Joachim Ringelnatz: Eine Interpretation seines Schaffens und Lebens

Joachim Ringelnatz, geboren als Hans Gustav Bötticher am 7. August 1883 in Wurzen, war ein deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler, der vor allem für seine humoristischen Gedichte bekannt ist. Er versuchte sich in mehr als 30 verschiedenen Berufen, war lange Seemann und später tourte er als Kabarettist durch Deutschland und Europa. Als Dichter zählt er jedenfalls zu meinen Lieblingen.

Ringelnatz ist berühmt für seine tiefgründige Nonsens-Poesie. Außerdem trägt ein großartiges Gedicht des deutschen Lyriker, Erzähler und Maler Joachim Ringelnatz diesen Namen.

Lyrisches Schaffen

Das Gedicht gehört zur Gattung Lyrik. Lyrik kommt vom griechischen „lyra“ = „Leier“, „harfenähnliches Zupfinstrument“. Zu den Gedichten gehören Sprüche, Lieder, Hymnen, Oden, Sonette, Balladen. Stärker als in anderen Genres der Literatur spielen im lyrischen Gedicht die Gefühle eine Rolle. Der lyrische Sprecher teilt sein Verhältnis zum Gegenstand des Gedichts, zur Welt, mit. In vielen Gedichten schreibt er direkt in der Ich-Form.

Aufgabe der Gedichtinterpretation ist es, den lyrischen Sprecher zu finden, seine Gedanken und Gefühle, seine Stimmungen und Eindrücke nachzuvollziehen und seine Botschaft, seine Aussage zu verstehen (Inhalt). Es kann auch der biografische Hintergrund des Dichters von Interesse sein, in welcher Zeit er gelebt hat, wann er das Gedicht geschrieben hat, in welcher Lebenssituation.

Die gebundene Sprache zwingt den Dichter, wenigen Worten große Wirkung zu verleihen. Dabei bedient er sich bildhafter Ausdrücke. Der Dichter gibt seine Gedanken, Eindrücke, Stimmungen und Gefühle in gebundener Sprache wieder, das heißt sehr konzentriert, verdichtet. Mit verhältnismäßig wenig Sprachmaterial schafft er einen großen Raum für Bedeutungen. Von allen literarischen Gattungen ist das Gedicht der Musik am nächsten. Darum lassen sich die meisten Gedichte auch gut vertonen.

Sprache und Stil

Weiterhin beschäftigt sich die Gedichtinterpretation mit der sprachlichen Form eines Gedichtes: Dichter müssen wahre Meister der Sprache sein, denn von ihr hängen Ausdruckskraft und Ausstrahlung des Gedichts ab. Selbst der Klang der Laute (Klangmalerei) ist bedeutsam.

Der Satzbau in Gedichten muss nicht immer den Regeln der Syntax folgen, dem Dichter bleibt einiger Freiraum. Zum Beispiel werden Wörter weggelassen (Ellipse). Manche Dichter wiederholen bewusst Wörter aufeinanderfolgender Sätze, am Satzanfang (Anapher) oder am Ende (Epipher). Auch ein gleichförmiger Satzbau (Parallelismus) kann eine bestimmte Absicht verfolgen. Wirkungsvoll ist es, entgegengesetzte Wörter oder Sätze einander gegenüberzustellen (Antithese).

Der Rhythmus des Gedichtes ergibt sich aus seinem Satzbau und dem Aufbau aus Versen und Strophen. Spricht man eine Gedichtzeile, so bemerkt man den Wechsel von betonten (Hebung) und unbetonten Silben (Senkung). Dieser Takt wird Metrum (Versmaß) genannt.

Die Verse eines Gedichtes können sich reimen, müssen es aber nicht. Schließt ein Reim mit einer Betonung, spricht man von männlichen Endreimen, schließt er unbetont, ist es ein weiblicher Endreim.

Themen in Ringelnatz' Werk

Zeitlebens aber fühlte sich Ringelnatz dennoch als Seemann. Das lebte er vor allem in seinen Gedichten vom knurrigen Seemann Kuttel Daddeldu aus, die bis heute gerne zitiert werden.

Auch das Thema Liebe spielte bei Ringelnatz - wie wohl bei den meisten Dichtern - eine große Rolle. Ich habe dich so lieb! Ich würde dir ohne Bedenken Eine Kachel aus meinem Ofen Schenken.

Biografische Aspekte

Ringelnatz' sehnlichster Wunsch war, als Seemann ferne Länder zu bereisen. Doch dieser Traum erfüllte sich für ihn nicht, denn seine Augen taugten nicht für den Dienst auf See.

Ringelnatz selbst fand seine große Liebe in Leonharda Pieper, die er 1920 heiratete und liebevoll Muschelkalk nannte. Während er mit seinen Gedichten und Balladen oft wochenlang durch die Kabaretts im Land tourte, kümmerte sich Muschelkalk zuhause um die Korrespondenz, die Manuskripte und seine Engagements. Auch nach dem Tod ihres Mannes veröffentlichte sie weitere seiner Werke.

Am 15. November 1934 führte dann das langsame Tempo meiner Genesung zu meinem letzten Wunsch: Man möge alte Seemannslieder an meinem Grabe spielen. Tragisch: Ringelnatz selbst starb am 17. November 1934 in Berlin an Tuberkulose.

In seinem Gedicht "Ehrgeiz" träumt Ringelnatz von einer Gasse, die seinen Namen trägt. Mittlerweile gibt es nicht nur mehrere Ringelnatzstraßen, seine Heimatstadt Wurzen erfüllte ihm auch den Wunsch nach einem kleinen Ringelnatzgässchen.

Anekdoten und Persönlichkeit

Ringelnatz: Ach, das war doch nur Spaß! Mein Leben lang habe ich ein Buch geliebt: den Don Quijote des Cervantes. Heiß geliebt, von der ersten, gekürzten, bearbeiteten Ausgabe mit den vielen bunten Bildern, die mir noch mein Vater geschenkt hat; bis zu den bibliophilen Prachtausgaben, die ich später, manchmal besessen habe. Ich habe sogar eine spanische Originalausgabe besessen; obwohl ich des Spanischen des 17. Jahrhunderts nicht bis in alle Nuancen hinein mächtig bin. Oder um genau zu sein: ich kann nicht Spanisch.

Ringelnatz: Zu der Malerei, speziell zu der Ölmalerei, bedarf es viel Genie. Dieses Genie und die Farben und die sogenannten Lichter, das muß man alles dick auf der Leinewand auftragen; ich habe aber manchmal bloß Pappe genommen. Und Ocker, viel lichter Ocker! Das läßt man dann trocknen. Du glaubst ja nicht, wie langsam so ein Gemälde trocknet. Pleinairmalerei macht man im Sommer, und da kann es schon mal vorkommen, daß eine Fliege kleben bleibt. Bei mir hat mal eine mit dem Rücken angepappt. Die hat gezappelt, als ob sie sich vor Entzücken gar nicht lassen könnte!

Ich hatte einen Geist, der hieß Pinko, und äußerlich war er in einem Holzknauf eines Bettptostens meines Kinderbetts verkörpert. Aber in welchem und was es für eine Bewandtnis mit ihm hatte, das habe ich nie verraten. Das verrate ich auch heute noch nicht.

Ich war eine Doppelbegabung: Dichter und Maler! Ein Naiver. Aber von allen Naiven war ich der Raffinierteste! Mein Ölgemälde An der alten Elster hängt zum Beispiel heute in der Leipziger Gemäldegalerie.

Wir hatten zeitweise zwei Dienstmädchen. Einmal hieß eine Berta; ein schönes, junges, strammes Weib. Wegen der gab es harte eheliche Auseinandersetzungen zwischen meinen Eltern. Aus dem Fenster stürzen wollte sich meine Mutter wegen dieser Berta! Meine Mutter war eine kleine, nervöse Person. Mein Vater war Musterzeichner für Tapeten. Und er war humoristischer Schriftsteller. Viele Jahre hat er Auerbachs Kinderkalender herausgegeben. Sein Hauptwerk aber war das Lyrische Tagebuch des Leutnants von Versewitz. Zurück zu Wesentlichem meiner eigenen Entwicklung. Ich habe nämlich unserer Berta einmal ans Bein gegriffen. Für mein Alter, ich werde damals so sechs, sieben Jahre gewesen sein, unverhältnismäßig weit oben.

Besagte Berta ist später eine bekannte Löwenbändigerin geworden, auf Jahrmärkten. Unter dem Künstlernamen Cläre Heliot.

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