Die Govecs eSchwalbe ist eine moderne Interpretation des legendären DDR-Rollers Simson KR 51, im Volksmund Schwalbe genannt. Die Neuauflage verbindet das ikonische Design des Originals mit modernster Elektrotechnologie.
Design und Nostalgie
Die knallgelbe Schwalbe am Bordsteinrand erntet liebevolle Blicke von Passanten, die ein nostalgisches Gefühl überkommt: Die sieht ja genauso aus wie die alte, die Simson schon vor fünf Jahrzehnten gebaut hat. Es kann an der auffälligen Farbe Sonnenorange liegen, die Govecs für mein Testgerät ausgesucht hat. Oder einfach daran, dass das ikonische Design bei vielen Leuten nostalgische Gefühle weckt. Nicht nur in der DDR haben die Menschen auf einer Schwalbe viele Abenteuer erlebt.
Optisch versucht die elektrische Schwalbe anzuknüpfen an den Urahn aus Suhl - wenngleich manch ein Nostalgiker die Nase rümpft, weil der E-Vogel eine Plastikkarosserie aufweist und keine aus Blech. Zudem haben die Govecs-Leute ihre Schwalbe etwas länger und breiter konstruiert als den Vorläufer, viele Details aber haben sie übernommen: den Schriftzug zum Beispiel oder auch die charakteristischen Blinker an den Lenkerenden.
Technische Daten und Fahrleistungen
Anders als in den DDR-Zeiten wird die eSchwalbe nicht mehr von einem Zweitaktmotor, sondern elektrisch angetrieben. Es gibt sie in den drei Leistungsstufen 45, 61 und 90 km/h. Bei letzterer sind Motor wie Batterie größer dimensioniert. Die erste Schwalbe brachte Govecs 2019 auf den Markt. Sie trug einen Riemenantrieb mit Bosch-Motor im Rahmen.
Die schnelle eSchwalbe ist ab 8.990,-- Euro erhältlich; optisch unterscheiden sich Klein und Groß nur in Geringfügigkeiten. Ihr Motor leistet 6 kW/8,2 PS, woraus dank der beiden zusammen 4,6 kWh großen Akkus eine Praxisreichweite von knapp 100 Kilometern resultiert. Für ein Stadtvehikel sind die Fahrleistungen souverän, die Reichweite erscheint voll ausreichend, um die beiden Lithium-Ionen-Akkus nicht täglich aufladen zu müssen.
Technische Details im Überblick (ADAC Test)
| Merkmal | Wert |
|---|---|
| Preis in Euro | 5.390 |
| Leistung (W) | 4.000 |
| Batteriekapazität (kWh) | 4,8 |
| Höchstgeschwindigkeit (km/h) | 45,0 |
| Reichweite (km) | 43-86 (im Fahrmodus Go) |
| Ladedauer (h) | 4,5 |
An der Ampel zieht die E-Schwalbe im Boost-Modus los, wie von der Tarantel gestochen. In stolzen 5 Sekunden beschleunigt das Moped in diesem Modus von 0 auf 45 km/h. Möglich machen es die Bosch Drive Unit 48 V und der verbaute Doppelriemenantrieb, die die E-Schwalbe auch im leicht reduzierten Cruise-Modus schnell auf die gewünschte Geschwindigkeit bringt.
Die E-Schwalbe präsentiert sich auf der Straße als wendig. Der tiefe Schwerpunkt macht das Fahrzeug gut kontrollierbar. Die Lenkung ist leichtgängig, die Heidenau Allwetter-Reifen halten sicher. Sind Elektromopeds per se eigentlich so gut wie still, surrt die Schwalbe für Fahrer:in und andere Verkehrsteilnehmer:innen hörbar auf. Das CBS (Combined Brakes System) mit Scheibenbremsen arbeitet zuverlässig und bringt die Schwalbe schnell zum Stillstand.
Reichweite und Laden
Mir kam die Reichweite der E-Schwalbe allerdings phänomenal vor. Auf einer Fahrt von Bonn nach Düsseldorf allerdings schmolz die Reichweite bei starkem Gegenwind schnell dahin. Inklusive einigen Umwegen betrug die gefahrene Strecke am Schluss etwa 85 km, und ich kam praktisch erst auf letzter Rille am Ziel an. Auf dem Rückweg hatte sich der Wind gedreht, war nun aber deutlich schwächer.
Der Ladevorgang dauert bis zu sechs Stunden Bis zur 80-Prozent-Marke dauert das vier Stunden bei leerem Akku; der Rest bis „voll“ erfordert zwei weitere Stunden. Das Lade-Prozedere ist einfach: Spiralkabel unter den hochgeklappten Sitz ziehen und ab damit in die Schuko-Steckdose. Die Batterien sind leicht herausnehmbar und stets paarweise zu laden, ob in der Garage, im Keller oder in der Wohnung.
Komfort und Ausstattung
Als sehr angenehm empfand ich auch den Sound, den die E-Schwalbe während der Fahrt macht. Ihr könnt immerhin zwischen den drei Modi hin- und herschalten. Und dann gibt es noch den Modus „Crawl“, der euch dabei hilft, mit der E-Schwalbe bei leichter Motorunterstützung ein- oder auszuparken. Einige weitere Einstellungen könnt ihr im Menü vornehmen, etwa das Einstellen der Uhrzeit oder die Wahl zwischen km/h oder mph.
Im Einstellungsmenü könnt ihr auch euer Smartphone mit dem Gerät koppeln und dann die Bosch uDrive-App nutzen. Die kann euch etwa bei einem zu geringen Ladestand oder einer Unterbrechung des Aufladens warnen. Sie speichert zudem die Restlaufzeit, damit ihr euch diese nicht merken müsst. Keyless Go ist Serie, Windschutz und Seitenständer optional. Alle fürs Fahren nötigen Informationen sind im fünf Zoll großen TFT-Farbdisplay einwandfrei ablesbar.
Kritikpunkte
Wenn ich bis auf die fest eingebauten Akkus etwas an der E-Schwalbe kritisieren müsste, dann eher Kleinigkeiten. Mit den Seitenspiegeln hatte ich bis zuletzt Schwierigkeiten, sie passend einzustellen. Trotz der enormen Maße hat Govecs wenig Stauraum gelassen. Unter der Sitzbank teilt ihr euch die 5 Liter noch mit dem Ladekabel. Das reicht nur für kleine Gegenstände.
Auch die USB-Ladebuchse befindet sich unter dem Sitz und ist damit für meinen Geschmack etwas deplatziert. Auch die Sitzbankarretierung macht nicht den allersichersten Eindruck. Ich konnte sie mit etwas Kraft nach oben biegen und dann auch zumindest einen Finger breit ins Innenfach greifen. Der Seitenständer hält die Govecs E-Schwalbe schon stabil, sie neigt sich dann allerdings auch recht stark zur Seite.
Alternativen und Markt
Den Vergleich mit dem anderen von uns getesteten Retro-Moped Kumpan 1954 RI (oder dem Nachfolger 54i:conic) gewinnt die E-Schwalbe mit knappem Vorsprung. Sie beschleunigt noch etwas dynamischer, hat die noch bessere Straßenlage und die zuverlässigere Reichweitenangabe. Das Gesamtprodukt ist insgesamt etwas stimmiger.
Das deutsche Händlernetz ist noch ziemlich löcherig; lediglich 50 bis 60 Händler können eSchwalben ausliefern. Deshalb offeriert Govecs auch die Bestellung im Internet; wer will, bekommt seine eSchwalbe an die Haustür geliefert. Drei mobile Serviceeinheiten ergänzen deutschlandweit die beschränkten Werkstattkapazitäten.
Zielgruppe und Fazit
Menschen drehten sich auf der Straße um. Ein kleines Mädchen wollte sich von seinem Vater davor fotografieren lassen. Ein Radfahrer, der neben mir an der Ampel hielt, berichtete von seiner Original DDR-Simson-Schwalbe von 1969. Die eSchwalbe ist eben dabei, sich bei den Zweiradhändlern einzunisten. Geschlüpft sind Enkel der früheren Simson Schwalbe, in Polen, wo die in München ansässige Firma Govecs schon vor mehr als fünfzehn Jahren ihre Produktionsstätte errichtet hat.
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