Es gibt Momente, in denen man weiß: Alles richtig gemacht. Alle Mühen, all der Aufwand, das ganze Risiko, der Umzug waren es wert. So wie für Claudio Rebuzzi, Mitinhaber einer außergewöhnlichen Fahrradwerkstatt in Peking, als Kelvin He sein selbstgebautes Bambusrad abholte.
Die Wiederbelebung des Fahrrads in Peking
Das Fahrrad ist eine aussterbende Spezies in Peking, jener Metropole, die einst als Radhauptstadt der Welt bekannt war. Vor 30 Jahren glichen ihre Straßen einem breiten, endlosen Fluss aus Radlern. Heute steht die Stadt im Stau.
Bamboo Bicycles Beijing, kurz BBB, ist ein kleiner Gegenentwurf zu den großen Gestaltungskräften, die Peking zu dem gemacht haben, was es heute ist - und die das Rad auf den Randstreifen der Geschichte abgeschoben haben. Es waren jene Überreste, die ausrangierten Drahtesel, die in den Gassen standen, verlassen, verstaubt, verendet, die das Projekt BBB zum Leben erweckten.
Einmal, als Wang ein Alu-Gerippe mit besonders dickem Radgestänge aufsammelte, drängte sich ihm ein Vergleich auf: Wie ähnlich diese Rohre doch dem Bambus vor dem benachbarten Tempel sahen! Man könnte doch einfach ein Fahrrad aus Bambus bauen!
Bald darauf strampelte Wang auf seinem ersten gebastelten Bambusrad durch Peking. Er wollte, was er ersonnen hatte, mit möglichst vielen teilen, und ihm kam die Idee, Bambusrad-Workshops anzubieten.
Was spricht für Bambus als Rahmenmaterial?
Es mag offiziell zu den Gräsern gehören, aber es ist stabiler als so manches Holz: Bambus. Dass man damit sogar Fahrräder herstellen kann, beweisen allein in Deutschland mehrere Manufakturen. Und es werden immer mehr. Dabei ist schon eine Weile bekannt, dass sich Bambus für diesen Einsatzzweck eignet.
Bambus bringt einige spannende Eigenschaften mit. Als Grasgewächs bildet er innen Hohlkammern, was ihn nicht nur relativ leicht macht, sondern auch druck-, zug-, und biegungsbelastbar. In Sachen Zugfestigkeit übertrifft Bambus sogar Stahl. Gleichzeitig ist Bambus so flexibel, dass er beispielsweise Unebenheiten auf einem Kopfsteinpflaster in der Regel besser abfedert, als ein regulärer Alurahmen es vermag.
Die technischen Voraussetzungen sind also gegeben. Doch auch die Herkunft und Verfügbarkeit spielen eine entscheidende Rolle. Bambus wächst fast überall auf unserer Erde - und das sehr schnell. Dabei speichert Bambus nicht nur überdurchschnittlich viel CO2, sondern gibt auch mehr Sauerstoff ab als die meisten anderen Pflanzen.
Bambus ist also nicht nur technisch gesehen hervorragend für den Rahmenbau geeignet, sondern auch aus ökologischer Sicht.
Ein Blick in die Geschichte
Der amerikanische Fahrradentwickler Craig Calfee experimentiert schon seit 1995 mit dem Werkstoff herum: Damals gab er seinem Hund einen Bambusstock als Spielzeug und war überrascht, dass das Süßgras der Belastung standhielt. Das brachte den Designer dazu, Bambus als Material für Fahrradrahmen zu verwenden.
Erfunden hat Calfee den Bambusrahmen jedoch nicht. Bereits 1894 stellte die Bamboo Cycle Company ein Bambusfahrrad auf der Londoner Messe Stanley Cycle Show vor. Das mit dem Slogan "better than steel", zu Deutsch "besser als Stahl", beworbene Rad erregte die Aufmerksamkeit des britischen Aristokraten Lord Edward Spencer-Churchill, eines entfernten Verwandten von Winston Churchill.
Kurz darauf geriet Bambus als Rahmenmaterial in Vergessenheit. Stahl setzte sich durch, da es einfacher zu verarbeiten war. Aluminium und Carbon folgten.
Vorteile von Bambusfahrrädern
- Nachhaltigkeit: Bambus zählt zu den am schnellsten wachsenden Pflanzen der Erde.
- Leichtigkeit: Im Gegensatz zu Holz ist Bambus dank seiner vielen Hohlräume verhältnismäßig leicht.
- Stabilität: "Wir haben unsere Rahmen auf einem Prüfstand testen lassen und waren selbst überrascht, dass dabei sehr hohe Stabilitätswerte herausgekommen sind", sagt David Hoffmann.
- Komfort: Gleichzeitig hat Bambus eine natürliche Dämpfung.
- Einzigartigkeit: Ein Bambusrad dagegen: Mehr Unikat geht kaum. Kein Rad ist wie das andere. Nicht in der Form. Nicht in der Farbe. Nicht im Gewicht.
Nachteile und Herausforderungen
- Mangelnde Vorteile gegenüber anderen Materialien: "Und gegenüber Materialien wie Aluminium oder Carbon bietet Bambus nicht genügend Vorteile, als dass sich eine aufwändige Anpassung der Produktionsabläufe lohnen würde".
- Recycling: Das mindert jedoch etwas die Umweltbilanz eines Bambusrades, denn das Harz kann nur schwer recycelt werden und bei der Herstellung entstehen giftige Dämpfe. Ausgehärtet ist der Klebstoff jedoch ungefährlich.
- Preis: Im Vergleich zu einem herkömmlichen Fahrrad oder E-Bike mögen Fahrräder aus Bambus erst einmal teurer wirken.
Herstellung und Produktion
Der Rohstoff für den Bambusrahmen wird meist in Afrika oder Asien angepflanzt und dort auch weiterverarbeitet. Mit dem Naturprodukt machen die Hersteller auch auf die soziale Verantwortung gegenüber den Produzenten aufmerksam.
Aus reinem Bambus besteht der fertige Rahmen allerdings nicht: Steuerrohr und Innenlager werden mit Aluminiumhülsen verstärkt, als Verbundmaterial wird Epoxidharz verwendet.
Die Bambusrohre für den Rahmenbau werden einige Monate getrocknet und erhalten zusätzlich eine Behandlung in einer Hitzekammer, damit ihre physikalischen Eigenschaften langfristig gleichbleiben. Außerdem wird jeder Bambusrahmen lackiert, so wird ausgeschlossen, dass Feuchtigkeit eindringen kann. Gleichzeitig wird so Beeinträchtigungen durch UV-Strahlung und Kratzern vorgebeugt.
Pflege und Wartung
Bambusfahrräder können in jeder Fahrradwerkstatt gewartet und repariert werden. Die Anbauteile sind standardisiert wie bei konventionellen Fahrrädern auch. Wenn es tatsächlich Probleme mit dem Rahmen geben sollte, kümmert sich der Hersteller darum.
Ein Bambusfahrrad benötigt keine spezielle Pflege. Wie bei anderen Fahrrädern auch wird eine jährliche Inspektion empfohlen, um sicher unterwegs zu sein.
Bambusfahrräder als E-Bikes
Ein natürlicher Rohstoff schließt die Nutzung von modernen E-Motoren und Akkus nicht aus.
Bambusfahrrad-Hersteller und ihre Philosophie
Die Bambus-Manufakturen wollen jedoch ein individuelles Lifestyleprodukt vermarkten, weshalb die Schwierigkeiten der Großindustrie ein Segen für die Nischenhersteller sind. Die Handarbeit zeichnet den Bambusrahmen aus. Und durch sie wird er auch weiterhin ein exotischer Blickfang bleiben.
my Boo: Lässt seine Rahmen in Ghana fertigen, in Kooperation mit dem Yonso Project, das die Jugendarbeitslosigkeit vor Ort bekämpfen will. Der Bambus wächst in der Nähe der Werkstatt. Das Kunstharz ist nach Angaben der Hersteller ein Recyclingprodukt.
Bambooride: Die Rahmen werden nach Angaben des Herstellers in Uganda gefertigt, die Metallteile in Deutschland. Der Bambus stammt nach Angaben des Herstellers aus einem Anbaugebiet im Westen Ugandas.
Faserwerk: Der Eineinhalb-Mann-Betrieb in Bremen fertigt jedes Fahrrad komplett nach den individuellen Wünschen und Bedürfnissen seiner Kunden. Die Rahmen dafür baut er selbst, das Material bezieht er aus verschiedenen asiatischen Ländern.
Fazit
Das Bambusrad ist dabei aber nicht nur ein alternatives Fortbewegungsmittel für ökologisch orientierte Menschen.
| Aspekt | Bambusfahrrad | Konventionelles Fahrrad (Aluminium/Stahl) |
|---|---|---|
| Nachhaltigkeit | Hoch (schnell nachwachsender Rohstoff) | Geringer (Abhängigkeit von nicht erneuerbaren Ressourcen) |
| Gewicht | Vergleichbar | Vergleichbar |
| Stabilität | Hoch | Hoch |
| Komfort | Hoch (natürliche Dämpfung) | Variiert je nach Material |
| Preis | Höher | Niedriger bis mittel |
Verwandte Beiträge:
- Triumph Mountainbike Test & Kaufberatung: Modelle, Preise & Erfahrungen
- Decathlon Mountainbike 26 Zoll: Test & Kaufberatung
- Ist Fahrradfahren Sport? Kalorienverbrauch & gesundheitliche Aspekte
- E-Dreirad mit Akku: Test & Vergleich der besten Modelle für Senioren & Erwachsene
- Mopedführerschein: Ab Wann Darf Man Fahren & Welche Kosten Fallen Wirklich An?
- Motocross mit Seitenwagen: Adrenalin pur! Technik, Tipps & Rennen
Kommentar schreiben