Frau Motorrad Weltreise: Mit 64 Jahren auf zwei Rädern um die Welt

Mit 64 Jahren erfüllt sich die äußerst fitte Rentnerin Margot Flügel-Anhalt einen lang gehegten Traum: Sie steigt das erste Mal in ihrem Leben auf ein Motorrad und düst los. Einen Motorradführerschein besitzt sie nicht, doch ihr „alter grauer Lappen“ erlaubt noch das Fahren mit Zweirädern bis 125 Kubikzentimetern.

Los geht’s in ihrem Dorf in Nordhessen und danach 117 Tage und 18.046 Kilometer lang durch Osteuropa und Zentralasien. Die Bikerin überquert nicht nur die Grenzen von 18 Ländern, sondern auch die zwischen Menschen fremder Sprache und Kultur - und vor allem ihre eigenen: Allein als ältere Frau unterwegs auf einer kleinen Reiseenduro, vorbei an atemberaubend schönen wie rauen Landschaften, über die Wolga und das Pamir-Gebirge.

Die Filmemacher Johannes Meier und Paul Hartmann haben eine abenteuerlustige Rentnerin begleitet, die während ihrer Tour außer geografischen auch kulturelle und immer wieder physische Grenzen überwindet. Das SWR Fernsehen zeigte am Mittwoch, 3. Februar 2021, eine zweiteilige Reportage über die mutige Leichtkraftradlerin mit dem Titel: „Über Grenzen - Mit Vollgas in den Ruhestand“.

Die Reise beginnt

Am 26. Mai 2018 fuhr Margot Flügel-Anhalt los. Sie ist alleine losgefahren, mit einer Honda XR 125 L. Die Honda hat 11 PS, 8 kW, 1 Zylinder, Vergaser, Höchstgeschwindigkeit 100 km/h, Elektro-Starter und Kettenantrieb. Es ist eine Dualsport Maschine, eine Enduro mit sehr gutem Federweg - das ist bei Schlaglöchern günstig.

Margot hatte keinen Motorrad Führerschein. Mit ihrem Sohn ist sie vor der Reise nach Zentralasien in die Schottischen North West Highlands gereist. Insgesamt war sie ca. 4.000 Kilometer mit der Enduro unterwegs, fahren konnte sie da noch nicht so richtig.

Die Filmemacher Johannes Meier und Paul Hartmann haben Margot auf ihrer Reise begleitet und den Kinofilm „Über Grenzen“ gebastelt.

Hindernisse und Herausforderungen

Am ersten Tag kam sie bis Gera und bereits am nächsten Morgen streikte das Moped. Das selbe am darauffolgenden Tag. Der ADAC schleppte sie jedes Mal in die Werkstatt.

Durch Polen, die Ukraine, Russland und Kasachstan fuhr Margot bis Kirgistan. Dort, auf 3000 Meter Höhe wartete sie auf ihr Filmteam: Zwei Freunde aus der Theatercrew, in der sie seit Jahren gutes Laientheater schaffen. Es hatte geregnet und geschneit dort oben auf dem Pass, der bis auf 4.200 Meter Höhe bis zur Grenze anstieg.

Es gab Augenblicke, da wollte sie aufgeben, das Moped stehen lassen und warten, bis das Wetter wieder „offen“ ist, wie man im Hessischen sagt. Oben angekommen, öffnete sich der enge, verschneite Pass in eine weite Ebene, an deren linkem Rand sich die chinesischen Bergriesen erhoben. Rechts der Piste der Pamir. Eine irre Landschaft, wie man sie sich vielleicht auf dem Mond vorstellt.

Später, im Wakhan Corridor in Gorno Badachschan, an der Grenze zu Afghanistan, stürzte sie vor einer Wasserrinne - zu heftig an der Vorderradbremse gezogen - ins Geröll, eine Eisenkante der Honda krachte auf ihren Knöchel, der sofort heftig schmerzte und anschwoll. Zwei polnische Biker, die den Pamir Highway in der anderen Richtung unterwegs waren, leisteten ihr Erste Hilfe. Ab diesem Augenblick, wo der Ersthelfer ihren lädierten Fuß berührte, wusste sie, sie würde weiter reisen können, der Knöchel würde heilen.

Im Iran besorgte Margot sich ein Ziegenfell, des langen Sitzens auf dem Bike wegen. Das hilft. Unterwegs gibt es nie die Frage, wie alt jemand ist, ob Mann oder Frau, welche Sprache man spricht oder mit wie viel PS sich jemand auf den Weg macht.

Die schwierigen Pistenverhältnisse bei Regen, Schlamm und Schneematsch in der dünnen Luft auf mehr als 3800 Meter Höhe über den Kyzyl-Art-Pass von Kirgistan nach Tadschikistan - das waren die größten Herausforderungen für Margot und ihre gebeutelte kleine Honda mit Benzin-Luftgemisch im Vergaser.

Nach einem schmerzhaften Sturz, bei dem ihr eine Eisenkante des Motorrads den Fußknöchel beinahe gespalten hat, war es unglaublich schwer, wieder auf das Motorrad zu steigen. Nur mit Hilfe des Mitgefühls und der mentalen Unterstützung ihrer Biker-Mentoren konnte sie die Angst vor einem erneuten Sturz überwinden und wieder aufsteigen.

Der furchtbare Terroranschlag, bei dem im Süden Tadschikistans vier Menschen ihr Leben verloren und drei andere teilweise schwer verletzt worden sind, hat tiefe Ängste in uns Fernreisenden ausgelöst. Geholfen hat dann die Gemeinschaft, in der man über die Tat sprechen konnte, sich ausgetauscht und beraten hat.

Begegnungen und Erkenntnisse

In all der Zeit war Margot immer wieder auf die Hilfe der Menschen um sie herum angewiesen, sei es beim Öl- und Kettenwechsel, bei Fragen nach dem Weg oder nach Unterkünften, bei der Bewältigung des Attentats, das auf eine Gruppe von Fahrradreisenden in Tadschikistan verübt worden war. Und die Menschen in Asien sind nur allzu gerne bereit, einem Fremden zu helfen.

Den anderen Fernreisenden zu begegnen, Fahrradfahrern, Bikern, Reisenden im öffentlichen Kleinbus und ganz Irre auch zu Fuß unterwegs, ist wundervoll. Jeder ist ständig ein wenig dreckig, braungebrannt im Gesicht, die Augen voller wilder Freude über all diese Freiheit des Unterwegsseins. Auch von ihnen habe ich immer wieder Hilfe und Unterstützung gefunden und ihnen meine angeboten.

Der polnische Polizist - ein vorbeikommender Biker, der Margot im Wakhan-Korridor nahe der afghanischen Grenze nach einem Sturz Erste Hilfe geleistet hat - wird ihr mit seiner ruhigen Kompetenz wohl für immer im Gedächtnis bleiben. Und auch die vielen anderen Menschen, die ihr Wasser, Unterkunft, Essen, technische Hilfe und Einblick in ihre besonderen Leben geschenkt haben.

Jeden Augenblick prägen die unfassbaren Wunder der zentralasiatischen Bergwelt mein Bewusstsein: Imposante, erhabene Gebirgszüge auf der einen und auf der anderen Seite Wüsten, die ich durchquert habe: ein wildes, unwegsames, undurchdringliches Nichts. Das alles zu erleben - dafür bin ich aufgebrochen.

Sie reiste auch durch Länder wie Tadschikistan oder den Iran, in denen schwierige politische und soziale Verhältnisse herrschen und Menschenrechte missachtet werden. Die schwierigen sozialen Verhältnisse z.B. in Tadschikistan und insbesondere in der autonomen Region Gorno-Badachschan sind deutlich erkennbar: kein fließendes Wasser, nur stundenweise Strom über Generatoren, keine ärztliche Infrastruktur für Notfälle. Und Arbeitsplätze, Schulen, Krankenhäuser gibt es nur in den größeren Orten.

Die politische Unterdrückung im Iran ist überall fühlbar und ständiger Begleiter. Wer sich nicht den schiitischen Regierungsparteien zuordnet, oder beispielsweise vom Islam zum Christentum konvertiert, ist so gut wie tot.

Die Welt ist wunderschön. Und die Menschen sind gut. Diese Erkenntnis habe ich von unterwegs aus mitgebracht. Und natürlich die kleine Honda. Immer noch mit den selben Reifen.

Nach der Reise

Im Herbst 2019 hatte Margot ihr Buch „Über Grenzen“ fertig, das sie aus Tagebuch- und Blogeinträgen und ihrer Erinnerung schrieb, fertig. Infos sowie Bestellmöglichkeiten für den wirklich empfehlenswerten Film und das Buch gibt es online unter www.über-grenzen.de.

Lange hat sie es übrigens nicht zu Hause ausgehalten - mit 65 Jahren und einem 24 Jahre alten Benz machte sie sich auf, um 15 Länder über 18.000 Kilometern bis nach Südostasien zu bereisen. Ruhestand? Daran denkt Margot Flügel-Anhalt nun wirklich nicht.

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