegte dabei den aktuellen Superstar Marc Marquez, der allerdings aufgrund einer Verletzung einige Rennen verpasst hatte. Danach stieg der siebenmalige Grand-Prix-Sieger aus Zahling in die Moto-GP auf, feierte auf einer Honda eines Privatteams zwei Podiumsplätze sowie einige Achtungserfolge. Doch der Durchbruch blieb dem Bayern (Jahrgang 1989) verwehrt. Nach seinem Aus beim LCR-Team Ende 2014 fuhr Bradl nur noch hinterher und stieg 2016 auf dem Grand-Prix-Zirkus aus.
Im Jahr 2017 startete Bradl in der Superbike-WM auf einer Honda CBR 1000 SP, danach arbeitete er als Test- und Ersatzfahrer für verschiedene Teams. Aufgrund der Verletzung von Jorge Lorenzo kommt der Ex-Weltmeister nun zu seinem Einsatz auf einer Werk-Honda beim Großen Preis von Deutschland aus dem Sachsenring - als Teamkollege seines einstigen Rivalen Marc Marquez.
Weitere deutsche Fahrer in der Motorrad-WM
Neben den genannten Weltmeistern gab es zahlreiche weitere deutsche Fahrer, die in der Motorrad-WM aktiv waren. Hier eine Auswahl:
- Arne Tode: 2010 als Stammfahrer in der neuen Moto2-Klasse.
- Jonas Folger: WM-Debüt 2009, zwei Siege in der Moto3, später in der MotoGP.
- Marcel Schrötter: Moto2-Pilot, 2017 im IntactGP-Team, 2023 Wechsel in die Supersport-WM.
- Max Neukirchner: Fixstarter in der Motorrad-WM 2011 und 2012.
- Toni Finsterbusch: Saison 2012 in der Moto3.
- Florian Alt: 2013 in die Moto3, 2015 in der Moto2.
- Luca Grünwald: Einzige volle Saison 2014 als Moto3-Pilot.
- Philipp Öttl: WM-Karriere ab 2013 in der Moto3, Sieg in Jerez 2018, später in der Moto2.
- Lukas Tulovic: 2019 als Moto2-Rookie, später in der MotoE, 2023 zurück in die Motorrad-WM.
Auch Steve Jenkner war erfolgreich. Das erfolgreichste Jahr von Steve Jenkner war 2003 - in dieser Saison holte der Sachse (Jahrgang 1976) auf seiner 125-ccm-Aprilia einen Grand-Prix-Sieg in Assen sowie fünf weitere Podiumsplatzierungen. Am Ende wurde Jenkner WM-Sechster.
2005 versuchte sich Jenkner in der 250-ccm-Liga, am Ende landete er auf einem ernüchternden 23. Platz im Klassement. Da er 2006 kein konkurrenzfähiges Material für die WM erhielt, zog er sich vom Rennsport zurück und erhielt einen Vertrag als Testfahrer für die italienische Traditionsmarke Fantic. Dabei ging Jenkner bei einigen Rennen zur EM an den Start.
Einige Fahrer waren auch als Gaststarter aktiv:
- Dirk Geiger: WM-Debüt 2019 beim Heim-Grand-Prix auf dem Sachsenring.
- Kevin Hanus: Seit 2010 immer wieder einzelne Rennen, 2012 in Frankreich Punkte.
- Tim Georgi: Wildcard-Starter in der Moto3 ab 2016.
- Maximilian Kappler: Viermal Moto3-Gaststarter.
- Daniel Kartheininger: Von 2009 bis 2011 in der 125er-Klasse.
Marcel Schrötter (Jahrgang 1993) startet in der Moto-2-Klasse beim deutschen Grand Prix 2019. Der Mann aus Pflugdorf ist seit 2009 WM-Starter und saß bereits bei 164 Rennen im sattel von verschiednen Zweirädern. Beim Großen Preis von San Marino fuhr Schrötter als Dritter zum ersten Mal in der Moto-2-Klasse auf das Podest, es folgte ein zweiter Platz im April in Austin. Aktuell ist er mit 81 Punkten Siebter der WM-Wertung.
Jonas Folger war eine große Karriere prognostiziert worden, doch dem Mann aus Mühldorf am Inn gelang nie der große Durchbruch - mal gab es technische Probleme, mal organisatorische Verwicklungen und manchmal stand sich der Bursche (Jahrgang 1993) selbst im Weg. Im September 2017 erlitt Jonas Folger ein Burnout-Syndrom und zog sich vorerst aus der Szene zurück. So kommt er bei 151 Grand-Prix-Starts immerhin auf fünf Siege.
2019 kehrte der Bayer zurück. Auf dem Sachsenring startet Folger in der Moto-2 als Ersatzmann für den verletzten Malaysier Khairul Idham Rawi, für den er bereist zwei Saisonrennen bestritten hat. Folger wohnt in Spanien in einer Wohngemeinschaft mit dem Rennkollegen Marcel Schrötter.
Lukas Tulovic aus Eberbach bei Heidelberg greift auf dem Sachsenring ebenfalls in der Moto-2 an. Seit 2018 fährt der junge Mann (Jahrgang 2000) eine Aprilia des deutschen Kiefer-Racing-Teams, seine beste Platzierung ist Rang 13 beim Großen Preis der Niederlande in Assen vor zwei Wochen.
Philipp Öttl (Foto) gehört seit 2012 zum Inventar der Motorrad-WM (ein Sieg in der Moto-3-Klasse), allerdings fehlt er auf dem Sachsenring. Der 1996 in Bad Reichenhall geborene Rennfahrer erholt sich von einer Gehirnerschütterung, die er sich vor drei Wochen im Training zugezogen hat.
Titelübersicht
Eine Übersicht der deutschen Weltmeister und ihrer Titel:
| Fahrer | Titel | Jahre |
|---|---|---|
| Werner Haas | 125 cm³ | 1953 |
| Werner Haas | 250 cm³ | 1953, 1954 |
| Hermann-Peter Müller | 250 cm³ | 1955 |
| Ernst Degner | 50 cm³ | 1962 |
| Hans Georg Anscheidt | 50 cm³ | 1966, 1967, 1968 |
| Dieter Braun | 125 cm³ | 1970 |
| Dieter Braun | 250 cm³ | 1973 |
| Toni Mang | 250 cm³ | 1980, 1981, 1987 |
| Toni Mang | 350 cm³ | 1981, 1982 |
| Dirk Raudies | 125 cm³ | 1993 |
| Sandro Cortese | Moto3 | 2012 |
| Stefan Bradl | Moto2 | 2011 |
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