Nach einem verzichtsreichen Pandemie-Jahr können wir endlich wieder mit dem Motorrad auf Langstrecke gehen. Bevor wir aber den Kurvenspaß auf südlichen Berg- und Uferstrecken genießen können, müssen die meisten von uns erst mal eine längere Anfahrt bewältigen. Doch lange Etappen gehen in die Knochen. Irgendwann streikt die Sitzfläche, die Handgelenke fühlen sich an, als seien sie in einen Schraubstock eingespannt und die Muskeln flehen um Entspannung.
Die Standardantwort darauf ist ebenso banal wie halbrichtig: „Dann mußt du dir halt den richtigen Sattel draufbauen!“ Stimmt schon, aber das alleine reicht nicht. Ob ich entspannt am Etappenziel ankomme oder abends als Langstreckenkrüppel am Tresen lehne, hängt im Wesentlichen von drei Faktoren ab, die zusammengenommen erst den gewünschten Fahrkomfort ausmachen: Mensch - Maschine - Material.
Der Mensch: Fitness und Haltung
Spätestens seit dem Lockdown hat es sich herumgesprochen, wie wichtig körperliche Fitness ist, auch und vor allem beim Motorradfahren. In gleicher Weise sichert ein gut konditionierter Körper Kraft und Geschmeidigkeit: Fitness beugt nicht nur vorzeitiger Ermüdung vor und stützt so das Konzentrationsniveau. Dazu müssen wir nicht auf Maximalkraft trainieren und dicke Muskelpakete aufbauen. Um schmerzhafte Spannungsgefühle im Muskelapparat und Ziehen in den Gelenken zu verhindern, dazu ist ein passender Sattel zwar wichtig - aber nicht ausschließlich.
Auf jeden Fall sollte man auf Nummer sicher gehen, ob man sich im Laufe der Zeit nicht eine Fehlhaltung beim Motorradfahren angewöhnt hat, die auf Dauer Schmerzen verursacht. Wer Dauerprobleme mit seinem Bewegungsapparat hat, sollte einmal über fachliche Sitz- und Haltungsberatung nachdenken. Die Ergebnisse einer solchen Untersuchung sind sehr überraschend.
Die Maschine: Ergonomie und Fahrwerk
Ob und inwieweit sich die eigene Maschine für lange Etappen eignet, weiß und spürt natürlich jeder selbst am besten. Wo in Bezug auf den Komfort die Motorradgeometrie Probleme macht, läßt sich mit einem sehr interessanten Internet-Tool zur Motorradergonomie feststellen. Darin ist eine größere Zahl von Motorradmodellen mit ihren Maßen vorgespeichert. Diese Ergebnisse helfen nicht nur bei der Kaufentscheidung, sondern auch bei evtl. notwendigen Anpassungen.
1. Kniewinkel
Wichtigster Faktor ist dabei der Kniewinkel: Fällt er eher klein aus (viel kleiner als 90°), ermöglicht er zwar eine bessere Kontrolle der Maschine und unterstützt dadurch das sportliche Fahren. Dies aber um den Preis einer früheren Ermüdung der Beine und ziehender Schmerzen in den Muskeln. Abhilfe schaffen läßt sich hier durch verstellbare Fußrasten, die für die meisten Motorradmodelle erhältlich sind bzw. sich mit mehr oder weniger Aufwand anpassen lassen.
2. Lenkerposition
Kernproblem bei der Lenkerposition ist die von ihr abhängige unterschiedliche Belastung der Handgelenke und der Rückenmuskeln. Lange Fahrten auf Motorrädern mit schmalen, sehr tief montierten Lenkern verursachen oft Schmerzen in den Handgelenken. Lenkererhöhungen lassen sich auf die meisten Maschinen montieren. Oft macht dies eine Verlängerung der Länge der Brems- und Gaszüge nötig. Ist der Lenker dagegen zu breit und/oder zu hoch montiert, geht das auf Dauer in Arme und Schultern.
3. Fahrwerk und Reifen
Die teuerste (aber auch fahrerisch lohnendste) Investition in den Fahrkomfort auf Langstrecke ist diejenige in Fahrwerk und Reifen. Bei den Pneus gibt es in jeder Größe Modelle, die eher komfortabler ausfallen als sportlich. Das zahlt sich nicht nur auf Serpentinenstrecken aus, sondern auch in der einzigartigen Fähigkeit der Nachrüstfahrwerke, Unebenheiten der Straße glatt wegzubügeln. Verglichen damit ist die Investition in ein z. B. gelbes oder blaues Fahrwerk ein kleiner Luxus, aber ein überaus lohnender.
4. Der Sattel
Nicht alle OEM-Teile machen den Rutsch in die Ferne zur reinen Freude. Mit einer Fülle von Materialien verschieden harter Schaumstoffen bis hin zum Gel bietet der Nachrüstmarkt reiche Auswahl und effektive Abhilfe. Bitte sich aber nicht zu einer allzu weichen Polsterung verführen lassen. Ich habe mir mal den Luxus erlaubt, mir bei Corbin im Werk in Hollister, CA einen Sattel anpassen zu lassen.
Das Material: Komfort und Sicherheit
Der einfachste Beitrag zum Komfort auf der Langstrecke kommt aus der Fahrradwelt: eine gut gepolsterte Radhose. Keine Sorge, sie ist überraschend bequem und trägt auch unter den meisten Kombis nicht auf. Ich habe sie zu schätzen gelernt, vor allem weil die meinige besser gepolstert ist als die meisten anderen Radhosen. Für die übrigen Sitzprobleme gerade in der Sommerhitze gibt es probate Mittelchen von Ballistol bis Spezialcreme. Eine sehr angenehme Lösung ist auch ein Gelsitzkissen, das sich auf Langstrecken einfach auf dem Sitz verzurren läßt.
So sehr sich die Motorradkonstrukteure um die ergonomischen Bedürfnisse des Fahrers kümmern - die Sozia scheint eher im Schatten ihres Interesses zu stehen. Dabei spreche ich nicht von den Sitzbrötchen auf Supersportlern, die selbst einer leidensbereiten Mitfahrerin nach kurzer Strecke unerträglich werden. Prototypisch für diese zweirädrigen Folterinstrumente sind Reiseenduros mit aufmontierten Heckkästen, die für eine - vor allem hochgewachsene - Reisebegleiterin eine längere Tour zur Tortur machen. Solange wir GS & Co. unterwegs waren, tat mir meine liebe Sozia aufrichtig leid. Aus nimmermüder Passion zum Motorradfahren (sie) und zur Maschine (ich) haben wir uns mit einem orthopädischen Keilkissen beholfen, das wir mit einem Gummispannband um den Heckkoffer geschnallt haben.
Sind Ihre Motorradklamotten älter als zehn Jahre? Dann wird es Zeit für ein Update. Die richtige Motorrad-Schutzkleidung und der korrekte Helm können Leben retten und verhindern, dass im Fall eines Unfalls Ansprüche gekürzt werden.
Textil oder Leder?
Der Siegeszug der Textilkombis scheint unaufhaltsam: Sie sind leicht, bequem, relativ wetterfest und haben ein hohes Sicherheitsniveau erreicht. Doch selbst hochwertigstes Kunstfaser-Gewebe erreichte bei ADAC Prüfungen nicht die Abriebfestigkeit eines guten Leders.
Ein weiteres Argument spricht für Leder: Bei gut anliegenden Lederkombis sitzen die eingearbeiteten Protektoren zuverlässiger an ihrem Einsatzort als in den meist weiter geschnittenen Textilanzügen.
Weiterer Trend: Hydrophobiertes (wasserabweisendes) Leder in Verbindung mit innen aufgebrachter Funktionsmembran (z.B. GoreTex). Das hält auch längeren Regengüssen stand. Übrigens: Bei strammem Dauerregen ist eine gute Regen-Überziehkombi immer noch die dichteste aller Lösungen.
Motorradkleidung ist auch für den Sozius obligatorisch
Schutzpolster und Protektoren
Den Namen "Protektor" dürfen streng genommen nur Schutzpolster tragen, die nach der europäischen Norm 1621-1, -2 und -3 geprüft sind. Beworben werden diese Protektoren als "CE-geprüfte Protektoren". Ihre Aufgabe: Beim Sturz die Aufprallenergie aufnehmen, auf eine größere Fläche verteilen und das Durchschlagen spitzer Gegenstände vermeiden.
Ganz einfach: Je dicker ein Protektor ist und je größer die Fläche, die er abdeckt, desto höher die Sicherheit bei einem Unfall. Immer häufiger kommen Hightech-(PU-)Schaumstoffe zum Einsatz, die beim Tragen flexibel sind und sich erst beim Aufprall verhärten.
Vorsicht vor dünnen Rückenprotektoren in zweiteiligen Low-Cost-Kombis: Sie sind nicht selten aus billigem Schaumstoff gefertigt und decken wichtige Bereiche der unteren Wirbelsäule gar nicht ab! Hier hilft nur eines: Diese Pseudo-Schützer entfernen und einen separaten, hochwertigen Rückenprotektor unter der Kombi-Jacke tragen!
Und wo sollte ein sicherer Motorradanzug Protektoren haben? Am besten an Schulter, Ellenbogen, Rücken, Hüfte, Gesäß, Knie, Schienbein und Fußknöchel.
Tipps zur Anprobe
Absolutes Muss: kompetente Beratung und kein Zeitdruck! Ein guter Verkäufer muss erkennen, was der Kunde wirklich benötigt, welcher Fahrertyp er ist, welche Schutzkleidung für ihn sinnvoll ist.
Unbedingt mehrere Anzüge - und das stets auch auf dem Motorrad - anprobieren. Dabei kontrollieren: Drücken Falten in den Kniekehlen oder im Beckenbereich? Dann ein prüfender Blick auf Reißverschlüsse und Nähte: Sind sie stabil? Grundsätzlich gilt: Viele Nähte, viele Schwachstellen!
Bei Textilanzügen lohnt ein Blick auf herausnehmbare Protektoren: Tragen sie das CE-Zeichen? Weiter wichtig: Sitzt die Textilkombi noch gut, wenn das Innenfutter entfernt ist? Und passt unter das Leder-Outfit noch wärmende Funktionskleidung?
Bußgeld bei nicht geeignetem Helm
Ein Verwarnungsgeld in Höhe von 15 Euro droht, wenn während der Fahrt kein oder kein geeigneter Schutzhelm getragen wird. Die aktuelle Version ist die Norm ECE-R 22.06, mit der seit 2022 geprüft wird. Mittlerweile dürfen keine Helme mehr mit der früheren Norm ECE 22.05 produziert werden.
Außerdem ist in vielen europäischen Reiseländern diese Norm ohnehin zwingend und wer ohne einen so gekennzeichneten Helm fährt, dem drohen hohe Bußgelder oder sogar Einziehung seines Motorrades! Man sollte also darauf achten, dass der Helm in jedem Fall einen entsprechenden Aufnäher im Helmfutter oder auf dem Kinnband hat.
Unfall ohne Schutzkleidung
Obwohl gesetzlich - anders als bei der Helmpflicht - das Tragen von Motorradschutzkleidung nicht vorgeschrieben ist, ist in der Rechtsprechung eine Tendenz zu beobachten, schuldlos geschädigten Motorradfahrern wegen des Nichttragens von Schutzkleidung Ansprüche zu kürzen.
Fest steht, dass der Motorradfahrer nach einem unverschuldeten Unfall Anspruch auf Schadensersatz hat. Dabei gilt der Grundsatz, dass der Zustand hergestellt werden muss, der vor dem Unfall bestand. Da eine Reparatur des Helmes oder der Kleidung praktisch nicht möglich ist, ist der Motorradfahrer darauf beschränkt, einen Ersatz zu beschaffen.
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