Giro Synthe MIPS II Fahrradhelm Test: Aerodynamik, Sicherheit und Komfort im Fokus

Für jeden Einsatzzweck gibt es spezielle Rennräder: Zeitfahren, Race, Langstrecke, Gravel, Cyclocross. Inzwischen verhält es sich bei den Helmen nicht grundsätzlich anders: Manche Modelle sind extrem gut belüftet, andere sind auf Geschwindigkeit ausgelegt: Aero-Helme - wie sie die Radprofis bereits seit Jahren tragen. Diese Modelle sind glattflächig und weisen nur wenige kleine Belüftungsöffnungen auf.

Was macht einen guten Aero-Helm aus?

Grundsätzlich sind Aero-Helme technisch ausgeklügelte Produkte. Spezielle düsenförmige Öffnungen an der Front führen den kühlenden Wind durch großzügig bemessene Kanäle gleichmäßig über den Kopf, die großen Kanäle führen deshalb in der Regel zu einer größeren Bauhöhe. Gut gemachte Aero-Helme sind oft besser belüftet, als ihre geschlossene und verschalte Außenhülle vermuten lässt.

Die Ausgangsfrage: Wie viel Leistung lässt sich sparen?

Wie bei allen Tests, bei denen die Aerodynamik beziehungsweise der Luftwiderstand im Vordergrund steht, heißt auch hier die Ausgangsfrage: „Wie viel Leistung und Zeit lassen sich mit Aero-Helmen gegenüber den Standard-Varianten sparen?“ Und was ist ein typischer Standardhelm? Der Abus Aventor lag nur ein Zehntel Watt unter diesem Wert. Deshalb nahmen wir ihn auch in diesen Test auf: als Standardhelm und Bezugsgröße.

Testbedingungen und Methodik

Die Messungen fanden wieder im GST-Windkanal in Immenstaad am Bodensee statt. Die wissenschaftliche Leitung übernahm erneut unser freier Mitarbeiter Dipl.-Ing. Volker Buchholz von der Technischen Hochschule in Lemgo, Fachbereich Maschinentechnik und Mechatronik. Wie bei unseren früheren Windkanaltests kam auch diesmal ein winkelverstellbarer Oberkörper-Dummy mit gekürzten Armen und Beinen zum Einsatz. Wir wählten wieder eine gemäßigte Langstreckenhaltung, vergleichbar mit der Griffposition „Unterlenker, Arme gestreckt“. Ein Kopf-Dummy hätte hier keine korrekten Ergebnisse geliefert, da besonders die hintere Hälfte des Helms großen Anteil am gesamten Luftwiderstand hat.

Aus Gründen der Vergleichbarkeit ist es üblich Versuche im Windkanal mit 45 Kilometern pro Stunde durchzuführen, gleichzeitig ist das auch die Bezugsgeschwindigkeit für Zeitfahrer und Triathleten. Im Windkanal ermittelten wir für alle neun Helme die Leistung, die benötigt wird, um den Luftwiderstand zu überwinden. Gemessen wurden die Werte des Oberkörper-Dummys mitsamt Helm. Diese Werte haben nur einen theoretischen Charakter, da der Dummy gekürzte Arme und Beine hat, weiterhin wurde ohne Rennrad gemessen. Die Differenzen sind allein den Unterschieden zwischen den Helmen zuzuschreiben. Der Windkanalbetreiber GST gibt die Genauigkeit der Messungen mit plus/minus 0,5 Watt an.

Gewichtete Leistung und Seitenwindberücksichtigung

In den Testbriefen finden Sie zunächst die „gewichtete Leistung“ des Dummys mit Helm. Während der Messung dreht sich der Prüfstand mit dem Versuchsaufbau von minus nach plus 20 Grad. Damit sind Seitenwindverhältnisse hier mitberücksichtigt. Einschließlich der Frontalanströmung, null Grad, erhalten wir für jedes Grad einen Messwert. Das heißt: Die einzelnen Winkel mit den dazugehörigen Leistungen werden in dem Maße prozentual gewichtet, wie sie draußen in der Praxis auf den Straßen vorkommen. Die gewichteten Leistungen betragen bei unserem Standardhelm Abus Aventor 278 Watt - und beim Testsieger Scott Cadence Plus 267,4 Watt. Die Differenz beträgt somit 10,6 Watt. Dies entspricht dem Leistungsgewinn zum Standardhelm.

Mit anderen Worten: Mit dem Aerohelm Scott Cadence Plus lassen sich bei einer Geschwindigkeit von 45 Kilometern pro Stunde 10,6 Watt sparen: Man kann demnach bei der gleichen Leistung schneller fahren. Ebenso ist dort die Zeit für 100 flache Kilometer bei 45 und bei 35 Kilometer pro Stunde notiert, mitsamt der gewonnenen Zeit gegenüber dem Standardhelm. Die Basis dieser Berechnung ist eine reale Fahrsituation mit dem Rennrad, mit dem dazugehörigen Leistungsbedarf für die Sitzposition „Unterlenker mit gestreckten Armen“. Hier verrechneten wir die Leistungsgewinne der einzelnen Helme. Immerhin lassen sich so mit dem Testsieger bei einem „45er Schnitt“ 71 Sekunden auf 100 Kilometer sparen. Bei einem „35er Schnitt“ spart man 88 Sekunden. Der Zeitgewinn ist deshalb größer, weil man mit der langsameren Geschwindigkeit auch länger unterwegs ist.

Leistungsgewinn in verschiedenen Geschwindigkeitsbereichen

Mit den vier aerodynamischsten Helmen dieses Tests - den Modellen von Scott, Ekoi, Specialized und Giro - lassen sich rund zehn Watt bei einem „45er Schnitt“ einsparen. Nur, wenn ein engagierter Hobbyfahrer seine flache Feierabendrunde mit einem bemerkenswerten Schnitt von 35 Kilometer pro Stunde absolviert, dann bleibt vom Leistungsgewinn zehn Watt - bei 45 km/h - nur knapp die Hälfte übrig: 4,7 Watt. Der Grund: Leistung und Geschwindigkeit verhalten sich nicht proportional zueinander - der Leistungsbedarf zur Überwindung des Luftwiderstands steigt in dritter Potenz mit der Geschwindigkeit. Desgleichen hochgerechnet bedeutet das für Elite- und Profi-Zeitfahrer: Bei einem „55er Schnitt“ werden ganze 18,3 Watt gespart. Desgleichen gewinnen Einsteiger bei einem „25er Schnitt“ nur 1,7 Watt. Wir ermittelten die Geschwindigkeit, die sich einstellt, wenn sich der beschriebene Rennradfahrer eine zehnprozentige Gefällestrecke ohne zu treten hinabrollen lässt.

Sicherheitsaspekte: MIPS und mehr

Die Top-Helme der Hersteller sind zunehmend mit dem Sicherheitssystem MIPS ausgestattet, so auch sechs Helme in diesem Test. Der Kopf soll damit nicht nur gegen eine Stoßbelastung geschützt werden, sondern zusätzlich auch gegen eine Rotationsbeschleunigung. Beim MIPS-System kommt eine zweite, dünne, innere Helmschale zum Einsatz, die sich gegen die äußere um bis zu 15 Millimeter verdrehen kann. Specialized geht beim Thema Sicherheit noch einen Schritt weiter. Der neue „S-Works Evade 2“ verfügt neben dem MIPS-System auch über einen Notfall-Sensor namens ANGi, der im Falle eines Sturzes automatisch eine SMS mit den Daten des Unfallortes an eine vorgegebene Adresse schickt.

MIPS im Detail

MIPS, das für „Multi Directional Impact Protection System” steht, hat einen Rotationsschutz erdacht, eine zusätzliche, bewegliche Kunststoffschale zwischen Helmpolster und Helmschale. Die Aufgabe dieser inneren Schale besteht darin, bei einem schrägen Aufprall - wie er zum Beispiel beim Sturz über den Lenker typisch ist - etwas zusätzliche Rotations­bewegung der Helmschale zuzulassen. Das senkt die Wahrscheinlichkeit von Hirnschäden, die auftreten, wenn der Schädel sich so schnell dreht, dass die träge Masse des Gehirns nicht folgen kann und Blutgefäße bei der Scherbewegung zwischen Schädelknochen und Gehirn einreißen. Der Übergang von leichter Gehirnerschütterung zu schwerer Kopfverletzung ist dabei nach Ansicht der Mediziner fließend. Das heißt, man sollte möglichst alles tun, was die Belastung des Gehirns bei einem Unfall senkt.

Die Wahrscheinlichkeit, eine mittlere Gehirnerschütterung durch die Rotation zu erleiden, sinkt sogar um drei Viertel, von durchschnittlich 39 auf nur noch 10 Prozent - verglichen mit einem Helm ohne MIPS. Das heißt nicht, dass ein MIPS Rennrad-Helm Hirnschäden immer vollständig vermeidet, aber das Risiko bei einem schrägen Stoß sinkt signifikant gegenüber Standardhelmen. Im Superzeitlupen-Video des TOUR-­Tests (siehe unten) kann man den Effekt sehen: Die Helmschale verdreht sich beim schrägen Aufprall klar erkennbar gegenüber dem Kopf, dieser zusätzliche Bremsweg nimmt Energie aus der Drehung.

Wie verbreitet das System ist, lässt sich am aktuellen Angebot eines großen Online-Händlers ablesen: 1000 von insgesamt 4000 verfügbaren Straßen-Fahrradhelmen sind inzwischen mit MIPS ausgestattet, nur wenige Marken beschreiten gänzlich eigene konstruktive Wege in Sachen Sicherheit. Unser Testfeld spiegelt auch wider, dass die Einstiegspreise für MIPS-Helme gesunken sind: Der günstigste Rennrad-Helm kostet 80 Euro, der teuerste im Testfeld 145 Euro.

Crash-Tests und Sicherheitsbewertungen

Wir testen im Dienste unserer Leserschaft Rennrad-Helme auf Sicherheit - und zwar mit eigenem Equipment, also unabhängig von Herstellern. Und das nicht irgendwie, sondern mit beträchtlichem Aufwand, wie er vergleichbar nur in wenigen Forschungseinrichtungen betrieben wird. Die nach offizieller EN-Norm vorgeschriebenen Standardprüfungen sind weniger streng und ignorieren manche Fortschritte im Fahrradhelm-Design der vergangenen 20 Jahre.

Um das herauszufinden, unterzogen wir jeweils mindestens zwei Helme jedes Modells dem Crash-Test, überprüften aber auch den Tragekomfort und testeten die ­Belüftung mit einem Mini-Windkanal. Im Rotationsschutz bei schrägem Aufprall zeigen alle Helme deutlich Wirkung. Vier Modelle können sich vom Feld absetzen, sie zeichnen sich durch besonders niedrige Drehraten bei einem Sturz auf die Stirn aus, darunter auch der günstige Giant Rev Comp. In der klassischen Schlagdämpfung, bei frontalem und seitlichem Aufprall, schneidet der günstige Giant-Helm hingegen etwas schwächer ab. Bestwerte in dieser Prüfung erzielt Giro mit dem Modell Syntax und schneidet auch in der kombinierten Sicherheitswertung aus Schlagdämpfung und Rotationsdämpfung am besten ab. Insgesamt ist das Sicherheitsniveau des Testfeldes hoch.

Design und Aerodynamik

Bei der Sicht von oben auf dieses Siegerpodest fällt auf, dass die Helme von Scott und Specialized eine tropfenähnliche Form aufweisen. Bekanntlich ist der Tropfen die strömungsgünstigste Körperform. In der Seitenansicht erkennen wir, dass beide Helme weit über den Hinterkopf hinausragen, ähnlich wie bei reinen Zeitfahrhelmen. Die sehr guten Ergebnisse des zweitplatzierte Ekoi sind mit einer glatten Außenschale und einer eingeschränkten Belüftung erzielt worden. Der Scott Cadence Plus überzeugt nicht nur mit phantastischen Messwerten, sondern auch mit einem ausgeklügelten Belüftungssystem. Mit fünf Verschluss-Stopfen, den Aeroplugs, lassen sich die großen Belüftungskanäle einzeln verschließen. Die „offene Variante“ benötigte nur zwei Watt weniger, als die geschlossene.

Weitere Testkriterien: Gewicht, Komfort und Belüftung

Die Gewichte der getesteten Rennrad-Helme variieren zwischen 265 und 340 Gramm. Eine Korrelation zwischen Gewicht und Schutzfunktion sehen wir nicht. Scott liefert mit dem Modell Arx Plus innerhalb dieses Testfeldes sogar einen besonders leichten Radhelm mit der zweitbesten Schutzfunktion und obendrein der besten Belüftung. Was diesem Modell unterm Strich auch den Testsieg nach Punkten beschert. Von unseren Noten kann man sich bei einer Vorauswahl für ein Helmmodell nur leiten lassen, denn in der Praxis ist es wichtig, dass der Helm gut sitzt. Die Anpassungssysteme sind zwar ziemlich ausgereift und tolerant, aber der beste Helm nützt nichts, wenn er nicht richtig passt oder schlecht getragen wird. Deshalb raten wir zu einer Anprobe. Sitzt der Helm gut, findet er im Falle eines Falles gute Arbeitsbedingungen vor, um sein ganzes Schutzpotenzial zu entfalten.

Zusammengefasst können wir festhalten: Die Aero-Helme sind durchgehend besser belüftet, als ihre geschlossene Außenschale vermuten lässt.

Ausgewählte MIPS Rennrad-Helme im Test

Hier eine Übersicht einiger getesteter MIPS Rennrad-Helme:

Modell Preis Gewicht Größen Wahrscheinlichkeit Gehirnerschütterung Fazit
BBB Maestro Mips 140 Euro 340 Gramm S, M, L 16 % Schwerster Helm im Test, fällt klein aus.
BELL Formula Mips 120 Euro 275 Gramm S, M, L 21 % Leichter Helm mit Allround-Passform.
BOLLE Exo Mips 130 Euro 315 Gramm S, M, L 7 % Passt auf viele Köpfe, relativ hohes Gewicht.
GIANT Rev Mips 120 Euro 280 Gramm S, M, L 2 % Verhindert Gehirnerschütterung am effektivsten.
GIRO Syntax Mips 145 Euro 290 Gramm S, M, L, XL 16 % Allround-Passform, beste kombinierte Schutzwirkung.
LAZER Blade+ Mips 120 Euro 325 Gramm S, M, L 10 % Über Schneckengetriebe verstellbar, guter Rotationsschutz.
MET Vinci Mips 110 Euro 270 Gramm S, M, L 14 % Leichter, schmaler Helm mit Allround-Passform.
SCOTT Arx Plus 120 Euro 280 Gramm S, M, L 11 % Testsieger, beste Belüftung und Anpassung.

Das Gesamtbild

Der Charakter eines Helms wird von vielen Kriterien bestimmt: Aerodynamik, Belüftung, Sicherheit, Gewicht, Optik, Preis.

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