Die Geschichte der Deutschland-Tour ist fast so alt wie die der Tour de France. Sie beginnt im Jahre 1911. Doch im Gegensatz zu Frankreich oder Italien fehlte es hierzulande stets an Kontinuität.
Die Anfänge: 1911 bis 1939
Acht Jahre nach der ersten Tour de France und zwei Jahre nach dem ersten Giro d’Italia fiel 1911 in Breslau, das heute Wroclaw heißt und zu Polen gehört, der Startschuss zur ersten Deutschland-Tour. Sie führte über 1500 Kilometer - durch Dresden, Erfurt, Nürnberg, Mannheim, Frankfurt und Köln.
Elf Jahre später, vier Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, gab es die zweite Auflage: Diese zweite Tour umfasste nur vier Etappen - und führte von Köln über Aachen, Trier, Mannheim, Frankfurt und Bonn zurück nach Köln.
Bis zur dritten Deutschland-Tour vergingen danach wieder fünf Jahre. Von April bis Oktober wurde an jedem Sonntag eine Etappe gefahren. Es war mehr eine Jahreswertung als eine Rundfahrt. Richard Wolke aus Berlin, im gleichen Jahr Amateur-Vizeweltmeister auf dem Nürburgring, gewann sie.
Doch Hermann Schwartz, ein radsportbegeisterter Schneidermeister aus Köln, überzeugte die Opel-Bosse weiterzumachen. Und so fand 1930 die erste Deutschland-Rundfahrt nur für Profis statt: Sie führte über zehn Etappen vom Opel-Standort Rüsselsheim nach Berlin und war eine rein nationale Angelegenheit.
Von Opel inzwischen als „Reklamechef“ eingestellt, organisierte Hermann Schwartz ein Jahr später eine internationale Rundfahrt über 16 Etappen bei einer Länge von 4000 Kilometern. Gesamtsieger wurde der Magdeburger Otto Weckerling, der schon auf der ersten Etappe zusammen mit Willi Kutschbach einen Vorsprung von über elf Minuten herausfuhr und nach elf Etappen immer noch sechseinhalb Minuten vor dem Gesamtzweiten Ludwig Geyer lag.
Der große Triumphator der 1938er-Tour war Hermann Schild, der mit 39 Minuten Vorsprung im Gesamtklassement nach 15 Etappen das finale Ziel Berlin erreichte.
Die "Großdeutschlandfahrt" 1939
Die „Großdeutschlandfahrt“, wie sie 1939 hieß, war eine Rundfahrt der Superlative. Da die Nationalsozialisten die Größe des „Reiches“ demonstrieren wollten, fiel die Tour mit 5050 Kilometern länger aus als die Tour de France und der Giro d’Italia.
Jene Rundfahrt war nicht nur ein Radrennen, sie wurde von den Machthabern als Propagandashow genutzt. Schon 1937, bei der 6. Auflage der Tour, hatte Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten die Sieger zum "Deutschen Gruß" antreten lassen.
Im Jahr 1939 war die Rundfahrt, da sie durch das annektierte Sudetenland führte und auch durch Österreich, das durch den "Anschluss" ebenfalls zum Reich gehörte, "eine sportpolitische Demonstration des Größenwahns Nazideutschlands". Das sagt Dieter Vaupel in seinem Buch über die wechselvolle Geschichte der Deutschland Tour.
Nachkriegszeit und die schwierige Wiederbelebung
Dem unermüdlichen Hermann Schwartz gelang es auch nach dem Zweiten Weltkrieg, die Deutschland-Tour wiederzubeleben. 1947 bestand sie nur aus mehreren Rundstreckenrennen im späteren Nordrhein-Westfalen.
1949 nahm die Bevölkerung wieder mehr Anteil an der Deutschland-Rundfahrt, zu der ausländische Fahrer noch nicht zugelassen waren. Das Radrennen Quer durch Deutschland um das Grüne Band der IRA wurde vom 9. bis zum 23. Juli 1949 vom der Industrie-Gemeinschaft zur Förderung des Radfahrwesens und des Radsportes (IRA) und dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) ausgetragen und führte von Hamburg nach München. Dieses Radrennen gilt als Vorgänger der späteren Deutschlandtour.
1950 gab der Weltradsportverband UCI grünes Licht, und die ersten ausländischen Mannschaften durften wieder an deutschen Rennen teilnehmen. Den deutschen Fahrern fehlte der internationale Vergleich, und so wurden sie in jener Tour vor allem von den Belgiern nahezu vorgeführt. Ihm folgte 1951 der Italiener Guido De Santi und 1952 der Belgier Isidore De Ryck.
1952, ausgerechnet in jenem Jahr, in dem Deutschland mit Heinz Müller einen Straßen-Weltmeister feiern konnte, musste die Tour wegen Terminstreitigkeiten abgesagt werden. Alle Bemühungen von Hermann Schwartz blieben erfolglos.
Nur noch einmal, 1955, fand die Tour in jener Dekade statt.
Die Afri-Cola-Rundfahrt und weitere Versuche
Inspiriert durch die Erfolge deutscher Radsportler wie Rudi Altig, Hennes Junkermann oder Rolf Wolfshohl fanden von 1960 bis 1962 weitere Deutschland-Rundfahrten statt, die unter dem Namen „Afri-Cola-Rundfahrt“ ausgetragen wurden. Die deutschen Rennfahrer-Idole schafften es jedoch nicht, ausländische Siege zu verhindern.
Weit dramatischer als der Rennverlauf waren die Geschehnisse am Rande: Die fünfte Etappe sollte eigentlich in Schwenningen enden, doch weil es versäumt wurde, behördliche Genehmigungen einzuholen, endete der Abschnitt bereits an der bayerisch-schwäbischen Grenze in Kellmünd und wurde von dem Italiener Alessandro Fantini gewonnen.
Die letzte Deutschland-Tour der sechziger Jahre stand unter dem Motto „Pleiten, Pech und Pannen“. Um der Spanien-Rundfahrt auszuweichen, fand sie bereits im April statt.
Weit schwerer noch wogen die verletzungsbedingten Ausfälle des Vorjahressiegers Fischerkeller und Rudi Altigs. Wolfgang Huhn, der Marketing-Leiter von Vitamalz, wurde Rundfahrt-Chef. Er konnte zwar in Otto Ziege einen absoluten Fachmann für das Amt des Sportlichen Leiters gewinnen, aber er hatte die Finanzen nicht im Griff.
Huhn hatte seinen Job dort längst gekündigt und mit einem Freund eine Agentur gegründet. Hauptaufgabe: die Vermarktung der Deutschland-Tour. Doch die Heidelberger Getränkefirma verlagerte ihr Engagement später zu einer eigenen Profimannschaft.
Finanzielle Engpässe, die sinkende Popularität deutscher Fahrer und der Rückzug des Fernsehens ließen die Deutschland-Tour nach nur vier Jahren wieder in der Versenkung verschwinden.
Die Ära Ullrich und die Doping-Skandale
Einen neuen Radsport-Boom löste 1997 Jan Ullrich aus, der erste und bis heute einzige deutsche Tour-de-France-Sieger. Der erste Sieger der Neuauflage wurde der Telekom-Profi Jens Heppner.
Neun weitere Austragungen sollten folgen. In den ersten Jahren fand die Rundfahrt im Mai und Juni statt. Was ein Glücksfall für die Organisatoren war. Denn: Viele bekannte Namen kamen, da dieser Zeitpunkt ein idealer Wiedereinstieg nach der Frühjahrspause und vor der Tour de France war.
Ab Ende der 1990er-Jahre und später Mitte der 2000er-Jahre aber änderte sich alles: Die großen Doping-Affären erschütterten den Radsport, vom Festina-Skandal über die Fuentes- und Gerolsteiner-Affären.
Viele Jahre lang war die Deutsche Telekom ein wichtiger Sponsor der Rundfahrt. Die Lücke, welche die Telekom riss, konnte mit anderen Sponsoren nur teilweise geschlossen werden.
Doch infolge der Enthüllungen um den Fuentes-Skandal sowie Dopingfälle bei Gerolsteiner und T-mobile verloren Medien und Unternehmen das Interesse am Rennen.
Neuanfang mit der ASO
Heute, zehn Jahre später, finden sich in Deutschland - auch aufgrund der großen Erfolge durch die Rennfahrer einer neuen Generation - neue Sponsoren. Es entsteht neues Interesse.
Der Bund Deutscher Radfahrer hat seine Rechte an der Tour für die kommenden zehn Jahre an die Tour-de-France-Veranstalter der ASO, der Amaury Sport Organisation, abgetreten. Für eine mediale und eine Marketing-Macht sowie Professionalität ist somit gesorgt.
Die Deutschland Tour heute
Seit 2018 organisiert die ASO, die auch die Tour de France vermarktet, die Deutschland Tour. Der Vertrag datiert bis zum Jahr 2050.
Das wichtigste Etappenrennen Deutschlands kehrt in kompakter Form zurück: Nur vier Etappen lang ist das Rennen (2008 waren es noch acht Etappen), das damit natürlich nur noch durch einen kleinen Teil des Landes führt.
Von Koblenz bis Stuttgart führt die Strecke durch den Westen und Südwesten der Republik und lässt damit anders als bei der letzten Austragung vor zehn Jahren einen Abstecher in die Alpen weg.
22 Mannschaften werden mit jeweils nur sechs Fahrern am Donnerstag in Koblenz am Deutschen Eck an den Start gehen. Dabei soll es nicht nur um die Profis gehen: Von Beginn an war die Wiederbelebung der D-Tour auch als Basis-Projekt gedacht. Fans konnten Streckenabschnitte vorschlagen und Ideen fürs Rahmenprogramm einbringen.
737,5 Kilometer lang ist die Strecke der Deutschland Tour und der Parcours bietet alles - außer Hochgebirge.
Die erste Etappe von Koblenz nach Bonn (157 km) bietet mit Ausläufern des Westerwaldes und dem Siebengebirge Möglichkeiten für Ausreißer. Die flache Ankunft an Kurfürstlichem Schloss und Hofgarten dürfte aber schließlich doch eine Sache für die Sprinter sein.
Die zweite Etappe (196 km) bietet da schon mehr Potential für Überraschungen: Die Strecke von Bonn nach Trier führt einmal mitten durch die Eifel und erinnert mit ihrem Profil ein bisschen an die Ardennen-Klassiker.
Das gilt auch für das dritte Teilstück (177 km), das von Trier nach Merzig führt und auf fast 2900 zu absolvierende Höhenmeter kommt. Die Anstiege sind zwar nicht lang, aber giftig - eine Sache für die Klassikerspezialisten.
Das Finale steigt nach einem Transfer zum Startort Lorsch schließlich nach 207,5 Kilometern in Stuttgart. Dort wird auf einer Schlussrunde zwei Mal der Herdweg befahren, jener entscheidenden Anstieg auf der WM-Strecke von 2007.
"Wir wollten auf keinen Fall, dass es nur Flachetappen gibt und die Deutschland-Tour dann über Zeitbonifikationen bei den Sprints entschieden wird", sagte Ex-Profi Fabian Wegmann, der sportliche Leiter des Rennens, mit Blick auf den Parcours im Sportschau-Interview.
"Wir haben zudem mit der Vuelta a Espana eine große, schwere Rundfahrt, die zeitgleich stattfindet. Das manchmal flache, häufiger aber wellige Profil verspricht ein offenes Rennen und kommt den Fahrern entgegen, die bei den Frühjahrsklassikern ganz vorne zu finden sind.
Das sind vor allem Fahrer, die sowohl gut über kurze, steile Anstiege kommen, aber auch noch sprinten können. Denn anders als im Hochgebirge wird die Deutschland Tour nicht mit Minuten-, sondern wohl nur mit Sekunden-Abständen entschieden, auch weil ein Zeitfahren fehlt.
Trotzdem gibt es eine Konkurrenz zwischen den Fahrern. Der Slowene Matej Mohoric, der am Wochenende die niederländische Binck Bank Tour gewann, ist aufgrund seiner aktuellen Form vorne zu sehen, aber möglicherweise auch der vielseitige Deutsche Maximilian Schachmann. Der Quickstep-Profi kommt nach einem Höhentrainingslager mit der Empfehlung einer EM-Medaille im Zeitfahren nach Koblenz.
Erfolge des Jahres 2024
Fünf aus Fünf plus Zwei: Lidl-Trek hat bei der Deutschland Tour 2024 komplett abgeräumt und neben allen fünf Etappen auch die Gesamtwertung und das Trikot des besten Sprinters gewonnen. Den Schlussakkord für die perfekte Rundfahrt setzte Mads Pedersen, der in Saarbrücken nach 182,7 Kilometern den Sprint einer kleinen Gruppe gewann. Es war sein zweiter Etappensieg bei dieser Rundfahrt. Die anderen drei Tagessiege für das Team hatte Jonathan Milan eingefahren, der damit das Grüne Trikot sicherte.
Das Bergtrikot verteidigte in Jørgen Nordhagen (Visma |Lease a Bike) einer der jüngsten Fahrer des Feldes. Der 19-Jährige fährt eigentlich noch für das Continental-Team von Visma, wird erst nächstes Jahr Profi. „Es war unser Ziel, hier auf das Bergtrikot zu fahren, weil wir wussten, dass wir für alles andere nicht mit Lidl-Trek mithalten können. Heute habe ich es nochmal mit der Etappe versucht. Weil mein Sprint nicht besonders gut ist, habe ich am letzten Kilometer nochmal angegriffen. Ich bin zufrieden“, so der Norweger, der sich durch seine Zugehörigkeit zur Spitzengruppe in der Gesamtwertung noch auf Rang sieben nach vorne schob.
Das Weiße Trikot des besten Jungprofis verteidigte derweil Tobias Halland Johannessen (Uno-X Mobility), der in der Gesamtwertung allerdings noch Danny van Poppel (Red Bull - BORA - hansgrohe) an sich vorbeiziehen lassen musste und damit Dritter in der Endabrechnung wurde.
Pech hatte Johannessen nur mit seinem Gegner. Gegen Mads Pedersen in Bestform war kein Kraut gewachsen.
„Wir haben hier überperformt. Es wird lange dauern, bis es mal wieder passiert, dass ein Team alle Etappen einer Rundfahrt gewinnt. Das es für uns beim Heimrennen klappt, ist natürlich umso besser. Ich denke, wir haben Lidl damit Stolz gemacht.“ Da passte es auch ins Bild, dass die Instagram-Follower der Deutschland Tour das letzte Community Trikot der Rundfahrt für einen Lidl-Fahrer bereit hielten. Gesucht wurde der beste Helfer. Und gefunden wurde Amanuel Ghebreigzabhier. „Viele Leute sehen nicht, was Fahrer wie Amanuel oder Daan (Hoole) leisten, obwohl sie den ganzen Tag an der Spitze des Feldes fahren. Deswegen ist es schön, dass er jetzt über diesen Weg geehrt wurde.
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