Zehn Leder-Zweiteiler im Test: Sicherheit und Komfort für die Straße

Zigtausende Fahrer düsen mit benzinbefeuerten Sportgeräten durch die Stadt und übers Land. Blickt man sich hingegen bei Rennveranstaltungen und -trainings um, erkennt man: Nur wenige Hundert messen sich tatsächlich nach Wettbewerbsregeln auf dem Rundkurs. Die es ernst meinen, wissen, dass man beim Motorsport stürzen kann, und rüsten sich - wenn sie clever sind - mit der sichersten Fahrerausstattung aus. Also: Leder. Weil kein anderes Material besser schützt, wenn die Rutschpartie über Asphalt ins Kiesbett führt. Erste Wahl sind dann hautenge Einteiler.

Keine Frage, auf der Rennstrecke trägt man Einteiler. Beim Work-out auf der Landstraße bevorzugen Sportfahrer hingegen Leder-Zweiteiler als Trainingsanzüge. Denn für Touren mit Kaffeepausen sind sie praktischer. Zehn Kombis müssen zeigen, wie fit sie für den Mehrkampf sind.

Warum ein Leder-Zweiteiler?

Jetzt aber mal zurück auf die Straße. Dort wird zum Glück weniger gestürzt. Dafür deutlich öfter angehalten. Etwa, um einen Kaffee zu schlürfen, Eis zu essen, vollzutanken, Zigarettchen zu rauchen, Fritten und Curry zu bestellen und so weiter und so fort. Sich dann aus dem zwar coolen, aber enorm unpraktischen Einteiler zu quälen: kein Spaß. Bei Leder-Zweiteilern lassen sich Ober- und Unterteil hingegen übereinen rundum laufenden Verbindungsreißverschluss koppeln. Beim Raststopp ist die Jacke mit einer geübten Bewegung los­gelöst und kann lässig über dem Stuhl hängen. Wenn der Zweiteiler - anders als ein reiner Rennanzug - zudem noch Taschen bietet, sind auf Touren nützliche Utensilien wie Portemonnaie, Handy oder Kamera schnell zur Hand. Äußerst praktisch ist auch eine kleine Hosentasche, um wenigstens den Zündschlüssel immer dabeizuhaben.

Die Achillesferse: Der Verbindungsreißverschluss

Die Koppelung ist allerdings auch die größte Schwachstelle bei Zweiteilern. Das Leder und dessen Reiß- und Abriebfestigkeit unterscheidet sich bei gleicher Preis­lage meist kaum von dem bei Einteilern, aber wenn sich beim Sturz Jacke und Hose voneinander lösen, schützt im freigelegten Körperbereich nichts außer der Unterwäsche. Beim Test haben wir neben der Lederqualität und der Protektorenausstattungalso besonders auf solide und kräftige Verbindungsreißverschlüsse, Nähte sowie eine gute Überlappung von Ober- und Unterteil geachtet. Schön, dass fast alle der zehn Anbieter diesbezüglich ihre Hausaufgaben gemacht haben. In der oberen Mittelklasse bei Preisen bis knapp unter 1000 Euro sollte man das aber auch erwarten dürfen. Dass Leder-Kombinationen nicht den Komfort von Textilanzügen bieten, ist ebenfalls klar. Doch sie wollen bewegt und gefordert werden - es lebe der Sport!

Testkandidaten im Detail

Im Folgenden werden einige der getesteten Leder-Zweiteiler detailliert vorgestellt:

Alpinestars "Atem"

Clever an der Leder-Kombi von Alpinestars: sommerliches 3-D-Meshgewirke an Arm- und Beinabschluss.

  • Preis: 899,95 Euro
  • Größen: Herren 48 bis 60
  • Farben: Schwarz, Schwarz mit Weiß bzw. mit Weiß und Rot
  • Gewicht (in Gr. 52): 4,58 Kilogramm (ohne Knieschleifer)
  • Obermaterial: Rindsleder mit Aramidfaser-Stretcheinsätzen
  • Lederdicke: 1,1 mm
  • Herstellungsland: Vietnam

Plus: Super Protektorensitz, selbst bei sehr sportlicher Fahrweise kein Verrutschen, Protektoren umschließen Gelenke einwandfrei, guter Schutz der Schienbeine durch großflächig bemessene Protektoren, Fächer zum Nachrüsten von Brustprotektoren; sehr gute Klimatisierung bei sommerlichen Außentemperaturen über 20 Grad; stabiler Bundverschluss; zwei große Außentaschen an der Jacke; gute Bewegungsfreiheit.

Minus: Ärmel und Hosenbeine zu kurz geschnitten, an Waden sehr eng (beim Anziehen müssen die Reißverschlüsse vorher geschlossen und die Hose dann mit großer Kraft über die Waden gezogen werden).

Fazit: Sitzt körpernah wie ein Stützstrumpf. Für etwas korpulentere Fahrer ist die solide, aber sehr knapp ausfallende Alpinestars Atem weniger geeignet.

MOTORRAD-Urteil: gut

Büse "Jarama"

Solide gemacht: fest zu verschließendes Druckknopf-Haken-System am Bund der Büse "Jarama".

  • Preis: 699,95 Euro
  • Größen: Herren 48 bis 62, Damen 36 bis 40
  • Farben: Schwarz mit Weiß bzw. mit Weiß und Gelb, Grün oder Rot
  • Gewicht (in Gr. 52): 4,46 Kilogramm (ohne Knieschleifer)
  • Obermaterial: Rindsleder, Polyamid-Textilgewebe-Stretcheinsätze
  • Lederdicke: 1,15 mm
  • Herstellungsland: Vietnam

Plus: Je zwei Reißverschluss-Verstellungen an den Waden; sehr gute Schlagdämpfungswerte der Schulter-, Ellenbogen- und Knieprotektoren; solide Verbindung von Jacke und Hose mit extra Haken zum Koppeln, stabiler Druckknopf-Haken-Bundverschluss; geringes Gesamtgewicht; gute Größenauswahl.

Minus: Rücken etwas zu kurz geschnitten, spannt in extrem gebückter Rennhaltung, Ellenbogen eingezwängt, Tragekomfort im Testvergleich unterdurchschnittlich; Stauraum für auf Touren benötigte Utensilien (Geldbeutel, Telefon, Kamera, Schlüsselbund) eher knapp bemessen; Ellenbogenprotektoren sitzen zu weit außen.

Fazit: Ordentlich verarbeitet und ausgestattet und vor allem schön preisgünstig. Die Passform der Büse Jarama sagte im Test nicht jedem zu - selber anprobieren!

MOTORRAD-Urteil: gut

Dainese "Laguna Seca Evo"

Praktisch: Stretcheinsatz vereinfacht das Koppeln bei der Dainese "Laguna Seca Evo".

  • Preis: 929 Euro (mit Rückenprotektor Wave G2 plus 62 Euro)
  • Größen: 44 bis 60
  • Farben: Schwarz mit Anthrazit und Weiß bzw. mit Rot oder Weiß mit Schwarz und Rot
  • Gewicht (in Gr. 52): 5,17 Kilogramm (ohne Knieschleifer)
  • Obermaterial: Rindsleder, Textilfaser-Stretcheinsätze
  • Lederdicke: 1,3 mm
  • Herstellungsland: Ukraine

Plus: Hohe Bewegungsfreiheit; Verbindung von Jacke und Hose sehr stabil; Frontreißverschluss einfach zu bedienen; Protektoren (Vollausstattung) mit erstklassigem Sitz; großflächiges 3-D-Meshgewirke im Rückenbereich mit effizienter Klimatisierung; dickes, vertrauenerweckendes Leder als Obermaterial, Lederpflege-Set im Lieferumfang; sinnvolle Wadenweitenverstellung.

Minus: Lediglich eine Innentasche, nicht einmal genügend Platz für große Brieftasche oder Smartphone; Ärmel zu kurz geschnitten; kneift leicht in Kniebeuge; Rückenprotektor nicht serienmäßig, hohe Nachrüstkosten.

Fazit: Vermittelt Sicherheit wie eine Ritter­rüstung, fühlt sich bei Action auf der Hausstrecke wie ein Trainingsanzug an.

FLM "Tech-2"

  • Preise: Jacke/Hose/Zusatz-Protektoren/Gesamt 399,95/ 299,95/38,49/738,39 Euro
  • Größen: 48 bis 56
  • Farben: Schwarz, Schwarz mit Weiß
  • Gewicht (in Gr. 52): 5,34 Kilogramm (ohne Knieschleifer)
  • Obermaterial: Rindsleder mit Textil-Stretcheinsätzen
  • Lederdicke: 1,0 bis 1,1 mm
  • Herstellungsland: China

Plus: Große Innentasche fasst ein XXL-Smartphone und die voluminöse Brieftasche, Hose mit praktischer, verschließbarer Tasche; zwei verschieden lange Reißverschluss-Verbindungsmöglichkeiten, um bei Bedarf Jacke und Hose in unterschiedlichen Größen zu wählen; Kombi insgesamt mit bequemem Schnitt; gute Durchlüftung bei Hitze.

Minus: Protektoren können sich an den Ellenbogen verdrehen, Knie werden nicht ausreichend abgedeckt, Schienbeinschutz eher mäßig; Beinabschluss etwas zu weit, leichte Wulstbildung; Rücken- und Hüftprotektoren kosten extra; geringe Größenauswahl.

Fazit: Die FLM Tech-2 punktet weniger durch sportlich-knackigen denn durch angenehm bequemen Sitz.

Furygan "Akira/Shifter"

  • Preise: Jacke/Hose/Gesamt 459,95/369,95/829,90 Euro
  • Größen: Jacke S bis 3XL, Hose 36 bis 50
  • Farben: Jacke Schwarz, Schwarz mit Weiß und Neongelb oder Rot
  • Gewicht (in Gr. 52): 5,29 Kilogramm (ohne Knieschleifer)
  • Obermaterial: Rindsleder, Polyamid-Texilgewebe-Stretcheinsätze
  • Lederdicke: 1,1 mm
  • Herstellungsländer: Frankreich/Tunesien

Plus: Sehr gute Schlagdämpfungswerte, gute Protektorenausstattung; große Innentaschen mit Reißverschlüssen; einzige Kombi im Test mit Thermo-Weste (herausnehmbar); Verbindungsreißverschluss gut zu handeln.

Minus: Proportionen nicht besonders gelungen, kneift und drückt bei den Fahrtests im Hüftbereich, Wulstbildung am Knie; sperriges Leder schränkt Tragekomfort ein; Knieprotektoren schlecht positioniert, Gelenk nur dürftig abgedeckt, Schienbeinschutz mäßig, Verbindung Jacke/Hose wenig stabil.

Fazit: Auf zum Renntraining? Beim Furygan-Zweiteiler ein klares No-Go!

Weitere getestete Modelle

  • Held
  • IXS
  • Modeka

Testergebnisse und Kaufberatung

Einige Testergebnisse und Kaufberatungen im Überblick:

  1. Bering Ultimat-R: Für den Einsatz auf der Rennstrecke beinahe uneingeschränkt empfohlen.
  2. Dainese Laguna Seca 4: Hervorragende Alltagskombi, selbst nach unzähligen Ausfahrten keine nennenswerten Verschleißerscheinungen am Material.
  3. Alpinestars GP-Tech V3: In Sachen Sicherheit schlicht unschlagbar, auf dem Motorrad unglaublich bequem.
  4. Spidi Laser Touring: Bequeme Kombi für sonnige Touren und gelegentliche Ausflüge auf die Rennstrecke.

Die vegane Alternative: Andromeda Moto NearX

Der spanische Hersteller Andromeda Moto hat mit der NearX eine solche "Nichtlederkombi" im Angebot. Der Zweiteiler aus ultra-hochmolekularem Polyethylen (UHMWPE), das auch bei Raumanzügen verwendet wird, ist an den Sturzzonen zusätzlich mit schnittsicherem Material verstärkt. Das Futter besteht aus Kevlar, zusammen mit einer kompletten Protektorenausstattung entspricht die Kombi so der Schutzklasse AAA gemäß EN 17092.

So testet MOTORRAD

Wenngleich die Lederkombis in unserem Test möglichst auch mit Komfort und Belüftung glänzen sollten, war der Aspekt Sicherheit die punktereichste Kategorie: Bis zu 40 Punkte konnten die Teilnehmer für die Wahl und Zusammensetzung ihrer Materialien, Lederdicke und Doppelungen, Sicherheitsnähte und Protektorenausstattung sowie deren Sitz, Abdeckung und Schutzlevel sammeln.

Auch landstraßentaugliche Lederkombis wollen standesgemäß getestet werden. Dafür muss es zwar nicht auf die Rennstrecke gehen, Highspeed auf der Autobahn, eine flotte Landstraßenrunde und Rums(chw)itzen gehören aber zum Testprozedere.

Dabei sollte aber keineswegs das Wohlfühlen außen vor gelassen werden. Bis zu 20 Punkte gab es daher für Gewicht, Futter, Bewegungsfreiheit und die Klimatisierung. Weitere 20 Punkte waren in der Kategorie Passform zu holen. Dazu testeten wir nicht nur mehrere Größen jeder Kombi, sondern wählten auch zwei Testfahrer, die zwar die gleiche Größe haben, vom Körperbau aber unterschiedlich ausfallen - mal schlank, mal muskulös. Die finalen 20 von insgesamt 100 Punkten gab es für Materialqualität, Verarbeitung und Ausstattung.

Zertifizierte Sicherheit

Früher mussten nur professionelle Zweiradfahrer wie Motorrad-Polizisten oder Roller fahrende Pizzaboten zertifizierte Schutzkleidung tragen. Beim Verkauf an Normalverbraucher gab es hingegen kaum Vorgaben. Seit vergangenem Jahr gilt in Europa nun die Norm EN 17092, die Kunden dabei helfen soll, die Schutzfunktion von Motorradbekleidung zu beurteilen. Dazu wird zwischen verschiedenen Einsatzzwecken unterschieden: C (Aufprallschutz), B (Abriebschutz) und A (beides zusammen). Kategorie A unterscheidet weiterhin zwischen drei Sicherheitsstufen: A, AA und AAA. Je besser die Schutzfunktion der Bekleidung bei der Zertifizierung, desto mehr "A". Über das erreichte Schutzlevel gibt ein Aufdruck oder Einnäher in der Kombi Auskunft, auf dem neben dem Motorradfahrer-Piktogramm auch die Norm, das Level sowie das CE-Logo aufgeführt sein müssen.

Auch für Protektoren gibt es eine Norm: die EN 1621. Diese unterteilt Protektoren je nach Kraftminderung in Level 1 oder 2, außerdem je nach geschütztem Körperbereich in A oder B. Welchen Protektor ein Bekleidungshersteller verbaut, bleibt ihm überlassen. Daher wäre auch ein kleiner, für Frauen oder Kinder gedachter Protektor in der Herren-XXL-Kombi zwar zulässig, aber wenig sinnvoll.

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