Fahrradhelm mit Airbag im Test und Vergleich: Sicherheit und Komfort neu definiert

Ein smarter Fahrradhelm schützt nicht nur den Kopf, sondern bietet im besten Fall auch Bluetooth, SOS-Notfallfunktion, Licht, Blinker und Lautsprecher. Einige Helme können mehr als „nur“ den Kopf schützen: Sie leuchten, blinken, spielen Musik, eignen sich zum Telefonieren und senden bei einem Unfall automatisch eine Nachricht an den hinterlegten Notfallkontakt.

Ein ganz besonderer Fahrradhelm, der eigentlich kein Helm ist, löst bei einem Unfall sogar einen Airbag aus, der sich wie eine Haube über den Kopf des Fahrers legt.

Der Hövding Airbag-Helm: Eine Revolution?

„Der sicherste Fahr­radhelm der Welt ist kein Helm.“ So und als „unsicht­baren Helm“ bewarb die schwe­dische Firma Hövding ihren Airbag für Radler. Der Airbag registriert plötzliche Beschleunigungen und soll sich beim Sturz in Sekundenbruch­teilen aufblasen. Aufgeblasen legt sich der Hövding wie eine Friseurhaube um den Kopf. Im Labor haben wir ihn aufgeblasen geprüft - mit denselben Methoden wie herkömm­liche Fahr­radhelme.

Durch den Rund­umschutz erzielte der aufgeblasene Airbag bessere Sicher­heits­noten als die Helme des Tests. Er schützt den Kopf sehr gut und verringert das Risiko für Hirn­verletzungen deutlich. Ein Stuntman wagte in einem Crashtest für uns den Sprung über den Lenker. Dabei blies sich der Airbag recht­zeitig vor dem Aufprall auf den Boden auf.

Manche Radler und Radlerinnen verzichten auf einen Helm, weil er die Frisur zerstört. Der Hövding lässt Locken und Haartollen in Ruhe. Den Trage­komfort beschrieben unsere Prüf­personen jedoch als gewöhnungs­bedürftig. Der Airbag wiegt zirka 840 Gramm und liegt wie ein schwerer Schal um den Hals und im Nacken. Bei hohen Temperaturen fließt Schweiß. Den Hövding gibt es nur in einer Größe. Personen mit schmalem Hals können ihn enger stellen. Dann wirft er aber schnell unbe­queme Falten.

Die Schattenseiten des Hövding

Ende 2023 meldete der Hersteller Insolvenz an. Unter anderem hatte es Berichte gegeben, wonach manche Akkus sich zu schnell entladen hatten. Mit leerem Akku öffnet sich der Airbag bei einem Sturz aber nicht. Die schwe­dische Verbraucher­schutz­behörde musste zwar ein Verkaufs­verbot für den Helm wieder zurück­nehmen, Hövding glaubte aber nicht, verlorenes Vertrauen wieder herstellen zu können. Die deutsch­sprachige Webseite ist offline.

Auf hovding.com teilt die Insolvenz­verwaltung auf Eng­lisch mit, dass sie keine Garan­tiefälle annimmt. Unabhängig von freiwil­ligen Herstel­lergaran­tien hat der Händler aber zwei Jahre ab Kauf die Pflicht zur Gewährleistung bei Sachmängeln. Wenn weder Reparatur noch Austausch möglich sind, müsste also das Geschäft oder der Online-Shop das Geld zurück­geben.

Wir prüften den Hövding 2021 im Fahrradhelm-Test außer Konkurrenz und vergaben kein Qualitäts­urteil, da er nicht alle gesetzlichen Anforderungen an einen Fahr­radhelm erfüllt. Einige Tests wie die Abstreifsicherheit von Fahr­radhelmen sind aufgrund der Bauform nicht möglich.

Anders dürfte es jedoch aussehen, wenn der Radfahrende mit dem Kopf direkt gegen ein Hindernis prallt, etwa eine sich öffnende Lkw-Tür in Kopf­höhe oder einen Ast. Dann tritt der Schaden bereits ein, bevor der Airbag eine plötzliche Beschleunigung registrieren und auslösen kann.

Fazit zum Hövding

Wenn sich der Hövding öffnet, bietet er besseren Schutz als herkömm­liche Fahr­radhelme. Doch wenn der Akku nicht geladen ist, öffnet er sich nicht. Und auch mit geladenem Akku öffnet er sich nicht in allen Situationen zur rechten Zeit.

Smarte Alternativen: Der Markt für intelligente Fahrradhelme

Der Markt an smarten Fahrradhelmen ist überschaubar, wächst aber stetig. Wir haben für diese Bestenliste einige besonders beliebte und gute Modelle herausgesucht.

Sena R1 Evo: Kommunikation und Sicherheit

Der Sena R1 Evo ist ein gelungener smarter Fahrradhelm, der vor allem mit dem Mesh-Intercom ein sehr nützliches Feature bietet. Die Verarbeitung ist hochwertig, die Passform lässt sich flexibel anpassen. Schade ist, dass es kein Frontlicht und keinen Blinker gibt. Wer darauf verzichten kann und einen zuverlässigen Helm zum Telefonieren und für Gruppenfahrten sucht, wird mit dem Sena R1 Evo aber gut bedient sein.

Vorteile:

  • Mesh-Intercom für Gruppenfahrten & Möglichkeit zum Telefonieren
  • Musik- und Podcast-Wiedergabe
  • flexibles Verschlusssystem

Nachteile:

  • kein Frontlicht und kein Blinker
  • keine App-Anbindung
  • Lautsprecher ohne Bass

Livall Evo 21: Sichtbarkeit und Notfallhilfe

Der Livall Evo 21 ist ein guter Helm. Uns gefällt besonders das gut sichtbare Licht, welches dank Umgebungslichtsensor zuverlässig leuchtet, wann es draußen dunkel ist. Auch der Blinker funktioniert gut über die Fernbedienung und die SOS-Funktion kann im Zweifelsfall eine echte Hilfe sein.

Vorteile:

  • 360-Grad-Licht
  • Blinker mit Fernbedienung
  • Umgebungslichtsensor
  • Bremslicht
  • SOS-Funktion

Nachteile:

  • proprietärer Ladestecker
  • Licht kann nicht dauerhaft leuchten
  • Frontlicht nicht sehr hell

Weitere Aspekte rund um die Fahrradsicherheit

Fahrradfahren hat nachweislich positive Auswirkungen auf die Gesundheit - selbst E-Bikes sind viel besser als etwa Autofahren. Doch selbst die vorsichtigsten Fahrer können einen Unfall nie zu 100 Prozent ausschließen. Wir empfehlen deshalb Zusatzversicherungen, um die möglichen negativen Konsequenzen abzumildern.

Bei vielen Versicherungen lohnt sich das Vergleichen. Denn wer regelmäßig vergleicht, spart gut und gerne mehrere hundert Euro im Jahr. Wo man am meisten spart, zeigen die Tarifrechner von heise online.

  • Berufsunfähigkeitsversicherung
  • KFZ-Versicherung
  • Lebensversicherung
  • Rechtsschutzversicherung
  • Unfallversicherung

ADAC Crashtest mit dem Hövding 3

Der Albtraum eines jeden Radfahrers: Ein Autofahrer reißt plötzlich seine Tür auf, der Radfahrer knallt rein oder wird auf die Fahrbahn geschleudert. Solche Dooring-Unfälle sind sehr gefährlich und kommen immer häufiger vor. In der Crashanlage des ADAC Technik Zentrums Landsberg wurde 2021 dieses Szenario nachgestellt, um den Airbag-Helm Hövding 3 zu testen.

Mit 18 km/h fährt Stuntman Paul Wilk auf die geöffnete Autotür zu, prallt mit seinem Fahrrad gegen die Tür, hechtet drüber und landet nach einer Rolle vorwärts auf dicken blauen Gymnastikmatten. Im Flug hat mit einem lauten Knall der Hövding ausgelöst, umschließt und schützt seinen Kopf - optisch erinnert der entfaltete Airbag an eine Trockenhaube für den privaten Gebrauch.

"Der Airbag hat sich innerhalb kürzester Zeit, nach 80 Millisekunden, voll entfaltet", sagt Michael Peuckert, ADAC Projektleiter für Produkttests.

Airbag-Helm schützt nicht in allen Unfallszenarien

Eine Untersuchung der Universität Straßburg bescheinigt dem Hövding einen sehr guten Schutz vor Kopfverletzungen. Das kann ADAC Experte Peuckert bestätigen: "Wenn ich nach vorn oder zur Seite falle, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er auslöst und schützt, sehr hoch." Gut sei auch, dass der Hövding sich sehr schnell entfaltet.

"Allerdings schützt er nicht in allen Unfallszenarien so gut wie ein Helm", schränkt Peuckert ein, "zum Beispiel beim Crash mit einer Lkw-Tür oder einem Lkw-Spiegel." Hier seien herkömmliche Fahrradhelme eindeutig besser als ein Airbag, der sich ja erst entfalten muss. Peuckert: "Der Helm ist immer da, bietet sozusagen ab Millisekunde 0 vollen Schutz."

Fahrrad-Airbag: Stärken und Schwächen

Der Hövding 3 wurde im Rahmen des großen ADAC Fahrradhelm-Tests außer Konkurrenz getestet und erhält daher kein ADAC Urteil. Aber einige Erkenntnisse haben die Tester gewonnen. "Ein spannendes Produkt mit einer sehr hohen Schutzfunktion vor Kopfverletzungen, wenn er sich voll entfaltet hat", sagt Peuckert, der auch bei der Ausstattung Stärken sieht. So lässt sich der Airbag-Kragen auf den Halsumfang des Trägers einstellen, man kann den Bezug wechseln, der Akkustand wird per LED angezeigt und eine App ist verfügbar.

Als größte Schwäche sehen die Tester, dass der Airbag-Kragen bauartbedingt nicht in jeder Unfallsituation schützen kann. Dazu kommt der im Vergleich zu Helmen eingeschränkte Tragekomfort.

Alternativer Ansatz: Airbag-Rucksack Mase Airding

Mittlerweile gibt es Alternativen für all diejenigen, die sich mit einem Helm schwertun. Wie ein Schal wird die Krause von Hövding um den Hals gelegt. Und ganz neu: Der Rucksack-Airbag Mase Airding von Minerva. Wie er funktioniert, wie sicher der neue Schutz ist und was er im Alltag taugt, hat IMTEST gemeinsam mit Stuntman Thomas Bloem herausgefunden.

Mase Airding als Erweiterung zum Helm

Im letzten Jahr ist die Anzahl getöteter Fahrradfahrer im Straßenverkehr wieder leicht gestiegen. Laut Statistischem Bundesamt waren es 474 Menschen, im Gegensatz zu 372 im Jahr davor. Die Deutsche Verkehrswacht hat ermittelt, dass etwa nur 32 Prozent der Erwachsenen einen Helm tragen. Und gerade im Großstädten kommt es immer wieder zu brenzlichen Situationen, weil beispielsweise ein Autofahrer einen Radfahrer übersehen hat.

Kann der Mase Airding als Alternative beziehungsweise als Ergänzung überzeugen? Den Mase Airding gibt es in zwei Varianten. Das Modell Airding Tour schützt den Nacken- und Schulterbereich, der Airding Cruise zusätzlich den ganzen Kopf. Neben dem Airbag-Schutz ist der Rucksack mit einem zusätzlichen Rückenprotektor ausgestattet, um den Rücken und die Wirbelsäule zu schützen.

IMTEST hatte den Airding Tour im Test, der auch mit einem Helm ergänzt werden kann. Bevor man den Rucksack nutzen kann, wird er per USB-Kabel aufgeladen, zum anderen muss eine kleine Gaskartusche eingesetzt werden. Das erwies sich als recht einfach und selbsterklärend. Schließt man die Brustschnalle, zeigt ein grün-blickendes LED-Licht an, dass der Airbag einsatzbereit ist.

300 Sensoren im Airding prüfen Position Laut Hersteller Minerva überprüfen im Einsatz 300 Sensoren pro Sekunde anhand der Position, ob der Radfahrer gestützt ist. Falls ja, wird die Kartusche aktiviert und der Airbag, der ein Volumen von 19 Litern hat, bläst sich innerhalb von 150 Millisekunden auf. Der Innendruck soll dabei rund 1,4 bar betragen. Nach dem Auslösen umschließt der Mase Airding, ähnlich wie die Schwimmweste im Flugzeug, den Hals- und Schulterbereich. So sollen Verletzungen effektiv verhindert beziehungsweise reduziert werden.

Bereits in der Luft hat der Mase Airding zuverlässig mit einem lauten Knall ausgelöst, dass Thomas Bloem unbeschadet gelandet ist. Nach eigener Aussage hat er sich dabei sehr sicher gefühlt.

Airbag-Rucksack wiederverwendbar

Das Gute: Ist der Airbag nicht beschädigt worden, kann er wiederverwendet werden. Dabei muss lediglich eine neue Gaskartusche eingesetzt und der Airbag wieder in den Rucksack verstaut werden. Das ist ein wenig kniffelig, weil der Stoff des Airbags sehr glatt ist und braucht etwas Übung.

Die Anschaffung des Rucksacks ist nicht gerade preisgünstig. 790 Euro sind im Onlineshop von Minvera dafür gelistet, eine Ersatzkartusche kostet dort 99,95 Euro, beziehungsweise 49,95 Euro als recycelter Inflator.

Der Test-Rucksack, in dem sich der Airbag mitsamt der Kartusche versteckt, wiegt 1.444 Gramm. Nicht besonders schwer, allerdings muss dazu gesagt sein, dass sich außer einem Schlüsselbund oder einem Smartphone in einem kleinen Außenfach nichts weiter darin transportieren lässt. Daher eignet er sich eher für sportliche Tagestouren, bei denen man eine Trinkflasche am Rahmen befestigt hat und wenig Gepäck, wie eine Regenjacke oder Essen, in einer Lenkertasche dabei hat. Für Pendler oder für den Alltag ist er weniger sinnvoll, es sei denn, man hat seine Sachen in großen Gepäckträgertaschen oder fährt ein Cargo-E-Bike.

Preisübersicht

Produkt Preis (ca.) Anmerkung
Sena R1 Evo 161 Euro Smarter Fahrradhelm mit Mesh-Intercom
Livall Evo 21 120 Euro Smarter Fahrradhelm mit Beleuchtung und SOS-Funktion
Hövding 3 (Abverkauf) 250 Euro Fahrrad-Airbag (nicht mehr in Produktion)
Mase Airding 790 Euro Airbag-Rucksack

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