Die Geschichte des Dreirads von Wolkramshausen

Die Oldtimerfreunde des Ost Klassiker Klubs Wolkramshausen konnten sich jüngst über einen besonderen "Scheunenfund" freuen, ein frühes, motorisiertes Dreirad. Dem Ost Klassiker Klub Wolkramshausen, der sich seit vielen Jahren überwiegend der Pflege historischen Ostfahrzeugen widmet, wurde kürzlich ein sehr seltener Scheunenfund angeboten, bei dem es sich um ein Motordreirad handelt.

Der Wunsch der Menschen nach einer hohen Mobilität, unabhängig von Muskel- und Naturkräften, gewann bereits im 18. Jahrhundert mit dem beginnenden Industriezeitalter in zunehmenden Maße an Bedeutung.

Ausgangspunkt ist ein ca. zwei Meter langes Vehikel auf drei Rädern, angetrieben von einem Einzylinder Motor ohne jegliche Herstellerkennung, ausgestattet mit einer Sitzbank für zwei Personen, zwei Kutschenlaternen mit Wachskerzen für Nachtfahrten und einem Signalhorn, welches durch einen Fußblasebalg betätigt wurde.

Die ersten Einschätzungen und Untersuchungen

Bei der ersten Besichtigung 2021 des über mehrere Jahrzehnte abgestellten und ein wenig vergessenen Fahrzeuges, war für die fachkundigen Mitglieder des Ost Klassiker Klubs Wolkramshausen klar, vor ihnen steht ein Relikt aus der sehr frühen Automobilgeschichte. Eine erste damals vorgenommene zeitliche Einordnung wurde auf ein Alter von 100 -120 Jahren festgelegt. Nur, was hier genau wiederentdeckt wurde, da sind sich die Experten, trotz eingehender Recherche, noch nicht sicher.

Nach dem Kauf wurden anerkannte Fahrzeugexperten aus Nordthüringen wie der KFZ- Meister Martin Bohnhardt und Dipl. Ing. Joachim Mäder hinzugezogen, um weitere Meinungen zum Alter und zum Ursprung des Fahrzeuges zu hören. Einer der besten Fahrzeugrestauratoren für Kutschen und frühe Automobile mit Holzaufbauten in Thüringen, war der zwischenzeitlich leider verstorbene Stellmachermeister Uwe Thiede. Er stellte u.a. fest, dass das Dreirad eine besondere Arbeit eines Wagners war, der im Übergang vom traditionellen Kutschenbau zum modernen Motorwagen sein damaliges Wissen und handwerkliches Können in dieses Dreirades gab.

Fahrzeugexperten forschen nach dem Ursprung des Dreirades

Um zweifelsfrei diesen Zustand bzw. diese Feststellung treffen zu können, sandte im Vorfeld zu diesem Beitrag die Zeitschrift Auto-Bild –Klassik vier namhafte Wissenschaftler, den besagten Journalisten und einen Profifotografen nach Wolkramshausen. Unter der Leitung einer promovierten Diplomrestauratorin für Materialanalysen u.a. an historischen Fahrzeugen, wurden in 12 Stunden Materialproben vom Holz, Leder, Gummi und vom Metall entnommen, akribisch dokumentiert und für die weiteren Untersuchungen in verschiedenen namhaften Laboren vorbereitet.

Nach 8 Monaten wurden nun die Ergebnisse der mit Sicherheit auch finanziell sehr aufwendigen Untersuchungen der Öffentlichkeit auf acht sehr informativen und gut gestalteten Seiten bekannt gegeben. Auch interessante Recherchen zum wechselvollen Umgang mit dem Oldtimer in der Zeit der DDR bis zum Erwerb durch Mitglieder des Nordthüringer Oldtimerklubs machen den Beitrag lesenswert.

Im Wesentlichen kann heute nach den veröffentlichten Untersuchungsergebnissen davon ausgegangen werden, dass das Fahrzeug dem technischen Stand um 1900 entspricht.

Vier Farbanstriche wurden analysiert, der erste Anstrich in einem grau gehaltenen Kutschenlack wird als hochwertig bezeichnet. Die vierte sichtbare Lackierung diente dem Versuch der möglichen Vermarktung des Fahrzeuges in der Zeit der DDR und ist augenscheinlich auch nicht von besonders handwerklichen Geschick.

Unklar war längere Zeit auch der Hersteller des Motors. Nun gibt es die Aussage, dass das Fahrzeug mit einem Motor versehen wurde, der in der Motoren- und Motorenfahrzeugfabrik von Moritz Hille in Dresden Löbtau im Zeitraum von 1898 – 1901 vermutlich hergestellt wurde. Alte Werbedrucke, die uns durch das Verkehrsmuseum Dresden bereitgestellt wurden, bestätigen die Auffassung des sächsischen Experten.

Allerdings steht noch die Vermutung im Raum, dass es eventuell auch einen Vorgängermotor schon gab.

Ungelöst bleibt weiterhin das Rätsel um den Schöpfer des kleinen Vehikels oder des „Mebbels“ wie in der sächsischen Mundart ein kleines Fahrzeug auch bezeichnet werden kann, welches mit einiger Sicherheit in Sachsen hergestellt, genutzt und in den ca.

Die Suche nach dem Ursprung geht weiter

Für den Nordthüringen Klub geht die Suche nach dem Ursprung des Fahrzeuges nun weiter.

Mit im Gepäck das nun schon weit über die Grenzen Deutschlands bekannt gewordene Motor–Dreirad des Klubs, dessen Spuren noch immer im Nebel der Geschichte verborgen sind. Neben der Lebensgeschichte von Hugo Junkers, interessierten sich die Mitglieder des Wolkramshäuser Klubs auch sehr um einen weiteren Techniker des frühen Industriezeitalters der in Dessau lebte und als Zeitgenosse Junkers einen ebenfalls wichtigen Beitrag zur Mobilität in Deutschlands leistete. Es handelt sich dabei um Friedrich Leopold Christoph Lutzmann (*5.4.1859, +23.4.1930).

Aus seiner Vita ist zu entnehmen, dass Lutzmann ein sehr begabter Techniker im Kutschenbau insbesondere aber auch im Metallhandwerk war und nach Kontakten zu Carl Friedrich Benz (*25.11.1844, +4.4.1928) Anfang der 1890 - ziger Jahre in seiner Dessauer Werkstatt eine eigene Kraftwagenproduktion aufbaute. Ab 1899 ging nach der Übernahme seiner Firma durch die Gebrüder Opel der Autobauer Lutzmann in leitender Stellung nach Rüsselsheim.

Hier entstand der sogenannte Opel Patentmotorwagen „System Lutzmann“. Seine Erfolgsgeschichte hielt nur kurze Zeit an und so kehrte Lutzmann nach Dessau zurück. Auch die nachfolgenden Lebensjahre waren für Lutzmann aus wirtschaftlicher Sicht nicht sehr günstig.

Recherchen ergaben dazu, dass einige technische Details wie die Radgrößen, die Vorderradfederung, der Kettenantrieb und die Radbremse Erfindungen des Gründers der Zittauer Phänomen Werke, Karl Gustav Hiller(*1863 - +1913) sind. Ob dieses historische Dreirad ggf. von Hiller als Prototyp oder in seinem Dunstkreis um 1900 gebaut wurde ist noch nicht abschließend geklärt.

Fahrzeugpioniere und ihre Dreiräder

Als einer der ersten Fahrzeugpioniere gilt der Franzose Nicolas Cugnot (1725 – 1804) der als Artillerieoffizier eine dreirädrige dampfbetriebene Zugmaschine für Geschütze baute, die aber wohl nicht sehr tauglich war und nach ersten Fahrversuchen scheiterte. Die Konstruktionsform des Dreirades nutzte aber auch der deutsche Ingenieur und Autopionier Carl Benz (1844-1929) für seinen Benz Patent – Motorwagen Nummer 1 im Baujahr 1885. Dieses Fahrzeug gilt bis heute als das erste fahrtüchtige Automobil in der Weltgeschichte.

Auch, der etwas in Vergessenheit geratene Friedrich Lutzmann (1859 – 1930), der noch seinen beruflichen Werdegang im Kutschenbau begann und ein Zeitgenosse von Carl Benz war, gilt als Pionier des Automobilbaus in Deutschland. Lutzmann, der 1899 als Direktor zu den Opelwerken in Rüsselsheim wechselte, konstruierte in Dessau auch dreirädrige Motorwagen bevor er erfolgreich 4 rädrige Fahrzeuge mit den Typenbezeichnungen Pfeil 1- 5 herstellte.

Dreirädrige bzw. dreispurige Fahrzeuge in unterschiedlichsten Bauformen für den zivilen Bereich wie der Kleinlastwagen Goliath aus Bremen oder als leichte Zugmaschine für das Militär mit 2 Gleitketten im Heck und einem Bugrad wie das HK 101 der Deutschen Wehrmacht im 2. Weltkrieg gebaut, sind heute äußerst begehrte historische Fahrzeuge.

In der Ausgabe Nr. 8 im August 2022 der Zeitschrift „ Auto Bild Klassik“ werden auf acht Seiten die Untersuchungsergebnisse an dem historischen Dreirad veröffentlicht, welches seit Anfang 2021 nicht nur die Oldtimerfreunde vom Ostklassikerklub Wolkramshausen, sondern die historisch interessierte Autowelt an sich bewegt.

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