Gravel Bike Felgenbremse: Vor- und Nachteile

Ganz grob lassen sich die Rennrad-Bremsen in zwei Kategorien einteilen: Disc- und Felgenbremsen. Als wäre die Vielfalt dadurch nicht schon groß genug, muss man allerdings noch weiter unterscheiden. Sowohl Disc- als auch Felgenbremsen gibt es nämlich in mechanischer (also mit Bremszug) und hydraulischer Ausführung.

Die klassische mechanische Felgenbremse, wie es Traditions-Hersteller Campagnolo, SRAM oder Shimano anbieten, ist nach wie vor der Platzhirsch. Durch die schlanke und filigrane Optik passen sie in den Augen vieler Fahrer einfach am besten an Rennräder.

Denkt man an ein klassisches Rennrad, dann denkt man an ein Fahrrad mit Felgenbremsen. Zugegeben, an den windschnittigen Rennern machen die filigranen Stopper optisch vielleicht auch den besseren Eindruck. Aber natürlich gibt es zudem einige funktionelle Vorteile, die der Felgenbremse ihre Legitimation verleihen.

Durchgesetzt hat sich am Rennrad die sogenannte Seitenzugbremse durchgesetzt. Da die Konstruktion nur recht schmale Reifen zulässt, ist die Seitenzugbremse fast nur am Rennrad zu finden. Welche konstruktionsbedingten Einschränkungen und Vorteile sonst noch entscheidend sind, kannst du in den folgenden Abschnitten nachlesen.

Die wichtigsten Vorteile im Überblick:

  • Felgenbremsen sind in etwa 500g leichter als Scheibenbremsen
  • Einfache Wartung
  • Aerodynamisch und optisch gut integrierbar
  • große Auswahl an verschiedenen Komponenten
  • günstiger in der Anschaffung als Disc-Bremsen

Bremsleistung und Dosierbarkeit

Ganz vorne weg: Die Bremsleistung von Felgenbremsen ist natürlich in den allermeisten Fällen vollkommen ausreichend. Selbst auf langen Alpenpässen überzeugen die Stopper, auch wenn eine Scheibenbremse etwas mehr Komfort und Sicherheit bietet.

Kritisch wird es mit Felgenbremsen erst dann, wenn es nass wird. Hier lässt die Bremskraft sehr stark nach, weshalb sich ein Blick auf Hersteller wie Zipp lohnt. Diese bearbeiten die Bremsflanken sepziell, so dass durch die Oberflächenbearbeitung auch bei feuchten Verhältnissen eine hohe Bremswirkung gewährleistet ist.

Problematisch ist außerdem, dass Dreck und Regen die Dosierbarkeit und Leichtgängigkeit der Felgenbremse stark beeinträchtigen können. Für Schönwetter-Fahrer an sich kein Problem, kann man gerade im Gebirge dennoch von einem plötzlichen Wolkenbruch überrascht werden.

Eine in der Regel bei Felgenbremsen unterschätzte Gefahr ist das Problem der Hitzeentwicklung. Bei langen Abfahrten können sich die Bremsflanken durch dauerbremsen nämlich so stark erhitzen, dass die Schläuche im Inneren platzen. Das passiert v.a. bei Felgen ohne Felgenband. Nicht gerade ideal, während man sich eine steile Abfahrt hinunterstürzt.

Kurz zusammengefasst:

  • die Bremsleistung von Felgenbremsen ist in den meisten Fällen absolut ausreichend
  • die Dosierbarkeit ist im Vergleich zu Scheibenbremsen schlechter
  • Bei Nässe verlieren Felgenbremsen (insbesondere Carbonfelgen) an Bremsleistung
  • Durch Hitze an den Bremsflanken können Schläuche platzen

Gewicht & Aerodynamik

Der größte Vorteil von Felgenbremsen gegenüber Scheibenbremsen ist eindeutig das Gewicht. Satte 500g kann man nämlich sparen, wenn man nicht auf Disc-Modelle setzt. Je nach Rad können das in etwa 8% des Gesamtgewichts sein.

250g entfallen dabei auf das höhere Systemgewicht einer Scheibenbremse. In etwa 150g kommen auf das Gewicht des Laufrades und in etwa 100g auf das des Rahmens, da die Aufnahme für eine Scheibenbremse mehr Material erfordern und durch die auftretenden Bremskräft manche Bereich verstärkt werden.

Entgegen der Erwartungen vieler Fahrradfahrer können sich Felgenbremsen im Windkanal jedoch nicht nennenswert vor der Scheibenbremse platzieren. Der Luftwiderstand ist bei Standardbremsen in etwa gleich groß.

Spezielle Aero-Felgenbremsen bieten hingegen einen marginalen Vorteil. Hier ist die Bremszange quasi in den Rahmen bzw. die Gabel integriert, so dass die Luft störungsfrei vorbeifließen kann. Möglich macht es eine beinahe bündige Fläche aus Rahmen, Gabel und Bremse.

Wer also reinrassigen Wettkampfsport betreiben will, ist mit solchen Felgenbremsen eine Spur besser beraten.

Kurz zusammengefasst:

  • Felgenbremsen sparen etwa 500g Gewicht gegenüber Scheibenbremsen
  • Der Luftwiderstand von Standard-Felgenbremsen und Scheibenbremsen ist quasi gleich
  • Spezielle Aero-Felgenbremsen bringen hingegen einen leichten Vorteil hinsichtlich der Aerodynamik

Verschleiß, Wartung und Kosten

Bremsbeläge an Felgenbremsen verschleißen zwar schneller als bei Scheibenbremsen, dafür sind die Kosten pro Belagpaar deutlich geringer. Hier ist es wichtig, den zur eigenen Felge passenden Belag zu wählen.

Es gibt Unterschiede in der Härte der Beläge und der Belagmischung, Single-Compound oder Triple-Compound, Beläge für speziell konstruierte Bremsflanken oder Carbonfelgen. Hier sollte man unbedingt auf die Empfehlungen des Felgenherstellers achten.

Auch beim Wechsel von Alu- auf Carbonfelgen ist Vorsicht geboten: die gebrauchten Beläge können nämlich mit Aluspänen verschmutzt sein, die Carbonfelgen beschädigen würden. Laufradwechsel bedeutet also auch ein Belagwechsel.

Hinsichtlich der Wartung können bei Felgenbremsen hohe Kosten auf den Fahrer zukommen. Natürlich liegt das weniger daran, dass Bremszüge öfters getauscht werden müssen, sondern viel mehr daran, dass Felgen beim Bremsvorgang verschleißen. Durch die Reibung zwischen Bremsbelag und Bremsflanke wird permanent Material abgetragen.

Wird die Seitenwand der Felge zu schwach, muss die Felge bzw. das ganze Laufrad getauscht werden. Je leichter die Felge, desto schneller ist die Verschleißgrenze in der Regel erreicht.

Carbonfelgen können durch häufiges, kräftiges Bremsen außerdem delaminieren. Delamination entsteht, wenn sich die einzelnen Carbonlagen in der Bremsflanke durch die entstehende Hitze ablösen. Dadurch entsteht ein Totalausfall. Auch hier muss dann eine neue Felge oder ein neues Laufrad her, was bei Carbonfelgen den Geldbeutel besonders belastet.

Kurz zusammengefasst:

  • Die Kosten für Bremsbeläge sind bei Felgenbremsen geringer als bei Scheibenbremsen
  • Aluminium- und Carbonfelgen benötigen verschiedene Beläge
  • Beim Laufradwechsel von Alu zu Carbon sollten unbedingt die Bremsbeläge getauscht werden
  • Bremsvorgänge belasten die Felgen, die daher regelmäßig getauscht werden müssen
  • Carbonfelgen können durch “heiße” Bremsvorgänge delaminieren

Montage & Standards

Wie immer in der Fahrradwelt bringt jedes Bauteil seinen eigenen Standard mit sich. Seitenzugbremsen müssen daher an speziellen Aufnahmen befestigt werden. Die Bremsen werden in der Regel mittels einer Schraube an der Gabel / am Rahmen befestigt, die mittig in die Bremse geht: Man spricht von der sogenannten Center Bolt Aufnahme.

Eine zweite Möglichkeit bei Seitenzugbremsen ist der Direct Mount Standard. Hier wird die Bremsen nicht zentral, sondern jeder Bremsschenkel einzeln am Rahmen bzw. an der Gabel befestigt. Die doppelte Abstützung soll steifer sein und dadurch eine bessere Dosierbarkeit bieten.

Beide Aufnahmen sind dabei nicht mit Cantilever / V-Brake Bremsen kompatibel.

Nachträglich können grundsätzlich keine anderen Befestigungsmöglichkeiten angebracht werden. Es gibt zwar allerhand Adapter und Bastellösungen, aber an einem schnellen Rennrad haben die nichts verloren. Die Funktion und Sicherheit kann damit nämlich nicht gewährleistet werden. An den Bremsen sollte man einfach keine halben Sachen machen.

Kurz zusammengefasst:

  • Felgenbremsen passen für Center-Bolt- und Direct Mount-Aufnahmen
  • V-Brakes/Cantilever-Bremsen können nicht an diesen Aufnahmen montiert werden

Einsatzzweck

Die mechanische Felgenbremse ist mit Abstand am meisten verbreitet, und das zurecht. Die Bremsleistung ist einfach ausreichend für jeden Freizeitsportler und Racer. Reparaturen gestalten sich weniger kompliziert und kompatible Teile gibt es in Hülle und Fülle. Hier kann man einfach nichts falsch machen.

Felgenbremsen findet man daher auch an allen möglichen Arten von Rennrädern.

Wer häufig Wettkämpfe fährt, freut sich über das gesparte Gewicht. Außerdem sind nur mit Felgenbremsen richtige Aero-Bikes zu realisieren. Wie groß der Effekt des verminderten Luftwiderstands ist, sei jedoch dahingestellt.

Dennoch ist die Felgenbremse einfach ein gut funktionierendes System, das Schönwetterfahrern quasi keine Probleme bereiten wird.

Hydraulische Felgenbremse

Hydraulische Felgenbremsen-Systeme werden beispielsweise von SRAM und Magura angeboten. Diese sollen etwas mehr Bremskraft bieten und durch das geschlossene System beständiger gegenüber der Witterung sein. Die Verbreitung ist allerdings tendenziell gering.

Eine Art Legenden-Status genießt die Magura HS33. 1987 erstmalig vorgestellt, fuhr sie sich rasant in die Herzen der Trekkingradler, Tourenfahrer und, später der Mountainbiker. Die Bremsbeläge werden hydraulisch angesteuert, die Bremsbeläge verzögern auf der Felge.

Die Bremspower ist die der gemeinen Felgenbremse bei Weitem überlegen und das bei einem attraktiven Gewicht und überschaubar komplexer Technik. Das ist auch der Grund, warum die HS 33 noch immer sehr viele Fans hat!

Hydraulische Felgenbremsen sind häufig an Trekking- und Reiserädern anzutreffen, ebenso an City E-Bikes und Trekking E-Bikes.

Fazit

Die Wahl zwischen Scheiben- und Felgenbremse hängt von deinem Fahrstil, den Wetterbedingungen und deinen Vorlieben ab. Die Scheibenbremse punktet mit moderner Technik, hoher Bremsleistung und Zuverlässigkeit bei jeder Witterung. Egal, für welches System du dich entscheidest - eine regelmäßige Wartung ist entscheidend, um Sicherheit und Leistung zu gewährleisten.

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