Dirk Schäfer ist Fotograf und Motorrad-Fan. Heute zählt Dirk Schäfer zu den renommiertesten Reise- und Motorradfotografen. Seine Arbeiten werden international in Motorrad- und Reisemagazinen veröffentlicht. In Europas größter Motorradzeitschrift haben seine Reisereportagen einen festen Platz und namhafte Hersteller aus der Motorradbranche bauen auf sein Bild- und Textmaterial.
Für seine Live-Multivisionen wurde er mehrfach mit Preisen für exzellente Fotografie und spannend erzählte Stories ausgezeichnet. Außerdem produziert er zusammen mit Andreas Prinz seit 2006 Filme.
Die Anfänge einer Leidenschaft
Als Dirk Schäfer seine erste Reportage veröffentlicht, wird sie nur in einem unbedeutenden Blatt gedruckt. Aber er macht weiter. Er brennt für die Fotografie, fürs Unterwegssein. Am liebsten mit dem Motorrad, weil es ihm die nötigen Freiheiten bietet.
Dirk Schäfer: Ich schätze, ich werde so zehn gewesen sein. Da bekam ich eine analoge, nur mit einem Knopf ausgestattete Kamera, wo noch Dia-Filme durchgezogen wurden. Nach 36 Bildern war Schluss und was rausgekommen ist, hat man frühestens 14 Tage später gesehen. Ich war so begeistert davon, wie auch heute die Kids von vielen Dingen begeistert sind, die man vorher nicht kannte, die neu ins Leben reinplatzen.
Von der analogen Fotografie, wo man auch Dias hatte, habe ich gerade noch den Ausklang mitbekommen, bevor das digitale Zeitalter losging. Es ist viel einfacher geworden, fantastisch, was man inzwischen alles machen kann.
Die Faszination des Reisens
Kultur Joker: Neben dem Fotografieren gehören auch Reisen und Motorradfahren zu Ihren Leidenschaften.
Schäfer: Man ist sehr viel näher dran an den Leuten, der Natur, am Klima als das mit dem Auto der Fall ist. Das Motorrad hat den Vorteil, dass ich größere Distanzen relativ schnell zurücklegen kann. Und es gibt immer noch viele Regionen, in denen man als Motorradfahrer eine Art Sonderling ist. Das fängt schon in Italien, Frankreich und Spanien an. Da interessieren sich viele Leute für das Fabrikat, für das Motorrad als solches. In anderen Ländern wie zum Beispiel in Namibia, wirst du angesehen, als kämst du von einem anderen Stern.
Namibia - Land der Extreme
Über Namibia berichtet Dirk Schäfer am 1. Kultur Joker: Sie sind seit 2011 mehrfach in Namibia gewesen.
Schäfer: Namibia hat fast alles, was Deutschland nicht hat und umgekehrt, das ist ja nicht nur positiv. Es hat unglaublich viel Platz. In einem sehr dicht besiedelten Land wie Deutschland fehlt mir das manchmal. Ich lebe im Ruhrgebiet, Düsseldorf, Köln - es ist überall voll, es gibt überall Stau.
Kultur Joker: Namibia ist mehr als doppelt so groß wie Deutschland, hat aber nur 3 Millionen Einwohner.
Schäfer: In Namibia wohnen weniger Menschen als in Berlin. Man stelle sich vor, der Rest Deutschlands wäre menschenleer. Das ist schon irre. Auch die Topografie, die Landschaften und das Klima sind vollkommen anders. Über 90 Prozent sind Wüste, ungefähr genauso viel Land ist unfruchtbar. Wälder, Felder, Ackerbau existieren schlichtweg nicht.
Es gibt im Inneren nicht einen beständig fließenden Fluss. Die beiden großen, ständig wasserführenden Flüsse sind die Grenzflüsse im Norden und Süden. Dass in so einer Region Menschen und Tiere überhaupt existieren können, kann nur bedeuten, dass sie absolute Spezialisten sind, Überlebenskünstler.
Kultur Joker: Neben den Herero und den Nama sind die San eines der Völker dort, die sich sehr gut an diese lebensfeindlichen Bedingungen angepasst haben. Sie haben einige von ihnen kennengelernt.
Schäfer: Das, was für mich wesentlich war, ist, dass die Gesellschaftsform, in der die San, aber auch einige andere Volksgruppen traditionell gelebt haben und zum Teil immer noch leben, sich vollkommen von unserer unterscheidet. Es gibt zum Beispiel eigentlich keinen Besitz. Es gibt natürlich Gegenstände wie Bögen, Pfeile und Köcher für die Jagd, aber wenn jemand mit einer Antilope nach Hause kommt, ist das nicht allein sein Werk, sondern es wird als Kollektivwerk betrachtet, an dem mehrere beteiligt waren. Die Pfeilspitze hat jemand hergestellt, den Bogen ein anderer, gejagt hat eine dritte Person. Egoismus wird vermieden, das hat tiefe Wurzeln.
Im Gegensatz dazu dreht sich bei uns doch vieles um das „Ich“. Das hat in der Kolonialzeit natürlich für Irritationen gesorgt. Als die Europäer kamen, wollten sie Land kaufen. Die San haben das aufgrund ihrer Kultur nicht verstanden. Wie kann man Land kaufen? Land kann man doch gar nicht besitzen. Die Erde gehört allen.
Die deutschen Kolonialisten waren anderer Ansicht und das führte natürlich zu massiven Problemen.
Schäfer: Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs war es damit dann vorbei. Das Gebiet wurde 1915 von Südafrika erobert. Ich glaube, viele Leute, die nach Namibia fahren, romantisieren diese deutsche Geschichte. Im Gegensatz zu Frankreich und England hatten die Deutschen nicht sehr viele Kolonien. Britische Kolonien gab es auf jedem bewohnten Kontinent, entsprechend wird in vielen Ländern Englisch gesprochen. Für uns Deutsche ist das was Besonderes.
Schäfer: Es gibt nur sehr wenige, die tatsächlich noch so leben können und wollen. Am ehesten die Volksgruppe der Himba. Sie wohnen im äußersten Nordosten, vorwiegend im sogenannten Kaokoveld. Sie leben abseits größerer Ortschaften, aber auch dahin kommen inzwischen viele Touristen. Das wiederum beeinflusst ihre Lebensweise. Sie lernen beispielsweise, was Handys sind und wie man damit über große Distanzen kommunizieren kann.
Schäfer: Genau. Und Kinder sind für Neues noch viel offener als Erwachsene. Sie verändern die Strukturen von unten. Sie versuchen mit Touristen ins Gespräch zu kommen, man schenkt ihnen Geld, weil man sie für arm hält, vielleicht betteln auch manche. Und auf einmal haben die Kinder mehr Geld als die Eltern. Das Wertegefüge gerät aus den Fugen.
Schäfer: Die hat mit Chris Nel zu tun, dem Gründer des Dorob-Nationalparks, der sich entlang der Küstenlinie ab Swakopmund erstreckt. Chris bietet Touren in dieses Schutzgebiet unter dem Titel „Little Five“ an. Die Big Five kennt jeder: Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard. Die Little Five sind Tiere, die man nicht sieht. Sie sind schwer zu finden, selbst wenn man um ihre Existenz weiß, denn sie leben getarnt oder versteckt im Sand. Chris gräbt sie aus. Da gibt es zum Beispiel den Namibgecko, dessen Haut ist durchsichtig, Muskeln und Organe schimmern durch. Da er nachtaktiv ist und nie der Sonne ausgesetzt, braucht er keine Pigmente in der Haut, dafür jedoch große Augen, die an Mangas erinnern.
Schäfer: Es gehört auch die extrem giftige Sandviper dazu. Wenn er sie morgens im Sand aufspürt, ist sie noch kalt und träge, will sich kaum bewegen, das Risiko eines Bisses ist gering. Weil es so wenig Wasser gibt, ist sie deutlich kleiner als die Sandvipern, die man anderswo findet. Das Namaqua-Chamäleon ist ebenfalls großartig an den Lebensraum angepasst. Es verlässt sich in erster Linie darauf, nicht gesehen zu werden und das gelingt ihm hervorragend. Chris zeigt den Effekt der Verfärbung, indem er das Chamäleon woanders hinlockt. Innerhalb von zehn Sekunden hat es sich farblich an das neue Umfeld angepasst. Auch Emotionen zeigt es über die Farbe der Haut. Wenn es sich ärgert, wird es schwarz. Entspannt ist es hellgrün bis leicht orange.
Schäfer: Ich persönlich würde sagen, vergiss den Ethosha-Nationalpark. Nicht, weil es da uninteressant wäre. Die Landschaft ist sehr speziell, sehr hell, fast so, als würde man durch eine weiße Wüste fahren. Der Etosha ist deshalb schwierig, weil er riesengroß und total trocken ist. Wenn man Tiere sehen will, muss man an die Wasserstellen, wo man dann mit vielen anderen Zuschauern steht. An die Wasserlöcher kommen die Tiere zumeist am frühen Morgen oder Abend, das Licht ist dämmrig, es wird mit Scheinwerfern gearbeitet, damit man was sieht und fotografieren kann.
Schäfer: Swakopmund ist ein interessanter Ort wegen dieser Melange von allem Möglichen. Es gibt dort die größte deutsche Community und prachtvolle Bauten aus der Gründerzeit, die da wie außerirdisch wirken. Du weißt, du bist in Afrika und du siehst Bauten wie in einer deutschen Altstadt.
Kultur Joker: Namibia hat auch eine lange Küste.
Schäfer: Wer einen Badeurlaub machen möchte, sollte einen Neoprenanzug einpacken. Der Benguela-Strom bringt eiskaltes Wasser direkt vom Südpol. Es gibt viele Fische und große Robbenkolonien. Auf ungefähr 400 Kilometer Länge reicht die Sandwüste mit ihren Dünen direkt bis an den Ozean. Die Dünen sind 200 Meter hoch und fallen direkt in den Atlantik. Es gibt keinen Strand. Eine spektakuläre Landschaft, die jedoch schwer zu erreichen ist.
Schäfer: Nein, das Meer ist dort sehr unangenehm, es gibt unberechenbare Strömungen. Schiffe geraten dort seit jeher immer wieder in Seenot, unzählige Schiffwracks bezeugen das. Daher rührt auch der Name Skelettküste.
Schäfer: Ich bin mit einem Ultra-Leichtflieger mitgeflogen. Der Pilot ist im Tiefenflug über die Landschaft, der Abstand zum Boden betrug vielleicht 15 Meter. Ein unvergessliches Erlebnis, das man buchen kann. Es gibt Flüge ab Swakopmund. Andere buchen auch das No.
Saudi-Arabien: Zwischen Tradition und Moderne
Dirk Schäfer und Veranstalter Michael Hoyer kennen sich schon lange. Der Motorradreisende war bereits fünf Mal zu Gast und berichtete multimedial von seinen Ausfahrten in die ganze Welt. Saudi-Arabien, das Land „zwischen vorgestern und übermorgen“, hat es ihm besonders angetan.
Doch die Leidenschaft Schäfers für das beeindruckende Land, das sich „immer mehr öffnet“, und die gastfreundlichen Menschen setzte sich in seinem Bericht durch und Motorradfreunde - die Mehrheit im Saal - waren ohnehin begeistert.
Allerdings waren es die zweirädrigen Kraftpakete, geliehen „von einem kleinen Zubehörlieferer aus Niedereschach“, wie Schäfer die Firma Touratech stets kryptisch umschrieb, mit denen die größten Probleme einherging.
Bei der ersten Reise mit Freund Jürgen musste man zehn Tage lang auf deren Ankunft in der absoluten Monarchie zwischen Persischem Golf und dem Roten Meer warten und die anschließende Fahrt durch die saudi-arabischen Mondlandschaften durch Sand und über Schotter fiel nur kurz aus.
Beim zweiten „Ausritt“ mit drei französischen Freunden verunglückte einer der Fahrer so schwer, dass er ins Krankenhaus kam, das Motorrad war Schrott. Erst die dritte Reise im vergangenen Jahr, diesmal mit Lebensgefährtin Diana und nach einem überstandenen Herzinfarkt ohne Motorrad, blieb unbeschadet. Mit dem Jeep durchfuhr das Paar den mit den meisten Menschen bevölkerten Westen, besuchte die Millionenmetropole Jeddah, campte zwischen erloschenen Vulkanen, besichtigte über 2000 Jahre alte, aus Feld gehauene Grabbauten und fragte sich laut Schäfer ob der Kargheit hier und da: „Ist das noch unsere Erde? Brauchen wir hier nicht eine Sauerstoffmaske?“.
Keinen Zweifel ließ Dirk Schäfer indes daran, dass das besondere seiner Reisen stets die Menschen seien. In einem Land, das sich derzeit in einem „unglaublichen Tempo“ in ein modernes, technologieoffenes Land wandle, treffe man auf teilweise überbordende Freundlichkeit, Gastfreundschaft und Großzügigkeit.
Multivisionsvorträge und die Wirkung seiner Arbeit
Kultur Joker: Vortragsreferent ist ein ungewöhnlicher Beruf.
Schäfer: 1989 bin ich mit einem Freund von Deutschland nach Kenia gefahren. Das hatte sich im Bekanntenkreis rumgesprochen. Es gab jemanden, der hatte in einer Kneipe ein Hinterzimmer gemietet und besaß das ganze Equipment - Projektoren, Soundanlage und Leinwand - und bot anderen Leuten an, ihre Urlaubsgeschichten zu zeigen.
Ein bisschen Lampenfieber habe ich immer noch, gerade bei der Mundologia, weil der Saal im Konzerthaus so gewaltig ist und eine großartige Atmosphäre herrscht. Ich freue mich über das Feedback des Publikums, die Gespräche in der Pause und danach. Es gab mal jemanden, der sagte, wegen dir habe ich das Motorradfahren angefangen. Ein anderer erzählte, weil ich deine Show gesehen habe, bin ich dahingefahren.
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