Ergonomische MTB-Griffe im Test: Komfort und Kontrolle für jedes Terrain

Viele Radfahrer kennen das Problem: Kribbeln und Taubheitsgefühle in den Fingern oder Schmerzen im Handgelenk. Etwa 80 Prozent aller Radfahrer sind davon betroffen. Oft können schon ein paar Griffe diese Probleme unterbinden und auf Dauer sogar eliminieren.

Beim Radfahren gibt es drei Kontaktpunkte vom Menschen zur Maschine. Neben den Pedalen und dem Sattel haben die Griffe einen großen Anteil am Wohlfühlfaktor. Unsere Arme leiten je nach Sitzposition bis zu 25 Prozent unseres Körpergewichtes über die Hände auf die Griffe ab.

Von dort aus finden sämtliche Übermittlungen der Schalt-, Brems- und Lenkimpulse statt. Stimmen im Zusammenspiel von Sitzposition, Griff- und Lenkerform, ergonomischen Gegebenheiten und persönlichen Vorlieben ein oder mehrere Parameter nicht, führt das schnell zu Druckspitzen, Überlastungen und Fehlstellungen.

Ursachen und Lösungen für Handprobleme beim Radfahren

Für Probleme im kleinen und Ringfinger ist der Ulnar-Nerv die Ursache. Er verläuft an der Außenseite der Hand. Bekommt etwa der Handballen zu viel Druck an der falschen Stelle ab, können diese Bereiche gequetscht werden. Eine Lösung ist, den Druck an dieser Stelle über eine große Fläche abzuleiten.

Treten indessen Probleme in Daumen, Zeige- und Mittelfinger auf, liegt der Grund im Karpaltunnel. Er ist ein schmales Nadelöhr im Handgelenk, das sich Sehnen, Blutgefäße und Nerven teilen. Wird dieser Durchgang durch erhöhten Druck oder ein abgeknicktes Handgelenk verengt, kommt es schnell zu Kribbeln oder einschlafenden Händen.

Treten auf Tour Probleme auf, kann das regelmäßige Ausschütteln der Hände für eine kurzfristige Abhilfe sorgen. Sind Lenkerhörnchen vorhanden oder ist ein Multifunktionslenker mit mehreren Greifvarianten verbaut, lässt sich unterwegs einfach und schnell umgreifen. Der Positionswechsel sorgt für Linderung, weil sich die Druckverteilung und Belastung verschiebt.

Zusätzlich aktiviert das kräftige Greifen an Hörnern bestimmte Muskeln, wodurch die Durchblutung mobilisiert wird. Wer einen verstellbaren Vorbau am Rad hat, kann den Lenker höherstellen.

Flossengriffe: Aktive Unterstützung für die Hand

Aktive Unterstützung erfährt die Hand durch Flossengriffe. Ihr charakteristischer Namen kommt durch die nach hinten herausragende Auflagefläche, die wie eine Flosse aussieht und den Druck in der Hand breiter verteilt und effektiver ableitet. Zusätzlich wird das Handgelenk unterstützt und der Karpaltunnel geschont.

Druckempfindliche Nerven und sensible Blutgefäße werden entlastet und die unangenehmen Symptome reduziert oder gleich ganz verhindert. Die bessere Abstützung hat einen weiteren Vorteil: Die Haltearbeit von Hand und Arm wird verringert, was Kraft spart und den Komfort auf längeren Touren steigert.

Damit Flossengriffe ihre Aufgaben verlässlich leisten können, sind sie meist gleich aufgebaut: Ein harter Kern gibt dem Griff Struktur, eine dort aufgesetzte Klemmung Schutz vor Verdrehen und den nötigen Halt auf dem Lenker. Weicheres Material auf der Oberfläche sorgt für gute Dämpfung und einen sicheren Griff.

Die Kunst im Bereich der Flosse besteht darin, der Hand bestmöglichen Support bei gleichzeitig effektiver Dämpfung zu verleihen.

Die Wahl des richtigen Griffs

Damit ein Griff optimal zu Ihnen passt, gibt es einige Punkte zu beachten. So fällt der Blick als erstes auf die Schalthebel. Bei Kettenschaltungen finden sich meist Shimano Rapidfire- und Sram Trigger-Schalthebel, die mit Daumen und Zeigefinger betätigt und außerhalb des Griffes montiert werden. Dafür sind zwei gleich lange Griffe nötigt.

Ist eine Nabenschaltung, etwa von Pinion, Rohloff oder Shimano verbaut, so befindet sich auf der rechten Seite ein Drehgriff. Hier wird ein kürzerer Griff verbaut. Selten zu finden sind zwei Drehgriff-Schalthebel für Kettenschaltungen, die auf zwei kurze Griffe setzen.

Der zweite Schritt ist die passende Form zu finden. Sportler wählen kompakte Modelle mit kleiner Flosse, weil diese eine aktive Fahrweise unterstützt. Die Hand kann besser um den Griff rotieren, was vor allem im MTB-Bereich Vorteile bringt. Alltags- und Tourenradfahrer profitieren von einer größeren Flosse durch die bessere Druckableitung und Unterstützung. Zudem steht der generelle Komfort im Vordergrund.

Die Größe des Griffes sollte sich an der Handgröße orientieren. Personen mit kleinen Händen greifen zu kleinen, Personen mit großen Händen zu großen Griffen. Je nach persönlicher Vorliebe sollte man aber nicht zwingend daran festhalten, weil individuelle Präferenzen durchaus anders ausfallen können. Der Trend, für Damen speziell designte Produkte anzubieten, findet sich bei Griffen übrigens nicht.

Wer nicht weiß, was er will, sollte von einem Online-Kauf absehen. Der erste Anlaufpunkt ist daher der fachkundige Händler vor Ort. Er kann mit seiner Expertise bei der Suche nach dem individuell besten Griff beratend zur Seite stehen. Wer zudem die Möglichkeit bekommt, Testgriffe Probe zu fahren, sollte diesen Service annehmen!

So kann man in der gewohnten Alltags- und Tourenumgebung schnell herausfinden, ob der Griff zu einem passt. Bestehen trotz hochwertiger Griffe Handprobleme, sollte man einen Radfitting-Spezialisten aufsuchen. Dieser betrachtet das Gesamtsystem aus Fahrer, Rad und Einzelkomponenten und kann die Problemstellen zügig erkennen.

Etwa, wenn Sitzposition, Lenkerform und Einsatzbereich nicht zusammenpassen. Bei Bedarf kann das Rad angepasst und Probe gefahren werden.

Testkriterien und Ergebnisse

Um einen umfassenden Überblick zu bieten, wurden die Griffe nach Eingang gewogen, vermessen und die Eckdaten wie Form, Material, Klemmung, Oberflächen, Materialien und Verarbeitung überprüft. Anschließend wurden sie im Alltag, auf längeren Touren und im Sporteinsatz gefahren und bewertet.

Die Bewertung erfolgte anhand folgender Kriterien, wobei die Druckverteilung und der Greifkomfort am stärksten gewichtet wurden:

  • Druckverteilung (30%)
  • Greifkomfort (30%)
  • Dämpfung (20%)
  • Kontrolle (10%)
  • Verarbeitung (5%)
  • Gewicht (5%)

Bei der Druckverteilung wurden alle Griffe mit einer Messfolie im Labor untersucht. Dazu saß ein Proband auf einem Ergometer, welches eine durchschnittliche Trekkingrad-Sitzposition samt dazu passendem Lenker bietet. Die gemessenen Daten lassen eine direkte Vergleichbarkeit bezüglich Druck-Spitzen, -Mittelwert, -Verteilung und Auffälligkeiten zu.

In der Praxis spielt der Greifkomfort die größte Rolle. Hierbei wurde auf die Unterstützung der Hand, die Stützbreite, den Durchmesser, die Oberflächen, die Haptik der eingesetzten Materialien, homogene Übergänge von und zur Flosse sowie die Einbindung der Klemmstellen geachtet. Da die Unterschiede ohne oder mit Handschuhen durchaus gravierend ausfallen, erfolgte die Bewertung ohne Handschuhe.

Die Dämpfungscharakteristik ist wichtig, weil damit Komfort und Ermüdungserscheinungen einhergehen. Wird viel und gut dämpfendes Material an den richtigen Stellen eingesetzt, werden Vibrationen und Schläge effektiv verringert.

Mit Blick auf die Kontrolle wurde auf eine gute Struktur und griffige Oberfläche geachtet. Aber auch die Erreichbarkeit von Brems- und Schalthebeln, ohne an Kanten, Schrauben oder Griffenden zu streifen, ist wichtig. Weiterhin spielen eine gute Hinterschneidung der Flosse auf der Unterseite, das Verhalten bei Nässe sowie das Feedback vom Rad eine Rolle.

Bei der Verarbeitung wurde die Wahl, Platzierung von Material, überstehende Kanten und Fertigungsrückstände, die Oberflächenbeschaffenheit, Übergänge verschiedener Bereiche sowie die optische Note betrachtet.

Ein wichtiges Feature ist die Schraubklemmung, die für eine dauerhaft sichere Montage selbst bei Nässe und unterschiedlichsten Temperaturen steht. Sie stellt auch sicher, dass sich die Flossenform nicht verdreht und somit immer den optimalen Support bietet. Auch ist der Griff sofort einsatzbereit, weil ein Auslüften von Montagehilfsmitteln entfällt.

Bei den Klemmschellen gibt es verschiedene Varianten: Eine innen- und außenliegende Doppelklemmung ist redundant und damit besonders sicher. Eine innenseitige Montage klemmt im oft verstärkten Lenkerbereich der Armaturen und wird von vielen Herstellern eingesetzt.

Mit Blick auf die Schraubenköpfe sind 4- und 5-Millimeter-Inbus zu bevorzugen, weil sich diese weniger schnell runddrehen als kleinere Ausführungen. Pluspunkte gibt es für auf dem Griff angebrachte Drehmomente. Eine Angabe zur Griffseite oder eine Ausrichtungshilfe bieten nur wenige Hersteller.

Weitere gute Details sind die Nachrüstbarkeit oder Integrationsmöglichkeit von Hörnchen, Klingeln, Spiegeln oder Werkzeug.

Empfehlungen

Der Test zeigt eindrucksvoll, dass im Detail große Unterschiede bestehen, die in der Praxis über „top“ oder „Flop“ entscheiden. Gute Allrounder ohne echte Schwächen und damit eine Empfehlung wert sind Cube, Bontrager und Contec. Das bestmögliche Preis-Leistungs-Verhältnis ist bei Procraft zu finden. Wer indessen auf der Suche nach echten Problemlösern ist, sollte Ergotec, SQlab und Velospring probieren.

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