Die Frage, ob man Fahrradkettenöl für Motorradketten verwenden kann, ist nicht einfach zu beantworten, da es einige wichtige Unterschiede zu beachten gibt.
Technische Unterschiede zwischen Fahrrad- und Motorradketten
An sich unterscheidet sich eine Fahrradkette technisch nur durch die Abmessungen von einer Motorradkette.
Unterschiede in der Schmierung
Öl für Fahrradketten ist sehr dünnflüssig und schmiert die Fahrradkette, ohne zu verkleben. Der Unterschied zwischen Fahrradkettenöl und einem hochwertigen Kettenspray besteht darin, dass das Kettenspray mit Lösungsmitteln fließfähig gemacht wurde und auf der Kette extrem zäh wird, damit es sich bei hohen Geschwindigkeiten nicht abschleudern lässt. Mit gewöhnlichem Öl musst du also öfter nachölen. Das wird für einen Tag auch kein Problem darstellen.
Fahrradkettenöl:
- Sehr dünnflüssig
- Schmiert ohne zu verkleben
- Muss häufiger aufgetragen werden
Kettenspray für Motorräder:
- Zähflüssiger durch Lösungsmittel
- Haftet besser bei hohen Geschwindigkeiten
- Muss seltener aufgetragen werden
Erfahrungen mit alternativen Schmiermitteln
Ein Test der Kettenschmierung mit reinem PTFE statt normalem Kettenspray ergab ein so-lala-Ergebnis: Ja, es schmiert, aber im Straßenbetrieb ist die Kette auch nicht sauberer, die Schmierintervalle sind mit 200 bis 300 km deutlich kürzer (gutes Kettenspray kann über 1000 km halten) und mit dem Straßenstaub war der Laufwiderstand der Kette auch nicht besser als mit normalem Kettenspray. Einziger Vorteil: kein batziges Kettenfett auf den Felgen.
PFAS und alternative Schmierstoffe
Viele ölen die Kette einfach, statt sie mit Haftspray zu behandeln. PTFE ist ein Polymer aus Fluorid und Kohlenstoff, das zur Schmierung und Haftminderung eingesetzt wird, besser bekannt unter dem DuPont-Markennamen "Teflon". Es ist zentraler Bestandteil von Kettenspray. PFAS bezeichnet eine ganze Stoffgruppe ("per- und polyfluorisierte Alkylsubstanzen"), unter die auch PTFE fällt. Die geringe Interaktion mit der Umwelt, die für die gewünschten Eigenschaften von PFAS sorgt, hat den Nebeneffekt, dass sich diese Stoffe nur sehr langsam abbauen und daher in der Natur anreichern.
WD40 und Dichtringe
In der Motorradszene gibt es das Mem, dass WD40 die Dichtringe angreift. Das habe ich telefonisch kurz bei WD40 überprüft, es stimmt: WD40 löst die Weichmacher aus den Dichtringen aus, sodass sich deren Alterung beschleunigt. Deshalb gibt es im WD40-Sortiment Kettenfett (Sommer, Straße) und Kettenwachs (Offroad, Nässe, Winter). Einfaches, säurefreies Universalöl zum Beispiel gibt es ebenfalls in praktischen Sprühdosen. Es findet sich zum Beispiel in Schmiermitteln für Beschläge. Die Schmierwirkung ist sehr gut, die Kriechfähigkeit stimmt, aufgrund der Viskosität wird es jedoch entsprechend schnell abgeschleudert. Ich kam trotzdem auf Schmieretappen wie beim Profi Dry Lube: im Trockenen schmiere ich nach jedem Tanken nach, also nach 200 bis 300 km.
Die Schmierung ist eine ganz andere als mit Kettenspray. Die Kette läuft wesentlich leichter, bemerkbar schon beim Schieben, aber auch beim Rollen im Leerlauf. Das abgeschleuderte Öl landet auf der Felge, lässt sich aber anders als das stark anhaftende Kettenspray sehr einfach abwischen. Beide Dinge kennen Kettenöler-Nutzer aus ihrem Alltag. Nur mit sehr nassforschem Auftragen wird das Abschleudern exzessiv.
Fahrradkettenöl als Notlösung
In der Praxis ununterscheidbar in Wirkung und Anwendung: Fahrradkettenöl. Falls es also da etwas aufzubrauchen gibt: immer ruff. Fahrradkettenöle gibt es mittlerweile in guter Qualität als biologisch abbaubare Varianten. Die Abbaubarkeit ist üblicherweise deutlich auf der Flasche gekennzeichnet und wird nach OECD-Test #301B ermittelt.
Kettenöler und alternative Öle
Für meine Aprila RSV Mille hatte ich mir den Kettenöler "Pro Oiler" gekauft, das war damals der beste Kettenöler und ich habe bis heute keinen besseren erlebt. Damals hatte der (mittlerweile leider verstorbene) Erfinder des Geräts mit 10W40-Motoröl getestet, weil das in den meisten Garagen als Neu- oder Altöl schon zur Verfügung steht. Die Schmierwirkung von Motoröl auf der Kette ist sehr gut, es spricht aufgrund der offen laufenden und daher ohnehin Schmutz sammelnden Kette auch nichts gegen die Minderqualität von Altöl, die Praxis ist allerdings aus Naturschutzgründen stark rückläufig geworden. Der Pro Oiler und andere Motorradöler setzen heute biologisch abbaubares Kettensägenfett ein.
Die Firma Louis verkauft mittlerweile sogar ein eigenes Kettenöleröl: Louis Care Kettenöl 80W90. Kettensägenöl eignet sich gut für Motorradketten, weil das meiste davon abgeschleudert wird. Das Öl verbleibt also ähnlich kurz auf der Kette wie bei der Säge, wo das Meiste ins Holz abgeschmiert wird. In der Holzbranche sind Bioöle für die Ketten seit Jahrzehnten Standard, wobei die Anforderungen an ein Kettensägenöl gering sind. Auch hier wurde früher (und wird heute) aus Kostengründen gern Motoren-Altöl genommen.
Alternativen und Fazit
Grundsätzlich würde ich bei Kettensägenöl etwas mehr nehmen als bei speziell abgestimmten Ölen, um die Nachteile auszugleichen. Etwas! Die Entwicklung hier ist auch nicht stehengeblieben. Es gibt zum Beispiel mittlerweile wasserbasierte Schmierstoffe, die noch leichter abbaubar sind, besser schmieren, bei tieferen Temperaturen einsetzbar sind, besseren Korrosionsschutz mitbringen und chemisch stabil sind, also über lange Zeiten im Tank bleiben können.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Fahrradkettenöl für den kurzfristigen Einsatz auf einer Motorradkette geeignet sein kann. Für den langfristigen Gebrauch und unter Berücksichtigung der spezifischen Anforderungen von Motorradketten sollten jedoch spezielle Kettensprays oder Kettenöle verwendet werden. Die Wahl des richtigen Schmiermittels hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter Fahrbedingungen, Umweltaspekte und persönliche Präferenzen.
Empfehlungen für Kettensprays
Hier ist eine Übersicht einiger empfohlener Kettensprays, basierend auf verschiedenen Tests und Vergleichen:
| Produkt | Eigenschaften | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Racing Kettenspray P000496 von Liqui Moly | Gute Schmierung, bleibt auf der Kette | Besonders geeignet für längere Fahrten unter widrigen Bedingungen |
| Kettenspray von Liqui Moly | Herausragende Wasserbeständigkeit, kein Kupfer | Neutral gegenüber Kunststoffen |
| S100 2.0 von Dr. Wack | Hohe Abwaschbeständigkeit, guter Korrosionsschutz | Längere Einwirkzeit (30 Minuten) |
| Dry Lube von Dr. Wack | Trockene Schutzschicht, verhindert Schmutzanhaftung | Besonders geeignet für trockene Umgebungen |
| F100 von Dr. Wack | Hoher Korrosionsschutz, schmutzabweisend | Auch für Fahrräder geeignet |
| S100 High End von Dr. Wack | Transparentes Kettenöl, hoher Korrosionsschutz | Schmutzabweisend |
| HKS-104 von HKS CZECH | Hohe Haftfestigkeit, wasserfest | Geräuschdämpfend, besonders geeignet für Offroad-Fahrzeuge |
| Moto-Bike Dry Lube von Nigrin | Verträglich mit verschiedenen Materialien | Transparenz ermöglicht Blick auf die Kette |
| Chainlube Road von Motorex | Besonders gutes Kriechverhalten | Einfache Anwendung, kurze Einwirkzeit |
| Chain Lube Road+ von Motul | Geeignet für alle Motorradketten, hohe Haftfähigkeit | Für verschiedene Wetterbedingungen geeignet |
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