Motorradgepäck: Von Ledertaschen bis zu modernen Lösungen

Wenn Motorradfahrer heute Zubehör und Ausrüstung für ihr Motorrad suchen, dann stehen sie vor einem riesigen Angebot. Sowohl was die Bekleidung betrifft, als auch bei Lösungen für den Gepäcktransport: Tankrucksäcke, Motorradseitentaschen, Gepäckrollen.

Die Anfänge: Gepäcktransport in den 50er und 60er Jahren

Völlig anders war die Situation in den frühen 50er und 60er Jahren. Zubehör für Motorradfahrer war sprichwörtlich Mangelware. Die Fahrer saßen in gewöhnlicher Alltags-Kleidung auf Roller, Motorrad oder Gespann. Für Kälte und Regenwetter, zum Schutz gegen Schmutz und Wind, hatte man lange „Fahrmäntel“ in einem weiten Schnitt, die man über die dicke Jacke drüberziehen konnte. Bei „betuchten“ „Herren-Fahrern“ war dieser aus Leder, die preiswertere Version und erheblich praktischere, bestand aus „Gummi"-Material. Das innere Baumwollgewebe hatte außen und innen eine Gummibeschichtung und war somit wind- und wasserdicht. Nach einer Regenfahrt oder nach verschmutzen Straßenabschnitten konnte man sie schnell reinigen.

Vor diesem Hintergrund war die zweiteilige Lederkombi, die „HARR" 1959 in den Markt einführte, eine echte Sensation. („HARRO", gegründet 1944, basiert auf dem Namen des Firmengründers Ernst Harr und dem Ort des Unternehmenssitzes in „Rohrdorf“ im Nagold Tal).

1962 löste „HARRO" das zweite große Problem der Motorradfahrer: Er führte den, mit Ernst Leverkus zusammen entwickelten, Tankrucksack „Elefantenboy“ in den Markt ein. Der Elefantenboy war und ist unerhört robust, der Autor dieses Artikels fährt „seinen“ Elefantenboy seit nunmehr 45 Jahren auf wechselnden Motorrädern über 400.000 Kilometer. Aufgrund guter Pflege, ist dieser Tankrucksack noch immer „im Dienst“. Ausgetauscht wird regelmäßig lediglich der Schaumstoff an der Tankauflagefläche des Tankrucksackes. Der „HARRO“ (Tankrucksack) ist inzwischen so etwas wie „historisches Kulturgut“.

Umso trauriger war der Autor (vermutlich nicht alleine), als bekannt wurde, dass das Unternehmen „HARRO" 2014 den Betrieb einstellte. Doch es kam im Jahr 2016 zu einer Wiederbelebung. Alexander Bodamer und Daniela Talmon gründeten ihr Unternehmen „Die RENNWESTE“ und arbeiten hart daran, der Marke „HARRO" ein zweites Leben einzuhauchen. Selbstverständlich werden die Kultprodukte der vergangenen Jahrzehnte wieder aufgelegt. Die Kunden können den „HARRO"-Elefantenboy, die „Rennweste“ oder den „Knochensack“ („Kosename“ für eine einteilige Lederkombi von „HARRO") wieder kaufen.

Die RENNWESTE: Eine Hommage an HARRO

Der BVDM hat die beiden Unternehmer in Rohrdorf im schönen Nagold-Tal besucht und interviewt. (Ja, das „neue“ Unternehmen wurde wieder in Rohrdorf angesiedelt).

Daniela: Mein Leben mit dem Motorrad begann mit 16 Jahren, gestartet auf einer 80er Vespa, die ich später auf 135 ccm getunt habe. Seit dieser Zeit fahre ich die Marke „HARRO". Heute auf einer Yamaha SR 500. Meine erste Jacke stammte vom Flohmarkt, denn damals schon war „HARRO" eine Edelmarke.

Alexander: Auch ich bin mit 16 Jahren mit einem Motorrad gestartet. Mein erstes Motorrad war eine Honda MTX80, gedrosselt auf 50 ccm. Klar, zu der Honda habe ich damals die „Rennweste“ getragen.

Know-How und Fachkenntnisse

BVDM: Wenn man Produkte herstellt, wie Motorradbekleidung oder Zubehör, wie z.B. den Tankrucksack, benötigt man ja vermutlich technisches und kaufmännisches „Know How“. Wie habt Ihr Euch dieses „Know How“ angeeignet?

Alexander: Ich habe eine Ausbildung zum Motoren-Mechaniker und später ein Studium der Fahrzeug-Technik in Berlin absolviert. Längere Zeit habe ich bei dem Automobilzulieferer „BOCAR" in Wolfsburg gearbeitet und war unter anderem für diese Unternehmen auch in Mexiko.

Daniela: Meine Grundlage für die Selbstständigkeit ist eine kaufmännische Ausbildung im Textil-Einzelhandel. Mit diesem Hintergrund organisiere ich heute die Schnittstelle zwischen dem Kunden und der Produktion in der Schneiderei. Ich sorge dafür, dass die Leder-Kombi dem Kunden passt.

BVDM: Wann habt Ihr die Lizenzen erworben?

Alexander & Daniela: Zu den Firmeninhabern von „HARRO" hatten wir schon kurz vor der Betriebsschließung Kontakt. 2015 haben wir die restlichen Lagerbestände gekauft, ebenso wie die Schnittmuster und Teile des Maschinenparkes. Zunächst haben wir die Lagerbestände abverkauft. Damals haben viele Leute angerufen, wir haben Listen angefertigt, was die Kunden suchen, was sie sich von der Marke „HARRO" wünschen. Die Firma war zunächst noch die „BOCAST GmbH" mit Firmensitz in Nagold. 2016 konnten wir dann die Lizenzen zur Fertigung der „HARRO"-Klassiker erwerben und fertigen seitdem unter dem Namen „Die RENNWESTE“. In 2017 haben wir dann diese Halle in Rohrdorf erworben und nach umfangreicher Renovierung sind wir am 21.

BVDM: War es sehr schwer, für die Herstellung das fachkundige Personal zu akquirieren?

Daniela: Oh ja, das war ein schwieriger Start. Zunächst haben wir hier im weiten Umfeld von Rohrdorf nach Lederschneidern gesucht und niemanden mit entsprechendem Know-How und Leidenschaft gefunden. Der damalige Produktionsleiter war inzwischen nach Rumänien zurückgekehrt. Durch einen glücklichen Zufall konnten wir seine Adresse in Erfahrung bringen. Er hat uns dann geholfen, die Produktion mit geschulten Fachkräften in Rumänien aufzubauen. Das Material kommt primär aus Deutschland und Italien. Der Tankrucksack wird vollständig in Deutschland hergestellt.

Übrigens: Wir sind nach wie vor auf der Suche nach Leder-Schneidern in der näheren und auch weiteren Umgebung.

Alleinstellungsmerkmale der Marke HARRO

BVDM: Wie differenziert sich heute die Marke „HARRO" von den Wettbewerbern? Was ist denn die „unique selling proposition" (Alleinstellungsmerkmal) der Marke „HARRO"? Was macht sie einzigartig?

Alexander: Eine große Bedeutung hat die Psychologie. Unsere Kunden kaufen sich die Freiheit und Erinnerung ihrer Jugend. Hinzu kommet, dass wir eine der wenigen Marken sind, die „Customizing“ anbieten. Wir erfüllen die Wünsche der Kunden nach angepasstem Schnitt, nach ausgewähltem Material und nach einer individuellen Farbgebung und persönlichen Applikationen. Wenn der Kunde es möchte, bekommt er seine Motorrad-Leder-Kleidung maßgeschneidert.

Daniela: Die „HARRO"-Schnitte sind seit Jahrzehnten erprobt. Die Ergonomie stimmt, ebenso wie die Qualität. Wir konnten an gute alte Lieferanten anknüpfen und unser Leder wird nach einem alten „Geheimrezept“ gegerbt.

BVDM: Motorradfahrer sind Individualisten. Sie sind so vielfältig wie ihre Motorräder. Wer ist Eure Zielgruppe?

Alexander: In erster Linie die „Motorrad-Wiedereinsteiger“, so mit einem Alter von Ende 40 bis Anfang 50. Dann die „Individualisten“, des Typus „Build not Bought“. Es sind die Menschen die eine Marke suchen, die Ihnen Individualität und Flexibilität verspricht. Hinzu kommen immer mehr „junge Leute“ mit hohem Qualitätsbewusstsein. Unser Kunden-Schwerpunkt liegt hier in Deutschland.

Zukunftspläne und Veranstaltungen

BVDM: Wir hoffen ja alle, dass sich unser Leben bald wieder „normalisiert“ und wir hoffen auch, dass auch Motorradmessen und -events wieder stattfinden werden. Welche Messen/Events habt Ihr den in Eurem Planungshorizont?

Alexander: Im Visier haben wir 2022 die „Meet the Makers“ in München; „Rock & Hock“ in Friedrichshafen sowie die Custom Bike Show in Bad Salzuflen. Und, ganz besonders, „Glemseck 101“. Ja und dann nehmen wir an diversen Clubausfahrten teil und veranstalten hier vor Ort, am 30.

BVDM: Unternehmer sein ist ja eine sehr arbeits- und zeitintensive Angelegenheit. Dieser Artikel ist ein Schlaglicht auf die Bemühung eine historische „Kult-Marke" wieder zu beleben.

Der Elefantenboy und die Lederkleidung der Marke „HARRO" wurde intensiv begutachtet und vor dem Hintergrund der persönlichen, über 45-jährigen Motorraderfahrung, eingeschätzt. Selbstverständlich ist es kein Qualitätstest nach den harten und objektiven Kriterien eines technischen Labors.

Verschiedene Arten von Motorradgepäck

Zur Auswahl stehen eine Vielzahl von Möglichkeiten, je nachdem, an welchem Teil des Motorrads die Tasche angebracht werden soll.

  • Tankrucksäcke: Der Klassiker unter den Motorradtaschen. Selbst bis zum Rand vollgepackt wirkt er sich kaum negativ auf den Schwerpunkt des Bikes aus, außerdem können in ihm kleinere Gegenstände, die schnell zur Hand sein sollen, griffbereit untergebracht werden.
  • Topcases und Hecktaschen: Quasi die Pendants zum Tankrucksack stellen Topcases oder auch Hecktaschen dar. Beide werden entweder auf dem Heckgepäcktrager mittels einer Adapterplatte oder über einen gesonderten Träger hinter der Sitzbank mit Schnellverschlüssen befestigt.
  • Satteltaschen: Viele Biker ziehen ihnen daher Satteltaschen vor. Sie haben den Vorteil, dass sie sich an nahezu jedem Motorrad befestigen lassen - Ausnahme sind etwa eine hohe Auspufflage -, da sie kein Trägersystem voraussetzen.
  • Koffergepäcksysteme: Die Hartschalenkoffer sind stabil und robust, meistens wasserdicht, mit einem Schloss ausgestattet und sitzen dank Trägersystem bombenfest. Zudem bieten sie ein großes Packvolumen, weswegen sie in der Regel für längere Touren vorgezogen werden.
  • Gepäckrollen: Ordentliche, tourentaugliche Gepäckrollen beziehungsweise Packtaschen sind schon für deutlich unter 100 Euro zu haben. Sie ähneln einer gewöhnlichen Reisetasche, unterscheiden sich hauptsächlich im Verschlusssystem, von den Rollen und bieten daher eine leichtere Zugänglichkeit zum Gepäck.

Motorrad-Hecktaschen im Detail

Grundsätzlich ist eine Hecktasche fürs Motorrad ähnlich einem Tankrucksack. Sie lässt sich in der Regel auf dem Sozius-Sitz oder Gepäckträger des Motorrads anbringen und sorgt damit für Stauraum auf dem Bike.

Beispiele für Motorrad-Hecktaschen

  • Held Iconic Evo Hecktasche: Die Iconic Evo Motorrad-Hecktasche bietet Held gleich in zwei unterschiedlichen Größen an: M und L. Bei L entspricht das Volumen der Motorrad-Hecktasche in etwa einem Integralhelm.
  • Held Vivione Hecktasche: Die Held Vivione Hecktasche bietet einen wasserdichten Stauraum fürs Motorrad, dazu einen Rundum-Reißverschluss zur Steigerung des Volumens, einen Tragegriff, Reflex-Einsätze und einen Tragegurt.
  • Kriega US-20 Drypack: Viele Möglichkeiten zum Verstauen von Gepäck auf dem Motorrad bietet der Rucksack Kriega US-20 Drypack. Er kann dank verschiedener Gurte sowohl als Hecktasche als auch als Tankrucksack, Seitentasche oder Tragetasche verwendet werden.
  • Rhinowalk Motorrad-Sitztasche: In die große, schwarze Rhinowalk Hecktasche passen bis zu 60 l - ideal für eine längere Tour auf mittleren und großen Tourenmotorrädern, Reiseenduros, Straßenmotorrädern und Cruisern.
  • QBag Hecktasche: Die QBag Hecktasche fasst 60 l und ist wasser- und staubdicht. Sie besteht aus reißfestem, PU-beschichtetem Nylonmaterial, die Nähte sind laut Hersteller sorgfältig verschweißt.

Wie befestigt man eine Motorrad-Hecktasche?

Hecktaschen lassen sich am einfachsten mit Spanngurten oder Spanngummis mit dem Sitz oder dem Heckträger verbinden. Bei den meisten Hecktaschen gehören die Verbindungsgurte zur Ausstattung dazu, manche kombinieren diese mit Schnellverschlüssen.

Sind alle Hecktaschen fürs Motorrad wasserdicht?

Die meisten Hecktaschen sind wasserabweisend, einige auch wasserdicht. Besonders Kunststoff-Gewebe wie etwa Ballistic Nylon oder PU-Leder schützen den Inhalt vor Feuchtigkeit. Das sollten Interessierte vor dem Kauf unbedingt klären.

Gepäcksysteme für Cruiser

Bevor man auf einem Cruiser hinaus in die weite Welt ziehen will, sollte man sich Gedanken darüber machen, wie man auf dieser Gattung Motorrad am besten seine sieben Sachen unterbringt.

Beispiele für Gepäcksysteme für Cruiser

  • Satteltasche Gaucho: Sehr gut verarbeitete Ledertaschen (Glattleder) im klassischen Look, die sich durch den verstellbaren Mittelsteg an nahezu jede Fahrzeugbreite anpassen lassen.
  • Satteltasche Iron Horse: Einfache, aber große Satteltaschen (27 Liter pro Seite) aus drei bis vier Millimeter starkem genarbtem Leder, die innen mit einer haltgebenden Kunststoffbeschichtung sowie jeweils einer Mini-Innentasche (mit Reißverschluss) versehen sind.
  • Satteltasche Bullock: Sehr hochwertiges und stabiles Taschenset aus dickem Rindleder in auffälliger Kuhfell-Optik.
  • Kofferset Kappa: Robuste Kunststoff-Koffer in Cruiser-Optik, deren Fassungsvermögen von 21 Litern allerdings kleiner ausfällt, als das Aussehen vermuten lässt.
  • Kofferset Buffalo: Großes (30 Liter) und überaus hochwertiges Koffer-Set aus vier bis fünf Millimeter starkem Bullenleder (Glattleder).

Weitere Gepäcklösungen

  • Gepäcknetz: Das Netz ist eine noch einfachere Möglichkeit als die Rolle, Gepäck zu transportieren. Es handelt sich dabei um ein engmaschiges elastisches Netz mit meist sechs Haken.
  • Softbags/Hecktasche: Die Softbags, auch Hecktaschen genannt, sind die weiche Variante des Topcase. Der Sozius freut sich, denn bei Softbags findet auch er genug Platz.
  • Packtaschen/Satteltaschen: Pack- oder Satteltaschen sind die weiche Variante eines Koffersystems, bestehend aus zwei Taschen, die links und rechts von der Sitzbank hängen.

Wichtige Aspekte bei der Wahl des Gepäcksystems

Wichtig ist nicht nur die Wahl des richtigen Gepäcksystems, sondern auch die entsprechende Vorbereitung der Maschine, beispielsweise vor einer längeren Tour. Gepäck bedeutet immer Zusatzgewicht. Kommt noch ein Sozius hinzu, kann das zulässige Gesamtgewicht schnell überschritten sein. So darf nicht gefahren werden.

Tipps zur Vorbereitung und Beladung

  • Das Bike symmetrisch beladen.
  • Den Reifendruck sollte entsprechend der Herstellervorgabe korrekt einstellen.
  • Die Feder- und Dämpferelemente müssen an die höhere Last angepasst werden, um die Fahrwerksgeometrie möglichst ähnlich wie im unbeladenen Zustand einzustellen.

Produktvergleich: Motorrad-Hecktaschen

Die folgende Tabelle bietet einen Überblick über einige der im Artikel erwähnten Motorrad-Hecktaschen, einschließlich ihrer technischen Details und Vor- und Nachteile.

Modell Erweiterbarer Stauraum Material Vorteile Nachteile
Büse Motorrad-Hecktasche Ja Nylon Zusätzliche Befestigungsmöglichkeiten, inkl. Regenhülle Behält unbefüllt die Form nicht bei
Kuryakyn 5281 Nein Textil Integrierte Gummikordeln, UV- und witterungsbeständig Ohne Reflektoren
Nelson-Rigg NR-250 Nein Textil Maximaler UV-Schutz, behält Form bei Ohne Reflektoren
SW-MOTECH Hecktasche Pro Roadpack Ja Nylon Inkl. wasserabweisender Innenhülle, erweiterbar auf 14 l Ohne Reflektoren
SW-MOTECH Drybag 700 Ja Kunststoff Sehr groß, wasserdicht Probleme mit Befestigungsgurten
QBag 05 Ja Polyester Inkl. wasserabweisender Innenhülle, inkl. Regenhülle Ohne Reflektoren
Rhinowalk Multifunktionale Motorradtasche Ja Polyester Wasserdicht, kann als Rucksack verwendet werden Ohne Reflektoren
Held Iconic Evo Hecktasche - - Bietet ausreichend Stauraum, wasserdicht -

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