Velosolex - nein, das hat weder etwas mit Sex noch mit Rolex-Luxusuhren zu tun. Vor 75 Jahren bahnte sich eine mobile Sensation an: Die ersten Vélo-Solex kamen im Herbst 1946 auf den französischen Markt. Der Prototyp war zwar schon 1940 entstanden, kriegsbedingt dauerte es aber noch sechs Jahre bis zu den ersten Serienexemplaren. Von 1947 an nahm die Produktion dann immer mehr Fahrt auf.
Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs begannen französische Ingenieure, an einem preisgünstigen Fahrrad mit Kleinmotor zu basteln. Sie erfanden einen Zweitaktmotor mit knapp 40 Kubikzentimetern Hubraum und einer Leistung von 0,4 PS beziehungsweise 35 Stundenkilometern auf ebener Strecke. Die staatliche Zulassung erfolgte unter der Bezeichnung „Fahrrad mit Reservemotor“.
Ende 1946, vor 70 Jahren, gingen die Tüftler in Courbevoie in die Serienproduktion. Der Ort lag direkt am linken Seineufer, 23 Kilometer westlich von Paris. In Frankreich heißt das Gerät seitdem „le Vélosolex“, im Saarland „der Velosolex“, im übrigen deutschen Sprachraum freilich trifft man meistens auf die Bezeichnung „das Velosolex“, selten auf „die Velosolex“. Was das grammatikalische Geschlecht betrifft, handelt es sich also um einen Wechselbalg. Der Autor hält sich an die französisch-saarländische Variante - also „der Velosolex“.
Die Erfolgsgeschichte des Velosolex
Innerhalb kurzer Zeit war das Fahrzeug zunächst in Frankreich ein Riesenerfolg. Bereits 1953 wurden 100.000 Stück produziert. Die Rohöl- und Benzinknappheit während der Suez-Krise 1956 bescherte den Velosolex-Produzenten steigende Absatzzahlen. Ähnlich erfolgreich war das Zweirad mit Motor in den Niederlanden und in Belgien. Bis 1968 wurden europaweit rund sechs Millionen Stück gefertigt - ausschließlich mit schwarzem Fahrgestell. Erst danach gab es auch farbige Rahmen. Technische Verbesserungen in den 60er Jahren steigerten die Leistung des Velosolex um fast 40 Prozent, was sich vor allem bei der Bewältigung von Steigungen bemerkbar machte.
Ab 1948 stellte die Schweizer Firma Hispano Suiza jährlich 15.000 bis 25.000 Velosolex in Lizenz her. Die französische Post bestellte Tausende gelber Exemplare. Mehrere Klöster schafften den Velosolex als Dienstfahrzeug an - für rasende Nonnen und Mönche -, angeblich weil der Motor über dem Vorderrad die Kutten der Geistlichen nicht verdrecken konnte.
Wie der mit einem Zwei-Zylinder-Viertakt-Boxermotor ausgestattete 2CV verdankte auch der Velosolex seinen Erfolg einer denkbar einfachen, aber robusten Konstruktion. Werbeslogan: „Das Fahrrad, das von selbst fährt“.
Technische Details und Weiterentwicklungen
Durch die Fliehkraftkupplung entfiel das Kuppeln und Entkuppeln beim Velosolex. Gestartet wurde das Gefährt, indem man in die Pedale trat wie bei einem Fahrrad. Der Motor wie der Benzintank wurden über dem Vorderrad montiert. Der Motorantrieb erfolgte nicht über eine Kette oder Kardanwelle, sondern über eine Reibrolle, die direkt auf den Reifen drückte. Bei nasser oder gar schneebedeckter Fahrbahn und entsprechenden Reifen sank die Reibung stark, und damit die Kraft, mit der die Reibrolle auf den nassen Reifen wirken konnte. Als Betriebsmittel diente dem Velosolex ein Benzin-Öl-Gemisch von 25:1, später 50:1.
Im Lauf der Jahre erfuhren die Modelle technische Verbesserungen, aber keine grundlegenden Veränderungen. Ende der 50er Jahre ging man zu 24-Zoll-Felgen über und erhöhte den Hubraum des Motors auf mehr als 40 Kubikzentimeter. Chefkonstrukteure waren die französischen Ingenieure Marcel Mennesson und Maurice Goudard, Inhaber einer Vergaserfirma unter dem Namen „Solex-Sinfac“, die schon in den 20er Jahren existierte.
Im Jahr 1974 verkaufte Velosolex die Fabrik an Motobécane, das 1983 von Yamaha übernommen wurde, aber die Produktion nach fünf Jahren einstellte. In Ungarn lief sie noch bis 2002 weiter. Ein Grund für rückläufige Verkaufszahlen in der Bundesrepublik war wohl die seit dem 1. Oktober 1988 geltende Auflage für Velosolex-Fahrer, keine Radwege zu benutzen.
Velosolex als Kultobjekt
Wie der Citroën 2CV, die Zigarettenmarke Gauloise und die Baskenmütze wurde der Velosolex zu einer Chiffre für französisches „Savoirvivre“. Filme mit Jacques Tati als stürmischem Briefträger auf dem Velosolex und als entschlossenem Kämpfer gegen die Tücken des Geräts machten den Velosolex ebenso bekannt wie Werbefotos mit der jungen Brigitte Bardot in knappen Shorts und hohen Stiefeln auf einem Velosolex. Auch Pressebilder von Hebammen, Pfarrern und Polizisten im Notfalleinsatz steigerten die Popularität des Velosolex, dem in der Schweiz die Spottnamen „der Christenverfolger“ und „das kleine Schwarze“ zuteilwurden.
In der Bundesrepublik begann die Geschichte des Fahrrads mit Antrieb im Saarland, das bis 1957 zu Frankreich gehörte. In der dortigen Kohleregion zählte der Velosolex zur Grundausstattung der Bergleute und Stahlarbeiter. 1959 gab es in Westdeutschland bereits 15 Händler, die den Velosolex im Angebot hatten, der damals um die 300 DM kostete. Bis 1974 sollte sich der Preis in etwa verdoppeln. Kein Wunder, dass man für echte Oldtimer-Exemplare heute 2.000 Euro und mehr hinblättert.
Zwischenzeitlich besitzt der Velosolex Kultcharakter, was in vielen europäischen Ländern Fan-Clubs entstehen ließ, die Ausfahrten, Rennen mit getunten Fahrzeugen und Stammtische organisieren sowie Reparaturratschläge erteilen. Jeder Velosolex-Besitzer versteht sich zugleich als Hobby-Mechaniker aus Leidenschaft, der sich in etwa so artikuliert: „Jede Schraube ist speziell und der Motor derart sensibel, dass er sogar aufs Wetter reagiert.“
Besonders aktiv sind die Fans in der Schweiz. In Waldenburg unweit von Basel gibt es ein Velosolex-Museum und in der Gegend von Biel im Kanton Bern findet jährlich ein Velosolex-Rennen statt, bei dem so lange gefahren wird, bis der Tank leer ist, was mehr als sechs Stunden dauert. In Berlin kann man seit diesem Frühjahr einen Velosolex mieten, für eine Stadtrundfahrt unter Aufsicht, vorwiegend durch Tempo-30-Zonen.
Im renommierten französischen Nachrichtenmagazin L’Express schaltete Velosolex seinerzeit eine doppelseitige Anzeige, die kein Bild enthielt, sondern nur eine Geschichte erzählte. Moral der Geschichte: „Seither“, so erzähle man sich in jener Gegend, „sieht man in stürmischen Nächten zwei Lichter um die Bergspitzen kreisen.
Die Technik der Velosolex
Bei der klassischen Velosolex treibt eine sogenannte Reibrolle als Antriebsrolle das Vorderrad an. Der Motor des beliebtesten Modells 3800 verfügte über einen Hubraum von 49 cm³ und war klappbar an der Gabel des Rahmens befestigt. Die Höchstgeschwindigkeit der Solex lag ungefähr zwischen 30 und 35 km/h.
Eine technische Konstruktion hat allerdings all die vielen Jahre der Produktion Bestand. Le Vélosolex ist bis heute Kult in Frankreich und ist eine Legende, die eng mit der Nachkriegsgeschichte des Landes verbunden ist.
Zeittafel der Velosolex-Modelle
| Modell | Produktionszeitraum |
|---|---|
| Velosolex 1700 | 1959 - 1961 |
| Velosolex 2200 | 1961 - 1963 |
| Velosolex 3800 | 1966 - 1969 |
| Velosolex 5000 Mini | 1971 - 1978 |
Im Wesentlichen unverändert, nur mit abermals kleineren Rädern wurde erstmals ein Solex mit vierstelliger Typenbezeichnung vorgestellt. 1959 wurde auf dem "Salon de Paris" das "VéloVap" der Firma ABG-VAP vorgestellt, das zwar auch über einen reibrollentreibenden Frontmotor verfügte, darüber hinaus aber mit einer Fliehkraftkupplung ausgestattet war, die dem Fahrer das lästige Wiederantreten an jeder roten Ampel ersparte. Solex reagierte in der Tat schnell und brachte ein neues Modell mit Kupplung heraus.
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