Fahrradhelm als Schal Alternative: Der Hövding Airbag-Helm im Test

Der Albtraum eines jeden Radfahrers: Ein Autofahrer reißt plötzlich seine Tür auf, der Radfahrer knallt rein oder wird auf die Fahrbahn geschleudert. Solche Dooring-Unfälle sind sehr gefährlich und kommen immer häufiger vor.

Der Hövding: Ein "unsichtbarer" Fahrradhelm

Es klingt fast wie ein Märchen wenn jemand vom unsichtbaren Fahrradhelm berichtet. Am Anfang klingt es absurd, wenn man ihn einmal gesehen hat fragt man sich, wieso er nicht schon viel früher Erfunden wurde. Bei dieser Erfindung geht es darum Sicherheit im Straßenverkehr und beim Fahrradfahren mit der menschlichen Eitelkeit unter einen Hut zu bringen. Die Ausrede dass die Frisur durch den Fahrradhelm zerstört wird zählt nicht mehr.

Kopenhagen/Malmö - "Wir wollten den unsichtbaren Fahrradhelm erfinden, der die Frisur nicht kaputtmacht. Jetzt ist es soweit", sagt Anna Haupt mit Stolz in der Stimme. Die Schwedin und ihre Partnerin Terese Alstin lassen ab Anfang 2011 den Hövding (Häuptling) produzieren und bringen ihn zunächst in Nordeuropa auf den Markt. Das Schmuckstück ist eine Art Halskrause, in der ein Airbag integriert ist. Eingebaute Sensoren lösen ihn bei ungewöhnlichen Bewegungen wie etwa einem Sturz so aus, dass er sich in Blitzesschnelle um den Kopf schließt und harte Aufschläge abmildert.

Selbst im Anzug auf dem Weg zur Bank fällt der Fahrradhelm nicht weiter auf. Er sieht aus wie ein Schal und fällt auch nicht viel mehr auf. Er wird um den Hals gelegt und funktioniert wie eine art Halskrause. Der Unterschied zur Halskrause ist jedoch, beim unsichtbaren Fahrradhelm, dem Hövding Airbag Helm hat man noch ordentlich Bewegungsfreiheit. Die normalen Nackenbewegungen die man beim Fahrradfahren macht, sind nicht beeinträchtigt.

Funktionsweise und Technik

Der Fahrrad Airbag ist eine nach EN 1078 zertifizierte Alternative zum Fahrradhelm. Der Hövding ist ein Kragen, den der Radfahrer wie einen Schal oder eine Halskrause trägt. Darin befindet sich der Airbag, der im Extremfall innerhalb von 0,1 Sekunden aufgeht. Der Airbag wird blitzartig mit Helium gefühlt und breitet sich über die gesamte Kopffläche aus.

Dafür arbeitet der Airbag komplexe Algorithmen, die das Fahrverhalten durchgehend abgleichen. Der Hövding Airbag unterscheidet effektiv zwischen kleineren Erschütterungen wie Bordsteine oder Schotter und heftigen Schlägen, welche zum Sturz führen. Eine Studie der Stanford-Universität bescheinigt dem Hövding nahezu ideale Werte in puncto Stärke und Robustheit.

Während der Fahrt trackt der Hövding die Bewegungen der RadfahrerInnen 200 Mal pro Sekunde. Bei ruckartigen Stürzen oder einem Zusammenstoß löst der Airbag im Inneren des Kragens innerhalb von 0,1 Sekunden aus.

Hier kommt es aber ganz auf die richtige Fahrradhelm Größe an. Ich hatte bei dem Test einmal ein Modell in der Größe S und M an. Der Fahrrad Airbag wird nun also um den Hals gelegt und vorne mit einem Reißverschluss verschlossen. Das bunte Muster ist übrigens ein Zusatz, hiermit kann man den Helm an die Kleidung anpassen. Dieser Stoff ist austauschbar und abnehmbar.

Nachdem der Reißverschluss geschlossen ist, ist auch schon alles erledigt. Im Vergleich zu einem normalen Fahrradhelm ist das Anlegen mindestens genauso einfach, wenn nicht sogar einfacher. Nach dem Anlegen muss man das Sicherheitssystem noch aktivieren. Hierfür muss man den Druckknopf in das entsprechende Loch drücken. Es ertönen kurze Signaltöne, die LEDs an der Vorderseite leuchten. Der Airbag ist aktiviert.

Sicherheit und Schutz

Eine Untersuchung der Universität Straßburg bescheinigt dem Hövding einen sehr guten Schutz vor Kopfverletzungen. Das kann ADAC Experte Peuckert bestätigen: "Wenn ich nach vorn oder zur Seite falle, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er auslöst und schützt, sehr hoch."

Im Flug hat mit einem lauten Knall der Hövding ausgelöst, umschließt und schützt seinen Kopf - optisch erinnert der entfaltete Airbag an eine Trockenhaube für den privaten Gebrauch.

In der Crashanlage des ADAC Technik Zentrums Landsberg wurde 2021 dieses Szenario nachgestellt, um den Airbag-Helm Hövding 3 zu testen. Mit 18 km/h fährt Stuntman Paul Wilk auf die geöffnete Autotür zu, prallt mit seinem Fahrrad gegen die Tür, hechtet drüber und landet nach einer Rolle vorwärts auf dicken blauen Gymnastikmatten.

Der Hövding beschützt bei einem Sturz den gesamten Kopf und auch den Halsbereich. Außerdem bleibt dein Sichtfeld stets frei und ist nicht eingeschränkt. Du behältst deine Frisur und kannst unter Kunststoff und Hartschaum nicht schwitzen. Lediglich der Hals wird von dem Airbag System umschlossen.

Im Nacken befindet sich ein Kaltgasgenerator. Er füllt den Airbag im Ernstfall mit Helium. Dadurch entsteht eine Art Kapuze, die sich schützend um den Kopf legt und das Sichtfeld frei lässt. Gefertigt ist das Produkt aus einem hoch resistenten Nylonstoff. Das bedeutet: selbst bei sehr spitzen oder rauen Oberflächen reißt das Material nicht ein. Der Helm bietet die Sicherheit also immer genau dann und an den Stellen, wo sie nötig ist. Verletzungen an der Schädeldecke, am Nacken und im Halsbereich werden vermieden.

Stärken und Schwächen

Der Hövding 3 wurde im Rahmen des großen ADAC Fahrradhelm-Tests außer Konkurrenz getestet und erhält daher kein ADAC Urteil. Aber einige Erkenntnisse haben die Tester gewonnen. "Ein spannendes Produkt mit einer sehr hohen Schutzfunktion vor Kopfverletzungen, wenn er sich voll entfaltet hat", sagt Peuckert, der auch bei der Ausstattung Stärken sieht.

Gut sei auch, dass der Hövding sich sehr schnell entfaltet. "Allerdings schützt er nicht in allen Unfallszenarien so gut wie ein Helm", schränkt Peuckert ein, "zum Beispiel beim Crash mit einer Lkw-Tür oder einem Lkw-Spiegel." Hier seien herkömmliche Fahrradhelme eindeutig besser als ein Airbag, der sich ja erst entfalten muss. Peuckert: "Der Helm ist immer da, bietet sozusagen ab Millisekunde 0 vollen Schutz."

Als größte Schwäche sehen die Tester, dass der Airbag-Kragen bauartbedingt nicht in jeder Unfallsituation schützen kann. Dazu kommt der im Vergleich zu Helmen eingeschränkte Tragekomfort.

Fährt man mit dem Fahrrad und wird beispielsweise von einem PKW angefahren, dann löst der Helm wie eine Art Airbag aus. Über den Kopf stülpt sich sekundenschnell eine aufgeblasene Schutzhülle. Prallt man nun mit dem Kopf auf den Boden oder gegen einen Gegenstand, wird dieser von dem Luftpolster geschützt.

Tragekomfort und Design

Genau dieses Gefühl und die damit verbundene Platt-Haar-Frisur hält mich häufig davon ab, meinen Fahrradhelm zu tragen. Mit dem Hövding sitzt die Frisur und der Fahrrad-Airbag ist sicherer als ein normaler Helm.

So lässt sich der Airbag-Kragen auf den Halsumfang des Trägers einstellen, man kann den Bezug wechseln, der Akkustand wird per LED angezeigt und eine App ist verfügbar.

Durch sein cleanes Design ist er optisch zurückhaltend. (Wer mehr Muster will, kann den Hövding mit diesen Überzügen personalisieren.) Vor allem im Frühling und Herbst ersetzt er einen Schal und liegt perfekt an. Im Sommer wird es etwas warm, aber das ist immer noch angenehmer als bei 32 Grad unter einem Fahrradhelm zu schwitzen.

Ich fahre über Bodenwellen, niedrige Bordsteinkanten und unebene Straßen. Der Hövding gibt keinen Ton von sich und sitzt angenehm. Anfangs war ich unsicher, ob er nicht bei größeren Bodenwellen oder stärkeren Bremsungen auslöst. Das tut er nicht. Die dritte Version des Hövding wurde so optimiert, dass der Airbag genau erkennt, ob es sich um einen Sturz handelt oder nur einen schlechten holprigen Fahrradweg.

Akku und Aufladen

Aufladen lässt sich der Hövding 3 über USB-C. Ich lade meinen Hövding bei täglichen Fahrten mit dem Fahrrad ungefähr einmal im Monat. Der Akku hält laut Hersteller mindestens 15 Stunden.

Der Helm muss regelmäßig per USB-Kabel geladen werden. Nur so funktioniert er einwandfrei wenn man ihn braucht. Zum Laden befindet sich unten an der LED-Leiste ein kleiner USB-Stecker.

Die Hövding-App

Mit der Hövding-App kann man außerdem die Fahrten tracken und die CO2 Einsparung im Vergleich zum Auto sehen. Außerdem ist hier ein Notfall-Kontakt hinterlegt. Löst der Airbag aus, bekommt mein Notfallkontakt eine Nachricht, dass ich einen Unfall hatte.

Kosten und Verfügbarkeit

Der Neupreis des Hövding 3 liegt bei etwa 300 Euro.

Der Helm hat zwei große Nachteile. Zu einem ist der Anschaffungspreis von aktuell 349 bis 399 Euro sehr teuer (Zeitpunkt des Artikels). Wenn er einmal ausgelöst hat, dann war es das auch. Ein zweites Mal funktioniert er nicht. Die Daten die bei einem Unfall gesammelt werden, werden vom Hersteller zur Verbesserung des Systems herangezogen.

Hövding 4

Nach der Insolvenz Ende Dezember 2023 gehört Hövding inzwischen zum Technologieunternehmen iSi mit Hauptsitz in Österreich. Auf seiner Homepage kündigt das Unternehmen an, dass Mitte 2026 der Hövding 4 auf den Markt kommen soll.

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