Die Empfehlung vieler Helm-Hersteller, einen Fahrradhelm bereits nach wenigen Jahren im Einsatz gegen einen neuen auszutauschen, verunsichert viele Radfahrer. Immer wieder erreichen uns Leserbriefe mit der bangen Frage, ob denn der eigene Rennrad-Helm noch sicher sei? Viele mit dem Hinweis, man habe ihn immer gut gepflegt und er zeige auch keinerlei Dellen oder Risse. Solle man sich also tatsächlich schon nach ein paar Jahren von seinem teuren Kopfschutz trennen?
Wann ist ein Austausch notwendig?
Dass ein Helm, der bei einem Unfall oder Sturz auf ein Hindernis geprallt ist, anschließend ausgetauscht werden sollte, auch wenn er möglicherweise keine oder nur leichte Spuren einer Beschädigung zeigt, gilt als Konsens; viele Hersteller bieten für diesen Fall auch kulante Unfallersatz-Regelungen an: Ab Kaufdatum zwei bis drei Jahre (je nach Hersteller) alte, beschädigte Helme kann man beim Händler gegen einen vergleichbaren neuen Helm eintauschen und erhält darauf beispielsweise 50 Prozent Rabatt.
Aber auch ohne Sturz kann ein Rennrad-Helm leiden: Quetschmarken auf der Schale, die beispielsweise durch den Transport im voll gepackten Radkoffer entstanden sein können, sind zumindest ein Alarmsignal. Selbst wenn der Helm auf den ersten Blick unbeschädigt wirkt, können die Styroporkügelchen unter der äußeren Polycarbonatschale gelitten haben. Dann ist die volle Schutzwirkung nicht mehr gewährleistet. Auch die aggressive UV-Strahlung der Sonne und große Temperaturschwankungen schwächen den Verbund zwischen den kleinen, weißen Kügelchen mit der Zeit.
Unklar ist jedoch, wie lange es dauert, bis die Schutzwirkung merklich nachlässt. Helme besitzen nun mal keine eingebaute Sonnenstunden-Uhr, und ihre Besitzer gehen mal mehr, mal weniger achtsam mit ihrem Kopfschutz um.
Herstellerempfehlungen und Verfallsdatum
Aus technischer Sicht bleibt die Frage, wann genau ein Fahrradhelm sein Lebensende erreicht hat, deshalb offen. Kommt ein Austausch nach drei Jahren Gebrauch, den viele Hersteller empfehlen, vielleicht viel zu früh? Die Helmanbieter sind zumindest per EURichtlinie und Norm zu einem Hinweis auf die Verfallszeit verpflichtet.
Präzise handelt es sich dabei um die Norm EN 1078:2012 und die Richtlinie 89/686 für die persönliche Schutzausrüstung (PSA), die besagt, dass die Helmen beiliegende Benutzerinformation, neben Hinweisen zur Pflege und dem bestimmungsgemäßen Gebrauch, ein Verfallsdatum oder die Verfallszeit enthalten muss.
Die Uhr tickt ab dem Herstellungsdatum, weshalb ein Blick darauf beim Kauf ratsam ist: Ein Schnäppchen könnte sich als bereits lange lagernder Ladenhüter entpuppen, der gemäß der Herstellerempfehlung schon nach einem oder zwei Jahren ausgetauscht werden müsste. Achten Sie deshalb beim Kauf auf den kleinen Aufkleber mit dem Herstellungsdatum innen im Helm.
Crashtest mit älteren Helmen
Um dem Verfallsdatum auf der Basis von Fakten näher zu kommen, hat TOUR Leser gebeten, gebrauchte, mindestens fünf Jahre alte Helme für einen Crashtest nach der Norm EN 1078 zur Verfügung zu stellen. Insbesondere haben wir nach Modellen gefragt, die wir beim Test in TOUR 8/2010 im Neuzustand ebenfalls nach der EN 1078 überprüft hatten. Von den damals elf Modellen erhielten wir sechs für den aktuellen Crash-Test: gebrauchte Helme von Alpina, Giro, MET, Scott, Specialized und Uvex, im Alter zwischen sechs und neun Jahren - und von jedem Modell drei Exemplare als Mindestanzahl für einen Crash-Test.
Den mit sechs Jahren jüngsten Helm steuerte Leserin Ira Ludwig aus Dietramszell bei, der mit neun Jahren älteste Kopfschutz kam von Bastian Falkowsky aus Leipzig. Alle Helme zeigten mit Sonnencreme-Resten am Polster, vergilbten Außenschalen oder verschwitzten Kinnriemen deutliche Gebrauchsspuren. Als Dankeschön haben alle 18 Leser vom jeweiligen Hersteller ihres Helms ein aktuelles, nagelneues Modell erhalten.
Ergebnisse des Crashtests
Den Norm-Crash-Test haben wir in Zusammenarbeit und unter Aufsicht mit dem Helm-Hersteller Uvex in Fürth durchgeführt, der auf der gleichen Prüfmaschine und mit den gleichen Verfahren testet, wie es beispielsweise auch der TÜV Rheinland oder die Materialprüfungsanstalt MPA der Uni Stuttgart tun. Jeder der 18 alten Helme musste dabei jeweils einen Aufschlag auf einen kreisförmigen Stahlsockel überstehen und auf einen Stahlkeil, der einen Bordstein nachbildet; dabei darf eine maximale Beschleunigung von 250 g, dem 250-fachen der Erdbeschleunigung, innerhalb weniger Millisekunden nicht überschritten werden.
Beim Härtetest schlugen die in die Jahre gekommenen Kopfschützer, beladen mit dem sensorgespickten Prüfkopf, 36-mal auf die stahlharten Prüfsockel. Und 36-mal haben wir uns gefragt: "Hat er gehalten?" Teils präsentierten sich die vom Aufprall geschundenen Helme in sichtbar desolatem Zustand - bei Alpina, Giro oder Uvex klafften sichtbare Risse im schwarzen Schaumstoff, insbesondere nach dem anspruchsvollen Bordstein-Crash, bei dem der Helm so ausgerichtet wird, dass der Sockel genau in die schwächste Stelle ins größte Belüftungsloch keilt.
Das jedoch sei "normal", versichert Prüferin Nicola Grahl, und es sei bei fabrikneuen Helmen nicht anders. Vielmehr kommt es nämlich darauf an, dass der Prüfkopf keine höheren Beschleunigungswerte als 250 g misst. Und hier ist das finale Ergebnis eindeutig positiv: Keiner der alten Helme hat versagt und das Norm-Limit überschritten. Unsere Stichprobe mit den 18 Helmen hat ergeben, dass das Stoßdämpfungsvermögen durchschnittlich nur um 10 g nachgelassen hat. Kurz: Auch ältere Helme sind sicher!
Die härteste Prüfung beim Crash-Test nach EN 1078 ist der Aufschlag auf einen Stahlkeil, der eine Bordsteinkante nachbildet. Die maximale Beschleunigung von 250 g darf dabei nicht überschritten werden. Unser Test zeigt, dass die sechs bis neun Jahre alten gebrauchten Helme deutlich darunter bleiben und sich ihre Werte im Vergleich zu den 2010 getesteten neuen Helmen kaum verschlechtert haben.
Tabelle: Vergleich der Crashtest-Ergebnisse
| Helmzustand | Maximale Beschleunigung (g) |
|---|---|
| Neue Helme (2010) | [Daten aus TOUR-Testdaten] |
| Gebrauchte Helme (6-9 Jahre alt) | [Daten aus Crashtest] |
Material und Konstruktion
Die dämpfende Innenschale eines Helms besteht aus expandiertem Polystyrol (EPS), das als Rohmaterial in Stäbchenform vorliegt. Unter Druck und mit heißem Wasserdampf in Form gepresst, poppen diese zu sechsmal so großen Kügelchen auf und verkleben miteinander zur fertigen Schale. Bei einem Unfall absorbiert diese Konstruktion die Aufschlagsenergie, indem die Kügelchen platzen und an ihren Klebestellen abscheren. Risse zeugen dabei von einem sehr harten Aufschlag.
Crash-Replacement und Ersatzteile
Nach einem Sturz mit Aufprall auf hartem Untergrund darf der Helm nicht weiter benutzt werden, da die Innenschale nicht auf Anhieb sichtbare Risse bekommen haben könnte. Würde man mit einem vorgeschädigten Helm erneut stürzen, hätte er nicht mehr seine volle Schutzfunktion, vermeidbare Schädelverletzungen wären die Folge. Als Anreiz zum Tausch bieten die Helmhersteller aus Kulanz Unfallersatz-Regelungen an (Crash Replacement). Sie gelten in der Regel für zwei bis drei Jahre ab Kaufdatum und bieten einen neuen Helm zum halben Neupreis beim Tausch gegen den alten.
Interview mit einem Experten
TOUR: Die Helminnenschale aus geschäumtem Polystyrol, kurz EPS, übernimmt beim Helm die Stoßdämpfer-Funktion. Gibt es hier Unterschiede bei der Qualität?
Dautermann: Etwa 80 Prozent aller Hersteller verwenden das gleiche Material vom österreichischen Hersteller Sunpor. Im Vergleich zu Verpackungs- oder Dämm-Material, das man unter dem Begriff Styropor kennt, sind die Schaum-Kügelchen dichter gepackt, und das Material hat höhere Dämpfungseigenschaften.
Nur ein passender Helm schützt optimal. Gibt es sichere Erkenntnisse, inwieweit ein zu kleiner oder zu großer Helm die Schutzwirkung beeinträchtigt?
Helme mit einer Konfektionsgröße für sehr unterschiedlich große Köpfe sind so ausgelegt, dass die Dämpfungsanforderungen erfüllt werden. Trägt man jedoch einen zu großen Helm, muss der Kopf des Radlers beim Aufprall größere Beschleunigungswerte aushalten, und das Verletzungsrisiko steigt.
Was passiert in technischer Hinsicht, wenn die Helmschalte älter wird? Wird der Helm mit der Zeit einfach bröseliger?
Umgangssprachlich könnte man das so bezeichnen. Tatsächlich spricht man von Alterung beim EPS, verursacht durch UV-Strahlung in Form von Sonnenlicht und Temperaturwechseln. Mit den Jahren lassen die Bindungskräfte zwischen den Kügelchen etwas nach, was man jedoch mit bloßem Auge nicht erkennen kann.
Woher stammt die Empfehlung der Hersteller, seinen Helm nach ein paar Jahren gegen einen neuen zu tauschen?
Dazu sind wir laut EU-Richtlinie verpflichtet. Ohne dieses "Haltbarkeitsdatum" in der Dokumentation, das ab dem Herstellungsdatum gilt, dürften wir den Helm gar nicht in den Handel bringen. Ein Tipp: Das Herstellungsdatum findet sich als Prägung oder Aufkleber in der Helmschale. Es vergeht zwar ungefähr ein halbes Jahr von der Produktion bis zur Lieferung an den Handel, aber einen Ladenhüter kann man so leicht identifizieren.
Wie sollte man seinen Helm richtig pflegen?
Ebenso wie der Altershinweis ist auch die Pflege des Helms vom Hersteller in der Benutzerinformation anzugeben. Kurz: Der Helm sollte nicht mit Lösungsmittel gereinigt werden, sondern lediglich mit lauwarmer Seifenlauge. Zudem sollte man den Helm keiner Hitze über 60 Grad aussetzen und ihn bei Nichtgebrauch trocken und vor Sonnenlicht beziehungsweise UV-Strahlung geschützt aufbewahren.
Weitere Tipps und Hinweise
- Nach einem Unfall: Helm immer austauschen, auch wenn keine Schäden sichtbar sind.
- Materialermüdung: Spätestens nach 3-5 Jahren den Helm ersetzen.
- Pflege: Helm vor Witterungseinflüssen schützen und richtig lagern.
- Regelmäßige Prüfung: Helm auf Risse, Dellen oder Löcher überprüfen.
Ein Fahrradhelm schützt vor Kopfverletzungen und kann sogar Leben retten, dies belegen inzwischen zahlreiche Studien. Allerdings hält kein Fahrradhelm ewig. Nur wenn das Material deines Helms noch intakt ist, kann er dich wirksam schützen und Stöße beim Aufprall abdämpfen.
Materialermüdung: Nach spätestens 3-5 Jahren Helm durch neuen ersetzen!Selbst ohne Sturz und wenn äußerlich keine Schäden zu erkennen sind, nimmt die Schutzwirkung deines Helms aufgrund der Materialermüdung ab. Die Werkstoffe, aus denen ein Helm gefertigt ist, unterliegen einer Alterung, die je nach Gebrauchsbedingungen schneller oder langsamer voranschreitet. Auch Witterungseinflüsse wie UV-Strahlung oder Feuchtigkeit setzen dem Material zu und verringern die Nutzungsdauer.
Aber nicht nur das Material von Außen- und Innenschale wird spröde und verliert an effektiver Stoßdämpfung, auch Schnallen und Riemen werden porös, können beschädigt werden, brechen oder reißen. Sie sind aber entscheidend für die optimale Anpassung des Helms an deinen Kopf. Nur ein Helm, der richtig und fest sitzt, bietet auch optimalen Schutz bei einem Unfall.
Ist dein Fahrradhelm häufig im Einsatz, kannst du ihn drei bis fünf Jahre lang benutzen. Für einen selten benutzten Helm verlängert sich die Lebensdauer auf bis zu acht Jahre.
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