Fahrradhelm mit Nackenschutz Test: Sicherheit und Innovation im Fokus

Die Sicherheit von Radfahrern, insbesondere von Kindern, steht an erster Stelle. Ein wesentlicher Bestandteil der Schutzausrüstung ist der Fahrradhelm. Dabei gibt es unterschiedliche Modelle, die verschiedene Schutzfunktionen bieten. Dieser Artikel beleuchtet Fahrradhelme mit Nackenschutz und innovative Ansätze wie den Hövding Airbag-Helm.

Der Hövding Airbag-Helm: Eine Revolution mit Hindernissen

„Der sicherste Fahrradhelm der Welt ist kein Helm.“ Mit diesem Slogan bewarb die schwedische Firma Hövding ihren Airbag für Radler als „unsichtbaren Helm“. Der Airbag registriert plötzliche Beschleunigungen und soll sich beim Sturz in Sekundenbruchteilen aufblasen.

Aufgeblasen legt sich der Hövding wie eine Friseurhaube um den Kopf. Durch den Rundumschutz erzielte der aufgeblasene Airbag bessere Sicherheitsnoten als herkömmliche Helme des Tests. Dabei blies sich der Airbag rechtzeitig vor dem Aufprall auf den Boden auf.

Manche Radler und Radlerinnen verzichten auf einen Helm, weil er die Frisur zerstört. Der Hövding lässt Locken und Haartollen in Ruhe. Den Tragekomfort beschrieben unsere Prüfpersonen jedoch als gewöhnungsbedürftig. Der Airbag wiegt zirka 840 Gramm und liegt wie ein schwerer Schal um den Hals und im Nacken. Personen mit schmalem Hals können ihn enger stellen. Dann wirft er aber schnell unbequeme Falten.

Doch wenn der Akku nicht geladen ist, öffnet er sich nicht. Fazit: Wenn sich der Hövding öffnet, bietet er besseren Schutz als herkömmliche Fahr­radhelme. Und auch mit geladenem Akku öffnet er sich nicht in allen Situationen zur rechten Zeit.

Insolvenz und Garantiefälle

Ende 2023 meldete der Hersteller Insolvenz an. Unter anderem hatte es Berichte gegeben, wonach manche Akkus sich zu schnell entladen hatten. Mit leerem Akku öffnet sich der Airbag bei einem Sturz aber nicht. Die schwe­dische Verbraucher­schutz­behörde musste zwar ein Verkaufs­verbot für den Helm wieder zurück­nehmen, Hövding glaubte aber nicht, verlorenes Vertrauen wieder herstellen zu können. Die deutsch­sprachige Webseite ist offline.

Auf hovding.com teilt die Insolvenz­verwaltung auf Eng­lisch mit, dass sie keine Garan­tiefälle annimmt. Unabhängig von freiwil­ligen Herstel­lergaran­tien hat der Händler aber zwei Jahre ab Kauf die Pflicht zur Gewährleistung bei Sachmängeln. Wenn weder Reparatur noch Austausch möglich sind, müsste also das Geschäft oder der Online-Shop das Geld zurück­geben.

Testergebnisse und Schutzwirkung

Wir prüften den Hövding 2021 im Fahrradhelm-Test außer Konkurrenz und vergaben kein Qualitäts­urteil, da er nicht alle gesetzlichen Anforderungen an einen Fahr­radhelm erfüllt. Einige Tests wie die Abstreifsicherheit von Fahr­radhelmen sind aufgrund der Bauform nicht möglich. Im Labor haben wir ihn aufgeblasen geprüft - mit denselben Methoden wie herkömm­liche Fahr­radhelme.

Er schützt den Kopf sehr gut und verringert das Risiko für Hirn­verletzungen deutlich. Ein Stuntman wagte in einem Crashtest für uns den Sprung über den Lenker. Anders dürfte es jedoch aussehen, wenn der Radfahrende mit dem Kopf direkt gegen ein Hindernis prallt, etwa eine sich öffnende Lkw-Tür in Kopf­höhe oder einen Ast. Dann tritt der Schaden bereits ein, bevor der Airbag eine plötzliche Beschleunigung registrieren und auslösen kann.

Neustart in 2026

Nach der Insolvenz Ende Dezember 2023 gehört Hövding inzwischen zum Technologieunternehmen iSi mit Hauptsitz in Österreich. Auf seiner Homepage kündigt das Unternehmen an, dass Mitte 2026 der Hövding 4 auf den Markt kommen soll.

Kinder-Fullface-Helme mit Kinnschutz

Kurz nachdem Kinder das Fahrradfahren beherrschen, beginnen sie, ihre Grenzen auf zwei Rädern auszuloten. Um bei diesen Abenteuern geschützt zu bleiben, kommt man nicht um einen passenden Integralhelm für Kinder umher. Praktisch: Moderne Modelle lassen sich durch wenige Handgriffe vom Fullface-Helm mit Kinnschutz zu einem Open-Face-Helm ähnlich des „normalen“ Fahrradhelms umbauen.

Einige online angebotene Helme sehen zwar so schick wie richtige MTB-Helme aus, verfügen aber nicht über die Sicherheitskomponenten und Technologien, um einen Sturz wirklich abzufedern. Vor allem minderwertige Hartschaum-Materialien, schwache Halterungen der Innenpolster oder des Kinnschutzes stellen hier Risiken dar, die es zu vermeiden gilt.

Checkliste für den Kauf eines Kinder-Fullface-Helms

  • Größe: Ein Fullface-Helm muss genau passen, um optimalen Schutz zu bieten. Am besten den Kopfumfang des Kindes an der breitesten Stelle über den Ohren messen und mit den Größentabellen der Hersteller vergleichen.
  • Gewicht: Ein leichter Integralhelm verringert die Belastung für Nacken und Schultern der Kinder, besonders bei längeren Fahrten. Idealerweise wiegt der Helm nicht mehr als 1.000 bis 1.200 Gramm.
  • Belüftung: Belüftungsöffnungen an der Oberseite oder am Hinterkopf sind wichtig, damit die Kinder nicht überhitzen.
  • Sicherheit: Gute Fahrradhelme erfüllen alle geltenden Sicherheitsstandards wie z.B. die Norm EN 1078 in Europa. Zusätzliche Sicherheitsmerkmale wie MIPS (Multi-Directional Impact Protection System) können zusätzlichen Schutz bei Stürzen bieten.
  • Design: Auch wenn es zweitrangig erscheint, darf man nicht unterschätzen, wie wichtig die richtige Farbe oder der Look des Kinderhelms ist.

Empfehlenswerte Kinder-Fullface-Helme

Hier eine Auswahl empfohlener Kinder-Fullface-Helme:

  • MTB-Helm „YouDrop FF“ von Abus: Flexibel mit abnehmbarem Kinnschutz, Break Away-Funktion zur Reduzierung von Nackenverletzungen.
  • Fullface-Helm für Kinder von Eulant: Schneller Wechsel zwischen Vollhelm und Halbhelm möglich, 14 Belüftungsöffnungen.
  • Fullface-Helm mit abnehmbarem Kinnschutz von Rockbros: 2-in-1-Modell, Anti-Stoß- sowie Anti-Schweiß-Innenfutter.
  • Fullface-Helm „Rupi“ von Alpina: Vielseitig und leicht, abnehmbarer Kinnbügel, Run-System zur individuellen Anpassung.
  • Kinder-Fullface-Helm von Lixada: Umbau von Integralhelm zu Halbgesichtshelm, einstellbares Zifferblatt für individuelle Passform.

Weitere Aspekte der Fahrradhelmsicherheit

Ein Helm, der die Norm gerade so erfüllt, sollte für Biker keine Option sein. Je geringer die Beschleunigung, die bei einem Sturz auf den Kopf wirkt, desto kleiner ist auch das Verletzungsrisiko. Seit immer mehr Fahrradfahrer Helm tragen, gibt es deutlich weniger schwere und tödliche Verletzungen.

Die richtige Passform ist fast so wichtig wie der Schutzfaktor. Lässt sich der Helm nicht optimal einstellen, ist das ein Sicher­heitsrisiko.

Alternative Rotationssysteme

  • Smartshock (100%): Kleine, bewegliche Elastomere integriert. Die Smartshock-Puffer sollen Stöße absorbieren und die bei einem schrägen Aufprall auftretende Rotationsenergie ableiten.
  • WaveCell (Bontrager): WaveCell ist eine komprimierbare Zellstruktur an der Innenseite der Helmschale. Bei einem Aufprall verbiegen sich die Zellen, werden dann komprimiert wie ein Stoßfänger und sollen sich schließlich verschieben, um die Energie vom Kopf wegzuführen.
  • 360˚ Turbine (Leatt): Kleine, um 360 Grad bewegliche Scheiben aus flexiblem Kunststoff an der Innenseite der Helmschale sollen lineare Stöße um bis zu 30 Prozent dämpfen und Rotationsbeschleunigung um bis zu 40 Prozent verringern.

Zahlen, Daten, Fakten zum Schutzfaktor

Die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Biker, bei dem von uns simulierten Sturzszenario eine mittlere Gehirnerschütterung erleiden würde. Das Risiko für eine Gehirnerschütterung liegt zwischen 6 und 44 Prozent. Bei Helmen mit MIPS haben wir ein Risiko einer Kopfverletzung von im Schnitt 16,2 Prozent ermittelt. Im Vergleich beträgt das Risiko bei Modellen ohne MIPS 35,5 Prozent.

Alle Helme im Test bleiben bei den Beschleunigungswerten, also den Kräften, die bei einem Aufprall noch auf den Kopf wirken, weit unterhalb der Norm (250 g). Die Spanne reicht jedoch von 84,2 g (Specialized) bis zu 129,7 g (Endura) und zeigt, dass die Helme durchaus unterschiedlich gut schützen.

Interview mit Christiane Reckter, TÜV-Ingenieurin

Es gibt fast keine Probleme mit Helmen. Wenn doch, hängen sie meist mit der falschen Trageweise zusammen. Der Helm ist zum Beispiel in den Nacken geschoben, die Stirn ungeschützt, der Kinnriemen nicht geschlossen usw. So kann ein Helm natürlich nicht wirksam schützen. Demnach ist die Passform enorm wichtig. Super wichtig!

MIPS - so funktioniert es

Durch MIPS soll die Rotationsenergie bei einem Aufprall verringert werden, indem die reibungsarme MIPS-Schale (gelb) ein zum Kopf versetztes Gleiten des Helms ermöglicht. So wird Rotations- in Translationsenergie umgewandelt. Wie bei einem Sturz auf Eis kann sich der Kopf so in der ursprünglichen Richtung weiterbewegen.

Inzwischen gibt es verschiedene Ausführungen des MIPS, die eine relative Rotation zwischen Helm und Kopf von 10 bis 15 Millimetern zulässt. In unserem Test lag die Wahrscheinlichkeit, mit einem mit MIPS ausgestatteten Helm eine Gehirnerschütterung zu erleiden (nach AIS-Code) im Schnitt bei ca. 16 Prozent.

MIPS-Systeme im Überblick

  • Essential: Klassisches MIPS mit gelber Schale (LFL).
  • Evolve Core: Exakter auf den jeweiligen Helm abgestimmte Passform des LFL.
  • Air: Rotationsschutz nahezu unsichtbar in die Helmpolsterung integriert.
  • Spherical: Helme bestehen aus zwei separaten Schalen, die gegeneinander verdrehbar sind.
  • Integra Fuse: SPIN-System mit MIPS verschmolzen, Silicon in den Polstern.

Fahrradhelme für Babys und Kleinkinder

Auch Babys und Kleinkinder, die im Fahrradsitz, Anhänger oder Lastenrad mitfahren, sollten einen Helm tragen. Unser Test berücksichtigt Babys ab etwa neun Monaten bis ca. 2,5-jährige Kleinkinder.

Testsieger: Der Abus Smiley 3.0 LED erfüllt alle Voraussetzungen für einen sehr guten und sicheren Fahrradhelm für Babys. Die sehr gute Verarbeitung, die unkomplizierte Handhabung und die besonderen Sicherheitsmerkmale machen den Abus Smiley 3.0 zum Testsieger.

Wichtige Kriterien beim Kauf eines Baby-Fahrradhelms

  • Kopfumfang des Babys messen.
  • Helm korrekt einstellen (nicht zu eng, nicht zu locker).
  • Sicherheitsstandards (Normhinweis EN 1078).
  • Komfort (weicher Kinnriemen).
  • Geringes Gewicht.
  • Ausreichende Beleuchtung.
  • Belüftungssystem.

Empfehlenswerte Baby-Fahrradhelme

  • Abus Smiley 3.0 LED: Sehr gute Handhabung, hoher Tragekomfort, integriertes Rücklicht.
  • Uvex Oyo Style: Einzigartiges Design, Schutzerweiterung im Schläfenbereich, weiches Pad am Hinterkopf.
  • Alpina Ximo Flash: Tiefergezogenes Heck, flacher Hinterkopf, unkomplizierte Größeneinstellung, integriertes Multi-Fit-Light.
  • Crivit Kinder-Fahrradhelm (Lidl): Günstige Alternative mit Beleuchtung, Insektenschutz und Verstellrad.

Fazit

Die Wahl des richtigen Fahrradhelms, ob mit Nackenschutz, als Airbag-Lösung oder für Kinder, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Sicherheit, Komfort und Passform spielen eine entscheidende Rolle. Innovative Lösungen wie der Hövding Airbag-Helm bieten zwar potenziell höheren Schutz, sind aber nicht ohne Risiken. Traditionelle Helme, insbesondere Fullface-Modelle für Kinder, bieten bewährten Schutz und sollten sorgfältig ausgewählt werden. Unabhängig vom Modell ist es wichtig, dass der Helm korrekt getragen und regelmäßig auf Beschädigungen überprüft wird.

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