Fahrradfreundlichkeit in Magdeburg und innovative Fahrradkonzepte aus der Stadt

Magdeburg, die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, schneidet im ADFC-Fahrradklima-Test 2016 erneut schlecht ab. Die Befragten bewerten Magdeburg als wenig fahrradfreundlich und vergaben die Note 4-. Im Vergleich zur letzten Befragung im Jahr 2014 hat sich die Bewertung sogar verschlechtert. Bei der bundesweiten Befragung hatten die über 120.000 Teilnehmer die Gelegenheit, über die Fahrradfreundlichkeit ihrer Städte abzustimmen.

ADFC-Fahrradklima-Test: Magdeburg erhält schlechte Noten

Magdeburg erhielt in fast allen Kategorien negative Bewertungen, doch die größten Probleme sehen die Radfahrenden bei den Themen Fahrraddiebstahl, Falschparken auf Radwegen und Baustellenführungen für Radfahrende. Positiv wurde vor allem das Angebot an Leihfahrrädern bewertet.

Der ADFC Magdeburg sieht klare Gründe für die schlechten Bewertungen: „Der Radverkehr in Magdeburg wurde über lange Zeit vernachlässigt. Während andere Mobilitätsarten gefördert wurden, wurden Radfahrende an den Rand gedrängt. Nicht nur im Straßenbild, sondern auch finanziell im Haushalt der Stadt. Magdeburgs Radinfrastruktur ist schon lange nicht mehr zeitgemäß. Das muss sich jetzt ändern. Guter Radverkehr ist nicht umsonst.“

Noch bis zum Herbst sammelt der ADFC Magdeburg mit seiner Kampagne „Fahrradstadt Magdeburg. Jetzt!“ Unterschriften für eine Verbesserung des Fahrradklimas in Magdeburg.

Urwahn: Innovative Fahrräder aus Magdeburg

Neben den Herausforderungen für den Radverkehr gibt es in Magdeburg auch innovative Unternehmen, die sich der Entwicklung zukunftsweisender Fahrräder verschrieben haben. Ein Beispiel dafür ist Urwahn, ein Fahrradhersteller, der mit unkonventionellen Rahmenformen und Fertigungstechniken auf sich aufmerksam macht.

Die Idee hinter Urwahn

Dahinter steckt die Idee eines absolut organisch wirkenden und ohne verschleißanfällige Federelemente sehr komfortablen Velos. Diese Idee hatte Sebastian Meinecke. Er ist einer von zwei CEOs und gründete vor zehn Jahren Urwahn. Bis 2017 tüftelte er an einer konstruktiven Lösung für die ungewöhnliche Form des Bikes. Es wurde ihm klar: In der gewünschten Qualität kann man den Knick nur mit Additive Manufacturing, sprich: 3D-Druck, realisieren. Alles andere ist zu teuer oder funktioniert nicht.

„Wir sind derzeit die Einzigen, die einen Fahrradrahmen so herstellen“, erklärt Ramon Thomas, der zweite CEO, nicht ohne Stolz.

Die Fertigung im 3D-Druckverfahren

Urwahn setzt auf die additive Fertigung (3D-Druck), um die charakteristischen Rahmenformen zu realisieren. Gedruckt werden alle Rohrverbindungen innerhalb des Rahmens und natürlich das charakteristische „Knie“ des Rahmens selbst.

Wir stehen in einer fast menschenleeren Halle von Oerlikon, einem Spezialisten für additive Fertigung in Magdeburg. Das Unternehmen ist seit 2017 der Produktionspartner der Fahrradschmiede - damals noch unter dem Namen Citim. Noch vor wenigen Jahren wäre das Ambiente hier - Lkw-große, weiße Kuben mit Monitor und Fenster ins Innere - unter „Science-Fiction“ gefallen.

Christoph Schmidt von Oerlikon war schon zu Beginn der Partnerschaft zu Urwahn dabei und erklärt, wie der „Druck“ vor sich geht. Der erste Blick in die Sichtfenster der Maschinen zeigt vor allem einen rasend schnell herumsirrenden Laserstrahl.

„Das ist das Pulverbett, in dem die Teile stehen“, erklärt Schmidt. Deutlicher zeigt das der Monitor am Gerät. „Bei jedem Durchgang werden durch den Laser 500 Nanometer pro Sekunde hinzugefügt. So „wachsen“ die Teile. Und sobald in der 200 Grad heißen Maschine alle Teile um eine neue Nano-Lage ergänzt sind, sinken sie weiter im Metallpulver ab.

So bekommen sie die Metallschicht für die nächste „Wachstumsschicht“, die der Laser dann anheftet. SLM, Selected Laser Melting, nennt sich das Verfahren, das hier mit 370 bis 1000 Watt Leistung am Werk ist.

Überblick über das SLM-Verfahren
Prozessschritt Beschreibung
Laserauftrag Laser fügt 500 Nanometer pro Sekunde hinzu
Temperatur 200 Grad Celsius
Material Metallpulver
Leistung 370 bis 1000 Watt

Qualitätssicherung und Montage

Das Bauteil durchläuft verschiedene Stationen der Qualitätssicherung - von der händischen unter der Lupe über das digitale Scannen der Teile und Abgleichen mit den Vorgaben bis zum sensitiven maschinellen Ausmessen. Die fertigen Teile gehen in den Rahmenbau. Er liegt im Harz, also in der weiteren Nachbarschaft. Die Rahmenrohre aus CroMo-Stahl werden bei Hannover gefertigt. Partner zur Beschichtung hat man in Dresden und Gifhorn.

„Bei Urwahn gibt es nur kurze Wege“, sagt Thomas. „Das ist uns wichtig. Natürlich will man sich als Premium-Marke „Made in Germany“ aufs Revers schreiben. Aber es geht auch um Umweltgedanken und kurze Lieferketten. Weniger Abhängigkeit von Asien und schlanke Produktion ist die Devise.“

Individualisierung und Zielgruppe

So entwickelt das Team um Sebastian Meinecke auch Komponenten selbst und lässt sie bei Partnern vor Ort bauen. Sattelklemmen, Ausfallenden und Excenter made by Urwahn gibt es schon, Schutzbleche und Gepäckträgersysteme baut Urwahn in Zukunft wohl mit Partnern. Auch die schnelle Reaktion zählt: „Ein Rad braucht 30 bis 45 Tage von der Bestellung bis zur Auslieferung. Auch bei individueller Ausstattung: Fünf Urwahn-eigene und 213 RAL-Farben sind auf Wunsch möglich. Selbst eigene Logos kann der Kunde einbringen. Der hauseigene Grafiker entwickelt die Vorstellung des Kunden weiter, und später wird sie am Rad eins zu eins umgesetzt.

Was Qualität und Sicherheit angeht, gibt es für 3D-Druck übrigens keine Ausnahme: Jedes neue Modell wird im renommierten Prüfinstitut EFBE in Waltrop auf die Norm 4210 hin geprüft.

„Wir haben besonders designaffine Kunden. Technik-Freaks, Form-Fans und moderne Performer, die auf Innovationen stehen“, erklärt der Betriebswirt in der Sprache seines Klientels. „Zu einem Großteil Männer, 30 bis 55 Jahre alt.“ Aber Urwahn will auch die weibliche Zielgruppe ansprechen, zum Beispiel mit dem geringen Gewicht der Räder.

Das Urwahn Platzhirsch E-Bike im Test

Der auffällig geschwungene Rahmen dieses E-Bikes aus Magdeburg sticht ins Auge. Im Test zeigt sich das Urwahn Platzhirsch als wendiges, nachhaltiges E-City-Bike, das als Alternative zu Vanmoof und Cowboy antritt. Das Urwahn Platzhirsch ist ein fein gemachtes E-Bike, das nicht allein durch den Knick im Stahlrahmen, sondern auch durch die Philosophie des Herstellers punkten kann.

Entgegen dem Branchenstandard wird der innovative Urwahn Stahlrahmen vollständig in Deutschland gefertigt. Der finale Zusammenbau unterliegt sehr hohen Qualitätsansprüchen und findet in der Nähe des Unternehmenssitzes in Magdeburg statt. Diese nachhaltige und regional verwurzelte Wertschöpfungskette bedeutet eine Symbiose aus tiefgreifendem Umweltbewusstsein, Transparenz und fairen Bedingungen für alle an der Entwicklung und Produktion beteiligten Akteure.

Bestückt mit Schutzblechen, Akku, Gepäckträger und Beleuchtung wiegt der Platzhirsch weniger als 18 Kilogramm und ist damit deutlich leichter, als das ebenfalls von uns getestete E-City-Bike VanMoof S3 oder das Cowboy ST4.

Der im Metall-3D-Druck-Verfahren gefertigte, in fünf Größen und unterschiedlichen Farben lieferbare Rahmen hat keine sichtbaren Schweißnähte, eine Wandstärke von nur 0,9 Millimetern und soll zudem besonders komfortabel sein. In der Tat "schlucken" Rahmen aus Stahl Bodenunebenheiten besser, als Pendants aus Aluminium oder Kohlefaser.

Gut gefällt uns der saubere und wartungsarme Riemenantrieb von Gates und die unauffällige Integration des Akkus im schlanken Rahmenunterrohr. Mit einer Kapazität von 250 Wattstunden ist der Energiespeicher vergleichsweise knapp bemessen.

Passend zum innerstädtischen Haupteinsatzgebiet gibt sich der Platzhirsch wieselflink. Lenkbewegungen werden direkt, aber zu keinem Zeitpunkt nervös umgesetzt. Der Komfort ist gut. Ein leichter Federeffekt von Stahlrahmen und verschraubtem Knick-Heck ist wahrnehmbar.

Das von uns getestete Urwahn Platzhirsch mit Riemenantrieb und einem Gang schlägt mit einem Preis von 4.499 Euro zu Buche. Hinzu kommen Kosten für Schutzbleche (49,95 Euro), Range Extender (599 Euro) und Gepäckträger (79,95 Euro). Ein Schnäppchen ist dieses E-Bike nicht, dafür haben die Magdeburger ein offenes Ohr für Individualisierungsanfragen. Die Farbpalette ist ohnehin schon groß und Sonderwünsche werden gerne entgegengenommen.

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