Insolvenzen in der E-Bike-Branche: Ursachen und Auswirkungen

E-Bikes erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Dennoch melden derzeit einige Hersteller Insolvenz an. So erging es zuletzt den Herstellern VanMoof und Prophete. Beide konnten jedoch durch eine Übernahme aus der Insolvenz gerettet werden.

Aktuelle Insolvenzen und Herausforderungen

Fast wöchentlich gibt es Meldungen über Insolvenzen oder Massenentlassungen bei Fahrradherstellern. Doch was läuft falsch, obwohl die Branche eigentlich beste Vorzeichen hat, wie Verkehrswende, stärkeres Klimabewusstsein und hohe Energiepreise?

Rückblick: Welche Fahrradmarken sind insolvent oder straucheln?

  • November 2024: Advanced Bikes meldet Insolvenz an, da Investitionen durch Umsatzrückgänge nicht mehr kostendeckend betrieben werden konnten.
  • Der Hersteller des schnellsten E-Bikes der Welt, eROCKIT, steckt in einer existenziellen Krise und hat Insolvenz angemeldet.
  • Der österreichische Motorradhersteller KTM AG (Fahrradmarken Gasgas, Husqvarna) meldet Insolvenz an. Nicht betroffen davon ist die KTM Fahrrad GmbH.
  • Oktober 2023: Das dänische Unternehmen Mate Bike, bekannt für Fatbikes, meldet Insolvenz an.
  • August 2023: Das E-Bike-Start-Up Gleam Bikes (E-Lastenräder aus Österreich) meldet Insolvenz an.
  • Juli 2023: Der niederländische ehemalige Shootingstar VanMoof meldet Insolvenz an.

Auch die Advanced Bikes GmbH aus Deutschland ist insolvent. Die Advanced Bikes GmbH ist pleite und musste am 25. November 2024 einen Insolvenzantrag stellen. 2011 war Advanced nach eigenen Angaben der erste reine E-Bike-Hersteller in Deutschland.

Der fränkische Mountainbike-Hersteller YT Industries hat Insolvenz angemeldet und ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet. Das Unternehmen aus Hausen bei Forchheim will sich damit finanziell neu aufstellen und sucht laut eigenen Angaben nach Investoren.

Nachdem Anfang August schon Kult-Versender YT Industries ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet hatte, trifft es nun den nächsten. Die polnische 7Anna-Gruppe, bekannter durch ihre Dirt- und Gravity-Marke NS Bikes sowie Rondo (Gravel) Octane One und Creme Cycles (Urban) hat beim Bezirksgericht in Danzig Insolvenz angemeldet.

Ursachen für die Krise

Peitscheneffekt: Nach dem Corona-Hoch kommt der Absturz

Während der Corona-Jahre boomte die Fahrradbranche. Hersteller und Händler schraubten Produktions- und Ordervolumina infolge der hohen Nachfrage nach oben. Die Hoffnungen auf einen dauerhaften Boom wurden jedoch enttäuscht.

Die Ordermengen hatten sich entlang der Lieferketten wie ein Peitschenhieb aufgestaut (Peitscheneffekt) und die bestellten Mengen überschritten plötzlich den eigentlichen Bedarf. Russlands Krieg gegen die Ukraine, steigende Energiepreise und die hohe Inflation trübten das Konsumklima zusätzlich. Viele Fahrradhersteller traf dieser Clash hart, einige überlebten nicht.

Zuletzt überschwemmte zu allem Übel auch noch die verspätete Ware aus Bestellungen von 2022 und 2023 den schon schwächelnden Markt. Bei Händlern und Herstellern sind die Lager voll wie nie, verkauft wird in der Nebensaison und der aktuellen Konsum-Flaute aber kaum noch etwas.

YT Industries stellt hochwertige Mountainbikes her und vertreibt diese direkt an Kunden - ein Geschäftsmodell, das in der Corona-Pandemie stark gefragt war. Inzwischen sieht sich das Unternehmen jedoch mit mehreren Belastungen konfrontiert: Anhaltender Preisdruck in der Branche, Probleme mit Zulieferern sowie Unsicherheiten auf dem US-Markt hätten zur wirtschaftlichen Krise beigetragen.

Als Gründe für die finanzielle Schieflage nennt Szymon Koblynski von 7Anna Lieferprobleme während Corona und Distributionsprobleme im Nachgang, außerdem seien kurz nacheinander sowohl der wichtigste Zulieferer, Sprick, und der größte Distributor für Westeuropa pleite gegangen.

Der CEO spricht in einer Videobotschaft auf YouTube von einem „brutalen Rabattkrieg“. Kunden hätten „gute Deals gemacht“, aber kleine Marken wurden dadurch „massiv unter Druck gesetzt“.

Positive Tendenzen und Entwicklungen

E-Bikes und Gravelbikes laufen gut

Aus dem Alltag sind besonders E-Bikes nicht mehr wegzudenken. Die Nachfrage nach den Elektrorädern ist im Gegensatz zu nicht motorisierten Fahrrädern recht stabil. Die E-Bike-Nachfrage wird unter anderem durch Leasingmodelle und Steuervergünstigungen angetrieben.

Technologische Weiterentwicklungen wie leichtere Akkus mit größerer Reichweite und verbesserte Motorentechnologie werden die Attraktivität von E-Bikes wohl sogar noch weiter erhöhen. Hinzu kommen politische Bemühungen, die die Nutzung von Fahrrädern zur Förderung einer nachhaltigen Mobilität und als Teil der Verkehrswende vorantreiben sollen.

Und auch Gravelbikes und Rennräder laufen gut. Canyon und Rose Bikes meldeten im letzten Jahr gute Geschäfte mit beiden Radgattungen. Für Pinarello und Colnago geht es seit 2023 mit zweistelligen Wachstumsraten bergauf. In Deutschland belegen die Zahlen des Verbands "ZIV - Die Fahrradindustrie” (ZIV) den Aufwärtstrend im Segment der sportlichen Räder: Der Marktanteil von Rennrädern, Gravelbikes und Fitnessrädern stieg 2023 um zwei auf neun Prozent.

Auswirkungen auf Verbraucher

Profitieren Fahrradkäufer von der Situation?

Rund ein Viertel der Deutschen kann sich laut dem neuen Fahrradmonitor des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr vorstellen, 2024 ein Fahrrad zu kaufen. Handel und Hersteller locken mit zum Teil hohen Rabatten. Besonders bei klassischen Trekkingrädern, Mountainbikes und manchen E-Bikes können Kundinnen und Kunden immer noch Schnäppchen machen. Bei Rennrädern und Gravelbikes ist das eher weniger zu erwarten.

Nach der Insolvenz eines E-Bike-Herstellers sollen wohl Restbestände günstig verkauft werden. Im Falle einer möglichen Übernahme könnte das Geschäft aufrechterhalten werden. Alternativ werden die verbliebenen Restbestände zu günstigeren Preisen abverkauft.

Insgesamt gilt: Rohstoffe wie Aluminium und Carbon sind in den vergangenen zwei Jahren teurer geworden, die Komponentenhersteller verlangen Aufschläge zwischen fünf und zehn Prozent, und auch die Lohn- und Transportkosten sind gestiegen. Preiserhöhungen sind auf lange Sicht wohl unvermeidlich.

Strategische Neuausrichtung und Maßnahmen

Um die wirtschaftliche Stabilität langfristig zu gewährleisten, sieht die BMC Group weiteren Handlungsbedarf. Teil der geplanten Maßnahmen ist eine Reduzierung des Personalbestands um circa 40 Stellen weltweit.

Die BMC Group plant, sich künftig auf ihre Kernsegmente zu konzentrieren. Der Fokus soll dabei auf Rennrädern und Gravelbikes liegen. Ergänzt wird das Sortiment durch Modelle aus den Bereichen Triathlon, MTB-Cross-Country, E-Road und Bahn.

Accell hat angekündigt, den Produktions- und Gründungsstandort Heerenveen in den Niederlanden als Teil ihres Transformationsprogramms umzugestalten. Die Fertigung wird bis Ende des ersten Quartals 2026 eingestellt und auf bestehende Produktionsstätten verlagert. Diese Entscheidung ist Teil eines umfassenden Plans, die Effizienz zu steigern und die Produktionsprozesse zu vereinfachen.

Die Uvex Group positioniert sich für die Zukunft mit einem neuen Mehrheitseigentümer. Der US-amerikanische Private-Equity-Investor Warburg Pincus übernimmt die Mehrheit an dem Spezialisten für Schutz- und Sicherheitsausrüstung. Neben der Beschleunigung des internationalen Wachstums stehen der Ausbau des Premium-Sortiments und die Erschließung neuer Geschäftsfelder im Fokus.

Pierer Mobility treibt ihren Ausstieg aus dem Fahrradgeschäft schneller voran als ursprünglich geplant. Während das Unternehmen im ersten Halbjahr 2025 noch über 50.000 Fahrräder absetzte, sollen die Lagerbestände der Marken Husqvarna und Gasgas bis Ende des Jahres vollständig abverkauft sein.

Die Zukunft der Branche

"Die Befragten sind sich einig: Im laufenden Jahr und 2025 bleibt es für Fahrradhersteller schwierig. Die Konsumlaune ist aufgrund von Unsicherheiten wie die hohe Inflation, schwache Konjunktur und politischen Verwerfungen weiterhin getrübt. Schnelles Handeln ist daher notwendig, damit die Umsätze und Gewinne nicht noch weiter einbrechen. Oberste Priorität hat die Sicherstellung der Liquidität, etwa durch den Abbau von Lagerbeständen und Fixkosten sowie die Optimierung des Working Capital. Ebenso wichtig ist aber auch der Aufbau von professionellen Prozessen und Planungssystemen, um auf Marktveränderungen schneller und flexibler reagieren zu können."

Wenn Hersteller künftig erfolgreich sein wollen, müssen sie insgesamt flexibler werden und schneller auf die neuen Rahmenbedingungen reagieren.

Es soll in den nächsten Wochen einen Plan für die Restrukturierung erstellen. Auch bei der Advanced Bikes GmbH besteht die Hoffnung auf die „reinigende Wirkung“ eines Insolvenzverfahrens und den Fortbestand des Unternehmens.

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