Bulls E-Bike Test: Sonic EVO AM SL1 im Fokus

Bei E-Mountainbikes mit klassischem Power-Motor ging die Entwicklung lange Zeit nur in eine Richtung: ein dicker Akku für maximale Reichweite, was jedoch mit einem hohen Gewicht einherging. Das Sonic EVO AM SL von Bulls stellte 2022 eine bemerkenswerte Ausnahme dar. Mit einem großen 725-Wh-Akku und einem klassischen Shimano-Motor wog das Bike lediglich 21,5 Kilo und kostete rund 5000 Euro. Solche Kombinationen waren eigentlich der absoluten Highend-Liga vorbehalten. Das Bulls Sonic EVO AM SL 1 eroberte die Herzen der EMTB-Leser im Sturm und belegte den 1. Platz bei der Wahl zum E-Tourenbike des Jahres 2022!

Allerdings hatte das leichte Setup einen Haken: Die Ausstattung war minimalistisch, und Reifen sowie Fahrwerk schränkten die Geländegängigkeit etwas ein. Genau das möchte Bulls mit der Neuauflage für 2024 ändern. Geblieben ist das edle und leichte Carbon-Chassis, in dessen Unterrohr die große, aber leichte Batterie eingelassen ist. Durch andere Federelemente wurde der Federweg von 140 auf 160 Millimeter erhöht. Außerdem wurden die zahmen Nobby-Nic-Reifen gegen stark profilierte Magic Mary getauscht. Die Eckdaten deuten somit weniger auf sanfte Touren als vielmehr auf fast schon Enduro hin. Wie sich das Bike im Gelände schlägt, wurde ausführlich getestet.

Die Fakten zum Bulls Sonic EVO AM SL1

  • Motor: Shimano EP6, 85 Nm max. Drehmoment
  • Akku: 725 Wh (entnehmbar)
  • Rahmenmaterial: Carbon
  • Federweg: 160 / 160 mm
  • Laufradgröße: 29 Zoll
  • Rahmengrößen: S, M, L, XL
  • Preis: 5199 Euro
  • Gewicht: 23,1 kg (Testbike in Größe L, EMTB-Messung, ohne Pedale)
  • Zulässiges Gesamtgewicht: 130 kg (Herstellerangabe)

Der E-Bike-Antrieb

Das Bulls Sonic EVO AM SL 1, das Ende 2021 getestet wurde, war mit Shimanos EP8 ausgestattet. Inzwischen haben die Japaner von Shimano ihren Motor umfangreich erneuert. Der EP801 ist kräftiger geworden und hat einen kleinen Bruder bekommen: den EP6, der in der Neuauflage des EVO AM SL 1 steckt. Dieser günstigere Motor ist optisch mit EP801 und EP8 identisch, hat aber kein Magnesiumgehäuse. Das macht ihn rund 300 Gramm schwerer als die 8er-Serie. Leider ist er auch in Sachen Leistung nicht mit dem EP801 auf Augenhöhe. 100 Watt weniger soll der "kleine" Steps liefern und damit eher auf dem Niveau des alten EP8 liegen. Das spürt man auch in der Praxis.

Ein Teil des Geheimnisses des geringen Gewichts des Bulls Sonic Evo AM SL ist die Batterie. Der Akku liefert 725 Wattstunden bei einem Gewicht von 3,55 Kilo. Das ist ein starker Wert. Ein Bosch Powertube 750 wiegt zum Beispiel 4,3 Kilo! Der Akku wird seitlich/oben aus dem Unterrohr entnommen, wofür man weder Schlüssel noch Werkzeug benötigt. Die Entnahme ist allerdings etwas hakelig, zumindest wenn sie so stramm eingestellt ist, dass der Akku nicht klappert. Während bei früheren Tests mit dieser Konstruktion ein sehr störendes Akku-Klappern bemängelt wurde, gab es beim aktuellen Bike keine nennenswerten Probleme.

Die Geometrie des Bulls Sonic EVO AM SL1

Trotz geändertem Federweg hat sich die Geometrie des Sonic Evo AM SL 1 kaum verändert. Das bedeutet: Der Charakter bleibt eher tourenorientiert, ein echtes Enduro ist das Bike also trotz des 160er-Hubs nicht. Der Lenkwinkel ist dafür zu steil, der Radstand zu kurz. So bleibt das Bike handlich und ausgewogen und macht auch bei gemäßigter Fahrweise eine gute Figur.

EMTB-Messwerte im Überblick (Rahmengröße L)

  • Sitzrohrlänge: 460 mm
  • Radstand: 1250 mm
  • Reach: 454 mm
  • Stack: 653 mm
  • Lenkwinkel: 65 Grad
  • Sitzwinkel: 76 Grad
  • Kettenstrebenlänge: 451 mm

Die Ausstattung des Bulls All Mountain E-Bike

Vergleicht man das neue 2024er-Modell des Evo AM SL1 mit dem Bike von 2022, ist die Ausstattung bei identischem Preis etwas schwächer geworden. Nicht nur das Downsizing beim Motor, auch bei den Bremsen und der Schaltung greift Bulls etwas weiter unten ins Shimano-Regal. Das günstige Rockshox-Fahrwerk weicht Federelementen von SR Suntour. Die Gabel kommt mit ihren 36er-Standrohren robuster daher als die Rockshox 35, der Federweg wächst von 140 auf 160 Millimeter. Zusätzliche Gimmicks wie die magnetische Monkey-Link-Halterung für ein optionales Frontlicht (bereits am Haupt-Akku angeschlossen), der Fidlock-Flaschenhalter und die Smartphone-Befestigung von SP-Connect bieten Mehrwert im Alltag und auf Tour.

  • Gabel / Dämpfer: SR Suntour 36 Zeron / Edge Plus
  • Schaltung: Shimano Deore, 12fach, 10 - 51 Zähne
  • Bremsen: Shimano MT 420, 203 / 203 mm
  • Laufräder: Shimano-Naben, Rodi Tryp 30 Felgen
  • Reifen: Schwalbe Magic Mary Performance, 29 x 2,4 Zoll
  • Besonderheiten: Monkey-Link-Halterung für Frontlicht, Fidlock Trinkflaschenhalter

Praxistest: So fährt sich das Bulls Sonic EVO AM SL1

Aufsitzen und wohlfühlen - das trifft auf das Bulls Sonic Evo AM SL 1 noch immer zu! Der Verzicht auf Extremwerte bei der Geometrie macht die Sitzposition und auch das Fahrverhalten ausgewogen und neutral. Die Lenkung kippt nicht ab, der Fahrer ist zentral zwischen den Achsen positioniert. Die Körperhaltung ist dabei leicht gestreckt und sportlich angehaucht. Im Uphill setzt sich der unkomplizierte Charakter fort, erst in sehr schwierigen Sektionen setzt der etwas schwächere Motor der Steigfähigkeit Grenzen. Das Bike muss erst an steilen Rampen aktiv gefahren werden und folgt Lenkbewegungen sehr direkt. Die Hinterbaufederung vermittelt viel Komfort und Traktion. Auf nassen Steinen und Wurzeln kann die günstige Variante von Schwalbes Magic Mary Reifen aber nicht genügend Grip aufbauen. Auf losen Böden fällt das hingegen weniger ins Gewicht, denn hier kann das kernige Profil gut greifen.

Auch in der Abfahrt braucht es keine lange Eingewöhnungszeit. Das Handling des Bulls ist intuitiv und ausgewogen, ein gelungener Kompromiss aus Laufruhe und Agilität. Hinter dem Lenker des Sonic Evo AM SL 1 braucht man sich weder vor verwinkelten Pfaden, noch ruppigen Passagen fürchten. Letztere stellen allerdings das Fahrwerk auf die Probe. Bei gemäßigter Geschwindigkeit rollt das Bike souverän über Hindernisse. Bei schneller Fahrt können die Federelemente von SR Suntour nicht mehr richtig mithalten, und den vollen Hub konnten wir selbst bei softem Set-up kaum ausnutzen. Dadurch wirkt das Fahrwerk auf ruppigen Strecken recht harsch. Das haben wir an E-MTBs in diesem Preisbereich schon deutlich besser erlebt. Enduro-Feeling kommt so nicht auf, trotz 160 Millimeter Federweg. Im Vergleich zum zahmeren Vorgänger ist das neue Bulls trotzdem ein deutliches Update an Fahrsicherheit, fährt sich aber nicht mehr ganz so leichtfüßig und spritzig.

Kritik gibt es noch für die mäßig kräftigen Bremsen, die aus dem günstigen Segment von Shimano stammen. Auch die Ergonomie der langen Bremshebel kann nicht voll überzeugen. Tuning-Potenzial bieten außerdem die Reifen. Denn Bulls hat die günstige Performance-Variante der Magic Mary spezifiziert. Auf nassen Steinen und Wurzeln, wie bei unserem Test im Dezember am Gardasee, ist die Traktion des harten Gummis begrenzt. Das schränkt die Fahrsicherheit spürbar ein. Positiv fällt das vergleichsweise geringe Gewicht und die wendige Geometrie auf. Das Bike fühlt sich nicht schwerfällig oder träge an, sondern lässt sich intuitiv und direkt über den Trail steuern, wenn auch nicht ganz auf dem Niveau des deutlich leichteren Vorgängers. Auch das Fahrwerk verhindert noch bessere Noten in der Trail-Wertung. Es bietet nicht ganz den Komfort, den der Federweg suggeriert, könnte für ein poppiges Fahrgefühl aber gleichzeitig definierter arbeiten. Das funktionierte beim 140er-Vorgänger mit Rockshox-Federelementen besser.

EMTB-Bewertung des Bulls Sonic EVO AM SL1

Stärken:

  • Leicht bei großem Akku und fairem Preis
  • Ausgewogene Fahreigenschaften
  • Gute Reichweite

Schwächen:

  • Günstige Reifen mit mäßigem Nassgrip
  • Bremsleistung
  • Fahrwerk

Die Stärken des Sonic EVO AM SL1 liegen im Tourenkomfort und bei Ausflügen in leichtes Gelände. Bei sportlicher Gangart setzt die Ausstattung klare Grenzen. Gute Reichweite mit leichtem Carbon-Akku.

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