Leonardo da Vinci lebte von 1452 bis 1519 und gilt als so genanntes Universalgenie - heute würde man vielleicht sagen "Allround-Talent". Er war Italiener und malte viele berühmte Bilder wie etwa die Mona Lisa. Daneben war da Vinci auch ein genialer Ingenieur.
Eine ganze Weile wurde Leonardo da Vinci für den “Erfinder” des Fahrrades gehalten, da in dem Codex Atlanticus 1974 überraschender Weise eine Skizze eines Fahrrades gefunden worden war, die Leonardo angefertigt hatte. Da staunte die Welt und ganz Italien jubelte.
Die Skizze wurde 1974 in da Vincis Codex Atlanticus gefunden, einer im 16. Jahrhundert zusammengestellten Sammlung von losen Blättern mit Zeichnungen, Skizzen und Notizen da Vincis. Sie fand sich dort auf der Rückseite eines Manuskripts. Eine Gruppe von Mönchen unter Leitung des Lexikographen Augusto Marinoni schloss zu der Zeit eine Restaurierung des Codex ab und präsentierte in dem Zuge den Fund der Zeichnung eines fahrradähnlichen Gefährts.
Diese Fahrradgeschichte zeigt irgendwie, dass anscheinend gerne mit dem Fahrrad geschummelt wird. Aber die Zweifel an der Echtheit der Fahrrad-Skizze ließen nicht lange auf sich warten, denn der Zeichenstil passt nicht zu Leonardo, die Zeichnung war bei früheren Durchsichten des Codex Atlanticus nicht dokumentiert und obendrein wäre das Fahrrad in der gezeichneten Form de facto fahruntüchtig. Deshalb gilt „Leonardos Fahrrad“ innerhalb der Fachwelt seit langem nicht mehr als Original aus der Hochrenaissance, sondern als Fälschung.
Die Seiten waren verklebt, aber der damals forschende Kunsthistoriker hatte die Seiten zwar nicht entfaltet aber “durchleuchtet”. Also war zwischendurch mit dem Blatt etwas passiert, was heute nur durch eine chemische Analyse der Kreidestricheleien möglich wäre. Aber wie es so ist, ist das heute kaum noch möglich, weil die restaurierten Originalblätter inzwischen aus Konservierungszwecken in Kunststoff eingeschweißt worden sind. Leonardo wurde also Opfer einer neuzeitlich Fahrradfälschung.
Wer jedoch die Fälschung angefertigt hat, ist weiterhin umstritten. Nach gegenwärtigem Erkenntnisstand kommen folgende Personen als Urheber der Zeichnung bzw. der Ergänzungen zu einem Fahrrad in Frage:
- Leonardo da Vinci † 2. Mai 1519
- Giacomo Caprotti (geb. 1493), genannt Salaj
- Francesco Melzi (* 1491/92; † 1570)
- Unbekannte Person ca. 1497
- Unbekannte Person ca. 1970
Anders als bei seinen zahlreichen Zeichnungen von Fluggeräten, nach denen da Vinci heute manchmal als Erfinder des Hubschraubers gehandelt wird, gilt dies beim Fahrrad bei der Mehrheit der Forscher mittlerweile nicht mehr. Leonardo da Vinci hat das Fahrrad nicht erfunden, die Erfindung des Fahrrads wird immer noch und bis auf Weiteres Freiherr von Drais zugesprochen.
Auf der Skizze sind alle Elemente enthalten, die heute als wichtig für ein Fahrrad empfunden werden. Allerdings macht die Skizze den Eindruck, daß sie von jemandem angefertigt wurde, der sich mit der Funktionsweise eines Fahrrades nur ungenügend auskennt. Selbst zu Lebzeiten von da Vinci waren physikalische und vor allem geometrische Gesetze bekannt, die das dargestellte Gefährt ohne Not einfach nicht einhält. Daß Dreiecke Stabilität bewirken, war da Vinci bekannt.
Die hier angedeutete Rahmenform ist jedoch so labil, daß sie selbst mit modernsten Baustoffen heute kaum realisierbar wäre. Es ist nicht erklärlich, warum dieser Entwurf unlenkbar gezeichnet wurde. Lenkungen an Kutschen waren schon sehr lange bekannt, eine Adaption des Vierradsystema auf zwei Räder wäre denk- und sogar baubar gewesen. Eine schlichte Verlängerung des Vorbaus in Richtung Tretlager hätte einen Rahmen geschaffen, der lenkbar wäre und im Prinzip heutigen Damenrahmen ähneln würde.
Leonardo da Vinci hat mehrmals in anderen Skizzen so etwas Ähnliches wie Blockketten angedeutet. So ungenau diese Skizze auch ist, auf ihr werden keine Elemente einer Blockkette dargestellt, es ist vielmehr eine der heute üblichen Fahrradketten erkennbar, deren Bauart aber erst lange nach da Vinci erfunden wurde. Während bei Kettenblatt und Zahnkranz Zähne angedeutet sind, sogar über den gesamten Durchmesser, ist bei der "Kette" nichts dergleichen zu erkennen. Theoretisch könnte das ein gedeckter Zahnriemenantrieb sein, das ist jedoch noch viel unwahrscheinlicher als das Ganze ohnehin schon ist. Gummi war damals in Europa noch nicht bekannt.
Der Kettenverlauf entspricht auch dem, was man in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts als üblich am Fahrrad empfand, also nach hinten verjüngt. Die Speichen im Vorderrad entsprechen der damals vorherrschenden Bauweise mit Holzspeichen an Wagenrädern, auf Zug belastete Metallspeichen kannte man noch nicht. Die Felgen sind jedoch viel zu dünn dargestellt, eine Verbindung zwischen Speichen und Felge hätten nicht ordentlich ausgeführt werden können.
An beiden Rädern ist ein Metallreifen angedeutet, dies ist wiederum glaubhaft. Die Dimensionierung der Felgen ist jedoch nicht ausreichend, um Stahlreifen sicher befestigen zu können. Beim Hinterrad sind zudem die Speichen viel zu dünn dargestellt.
Die Pedalarme sind viel zu lang, sie würden nicht drehbar sein, weil der Boden im Weg ist. Die winklige Anordnung ist unklar, sie scheint einem Piktogramm des 20. Jahrhunderts entnommen zu sein. Die Pedalarme passen proportional und farblich nicht zur Zeichnung, sie sind technisch weit weniger durchdacht als der Rest der Skizze. Sie erscheinen wie später von einem Unkundigen hinzugefügt.
Eine Linie zwischen den Unterkanten der Laufräder ist noch erkennbar, wenn auch schwach. Diese Linie macht die Unmöglichkeit der Pedalanordnung bzw. Der fotografischen Kopie ist die Zeichentechnik nicht mit Sicherheit zu entnehmen, es liegt der Schluß nahe, daß es sich um eine Bleistiftskizze mit braunen Kohlestrichen handelt. In der Mitte der Darstellung wurde offensichtlich nicht sehr sauber radiert.
Die Radien der Räder sind relativ genau gezeichnet und wirklich rund, was keine Selbstverständlichkeit bei derartigen Skizzen ist. Die Zeichnung selbst ist allerdings sehr ungenau und technisch unvollkommen (siehe oben), was den Schluß zuläßt, daß sie nicht von Leonardo stammt sondern eine Fälschung darstellt. Die Pedale sind zudem in eineer anderen Farbe gehalten als der Rest der Zeichnung, sie stechen auch dadurch hervor, daß ihre Proportionen nicht stimmen.
Läßt man den "Kettenantrieb" bei der Skizze weg, so erscheint die Zeichnung in einem völlig anderen Licht. Es handelt sich nun nicht mehr um das angebliche "Fahrrad" sondern gleicht vielmehr dem Vorläufer, dem Laufrad. Angesichts der Tatsache, daß da Vinci diesen Entwicklungssprung kaum hätte übergehen können und angesichts der unnötig komplizierten Antriebstechnik erscheint eine solche Zeichnung als sehr viel wahrscheinlicher als die heute bekannte.
Das Laufrad ist auch technisch etwas anders zu interpretieren. Nimmt man als Ursprung eine Kutsche mit Drehschemel und überträgt dieses Prinzip auf ein Zweirad, so ist lediglich der Drehpunkt zum Lenken schwer bis unmöglich ausführbar, diesem Prinzip entspricht aber diese Skizze. Der angedeutete Splint unterhalb des Vorbaurohres könnte ein Hinweis des Zeichners sein, daß da noch irgendwas drehbar gemacht werden müsse, es aber bisher nicht ist. Als solch eine nur bedingt funktionsfähige, weil unlenkbare Konstruktion auf einer Skizze wiederum wäre die Urheberschaft von Leonardo da Vinci deutlich glaubhafter als ein Fahrrad, was mit damaligen Voraussetzungen gleich an mehreren Stellen unmöglich umsetzbar gewesen wäre. Ein Drehschemel ähnlich einer Kutsche wäre sogar baubar gewesen, dann wäre der Antrieb mit den Beinen allerdings fast unmöglich geworden, vielleicht ist dies dem Zeichner aufgefallen.
Beim genauen Hinsehen erkennt man Reste von dünnen Linien, die frei interpretiert dem Ober- und Unterrohr eines Fahrrades heutiger Bauart annähernd entsprechen. Es ist denkbar, daß der Fälscher diese dünnen Linien ursprünglich benutzen wollte und nicht restlos wegradiert hat. Diese Geometrie liegt doch sehr nahe am Aufbau heutiger Fahrräder. Falls die Zeichnung jedoch wirklich im 15. Jahrhundert bei Leonardo da Vinci oder einem seiner Schüler vermutet werden kann, so war sie ihrer Zeit wirklich erstaunlich weit voraus.
Es ist äußerst unwahrscheinlich, daß bereits um 1450 eine derat konkrete Zeichnung eines heutigen Fahrrads existierte, bei der die gesamte Fahrradgeschichte bis zu diesem Zeitpunkt (Roverrahmen, um 1920) vernachlässigt und ignoriert wird. Die historische Entwicklung mit Hochrädern vor Erfindung der Gummibereifung war technisch erforderlich und konnte nicht fast 500 Jahre vorher vorhergesehen werden. Es liegt auch hier ein logischer Fehler vor. Gummi war noch nicht bekannt, Luftbereifung wurde erst 1888 patentiert. Als Laufrad war eine derartige Konstruktion noch sinnvoll, als Fahrrad wäre das jedoch nicht fahrbar gewesen, die Räder für die Hartbereifung deutlich zu klein.
Die Analyse der Skizzen aus technischer Sicht legt ebenfalls eine Fälschung zu Grunde, wobei das denkbare dargestellte Laufrad allerdings theoretisch möglich gewesen wäre, was jedoch durch die Zeichnungsreste des Rahmens wieder relativiert wird.
Die Bibliothek ist eine der bedeutendsten in Europa für mittelalterliche Schriften und Dokumente wie Zeichnungen, Graphiken und Urkunden. Die Biblioteca Ambrosiana beherbergt den Codex Atlanticus, hier geht es um ein Blatt bzw. die Rückseite eines Blattes aus diesem Buch. Dieser Codex Atlanticus (italienisch: Codice Atlantico) bezeichnet eine gebundene Sammlung von Zeichnungen, Skizzen und Notizen von Leonardo da Vinci, in diesem Buch befindet sich die angebliche Zeichnung des Fahrrades.
Den Namen Codex Atlanticus erhielt die Handschrift wegen ihres großen Atlasformats. Um 1780 wurde das Werk in einem Katalog der Biblioteca Ambrosiana als „codice in forma atlantica“ verzeichnet.
Der Erbe da Vincis, Francesco Melzi (um 1491/92 - um 1570) bewahrte die schriftlichen Unterlagen und Manuskripte des Meisters auf. Sein Sohn Orazio Melzi erbte die Unterlagen im Jahr 1570 und verkaufte in der Folge auch einzelne Seiten davon, was das Werk weitgehend verstreute. Erst der Bildhauer und Kunstsammler Pompeo Leoni (1533-1608) konnte einen großen Teil der Aufzeichnungen erwerben und zusammenführen. Er zerschnitt jedoch viele Blätter und fügte sie neu zusammen.
Das Fahrrad wurde aufgrund der von da Vinci abweichenden Zeichnungsart schnell nicht ihm sondern seinem Schüler und Haupterben Francesco Melzi (* 1491/92; † 1570) zugeschrieben. Der die Zeichnung enthaltende Codex wurde bereits in den 60er Jahren vom Kunsthistoriker und Experten für Manuskripte von da Vinci Carlo Pedretti durchgesehen, dabei wurde von ihm aber nichts von einer Zeichnung eines Fahrrades erwähnt.
Pryor Dodge, der Autor des Buches „Faszination Fahrrad: Geschichte - Technik - Entwicklung“, kommt zu dem Schluß, daß die Zeichnung (bzw. nur ein kleiner Teil davon) vermutlich von Gian Giacomo Caprotti (genannt Salaj) stammt, ebenfalls einem Schüler von da Vinci, geb. 1493. Er bezeichnet die Skizze des Fahrrades als Hoax. Die Ergänzungen zu einem Fahrrad wurden dann in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts von Unbekannten angefertigt.
Was aber klar ist: Wenn ich heute „Leonardos Fahrrad“ irgendwo sehe, befürchte ich sofort Unwissenschaftlichkeit. Prinzipiell finde ich Präsentationen zu den technischen Erfindungen von Leonardo da Vinci durchaus sinnvoll, denn sie lenken den Blick auf faszinierende Aspekte von Leonardos Wirken, die immer noch weit weniger populär bekannt sind als die Mona Lisa oder der Vitruvianische Mensch. Obendrein regen sie auch zum naturwissenschaftlich-technischen Mitdenken und Ausprobieren an.
Mit dem Jahr 2019 geht auch das große Leonardo da Vinci-Jubiläum zu Ende. Aus diesem Anlass möchte ich noch eine Begebenheit meines Rom-Aufenthaltes im Sommer erläutern. So schlenderte ich dort ganz ungeplant zunächst an „Le invenzioni di Leonardo da Vinci“ vorbei, einer Präsentation „aus Anlass des 500. Todestages von Leonardo“ in einem kleinen Haus in einem pittoresken Gässchen.
Dass es sich hierbei um eine kommerzielle Ausstellung handelt, bei der keinerlei Original-Werk von Leonardo zu erwarten ist, war für mich hierbei auf den ersten Blick ersichtlich, stattdessen wurden „50 lebensgroße, voll funktionsfähige Maschinen“ angepriesen, also Nachbauten von Leonardo-Erfindungen. Als ich einige Straßen weiter am Palazzo della Cancelleria vorbeikam, einem großen Palast mit beeindruckenden Innenhof, wurde dort eine weitere, vergleichbare Leonardo-Ausstellung präsentiert, diesmal mit dem Titel „Leonardo da Vinci. Il Genio e le invenzioni“.
Geradezu schockiert war ich dabei von etwas, was direkt vor dem Eingang der Ausstellung als Eyecatcher platziert war: Nämlich ein Nachbau von „Leonardos Fahrrad“. (So habe ich vor einigen Jahren ein Werk von Jean-Michel Basquiat gesehen, welches „Leonardos Fahrrad“ explizit zitiert.) Da ich die Ausstellung im Palazzo della Cancelleria nicht besucht habe, weiß ich nicht, ob dort aufgeklärt wurde, dass das hölzerne Fahrrad vor dem Eingang gar nicht auf eine Idee Leonarda da Vincis zurückgeht. Ebenso habe ich auch „Le invenzioni di Leonardo da Vinci“ nicht besucht, wo im Schaufenster unter den Merchandizing-Artikel ein T-Shirt hing, das das Fahrrad ebenfalls prominent in Szene setzte.
Meine letzten Leonardo-Eindrücke 2019 in Rom gab es dann am internationalen Flughafen, der als Aeroporto di Roma-Fiumicino “Leonardo da Vinci” ja sogar nach Leonardo da Vinci benannt ist. Und in der Tat war Leonardo im Flughafengebäude auf passende Art und Weise präsent, nämlich mit Nachbauten einiger seiner Flugapparate, mit detaillierten Erläuterungen zu den Entwürfen sowie mit „virtuellen Flügen“ genau dieser Apparate.
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