Irgendwann ist jeder Fahrradreifen durch. Ein platter Reifen am Rad landet hierzulande im Restmüll und kommt zur Müllverbrennungsanlage. Jedes Jahr werden Tausende Altreifen verbrannt. Alte Fahrradreifen werden in Deutschland verbrannt und als Asche deponiert. Die Reifen und Schläuche gehören in den Restmüll. Gemeint sind hier die Mäntel und Schläuche, die aus Gummi und anderen Beimischungen bestehen. Andere Radteile werden auf dem Mistplatz entsorgt.
Warum die richtige Entsorgung wichtig ist
Radreifen werden im Restmüll oftmals einer Müllverbrennungsanlage zugeführt. „Dieses Verfahren ist aus ökologischer Sicht nicht sinnvoll“, sagt Danka Katrakova-Krüger vom Institut für Allgemeinen Maschinenbau der TH Köln. Fahrradreifen sind sogenannter Mischabfall. Das heißt, es kommen dabei mehrere Komponenten zusammen, die eigentlich eine unterschiedliche Behandlung erfordern. Diverse Chemikalien, Gummimischungen, Kautschuk, Kevlar und sogar Metall - das alles ist schwer unter einen Hut zu bekommen.
Reifen enthalten polyzyklische und aromatische Kohlenwasserstoffe. Diese sind zwar ungefährlich, solange sie im Reifen gebunden sind, werden allerdings bei der Verbrennung freigesetzt. Daher sollten Reifen nur fachgerecht entsorgt oder recycelt werden.
Abgefahrene und spröde Reifen haben bei Nässe und Glätte eine deutlich verringerte Bodenhaftung. Der Bremsweg wird dann übermäßig lang und das Fahrrad kann bei Bremsmanövern und in Kurvenfahrten viel schneller außer Kontrolle geraten. Daher gilt auch beim Fahrrad wie beim Auto, dass mit ordentlicher Bereifung gefahren werden sollte, um kein Sicherheitsrisiko einzugehen.
Konventionelle Entsorgungsmethoden
Grundsätzlich können alte Fahrradreifen einfach in den Müll geworfen werden. Abgenutzte Fahrradreifen können im Restmüll entsorgt werden. Dies gilt übrigens auch für Fahrradschläuche. In die Wertstofftonne gehören Fahrradmäntel und -schläuche nicht!
Wenn Sie die gebrauchten Radreifen also schnell und unkompliziert loswerden wollen, dann spricht nichts dagegen, diese einfach in eine Mülltonne zu werfen. Keine gute Idee ist zudem, gebrauchte Reifen einfach in der Umwelt zu entsorgen. Nach einer Panne mit dem Rad den alten Reifen am Straßenrand zu entsorgen, ist nämlich streng verboten. Wenn Sie erwischt werden, droht ein Bußgeld, das je nach Bundesland unterschiedlich ausfallen kann. Mit rund 100 Euro Strafe müssen Sie allerdings rechnen.
Allerdings gibt es in einigen Landkreisen spezielle Vorschriften, die eine Entsorgung von Fahrradreifen in der Restmülltonne untersagen und den Gang zum Wertstoffhof verbindlich vorschreiben.
Innovative Recycling-Verfahren
Defekte Fahrradreifen müssen bald nicht mehr verbrannt werden: Die TH Köln hat ein neues Recycling-Verfahren entwickelt. Gemeinsam mit Partnern hat sie ein Verfahren für Recycling von Fahrrad-Altreifen entwickelt. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie fördert das Projekt im Rahmen des „Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand“ (ZIM). Zu den Partnern der Technischen Hochschule Köln gehören im Projekt „Innovatives rohstoffliches Verwertungskonzept für Fahrrad-Altreifen im Sinne einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft“ die Ralf Bohle GmbH und Pyrum Innovations AG. Zu Ralf Bohle gehört unter anderem die Fahrradreifen-Marke „Schwalbe“.
Pyrolyse-Verfahren
Mittels Pyrolyse werden chemische Verbindungen durch Hitzebehandlung unter Luftausschluss gespalten. Da hohe Temperaturen zum Einsatz kommen, werden die Bindungen innerhalb der Moleküle gespalten. Aufgrund des Sauerstoffausschlusses bedarf es keiner Verbrennung mehr. Das Projektteam behandelt in einer Pyrolyse-Anlage Altreifen bei Temperaturen zwischen 550 und 750 Grad unter Sauerstoffabschluss thermisch.
Das Ergebnis: Der Fahrradreifen zersetzt sich in drei Teile - und zwar Pyrolysegas, -öl und -koks. Pyrolysegas ist brennbares Gas, das in erster Linie durch Pyrolyse von Biomasse bei Temperaturen von unter 500 bis zu 1.500 °C aus den flüchtigen Bestandteilen gewonnen wird. Pyrolyseöl wird auch „Bio-Öl“ genannt und besteht aus einer dunkelbraunen Flüssigkeit. Es lässt sich zu wertvollen Feinchemikalien für die chemische Industrie weiterverarbeiten. Das Pyrolysekoks nennt sich auch Recycling-Ruß und soll wieder in die neuen Fahrradreifenmischungen eingebracht werden. Das Verfahren ist so umweltschonend, da sich die Anlage vollkommen energieautark betreiben lässt.
Recycling-Kreislauf von Schwalbe
Seit einiger Zeit besteht die Möglichkeit, alte Reifen zu recyceln. Bei Fahrradschläuchen wird Recycling bereits seit geraumer Zeit angewandt. Da diese bis auf das Ventil fast ausschließlich aus Gummi bestehen, ist dies auch einfacher als beim Reifen, dem aus Stabilitätsgründen noch Verbundstoffe zugefügt sind. Jetzt ist es möglich, auch Radreifen zu verwerten. Der bekannte Reifenhersteller Schwalbe hat dazu ein neues Verfahren entwickelt. Für das Recycling können alte Reifen einfach bei einem am Programm teilnehmenden Händler abgegeben werden. Es ist nicht nötig, dafür auch neue Reifen zu kaufen. Die Marke des Reifens spielt dabei ebenfalls keine Rolle. Die gebrauchten Reifen werden dann eingeschmolzen und nach Wertstoffen getrennt. Diese können für die Herstellung neuer Reifen eingesetzt werden. Dieses Verfahren erspart im Vergleich zur Neuherstellung nicht nur wichtige Rohstoffe, sondern auch 80 % an CO2.
Und so funktioniert es: Kunden können die Fahrradreifen bei allen Händlern, die sich an dem Programm beteiligen, abgeben. Das Logistikunternehmen Emona bringt die Sammelcontainer zum Reifen-Recycling-Stützpunkt von Pyrum. Dort werden die Bestandteile der Reifen in einem patentierten, thermischen Verfahren voneinander getrennt. Danach werden die wiedergewonnenen Rohstoffe für die Produktion neuer Reifen einsetzt. Knapp 80 Prozent CO2 werden laut Schwalbe so gespart.
Fast alle Komponenten deines Fahrrads gehen irgendwann kaputt. Bei der Herstellung von Fahrradreifen kommen mehrere Komponenten zusammen, die eigentlich unterschiedlich entsorgt werden müssten: verschiedene Chemikalien, Gummi, Kautschuk, Kevlar und sogar Metall. Dieser Materialmix macht es auch so schwierig, Fahrradreifen zu recyceln.
Die einzelnen Schritte im Recycling-Kreislauf
Die Fahrrad-Altreifen werden in vier Stufen zerkleinert und separiert.
- 1 Tonne Altreifen ergeben 150 kg Stahl + 100 kg Textilfasern + 750 kg Gummigranulat.
- Das Gummigranulat landet bei 700 °C unter Sauerstoffausschluss im Pyrolyse-Backofen.
- Es entstehen: 190 kg Prozessgas, 250 kg Pyrolyse-Öl und 310 kg Pyrolyse-Koks rCB (Recovered Carbon Black).
- Mit dem Gas wird die Pyrolyse-Anlage energieautark betrieben.
- Das Öl findet seinen Einsatz als Rohölersatz und wird von BASF abgenommen.
- Das rCB wird für die Produktion neuer Reifen verwendet.
Bestandteile und ihre Wiederverwertung
Rohstoffe in Fahrradreifen: Ruß ist neben Kautschuk ein wesentlicher Bestandteil von Radreifen. Im Recycling kann der enthaltene Ruß nahezu vollständig extrahiert und wiederverwendet werden. Der Gummi im Reifen kann nicht wieder verwendet werden. Er wird allerdings zu Kohlenwasserstoffen veredelt und kann dann von der Chemieindustrie als Ausgangsstoff verwendet werden. Hierdurch wird Erdöl eingespart. Stahl dient im Reifen zur Stabilisierung. Die im Gummi einvulkanisierten Stahlstreifen können nach Zerkleinerung des Reifens recycelt werden.
Alternativen zur Entsorgung
Nicht unbedingt müssen Sie alte Reifen auch entsorgen. Nur weil diese am Fahrrad keine Verwendung mehr finden, heißt dies nicht, dass sie nicht noch anders genutzt werden können. Alte Reifen können noch zu vielerlei Zwecken dienen. Zum Beispiel können Reifenstücke als Transportsicherung für empfindliche Gegenstände verwendet werden. In kleine Stücke geschnitten, können sie auch als Gummipuffer für Schraubverbindungen dienen. Das sogenannte „Upcycling“, also die Zuführung einer neuen Verwendung, kann eine interessante Alternative zur Entsorgung darstellen. Zu diesem Zweck können gebrauchte Reifen zum Beispiel bei Ebay, auf Flohmärkten oder in Kleinanzeigen veräußert oder verschenkt werden. Einen hohen Erlös sollten Sie allerdings nicht erwarten, sondern froh sein, wenn Ihnen jemand die alten Reifen abnimmt.
Weitere Entsorgungsmöglichkeiten
Viele Materialien sind aber noch sinnvoll verwertbar, weshalb sich die Abgabe der alten Fahrradreifen bei einem Wertstoffhof lohnt. Eine weitere, oft nicht bekannte Möglichkeit zur Entsorgung von Fahrradreifen ist die Abgabe bei einem Fahrradhändler. Zwar besteht dazu keine gesetzliche Pflicht, aber viele Händler nehmen alte Reifen trotzdem zurück. Das ist in der Regel gar keine schlechte Sache, weil die gut vernetzten Händler die teils schwer zu recycelnden Gummi-Elemente sinnvoller Weiterverarbeitung zuführen können und über entsprechende Kontakte zu Herstellern verfügen. Fahrradreifen für den nächsten Sperrmüll zu sammeln, ist ebenfalls eine praktikable Lösung.
Wo kann ich meine alten Reifen abgeben?
Auf der Schwalbe-Webseite finden sich mittlerweile über 1300 teilnehmende Händler. Dort können alte Fahrradreifen abgegeben werden. Es wird jeder Fahrradreifen angenommen und recycelt. Und man kann natürlich auch Reifen abgeben, wenn man keinen neuen kauft.
Wann sollte ich einen Reifen wechseln?
Einen exakten Wert wie bei Autoreifen, wo die Verschleißgrenze anhand der Profiltiefe bestimmt wird, gibt es bei Fahrrad- oder Mountainbike-Reifen nicht. Je abgefahrener die Stollen, desto schlechter wird die Performance. Und auch die Pannensicherheit. Wenn das Profil so abgefahren ist, dass die Traktion leidet. Nach zwei, drei Jahren beginnt zudem die Gummimischung, porös zu werden. Sobald deutliche Risse auftreten oder Stollen an den Seiten ein- oder abreißen, ist es Zeit für einen Reifenwechsel.
Kosten für die Entsorgung
Das ist individuell. Zumeist kommt der Händler für die Kosten der Entsorgung (139 Euro pro Container) auf. Es gibt jedoch auch vereinzelt Shops, die von den Kunden eine kleine Beteiligung verlangen.
Beitrag zum Umweltschutz
Durch den Prozess vermeidet man Müll und CO2-Emissionen bei der Verbrennung. Stattdessen wird Rohölersatz in einer energieautarken Produktion gewonnen sowie Ruß, der dann in neuen Reifen Verwendung finden kann. Dadurch spart man auch im Reifenherstellungsverfahren CO2 (laut Schwalbe 80 Prozent) sowie fossile Rohstoffe.
Das Recycling-System von Schwalbe
Bisher war Schwalbe, einem Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit, das Recycling nur mit Schläuchen gelungen. Das System auf Reifen auszuweiten stellt einen gewaltigen Quantensprung dar, da diese im Aufbau komplexer und von den Materialien her vielfältiger sind.
Interview mit Felix Jahn (Schwalbe)
Felix Jahn (31), CSR-Manager bei Schwalbe, erklärt im Interview, wie das Familienunternehmen gerade zum Vorreiter der Kreislaufwirtschaft wird.
BIKE: Schwalbe versucht schon seit den 90er-Jahren, ein Reifen-Recycling-Programm aufzustellen. Warum hat das so lange gedauert?
Felix Jahn: Im Gegensatz zum Schlauch besteht ein Reifen nicht aus Mono-Material. Er ist deutlich komplexer im Aufbau mit Wulstkern, Karkasse sowie verschiedenen Gummimischungen. Schon die Zerlegung ist eine Herausforderung. Ganz zu schweigen von der Wiederaufbereitung. Umso stolzer sind wir jetzt, den Kreislauf geschlossen zu haben.
Warum habt Ihr Euch an dem Thema so festgebissen? Grundsätzlich sehen wir es als unternehmerische Pflicht, so ressourcenschonend wie möglich zu handeln. Die Kreislaufwirtschaft ist dabei ein wichtiger Baustein. Ganz ehrlich: Das Verbrennen von Reifen empfanden wir schon immer als Katastrophe. Die Emissionen, die dabei entstehen, die Ressourcen, die für immer verloren gehen.
Ich bin mir sicher, dass auch andere alte Radkomponenten zu hochwertigen neuen werden können. Wir können als Branche den Wandel von der linearen hin zur Kreislaufwirtschaft schaffen.
Spielt neben dem Punkt der Nachhaltigkeit auch die Sicherung der eigenen Lieferkette eine Rolle? Natürlich sehen wir die wachsende Fragilität der globalen Lieferketten. Sich hier ein zweites Standbein aufzubauen, kann uns nur guttun.
Wie hat der Handel auf Euer Reifen-Recycling-System reagiert? Sehr positiv, was sich auch durch die jetzt schon hohe Teilnehmerzahl bestätigt. Reifenentsorgung ist für viele Betriebe ein Problem, weil es zeitaufwändig und umständlich ist. Vom Umweltgedanken mal ganz zu schweigen.
Wo liegen aktuell noch die Herausforderung für Euch? Wir arbeiten weiter daran, eine Qualität des recycelten Rußes zu erreichen, mit dem sich langlebige, leistungsstarke Reifen herstellen lassen. Reifenmischungen werden ja aus Virgin Carbon Black gewonnen, einer kohlenstoffreichen Mischung aus Rohöl und Gas. Die Ruße sind dabei in ihren Charakteristika genau definiert. Das ist bei recovered Carbon Black nicht der Fall. Es werden verschiedene Reifen von diversen Marken aufbereitet, und entsprechend gibt es eine Varianz in der Qualität. Wir forschen nun an einem möglichst gleichbleibenden Output. Dann können wir die Gummimischung anpassen.
Wie sehen Eure weiteren Ziele aus? Dieses Jahr präsentieren wir auf der Eurobike 2023 den ersten Fahrradreifen aus 100 Prozent rCB, der danach im Handel verfügbar ist. Natürlich verfolgen wir das Ziel, so viele Produkte wie möglich mit rCB auszustatten.
Der Fall Ingo Ruhland
Radhändler Ingo Ruhland glaubte fest daran, dass Reifen-Recycling eines Tages möglich sein wird. Er sollte recht behalten. 23 Jahre, nachdem er angefangen hatte, Altreifen von Kunden für den Tag x aufzuheben, wurden die angesammelten 20 000 Exemplare von Schwalbe abgeholt.Die Meldung klang wie ein Märchen und ging durch alle Medien: Radhändler Ingo Ruhland aus Freising hatte jahrelang die alten Reifen seiner Kundschaft gesammelt, weil er es als Verbrechen an der Umwelt empfand, sie einfach in die Müllverbrennung zu geben. Insgeheim habe er gehofft, dass irgendwann ein Recycling-Verfahren entwickelt werde. “Reifen sind kein Müll, sondern Wertstoffe”, stellt Ingo Ruhland klar. Mehr als 20 000 Altreifen sammelten sich im Laufe der Jahre in seinem Gewölbekeller an, ohne dass seine Hoffnung erfühlt wurde. Dann, im November, 23 Jahre nach Beginn der Sammelaktion war es soweit. Schwalbe hatte das Unmögliche möglich gemacht. Zusammen mit der TU-Köln sowie dem innovativen Saarländer Startup Pyrum gelang es, ein System zur Rückgewinnung von Reifen-Rohstoffen zu realisieren.
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