In Stuttgart und anderswo finden regelmäßig Fahrraddemos statt, um auf die Belange der Radfahrer aufmerksam zu machen und eine fahrradfreundlichere Infrastruktur zu fordern. Diese Demonstrationen sind vielfältig und reichen von der "Critical Mass" bis zu gezielten Aktionen für den Ausbau von Radschnellwegen.
Critical Mass in Stuttgart
Straßen voller Radfahrer, die teils mit Musik, teils bunten Wimpeln und wildem Geklingel die Stadt unsicher machen. Fixies, Trekkingräder und Cargobikes mischen sich. Radkuriere, Aktivisten, Pendler und Familien tun sich zusammen. Autofahrer müssen warten, bis der Weg wieder frei ist. Weil oft Hunderte Radfahrer dabei sind, dauert das. Die Stimmung ist gut - nur an den Rändern kommt es ab und zu zu Unstimmigkeiten, wenn Autofahrer genervt sind, dass sie nicht durchfahren können. Es ist wieder Critical Mass.
Bei der Aktionsform Critical Mass handelt es sich um Events, bei denen sich Radfahrer treffen und gemeinsam durch die Innenstädte fahren. In vielen Städten Deutschlands und weltweit machen sich einmal pro Monat Radfahrer auf und nehmen die Stadt ein. Das Motto: „Wir blockieren nicht den Verkehr - Wir SIND der Verkehr!“ Diese Fahrten verlaufen scheinbar zufällig und unorganisiert und sollen Bewusstsein für den nicht-motorisierten Individualverkehr schaffen.
Es gibt offiziell keinen Koordinator, keine zentrale Steuerung. Auf der Fahrt wird relativ spontan von allen gemeinsam über Route, Dauer und Formation entschieden. Aber natürlich gibt es Vereinbarungen, damit das glatt läuft. Auch bei einem Critical Mass Ride sollten sich Radfahrer an Verkehrsregeln halten.
Regeln und Besonderheiten der Critical Mass
- Geschlossener Verband: In Deutschland ist es so, dass sich nach § 27 StVO mehr als 15 Radler zu einem geschlossenen Verband zusammen tun können. Für diesen Verband gelten die Verkehrsregeln eines einzelnen Fahrzeugs, d.h. man darf als Gruppe über eine Kreuzung mit Ampeln fahren, auch wenn diese unterdessen auf Rot schaltet. Natürlich müssen trotzdem die ersten im Verband auf Grün warten.
- Friedliche Stimmung: Die Critical Mass-Bewegung lehnt aggressives Verhalten bei einem Ride explizit ab. Ziel soll sein, die gemeinsame Ausfahrt zu genießen und alternative Verkehrsmittel wie das Rad sichtbar zu machen - dies geht natürlich in einer entspannten, friedlichen Stimmung viel besser. Autofahrer, die verständnislos oder verärgert reagieren, sollen freundlich über den Zweck der Fahrt aufgeklärt werden.
- Verhalten während der Fahrt: Lücken sollten vermieden werden, Radwege und auch die Gegenspur werden nicht genutzt.
- Corken: Eine Besonderheit ist das sogenannte „Corken“: Kreuzende Straßen werden für die geschlossene Durchfahrt der Critical Mass blockiert, dazu stellen sich einzelne Teilnehmer mit ihren Rädern quer auf. Dabei ist dringend zu beachten, dass Einsatzfahrzeugen von Notarzt, Feuerwehr und Co. nicht blockiert werden düfen.
Leider ist die Infrastruktur nicht überall sicher für Radfahrer. In vielen Städten Deutschlands gibt es einen regelmäßigen Termin für die Critical Mass, oft zum Beispiel immer am letzten Freitag im Monat. In Hamburg und Berlin treffen sich dann teilweise nicht nur mehrere Hundert Personen, sondern mehrere Tausend Radfahrer!
Beflügelt von den für Bruchsaler Verhältnisse großen Anzahl an Teilnehmern bei der letzten Critical Mass im April (wir waren immerhin 28 Personen), machte sich gleich nach dem Maifeiertag eine kleine Delegation aus Bruchsal auf den Weg Richtung Stuttgart. Die CM dort ist bekannt für ihre hohen Teilnehmerzahlen, die Veranstaltung in unserer Landeshauptstadt gehört zu den größten Fahrraddemos in Deutschland. Was wir dann dort erlebt haben, war schon fast ein richtiges Volksfest für Radfahrer.
Fast 15 Minuten hatte es gedauert, bis auch wir nach dem Start des Trosses losrollen konnten und in großen Teilen der Stadt belegte ein Tross von gut 2000 Radlern häufig 4 Spuren der freigesperrten Stadtautobahnen. Ein faszinierendes Erlebnis, wenn endlich in der Stadt der Platz für Radfahrer zur Verfügung steht, der ihnen gebührt. Gerade in einer autonzentrierten Stadt ist es ein gutes Zeichen, daß sich die Radfahrer dort nicht unterkriegen lassen.
Wir hatten dort einiges Unverständnis der blockierten Autofahrer, aber auch viele Passanten, die wie wir die Musik der DJ´s auf den Lastenrädern genossen. Leider beginnt die Veranstaltung in Stuttgart erst um 18:30 und so konnten wir zwar noch den Sonnenuntergang zusammen in der großen Gruppe genießen, mussten uns dann aber auf die Heimreise machen.
Demonstration für den Radschnellweg Wildparkstraße
Am 23.7.2022 machten sich rund 150 Radfahrende von Stuttgart-Vaihingen auf in Richtung Leonberg/Gerlingen, um für die baldige Umsetzung eines Radschnellwegs an der Wildparkstraße zu demonstrieren."Radschnellweg Wildparkstraße jetzt!"150 Radfahrer*innen sind für eine direkte Verbindung zwischen Stuttgart und Leonberg/Gerlingen auf die Straße gegangen: Das Land soll an der Wildparkstraße einen Radschnellweg schaffen.
Trotz des schwülen Wetters wählten rund 150 Radfahrer*innen die heiße Asphaltstraße und machten sich am Samstagnachmittag auf den Weg von Stuttgart-Vaihingen in Richtung Leonberg/Gerlingen. Sie demonstrierten für die sofortige Umsetzung eines Radschnellwegs an der Wildparkstraße in beiden Fahrtrichtungen. Zur Demo aufgerufen hatte der ADFC Stuttgart, unterstützt von Zweirat, VCD, Radentscheid, BUND und dem Radsportverein Stuttgart-Vaihingen.
Das Land Baden-Württemberg müsse bei der Umsetzung der Radschnellwege in der Region Stuttgart endlich mehr Tempo machen, mahnte Tobias Willerding, Vorsitzender des ADFC Kreisverbands Stuttgart. "Während der Landkreis Böblingen bereits viele Kilometer Radschnellweg fertiggestellt hat und die Stadt Stuttgart bereits den Radschnellweg nach Fellbach umsetzt, sucht man in der Region einen solchen Beitrag vom Regierungspräsidium Stuttgart bisher vergebens."
Gerade an der Wildparkstraße könne die Umsetzung zudem besonders zügig erfolgen: "Die Landesstraße ist in beiden Fahrtrichtungen so breit, dass ein Radschnellweg durch reine Umverteilung der Verkehrsfläche eingerichtet werden könnte. Deshalb ist hier kein Planfeststellungsverfahren notwendig", betonte Willerding. Er verwies auf den derzeit von der Stadt Stuttgart geplanten Radschnellweg an der Jahnstraße, bei dem ebenfalls kein Planfeststellungsverfahren nötig ist.
Der Stuttgarter Gemeinderat war bei der Demo übrigens ebenfalls vertreten: Drei Stadträt*innen der Grünen-Fraktion radelten mit und zeigten, dass auch sie diesen Radschnellweg und einen schnellen Umbau der Wildparkstraße wollen.
Der Radschnellweg an der Wildparkstraße stellt eine wichtige Radverbindung von Stuttgart nach Leonberg und Gerlingen dar. Dieser Radschnellweg könnte zudem Stuttgart-Vaihingen mit Stuttgart-Botnang verbinden und Radfahrende schnell weiter entlang des Kräherwalds führen. Das setzt aber voraus, dass die Stadt Stuttgart eine Verbindung entlang der B14 nach Stuttgart-Vaihingen in ihr Radschnellwege-Konzept aufnimmt.
Der ADFC: Interessenvertretung für Radfahrer
Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC) vertritt bundesweit die Interessen der Alltags-und Freizeitradler*innen und setzt sich für die Förderung des Radfahrens ein. Der ADFC, gegründet 1979, hat inzwischen mehr als 200.000 Mitglieder, davon etwa 25.000 in Baden-Württemberg. Der ADFC Stuttgart hat aktuell gut 2.400 Mitglieder.Zahlreiche Ehrenamtliche engagieren sich im ADFC Stuttgart. Was macht der ADFC?Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC) ist mit bundesweit mehr als 240.000 Mitgliedern, die größte Interessenvertretung der Radfahrerinnen und Radfahrer in Deutschland und weltweit. Politisch engagiert sich der ADFC auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene für die konsequente Förderung des Radverkehrs.
Vorteile einer ADFC-Mitgliedschaft
Was bringt mir eine ADFC-Mitgliedschaft?Radfahren muss sicherer und komfortabler werden. Wir nehmen dafür - auch Dank Ihrer Mitgliedschaft - nicht nur Einfluß auf Bundestagsabgeordnete, sondern setzen uns auf Landes- und Kommunalebene für die Interessen von Radfahrern ein. Für Sie hat die ADFC Mitgliedskarte aber nicht nur den Vorteil, dass wir uns für einen sicheren und komfortablen Radverkehr einsetzen: Sie können egal, wo Sie mit Ihrem Fahrrad unterwegs sind, deutschlandweit auf die AFDC-Pannenhilfe zählen. Außerdem erhalten Sie mit unserem zweimonatlich erscheinenden ADFC-Magazin Information rund um alles, was Sie als Radfahrer politisch, technisch und im Alltag bewegt. Zählen können ADFC-Mitglieder außerdem auf besonders vorteilhafte Sonderkonditionen, die wir mit Mietrad- und Carsharing-Anbietern sowie Versicherern und Ökostrom-Anbietern ausgehandelt haben.
Verkehrssicherheit und Verhalten im Straßenverkehr
Wie ein Fahrrad verkehrstauglich auszustatten ist, legt die Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) fest. Vorgesehen sind darin zwei voneinander unabhängige Bremsen, die einen sicheren Halt ermöglichen. Für Aufmerksamkeit sorgen Radler*innen mit einer helltönenden Klingel, während zwei rutschfeste und festverschraubte Pedale nicht nur für den richtigen Antrieb sorgen. Je zwei nach vorn und hinten wirkende, gelbe Rückstrahler an den Pedalen stellen nämlich darüber hinaus sicher, dass Sie auch bei eintretender Dämmerung gut gesehen werden können. Ein rotes Rücklicht erhöht zusätzlich die Sichtbarkeit nach hinten und ein weißer Frontscheinwerfer trägt dazu bei, dass Radfahrende die vor sich liegende Strecke gut erkennen. Reflektoren oder wahlweise Reflektorstreifen an den Speichen sind ebenfalls vorgeschrieben.
Menschen, die Rad fahren oder zu Fuß gehen, gehören zu den ungeschützten Verkehrsteilnehmern. Sie haben keine Knautschzone - deshalb ist es umso wichtiger, sich umsichtig im Straßenverkehr zu verhalten. Dazu gehört es, selbstbewusst als Radfahrender im Straßenverkehr aufzutreten, aber gleichzeitig defensiv zu agieren, stets vorausschauend zu fahren und mit Fehlern von anderen Verkehrsteilnehmern zu rechnen. Passen Sie Ihre Fahrweise der entsprechenden Situation an und verhalten Sie sich vorhersehbar, in dem Sie beispielsweise Ihr Abbiegen durch Handzeichen ankündigen.
Halten Sie Abstand von Lkw, Lieferwagen und Kommunalfahrzeugen. Aus bestimmten Winkeln können Fahrer nicht erkennen, ob sich seitlich neben dem Lkw Radfahrende befinden. Das kann bei Abbiegemanövern zu schrecklichen Unfällen führen.
Pedelecs und E-Bikes
Das Angebot an Elektrofahrrädern teilt sich in unterschiedliche Kategorien auf: Es gibt Pedelecs, schnelle Pedelecs und E-Bikes. Pedelecs sind Fahrräder, die durch einen Elektromotor bis 25 km/h unterstützt werden, wenn der Fahrer in die Pedale tritt. Bei Geschwindigkeiten über 25 km/h regelt der Motor runter. Das schnelle Pedelec unterstützt Fahrende beim Treten bis zu einer Geschwindigkeit von 45 km/h. Damit gilt das S-Pedelec als Kleinkraftrad und für die Benutzung sind ein Versicherungskennzeichen, eine Betriebserlaubnis und eine Fahrerlaubnis der Klasse AM sowie das Tragen eines Helms vorgeschrieben.
Ein E-Bike hingegen ist ein Elektro-Mofa, das Radfahrende bis 25 km/h unterstützt, auch wenn diese nicht in die Pedale treten. Für E-Bikes gibt es keine Helmpflicht, aber Versicherungskennzeichen, Betriebserlaubnis und mindestens ein Mofa-Führerschein sind notwendig. E-Bikes spielen am Markt keine große Rolle.
ADFC-Radurlaubsplaner
Wir können die Frage eindeutig bejahen, wobei wir Ihnen die Auswahl dennoch nicht leicht machen: Der ADFC-Radurlaubsplaner „Deutschland per Rad entdecken“ stellt Ihnen mehr als 165 ausgewählte Radrouten in Deutschland vor. Zusätzlich vergibt der ADFC Sterne für Radrouten. Ähnlich wie bei Hotels sind bis zu fünf Sterne für eine ausgezeichnete Qualität möglich.
Kidical Mass
Die Kidical Mass fordert bessere Bedingungen für Radfahrende, insbesondere für Kinder, Jugendliche und Familien. Im Umfeld von Schulen sollen flächendeckend Fahrradstraßen und als Sofortmaßnahmen Schulstraßen nach Wiener Vorbild eingerichtet werden. In der österreichischen Hauptstadt werden Straßen mit hoher Kfz-Belastung zum Schulbeginn und oft auch zum Schulende für den Autoverkehr geschlossen. Die Veranstalter betonen, dass die Kidical Mass mehr als eine Fahrraddemo ist. Die Initiative setzt sich für lebenswerte Städte für alle Generationen ein. Die kinderfreundliche, grüne Stadt hat jede Menge Platz zum Spielen - und für Begegnungen.
Die Kidical Mass ist eine Aktionsform für kindersichere Radwege, die 2008 im amerikanischen Oregon ins Leben gerufen wurde. Im Jahr 2019 gab es bereits 30 Kidical Mass-Veranstaltungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit bis zu 1.100 Teilnehmenden. 2020 fand die Kidical Mass zum ersten Mal in ganz Deutschland und darüber hinaus statt, mit über 22.000 kleinen und großen Radfahrern in über 100 Städten.
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