Die Fahrradbranche gerät im Winter 2024/25 immer stärker unter Druck. Erstaunlich, könnte man denken. Schließlich hatten die Corona-Jahre einen regelrechten Bike-Boom ausgelöst.
Rekordzahlen und Lieferengpässe
Die Verkaufszahlen erreichten für 2022 einen Rekord und die Nachfrage blieb zunächst weiter hoch. Allerdings beklagten Hersteller immer wieder Schwierigkeiten mit Lieferengpässen und steigenden Preisen.
Überschwemmung des Marktes und Konsumflaute
Zuletzt überschwemmte zu allem Übel auch noch die verspätete Ware aus Bestellungen von 2022 und 2023 den schon schwächelnden Markt. Die Folge: Bei Händlern und Herstellern sind die Lager voll wie nie, verkauft wird in der Nebensaison und der aktuellen Konsum-Flaute aber kaum noch etwas.
Die Verkäufer überbieten sich mit Rabatten, gleichzeitig müssen immer mehr Bike-Firmen nun Insolvenz beantragen.
Insolvenzen und finanzielle Schwierigkeiten in der Fahrradbranche
Ein traditionsreicher deutscher Hersteller hat Insolvenz angemeldet. Der deutsche Fahrradhersteller Prophete ist insolvent. Wie "F.A.Z." berichtet, stellte die Firma Ende des Jahres 2022 einen entsprechenden Antrag vor dem Amtsgericht Bielefeld. Auch die Tochterfirma Cycle-Union ist betroffen.
Rechtsanwalt Manuel Sack von der Kanzlei Brinkmann und Partner wurde als vorläufiger Insolvenzverwalter eingesetzt. Grund dafür sind unter anderem verfehlte Umsatzziele im Geschäftsjahr 2021/22. Die Geschäftsentwicklung entsprach nicht den Erwartungen des Unternehmens.
Wie jetzt bekannt wurde, hat letztendlich ein Hacker-Angriff Prophete zur Anmeldung der Insolvenz gezwungen. "Ende November ist das Unternehmen von Hackern angegriffen worden.
Prophete ist ein Familienbetrieb, der vor mehr als 110 Jahren gegründet wurde. Die Fahrräder aus dem unteren und mittleren Preissegment werden unter anderem bei Aldi und Lidl verkauft. Zudem gehören dem Unternehmen Marken wie Kreidler oder VSF Fahrradmanufaktur.
Auf Anfrage der "F.A.Z." hat der Insolvenzverwalter den Verkaufsprozess eingeleitet. Betroffen sind die Gesellschaften Cycle Union in Oldenburg und Prophete in Rheda-Wiedenbrück. Dementsprechend sind die Marken E-Bike Manufaktur, VSF Fahrradmanufaktur, Prophete und Kreidler davon betroffen. Die Marken Rabeneick und Swype werden gar nicht mehr produziert.
Sacks Sprecher teilte mit, dass die weitere Verwendung der Marken im Rahmen des Transaktionsprozesses diskutiert werde.
Weitere Beispiele für finanzielle Schwierigkeiten in der Branche
- YT Industries und 7Anna (NS Bikes, Rondo): Nachdem Anfang August schon Kult-Versender YT Industries ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet hatte, trifft es nun den nächsten. Die polnische 7Anna-Gruppe bekannter durch ihre Dirt- und Gravity-Marke NS Bikes sowie Rondo (Gravel) Octane One und Creme Cycles (Urban) hat beim Bezirksgericht in Danzig Insolvenz angemeldet.
- Pierer Mobility Gruppe: Die Pierer Mobility Gruppe treibt ihren Ausstieg aus dem Fahrradgeschäft schneller voran als ursprünglich geplant. Während das Unternehmen im ersten Halbjahr 2025 noch über 50.000 Fahrräder absetzte, sollen die Lagerbestände der Marken Husqvarna und Gasgas bis Ende des Jahres vollständig abverkauft sein.
- Canyon: Wie zahlreiche Wirtschaftsnachrichtenmedien berichten, hat offenbar auch der deutsche Direktversender Canyon mit schlechten Zahlen zu kämpfen. Die Investmentgesellschaft Groupe Bruxelles Lambert (GBL) hat als Mehrheitseigentümerin von Canyon aufgrund der nach wie vor schwierigen Marktsituation eine deutliche Korrektur des Unternehmenswerts vorgenommen.
- BMC Group: Die BMC Group hat heute weitreichende Maßnahmen zur Sicherung ihrer Wettbewerbsfähigkeit angekündigt. Teil der geplanten Maßnahmen ist eine Reduzierung des Personalbestands um circa 40 Stellen weltweit.
Ursachen für die Krise
Szymon Koblynski von 7Anna nennt als Grund für die finanzielle Schieflage eine ganze Reihe an Ursachen, mit denen derzeit auch viele andere Marken zu kämpfen haben. Lieferprobleme während Corona und Distributionsprobleme im Nachgang, außerdem seien kurz nacheinander sowohl der wichtigste Zulieferer, Sprick, und der größte Distributor für Westeuropa pleite gegangen.
Als Gründe werden von GBL die nach wie vor schwierige Marktlage mit hohen Lagerbeständen und den darauf folgenden dramatischen Rabattschlachten angeführt, aber auch Qualitätsmängel bei einzelnen E-Mountainbikes.
Der Peitscheneffekt
Während der Corona-Jahre boomte die Fahrradbranche. Hersteller und Händler schraubten Produktions- und Ordervolumina infolge der hohen Nachfrage nach oben. Die Ordermengen hatten sich entlang der Lieferketten wie ein Peitschenhieb aufgestaut (Peitscheneffekt) und die bestellten Mengen überschritten plötzlich den eigentlichen Bedarf. Russlands Krieg gegen die Ukraine, steigende Energiepreise und die hohe Inflation taten ihr Übriges, das Konsumklima zu trüben.
Positive Entwicklungen und Trends
Aus dem Alltag sind besonders E-Bikes nicht mehr wegzudenken. Die Nachfrage nach den Elektrorädern ist im Gegensatz zu nicht motorisierten Fahrrädern recht stabil. Die E-Bike-Nachfrage wird unter anderem durch Leasingmodelle und Steuervergünstigungen angetrieben.
Und auch Gravelbikes und Rennräder laufen gut. Für Pinarello und Colnago geht es seit 2023 mit zweistelligen Wachstumsraten bergauf. In Deutschland belegen die Zahlen des Verbands "ZIV - Die Fahrradindustrie” (ZIV) den Aufwärtstrend im Segment der sportlichen Räder: Der Marktanteil von Rennrädern, Gravelbikes und Fitnessrädern stieg 2023 um zwei auf neun Prozent.
Ausblick und Strategien für die Zukunft
"Die Befragten sind sich einig: Im laufenden Jahr und 2025 bleibt es für Fahrradhersteller schwierig. Die Konsumlaune ist aufgrund von Unsicherheiten wie die hohe Inflation, schwache Konjunktur und politischen Verwerfungen weiterhin getrübt. Schnelles Handeln ist daher notwendig, damit die Umsätze und Gewinne nicht noch weiter einbrechen.
Oberste Priorität hat die Sicherstellung der Liquidität, etwa durch den Abbau von Lagerbeständen und Fixkosten sowie die Optimierung des Working Capital. Ebenso wichtig ist aber auch der Aufbau von professionellen Prozessen und Planungssystemen, um auf Marktveränderungen schneller und flexibler reagieren zu können."
Tabelle: Überblick über die genannten Unternehmen und ihre Situation
| Unternehmen | Situation |
|---|---|
| Prophete | Insolvenz angemeldet |
| Cycle Union | Betroffen von der Insolvenz von Prophete |
| YT Industries | Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet |
| 7Anna-Gruppe (NS Bikes, Rondo) | Insolvenz angemeldet |
| Pierer Mobility Gruppe (Husqvarna, Gasgas) | Ausstieg aus dem Fahrradgeschäft |
| Canyon | Schlechte Zahlen, Korrektur des Unternehmenswerts |
| BMC Group | Stellenabbau und Restrukturierung |
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